Wohin führt es, wenn Frauen gegen ihren Willen zum Gebären in den Dienst genommen werden? Margaret Atwood beschrieb es in ihrem Roman „The Handmaid’s Tale“ ganz genau.

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Für Irlands Frauen ist vor ein paar Tagen etwas Großes passiert. Erstmals sind sie wieder im Vollbesitz ihrer Menschenrechte, insbesondere ihres Rechts auf Leben, Gesundheit und Unversehrtheit. Bei der Volksabstimmung vergangenen Freitag stimmten zwei Drittel der Iren nicht bloß für ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch, sondern, viel grundsätzlicher, für die Aufhebung einer Verfassungsbestimmung, die im modernen Europa einzigartig ist: Paragraph 8 legte bisher fest, dass das Lebensrecht eines Ungeborenen gleich schwer wiegt wie das Lebensrecht einer Frau, und dass der Staat garantiert, ersteres zu schützen und zu verteidigen – auch gegenüber der Schwangeren.

Ob es sich beim „Ungeborenen“ um eine befruchtete Eizelle, eine Blastozyste, einen Embryo, einen Fötus, ein todkrankes oder ein lebensfähiges ungeborenes Baby handelt, wurde dabei nicht unterschieden; in jeder Form bekam das Wesen im Mutterleib denselben Wert als Mensch zugeschrieben wie die Frau, die es austrug. Was, ganz konkret, den tragischen vermeidbaren Tod mehrerer Frauen zur Folge hatte, die vom irischen Staat dazu gezwungen worden waren, ungewollte Schwangerschaften fortzuführen. Obwohl klar war, dass sie damit ihre Gesundheit oder gar ihr Leben gefährdeten.

So deutlich wie in Irland wurde schon lang nicht mehr klar, worum es beim Recht auf Abtreibung im Kern eigentlich geht: Nämlich darum, eine Frau als vollwertigen, vernunftbegabten Menschen zu begreifen, der in der Lage ist, Verantwortung für seinen eigenen Körper zu übernehmen. Und nicht bloß als Körperhülle, das dazu dient, die Versorgung eines Babys mit Blut und Nährstoffen sicherzustellen, während jemand anderer die Entscheidungen über die höheren Ziele der Fortpflanzung trifft.

Wer diesen existenziellen Konflikt, dem Frauen seit Jahrhunderten ausgesetzt sind, bis zum Ende durchdenken will, dem sei Margaret Atwoods großartiger Roman „The Handmaid’s Tale“ ans Herz gelegt (die zweite Staffel der ebenfalls großartigen Serienverfilmung ging eben, mit Elisabeth Moss in der Hauptrolle, beim Videoportal „hulu“ online). Atwood zeichnet darin das düstere Zukunftsbild einer Gesellschaft, in der Fruchtbarkeit rar geworden ist, und Fortpflanzung deswegen einem rigiden, religiös verbrämten staatlichen Zwangssystem unterworfen wird. Den wenigen fruchtbaren Frauen werden die eigenen Männer und Kinder weggenommen; sie verlieren ihre Namen, werden stattdessen mit Nummern markiert, kaserniert, auf totale Unterwerfung getrimmt. Jeweils eine dieser Frauen wird anschließend einem Ehepaar der herrschenden Kaste als Gebärerin zugeteilt.

„Offred“ heißt diese Gebärerin etwa, wenn „Fred“ der Name des Haushaltsvorstands ist. In der Öffentlichkeit trägt sie ein rotes Gewand, um ihre Funktion weithin sichtbar zu machen. Kontakt zu anderen Menschen ist untersagt; Scheuklappen um ihr Gesicht sollen Kommunikation verhindern. In regelmäßigen Abständen wird sie, von einem staatlichen Transportservice bewacht, zum Gynäkologen gekarrt, der – wie bei einem TÜV – ihre Fortpflanzungsorgane kontrolliert. Den Erfordernissen einer Empfängnis entsprechend, wird sie gut ernährt. Der Geschlechtsverkehr mit dem Ehemann findet in Anwesenheit der Ehefrau statt. Klappt die Befruchtung trotz aller Bemühungen nicht, wird die Gebärerin nach ein paar Monaten durch die nächste ersetzt. Und entsorgt.

Wertschätzung erfahren Gebärerinnen ausschließlich in den Monaten ihrer Schwangerschaft. „Wir sind eine nationale Ressource“, sagt Offred. „Wir sind Behälter. Es ist nur das Innere unserer Körper, das wichtig ist.“

Irland beschloss seinen Verfassungszusatz im Oktober 1983. Kurz darauf erschien Margaret Atwoods Roman. „Eine Frau zur Mutterschaft zu zwingen, ist eine Art Sklaverei“, sagt die Schriftstellerin. Sie lebt, fast 80jährig, in Kanada. Gottseidank hat sie das irische Referendum noch erlebt.

 

 

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