Die Achtungsechziger und die Frauen: Erstere wollten die Gesellschaft revolutionieren. Zweitere schafften das tatsächlich.

ein essay fürs „falter“- feuilleton

Eigentlich lief gerade alles prächtig in diesem tollen Jahr. Man konnte auf der Straße den Mund aufreißen und alles, was einen nervte, ganz laut hinausschreien. Man gestikulierte ausgreifend, hörte sich selbst gern zu, andere lauschten andächtig. Man spürte sich. Rundherum waren viele Gleichgesinnte. Man marschierte gemeinsam, skandierte Parolen, spürte die anderen Leiber ganz nah. Kein Kragenknopf störte, die engen Schuhe hatte man ausgezogen, die Haare, ungeschnitten, wehten im Wind. Man fühlte sich widerständig. Von der Geschichte ermächtigt. Im Recht. Denn man war Teil von etwas Großem, einer weltumspannenden Bewegung, die antrat, die Fesseln der Unterdrückung zu sprengen.

Den Feind konnte man genau benennen: Das kapitalistische Ausbeutungssystem, der Imperialismus der Amerikaner in Vietnam; die Polizei; die autoritären Uni-Professoren, die verstockten Nazi-Väter, der erdrückende kleinbürgerliche Mief der Herkunftsfamilien, die man hinter sich gelassen hatte. Auch die Verbündeten beschwor man häufig: Die Proletarier aller Länder, je weiter weg das Land, desto besser. Man trank, man kiffte, man saß am liebsten am Boden, und mit ein bisschen Glück würde es nach der Demo auch noch Sex in der Wohngemeinschaft geben. Womöglich mit einer, die so prachtvolle Brüste und Beine hatte wie Uschi Obermaier.

Es war alles so gut für die Achtundsechziger. Doch dann trat eine Frau ans Rednerpult und verdarb den Männern den Spaß. Wie das halt leider so oft passiert.

Es war der 13. September 1968, im Festsaal des Frankfurter Studentenhauses, beim 23. Delegiertenkongress des SDS, des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds. Kaum je zuvor hatte eine Frau reden dürfen im 22jährigen Bestehen des Vereins, doch Helke Sander traute sich. Sie trug die dunklen Haare kurz, und eine weiße Jeansjacke. Sie war 31 Jahre alt, Studentin an der Filmakademie, hatte einen neunjähirigen Sohn, und war aus Berlin angereist, wo sie in einer Zehn-Zimmer-Wohngemeinschaft lebte. Jetzt, in Frankfurt, trat sie ans Rednerpult und nervte.

„Genossen, eure Veranstaltungen sind unerträglich“, sagte sie. „Wir stellen fest, dass der SDS ein Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse ist. Nämlich dadurch, dass man einen bestimmten Bereich des Lebens vom gesellschaftlichen abtrennt, ihn tabuisiert, indem man ihm den Namen Privatleben gibt.“ Sander redete nicht von der Unterdrückung der Proletarier in der Dritten Welt, sondern von jener der Frauen zu Hause. Von der Isolation, der „Rollenerziehung und ihrem anerzogenen Minderwertigkeitsgefühl“, vom „ständigen schlechten Gewissen“. Sie benannte nicht die US-Imperialisten als Täter, sondern die eigenen Partner – die Kommilitonen mit den langen Haaren, die sich weigerten, „das spezifische Ausbeutungsverhältnis, unter dem die Frauen stehen“, wahrzunehmen. „Wir sehen, welche Bretter ihr vor den Köpfen habt“, sagte Sander. „Diese Verdrängungen wollen wir nicht mehr mitmachen.“

In der aktuellen Juni-Ausgabe der Zeitschrift „Emma“ ist Sanders Redetext abgedruckt. Wenn man ihn heute liest, kann man gut nachvollziehen, warum sich damals im Frankfurter Saal gereizte Stimmung breitmachte. Es war der letzte Redebeitrag vor der Mittagspause. Das SDS-Delegiertenpodium – sieben gelangweilt blickende Männer – wollte nicht weiter diskutieren. Man wollte die speziellen Frauenprobleme, den privaten Kram abhaken und dort weitermachen, wo man aufgehört hatte, nämlich bei den wirklich wichtigen politischen Fragen. Und so wäre es wohl auch gekommen, hätte damals in Frankfurt nicht eine andere Frau – hochschwanger, zornig, rothaarig – angefangen, Tomaten auf das männliche Podium zu werfen.

Damit war Öffentlichkeit hergestellt. Und das Drehbuch für jene Konflikte ausgerollt, die sich in den kommenden fünf Jahrzehnten noch tausendfach wiederholen sollten. Es geht so: Männer formulieren ihre Agenda und meinen Frauen selbstverständlich mit. Frauen fühlen sich nicht mitgemeint und formulieren eine etwas andere Agenda. Männer ignorieren das. Frauen reagieren emotional. Was den ursprünglichen Plan der Männer, es sei besser, Frauen erst gar nicht zu Wort kommen zu lassen, prompt bestätigt. Innerhalb des Establishments verlaufen diese Konflikte nicht viel anders als in diversen Subkulturen. Bloß der Soundtrack und die Frisuren unterscheiden sich.

Die Achtundsechziger und die Frauenbewegung – das ist ein schwieriges Verhältnis. Es ist kaum möglich, die beiden getrennt voneinander zu betrachten, doch so richtig zusammen gehen sie nicht. Beide wurzelten in ähnlichen Grundbedürfnissen: Selbstbestimmung, Befreiung von ökonomischer Ausbeutung, Befreiung aus den rigiden gesellschaftlichen Konventionen, Abgrenzung von der Elterngeneration. Sie bedienten sich ähnlicher Techniken: Demonstrationen, Diskussionen, Selbsterfahrungsgruppen, konkretes Ausprobieren alternativer Lebensformen. In den Biographien vieler Aktivistinnen und Aktivisten gibt es Überschneidungen zwischen beiden Bewegungen. Doch sie verkeilten sich in erbittertem Widerstreit. Und immer wenn der angebliche Hauptwiderspruch (die Klassenfrage) den angeblichen Nebenwiderspruch (die Geschlechterfrage) beiseitedrängte, ging etwas kaputt.

Am Beispiel der Kinderläden lässt sich das gut illustrieren. Als Sander in Frankfurt ans Mikrophon trat, war sie keine politische Anfängerin. Vor Monaten schon hatte sie, gemeinsam mit Mitstreiterinnen, den „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“ gegründet. „Wir waren die aktivsten, neugierigsten und lustigsten Frauen“, erinnert sie sich, „wir hatten das große Bedürfnis, die Grundlagen der Frauenunterdrückung auch theoretisch zu erfassen. Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, wie aufregend dieser Prozess intellektuell war.“ Viele dieser Aktivistinnen hatten Kinder. In Berlin standen damals viele Erdgeschoß-Lokale, ehemalige Tante-Emma-Läden, leer. Um Zeit für die feministische Arbeit zu gewinnen, wollte man die Kinder dort abwechselnd, gemeinschaftlich betreuen.

Die Kinderladen-Bewegung wuchs rasch in ganz Deutschland. Mit Theorie hatte sie nicht viel zu tun. Bis männliche Aktivisten auf den Plan traten, die Sache als Experimentierfeld für die Erschaffung des neuen Menschen entdeckten, den „Zentralrat der Kinderläden“ gründeten, und dort antibürgerliche Erziehungskonzepte entwickeln wollten, auf psychoanalytischer Basis. „Die ursprüngliche Idee, Frauen Zeit zu verschaffen, verkehrte sich in ihr Gegenteil“, schreibt Sander in ihren Erinnerungen, „der Kinderladen war jetzt ein politisches Projekt, das praktisch rund um die Uhr Einsatz forderte“. Nicht von den Männern selbstverständlich, sondern von den Frauen. Die waren nun nicht mehr miteinander, sondern wieder mit den Kindern beschäftigt. Die Männer waren der Infragestellung ihrer eigenen Rolle elegant ausgewichen – und de facto war alles wie früher in der bürgerlichen Familie, bloß mit langen Haaren.

Ein zweites Beispiel für diesen fatalen Mechanismus waren die Kommunen, in denen freie Sexualität gelebt werden sollte. Tatsächlich war in Sachen Sex schon Anfang der Sechzigerjahre einiges in Bewegung geraten. Seit 1962 war in Österreich und Deutschland die erste Anti-Baby-Pille auf dem Markt. Zwar wurde sie zunächst nur verschämt vermarktet. Doch erstmals war damit das enge Band zwischen Sex, Schwangerschaftsangst und Ehezwang gelöst, ein riesiges Feld zum Experimentieren öffnete sich.

Aus Frauensicht war damit jedoch keineswegs immer sexuelle Selbstbestimmung gemeint. „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen“ stand auf einem berühmten Flugblatt, das Frauen im November 1968 bei einem SDS-Kongress verteilten; abgebildet waren die abgehackten Penisse der führenden Genossen, und eine nackte Frau mit einer Axt in der Hand. Diese Rachegelüste lassen vermuten, dass die „freie Sexualität“ in der Praxis häufig nichts anderes bedeutete als das alte patriarchale Prinzip „Du kannst dir jede nehmen, die du willst“.

Endgültig pervertiert wurde die Idee der sexuellen Befreiung schließlich in der österreichischen Mühl-Kommune. Dort wollte man die angeblich schädlichen kleinbürgerlichen Familienbeziehungen zerstören, um eine neue antiautoritäre Gemeinschaft zu schaffen. Was dabei jedoch entstand, war ein extrem hierarchischer Großclan, in dem alle sexuellen und emotionalen Beziehungen auf die Bedürfnisse einer einzigen männlichen Führerfigur zugeschnitten waren. So sehr Otto Mühl und seine Anhänger glaubten, sich in der Kommune aus den Zwängen ihrer autoritär-patriarchal-faschistischen Elterngeneration befreit zu haben – so sehr hatten sie deren Muster reproduziert.

Wären solche fatalen Irrwege vermeidbar gewesen, hätten die Achtundsechziger sich stärker an der Frauenbewegung orientiert? Hätten sie deren Themen in den Mittelpunkt gerückt, statt sie an den Rand zu wischen? Aus heutiger Sicht muss man sagen: Wahrscheinlich ja. Aber es hat Distanz gebraucht, um das zu erkennen.

Lange Zeit hielt nämlich auch die Geschichtsschreibung am Narrativ vom Haupt- und Nebenwiderspruch fest: Die Achtundsechziger seien die eigentliche, generelle Befreiungsbewegung für alle gewesen; die Frauenbewegung hingegen bloß ein Ableger davon, eine „Unterbewegung“ quasi, die definitionsgemäß bloß die Hälfte der Gesellschaft etwas anging. Erst in den letzten Jahren – während die Achtundsechzigergeneration ihren Marsch durch die Institutionen abgeschlossen hat und in den Ruhestand tritt – verschiebt sich der Blick. Was war, rückblickend betrachtet, wirklich wichtig, was nicht?

Für die Klassenkämpfer und Propagandisten der Weltrevolution fällt da die Antwort ernüchternd aus: Sie sind mit ihren Vorhaben auf der ganzen Linien gescheitert. Der Kapitalismus ist heute lebendiger denn je, der US-amerikanische Imperialismus ebenso, die globale Solidarität des Proletariats blieb eine Phantasie in sektiererischen K-Gruppen; die militanten Befreiungsbewegungen unterdrückter Massen mündeten in Terrorismus und Attentaten.

Die tatsächlichen großen gesellschaftlichen Umwälzungen hingegegen, die die westliche Welt seit 1968 nachhaltig erlebt hat, wurzeln allesamt in den Fragen, die Helke Sander damals in Frankfurt stellte: Die Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit, Gleichberechtigung der Geschlechter in Familie und Arbeitswelt, sexuelle Selbstbestimmung, selbstbestimmte Fortpflanzung. Ohne Frauenbewegung wäre die Gleichberechtigung der Homosexuellen nicht möglich gewesen, ebenso wie die allgemeine Bildungsrevolution der Siebzigerjahre, oder die Durchsetzung des Prinzips der gewaltfreien Erziehung.

Auch noch etwas anderes schaffte die Frauenbewegung: die Grenzen des studentisch- intellektuellen Milieus zu sprengen und tatsächlich eine klassenübergreifende Massenbewegung zu werden, auf der ganzen Welt. Bei den Achtundsechzigern war das stets nur eine Behauptung geblieben.

(Anmerkung: In der Zeitschrift „Emma“, Ausgabe Juni/Juli 2018, sind sowohl Helke Sanders Rede vom SDS-Kongress als auch ihre Erinnerungen abgedruckt.)

 

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