Im September sollen die umstrittenen Deutschförderklassen starten. Gleichzeitig wird bei der Integration gespart. An den Wiener Voksschulen besteigt man bereits die Barrikaden.

für den „falter“

Zehn ordentliche, gewissenhafte Frauen sitzen um einen Tisch. Es gibt Butterkekse, Soletti und Kaffee. Die Frauen sind Akademikerinnen, mag. phil., gesetzestreue Staatsbürgerinnen. Sie parken wahrscheinlich kaum jemals in zweiter Spur, trennen sauber ihren Müll, hinterziehen keine Steuern. Doch demnächst gibt es ein Gesetz, mit dem sie in Konflikt geraten werden. Die zehn Frauen sind Direktorinnen und Lehrerinnen an verschiedenen Wiener Volksschulen. Das Gesetz betrifft die von der Bundesregierung geplanten Deutschförderklassen. „Also ich mach das ganz sicher nicht“, sagt Frau A., mit bestimmter Stimme. „Inhaltlich ist es ein Wahnsinn. Praktisch ist es nicht durchführbar. Mit meinem pädagogischen Ethos kann ich es nicht vereinbaren. Und was werden sie dann machen? Mich einsperren?“

„Deutschförderklassen“ – das ist ein freundliches, harmlos klingendes Wort. Es umschreibt ein Ansinnen, das jeder vernünftige Mensch im Land, sämtliche Eltern, Pädagoginnen und Politiker eingeschlossen, sofort unterschreiben würde: Alle Kinder, die in Österreich in die Schule gehen, sollen bestmöglich gefördert werden, damit sie so rasch sie möglich deutsch lernen.

Derzeit erfolgt der Sprachunterricht „integrativ“. Das heißt: Kinder, die bei Schuleintritt noch zu wenig deutsch sprechen, werden – maximal zwei Jahre lang – als „außerordentliche Schüler“ geführt und nicht benotet, sitzen aber in den normalen Klassen. Elf Stunden pro Woche haben sie Anspruch auf begleitenden Deutsch-Förderunterricht. Wie eine Schule diese 11 Stunden organisatorisch handhabt, bleibt weitgehend ihr überlassen – meistens holen Förderlehrer die Kinder während der Deutschstunden aus der Klasse heraus, machen mit ihnen spezielle Sprachspiele und -übungen in Kleingruppen.

Der Gesetzesentwurf von Bildungsminister Heinz Fassmann, der noch vor den Sommerferien beschlossen werden und schon ab September gelten soll, will das beenden. Kinder, die ohne Deutsch in die Schule kommen, müssen demnach künftig in separaten Klassen unterrichtet werden. Fünfzehn Wochenstunden Deutsch gibt es dort für sie („eine Art Crashkurs“ nennt das der Minister), andere Fächer – etwa Rechnen, Sachunterricht – sind nicht vorgesehen. Singen, turnen, zeichnen sollen sie gemeinsam mit den deutschsprechenden Kindern. Mindestens sechs Monate müssen sie in diesen Deutschklassen bleiben. Sobald sie einen Sprachtest bestehen, dürfen sie in die normale Klasse wechseln (weil ihnen der übrige Stoff fehlt, werden sie dabei wohl häufig ein Schuljahr wiederholen). Dort gibt es für sie dann begleitende Sprachförderstunden wie bisher – allerdings deutlich reduziert, von 11 auf 6 Wochenstunden.

Was ist daran daran so schlimm? Wo ist hier der „Wahnsinn“, der die Direktorinnen auf die Barrikaden treibt? Das versteht man erst, wenn man sich auf den herausfordernden Schulalltag in einer Großstadt wie Wien ein bisschen einlässt. Die Hälfte der Kinder hier spricht zu Hause eine andere Sprache als deutsch. Kinder haben unterschiedlichste Bedürfnisse. Eltern haben, auch mileubedingt, unterschiedlichste Erwartungen. Lehrerinnen haben Qualifikationen und Gefühle. Am Ende sollen Leistungen herauskommen. Und jede Schule ist da ein fein austariertes Geflecht aus Beziehungen, das eine Direktorin zusammenhalten muss.

Die wichtigste Rolle beim Deutschlernen, da sind sich fast alle einig, spielt der normale Schulalltag, das Reden und Spielen mit muttersprachlichen Kindern, die Freundschaften, die sich hoffentlich nach Unterrichtsschluss fortsetzen. „Sprache kommt von Sprechen“, sagt Direktorin B. „Es ist eine große Illusion, dass wir Pädagogen den Kindern Deutsch beibringen. Das tun vor allem die Gleichaltrigen.“ Nicht überall in Wien funktioniert dieses integrative Lernen gleich gut. Je härter das soziale Umfeld, je bildungsferner die Familien, je weniger Kinder mit deutscher Muttersprache, desto schwieriger ist es für alle Beteiligten. Jede Schule ist anders. Es gibt lebendiges Multi-Kulti genauso wie hoffnungslose Gettos der Abgehängten. Überall jedoch gilt: Spracherwerb braucht Beziehungen, Vertrauen und Stabilität. Und die geplanten Deutschklassen, sagen die Direktorinnen unisono, würden genau hier Schneisen der Verwüstung schlagen.

Zum Beispiel an der Schule von Direktorin A. in der Leopoldstadt. Ein Fünftel der Kinder sind außerordentliche Schüler, das entspricht genau dem Wiener Durschschnitt. Für September sind 15 Erstklässler angemeldet, die noch kein Deutsch können. Für die müsste A. nun eine eigene Deutschklasse eröffnen. Doch das wird sie nicht tun. „Es würde den Tagesablauf für alle zerstören“, erklärt sie. In Volksschulen gibt es keinen getakteten Stundenplan, sodern Gesamtunterricht. Die Pädagoginnen rechnen, lesen und schreiben mit den Kindern, solange die Konzentration anhält. Wenn sie eine Pause brauchen, wird im Hof gespielt, gemalt oder gesungen. Genau diese Aktivitäten müssten, dem Gesetz gemäß, jedoch künftig gemeinsam mit den 15 Kindern aus der Deutschklasse stattfinden, die dafür stundenweise auf die anderen Klassen verteilt werden müssten.

„Erwarten die jetzt tatsächlich von mir, dass ich eine Stundenklingel einführe, und Sechsjährige im 50-Minutentakt arbeiten lasse?“ sagt A. entgeistert. „Und hat sich irgendjemand überlegt, was das für die Gruppendynamik bedeutet, wenn täglich eine Stunde lang fünf Gastkinder dazugesetzt weden, die man nie richtig kennenlernt?“

Direktorin C. kommt aus dem 21. Bezirk. Sie fürchtet noch extremere Verwerfungen. Von ihren 70 Erstklässlern hat sie die Hälfte als „außerordentlich“ eingestuft, sie müsste im September also zwei reguläre und zwei Deutschklassen einrichten. Was aber soll sie tun, wenn die a.o.-Kinder nach einem halben Jahr genug deutsch gelernt haben, um in die Regelklasse umzusteigen? „Ich kann dort ja keine Plätze für sie freihalten, es sind doch alle Klassen voll.“ Alle Klassen neu zusammenmischen also? Klassengemeinschaften, die sich eben erst gebildet haben, auflösen, Freundschaften auseinanderreißen, von Kindern verlangen, sich auf eine neue Pädagogin einzustellen, und zwar jedes Semester von Neuem? „Eigentlich hätte ich allen Eltern bei der Schuleinschreibung sagen müssen, dass sie nicht damit rechnen dürfen, dass ihre Kinder vier Jahre lang in derselben Klasse bleiben können“ sagt C. „Wenn erst einmal sickert, was dieses Gesetz auch für die deutschsprachigen Kinder bedeutet, gibt es einen Elternaufstand.“

Diese Sorge hat Direktorin D. nicht. Die Eltern an ihrer Schule sind es nicht gewöhnt, sich zu beschweren. Bei ihr, im 10. Bezirk, wird der Anteil der a.o.-Schüler im September bei 100% liegen, man nennt so etwas heute „Brennpunktschule“. „Nein, 100 Prozent sind es doch nicht“, korrigiert D., „die Alina spricht deutsch. Aber sie ist die einzige.“ An D.s Schule grenzt die Umsetzung des geplanten Gesetzes ans Absurde. „Soll die Alina allein mit der Lehrerin in der Klasse sitzen? Und ist sie dann die einzige Erstklässlerin, die rechnen darf?“

Was die Mitschüler betrifft, würde es für die Kinder an D.s Schule zwar keinen Unterschied machen, ob „1A“ oder „Deutschförderklasse“ auf ihrem Türschild steht. Verbersserungen wird ihnen das neue Modell jedoch keine bringen: Denn die Deutschklassen sind (mit maximal 25 Kindern) wesentlich größer als die derzeitigen Deutschfördergruppen (maximal 15). Die Lehrkräfte dort müssen nur für das Fach „Deutsch als Zweitsprache“ qualifiziert, aber keine vollwertigen Lehrerinnen sein. Das macht sie billiger. Aber ob sie mit Sechsjährigen aus zum Teil schwierigen Verhältnissen umgehen können? Pädagogische Unterstützung – zum Spielen, zum Üben – ist jedenfalls nicht vorgesehen.

„Ich wünsche mir, dass die Leute, die sich solche Gesetze ausdenken, nur einen einzigen Tag bei uns verbringen“, sagt D. Mit Kindern, die materielle Not kennen oder Traumatisches erlebt haben. Mit überforderten oder abwesenden Eltern, die ihnen nicht helfen können. Denen man häufig erst einmal beibringen muss, wie man einen Stift hält oder eine Hose zuknöpft. „Deutsch ist wichtig, aber zur Integration gehört so viel mehr“, sagt C.: Dass Kinder Wertschätzung bekommen, dass sie sich zugehörig fühlen, dass ihre Talente erkannt werden. „Wenn ein Kinder gern rechnet oder gut singt, hat es Erfolgserlebnisse und ist motiviert. Misst man es hingegen ständig nur an seinen Deutschkenntnissen, fühlt es sich als Mangelwesen. Soll ein Kind denn erst mit acht Jahren im Zahlenraum 10 zu rechnen beginnen, bloß weil es arabisch als Muttersprache hat? Deswegen ist es doch nicht dumm!“

Eigentlich hatte man in den Wiener Volksschulen in den letzten Jahren das Gefühl, man sei auf einem guten Weg. Nach der Flüchtlingskrise 2015 wurden – über den sogenannten „Integrationstopf“ – erstmals 80 Millionen Euro aus Bundesmitteln nicht mit der Gießkanne verteilt, sondern gezielt an die besonders bedürftigen Schulstandorte. Der Großteil dieses Geldes ging nach Wien – für Sprachförderlehrer, Sozialarbeiterinnen, Psychologen, mobile interkulturelle Teams. Die Schulen bewältigten die Krise erstaunlich gut, sie nützten die zusätzlichen Ressourcen und die größere Autonomie. In diese Richtung hätte es weitergehen müssen.

Doch jetzt passiert genau das Gegenteil. Weil weniger Flüchtlinge neu ankommen – so lautet die Logik der Regierung – werde es weniger außerordentliche Schüler, und daher geringeren Ressourcenbedarf geben. Die Mittel aus dem Integrationstopf werden halbiert. „Das sind harte Kürzungen“, sagt Stadtschulratspräsident Heinrich Himmer. Für Wien, rechnet er vor, bedeutet das: 150 Stellen weniger für Sprachförderung, 43 für Schulsozialarbeit, 125 für begleitende integrative Maßnamen. Besonders stark auswirken wird sich die Reduktion von 11 auf 6 Sprachförderstunden – viel Teamteaching und Kleingruppenarbeit wird wegfallen, jahrgangsübergreifendes Lernen. Am härtesten wird es jene Standorte treffen, die ihre Ressourcen kreativ eingesetzt haben. Die Deutschklassen ersetzen alles andere.

„Im Januar 2019 hätten wir evaluieren wollen: Was hat funktioniert, was nicht?“ sagt Himmer. „Es ist traurig, dass man das nicht abwarten wollte. Statt von den erfolgreichen Standorten zu lernen und die Autonomie auszubauen, wird jetzt ein einheitliches Modell über alles drübergestülpt, das für die allerwenigsten Wiener Schulen passt.“

Jeder weiß, dass die Konfliktlinie lautet: Schwarz-Blau gegen das Rote Wien. Und dass es der Bundesregierung politisch nicht ungelegen kommt, wenn Wien Probleme hat. Was aber kann Wien konkret tun, wenn es die Deutschklassen nicht will? „Wir sind eine Behörde“, sagt der Stadtschulratspräsident, „wir müssen ein Gesetz vollziehen, auch wenn wir es nicht für sinnvoll halten.“ Wenn aber die Direktorinnen nicht mittun? „Wir müssen dafür sorgen, dass sie rechtskonform arbeiten“, sagt er, „aber wir werden sie nicht im Stich lassen. Wenn eine Schule sagt: Es geht nicht, wir können keine Deutschklassen einrichten, weil uns die Räume fehlen – dann müssen wir tätig werden. Im schlimmsten Fall werden wir die Schulzuteilungen für den Herbst aufheben, und die Kinder neu auf die Schulen verteilen.“

Lassen es die Direktorinnen also auf den Aufstand ankommen? Die Kämpferischen sagen: Wir müssen dieses Gesetz verhindern. Wir müssen, samt Kindern und Eltern, demonstrieren gehen. Die Taktischen sagen: Wir setzen es einfach nicht um. Wir holen uns die Ressourcen für die Deutschklassen zwar ab, aber die existieren dann halt nur auf dem Papier – und wir verteilen die Kinder weiterhin so, wie wir es pädagogisch für sinnvoll halten, und machen weiter mit Kleingruppen und integrativem Unterricht.

Die Vorsichtigen hingegen, jene, die alles richtig machen wollen, werden draufzahlen. Frau Direktorin B. will es nicht auf den Crash ankommen lassen. Zwar würde sie, wie alle Kolleginnen, dringend mehr Ressourcen brauchen. Doch obwohl ihre Schule eine klassische „Ausländerschule“ ist, hat sie für den kommenden Herbst nur fünf Schüler als Deutsch-Anfänger eingestuft. B. wird deswegen keine Deutschförderklasse einrichten müssen. Sie vermeidet damit die organisatorischen Probleme, vor denen die Kolleginnen warnen, und hofft, damit auch den künftigen Sprachtests aus dem Weg zu gehen. Die Kinder, die an ihrer Schule aber dennoch irgendwie deutsch lernen müssen, werden ab Herbst nun mit viel weniger Ressoucen auskommen müssen als bisher. Statt dreieinhalb Stellen für Begleitlehrerinnen wird es nur noch eine geben.

Das Sparziel wird also, zumindest an dieser Schule, erreicht werden. Aber das Integrationsziel? Wahrscheinlich weniger.

 

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