Erntehilfe war immer schon die härteste und für Ausbeutung anfälligste Nische des Arbeitsmarkts. Ein bisschen haben wir uns gebessert in den letzten 100 Jahren – aber nicht genug.

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Wenn sie die Augen zumachten, träumten sie von reifen, saftigen Pfirsichen, die schwer von den Ästen der Bäume hängen. Obst pflücken, Geld verdienen, und sich dabei an Pfirsichen sattessen: Das war die allerletzte Hoffnung der Familie Joad in John Steinbecks Jahrhundertroman „„Grapes of Wrath“ („Früchte des Zorns“). Daheim in Oklahoma hatten die Joads nichts mehr. Sie waren Bauern, doch ihre eigenen Felder waren kaputt. Erst hatten sie vergeblich auf Regen gewartet, dann bei den Banken Schulden gemacht, in der Hoffnung auf Regen im nächsten Jahr, dann kamen die Wirbelstürme und fegten die ausgetrocknete Erde weg, dann kamen die Banken und stellten die Kredite fällig. Schließlich gehörte den Joads gar nichts mehr, und sie begannen zu hungern.

Die kalifornischen Obstbauern ließen in Oklahoma Flugblätter verteilen: „Kommt zu uns, bei uns gibt es Arbeit! Auf unseren Plantagen scheint die Sonne, fällt Regen, alles steht gut im Saft, wir brauchen dringend Leute, um die Ernten einzubringen!“ Eine tolle Chance, dachten die Joads. Für ein paar Dollar verkauften sie ihren Hausrat, schlachteten die Schweine im Stall, kauften sich einen klapprigen LKW, packten ihre letzten Habseligkeiten drauf und reihten sich, auf der Route 66, in den Elendstreck nach Westen ein. Gemeinsam mit 200.000 anderen.

Das endet natürlich tragisch, und Steinbeck zeichnet es, Schritt für Schritt, nach. Erstes Problem: Die Elenden sind zu viele, das Arbeitskräfteangebot übersteigt die Nachfrage, und es gibt immer irgendeinen, der noch hungriger ist, und deswegen einen noch geringeren Lohn und noch schlechtere Behandlung in Kauf nimmt. Zweitens: Die Elenden haben keine Wahl, keinen Plan B, kein Zuhause mehr. Drittens: Als Bürger eines anderen Bundesstaates haben sie in Kalifornien keine Rechte, sie dürfen nirgendwo kampieren, werden von der Polizei gejagt. Das wiederum wissen die Farmer: Je mehr sich die Erntehelfer fürchten, desto schlechter können sie verhandeln, und desto billiger wird ihre Arbeitskraft. Damit das alles so bleibt, sind die Farmer sogar bereit, ihre Pfirsiche im Konfliktfall auf den Bäumen verrotten zu lassen. Besser gar keine Ernte, als allzu geringer Profit. Im Gegensatz zu den Elenden halten die Farmer das durch, bis zum nächsten Jahr. Sie hungern ja nicht.

Wir sind von der Großen Depression heute fast ein Jahrhundert entfernt. Doch noch haben wir den archaischen Konflikt von damals noch nicht ganz gelöst. Ausbeutung in der Erntehilfe gibt es auch in Österreich: Teilzeitkräfte mit 12-Stunden-Tagen. Stundenlöhne von 3 oder 4 Euro. Lohnabzüge für schlechtes Essen und menschenunwürdige Quartiere. Tricksereien bei der An- und Abmeldung. Hilfskräfte, die erpressbar (und noch billiger) sind, weil sie keine Arbeitserlaubnis haben. Oder weil sie Neulinge sind und ahnungslos.

Die Sonne hat kräftig geschienen in den vergangenen Wochen. Auf unseren Feldern stehen heute Spargel, Erdbeeren und Gurken, die dringend geerntet werden müssen. Doch jenen Erntehelfern, die sich mit Angebot und Nachfrage auskennen, ist ein Stundenlohn von 6,50 Euro zu wenig. Sie gehen heuer lieber nach Deutschland, dort gibt es 9 Euro, den gesetzlichen Mindestlohn. Man müsste also auch in Österreich mehr zahlen. Aber das tut man nicht. „Der Markt“ gebe es nicht her, sagen die Bauern. „Der Markt“: Das sind der Preisdruck der Supermärkte und die geizigen Konsumenten; also wir.

Das Elend der 1930er Jahre ist uns fern. In der EU gibt es, anders als im Kalifornien der 1930er Jahre, Arbeitszeitgesetze, Arbeitnehmerrechte, Sozialversicherungssysteme. Im Marchfeld herrscht kein Wildwest-Kapitalismus, sondern hoch subventionierte Landwirstchaft, gestützt mit sehr viel Steuergeld. Doch perverse Kräfte, die dafür sorgen, dass Früchte auf den Feldern verrotten anstatt geerntet, verkauft und gegessen zu werden – die gibt es immer noch.

 

 

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