Die eine glorifizieren 1968. Die anderen machen 1968 für alles verantwortlich, was sie hassen. Der Markt war am schlauesten – und hat 1968 einfach inhaliert.

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In diesen Wochen wird viel über 1968 geschrieben. 1968 ist mehr als ein Kalenderjahr. Es ist eine Projektionsfläche für alles mögliche, und sagt häufig mehr über heutige Positionen aus als über die historischen Fakten. Jene, die dabei waren, erinnern sich daran mit nostalgischer Wehmut, und malen sich die eigene Biographie rückblickend wohl noch ein bisschen wilder, als sie tatsächlich war (Stichworte: Provokation, WGs, sexuelle Befreiung.) Die andere Seite hingegen verfällt in den umgekehrten Reflex und neigt zur totalen Abrechnung. 1968 zerstörte in ihren Augen alles, was ihnen je wert und teuer war – Tradition, Autorität, Patriotismus, gute Sitten. Freilich gibt es auch auf der Gegenseite (zu den Stichworten Provokation, WGs, sexuelle Befreiung) viel Raum für überschießende Phantasie.

Am interessantesten ist jedoch, wie der Kapitalismus mit jener Bewegung umgegangen ist, die sich damals anschickte, ihn zu zerstören. Der Kapitalismus ist heute lebendiger denn je. Er hat es geschafft, die Energie der Achtundsechziger aufzusaugen, sich anzueignen und in den Dienst zu nehmen, auf derart raffinierte Weise, dass das volle Ausmaß dieser Umwandlung erst heute, aus dem Abstand mehrere Jahrzente, in seiner ganzen Pracht sichtbar wird.

Erstes Beispiel: Das Antiautoritäre. Die Gesellschaft vor 1968 war von Autoritäten und unhinterfragten Traditonen gehemmt. Standesdünkel sahen vor, dass der Sohn eines Schmieds Schmied wurde, der Sohn eines Beamten Beamter, und die Beamtentochter eine brave Hausfrau. Persönlich gesehen, mag das berechenbar und heimelig gewesen sein. Ökonomisch gesehen, was es ineffizient. Die Demokratisierung der Universitäten (und daran anschließend die großen Bildungsreformen der Siebzigerjahre) fegten manche Standesdünkel hinweg, erschlossen den Talentepool breiter Schichten, beseitigten Aufstiegshindernisse und bildeten eine wichtigen Motor für die Wachstumsjahre.

Zweites Beispiel: Der Freiheitsbegriff. Befrei dich aus Konventionen, nimm dein Schicksal selbst in die Hand, und tu was du wirklich willst: Mit diesen Leitsätzen sagten sich die Achtundsechziger von den Idealen ihrer Elterngeneration los, die noch „Pflichterfüllung“ und „Gehorsam“ predigten. Befreiung ist eine starke Triebfeder menschlichen Handelns. Ökonomisch gesehen, ist sie ungeheuer produktiv – was sich der Kapitalimus schlau zunutze machte. Sei unkonventionell, sei authentisch: Ganze Heerscharen kreativer Leute arbeiten sich nun schon seit Jahrzehnten an diesen Idealen ab, investieren Unmengen an unbezahlter Zeit und Energie, beuten sich selbst aus – und merken gar nicht, dass am Ende womöglich jemand anderer den Profit kassiert.

Drittes Beispiel: Die Provokation. Lass dir den Mund nicht verbieten, empör dich, brich Tabus, und freu dich dran, wie das Establishment dann ängstlich zusammenzuckt: Dieser Gestus war 1968 das Programm einer kleinen akademischen Minderheit. Heute ist er zur Massenbewegung geworden. Empört und provoziert wird ständig und überall. Der permanente Tabubruch ist der Dauerzustand, immer schriller muss man auf sich aufmerksam machen. Das nährt eine weltumspannende Empörungs- und Provokationsindustrie, beschädigt unseren demokratischen Diskurs und sorgt dafür, dass wenige globale Unternehmen – allen voran Facebook und Google – Milliardengewinne machen und immer mehr Macht an sich reißen.

Es sind schon gewaltige Kräfte, die da entfesselt wurden. Und noch ist keineswegs ausgemacht, ob sie die Welt am Ende zum Besseren oder zum Schlecheren verändern. Ich kann mir gut vorstellen, dass man angesichts solch rasanter Umwälzungen manchmal das Bedürfnis verspürt, die Stopptaste zu drücken. Dass man ein paar liebewordene Gewohnheiten verteidigt, und sich insgeheim wünscht, es möge alles ein bisschen langsamer gehen.

Haben das die Hofräte womöglich so ähnlich empfunden, im Jahr 1968?

 

 

 

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