Die verfahrene Debatte um die Deutschförderklassen zeigt: Es braucht mehr Pragmatismus und weniger Ideologie. Hoffentlich setzt sich diese Erkenntnis nach Schulschluss noch durch.

presse-kolumne

Man kann die Idee der Deutschförderklassen, die ja bis September eingerichtet werden sollen, grundsätzlich auf zwei Arten lesen. Erstes, die böswillige Lesart: Demnach will die Regierung Kinder in zwei Gruppen sortieren: Hier die „Hiesigen“, dort die „Fremden“; die einen mit deutscher Muttersprache, die anderen mit einem „Deutsch-Defizit“. Auf dass die letzteren, vom hoffnungsfrohen Moment ihres ersten Schultags an, verstehen, dass sie nicht richtig dazugehören. Auf dass die einen mit den anderen möglichst wenig in Berühung kommen. Auf dass zwischen den beiden Gruppen möglichst wenig Beziehung, Freundschaft, Verständnis entsteht und man keine gemeinsamen Erfahrungen macht. Für diese böswillige Lesart gibt es Indizien: Schließlich haben wir eine Regierungspartei, die Integration gar nicht wirklich erstrebenswert findet, und – wo immer möglich – einen Keil zwischen In- und Ausländer zu treiben versucht.

Parallel dazu gibt es eine zweite, konstruktive Lesart: Demnach will die Regierung Kindern in einem speziellen Bereich besonders intensive Förderung zukommen lassen. Sie will für den Spracherwerb verbindliche Standards einführen, auf dass Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache auf ihrem Bildungsweg schneller Tritt fassen. Auch diese Lesart lässt sich begründen. Immerhin gibt es in der Wirtschaft – die sich von dieser Regierung viel erwartet – ein starkes Interesse daran, dass Jugendliche, egal welcher Herkunft, ihr intellektuelles Potential voll ausschöpfen, und fit für die Berufswelt sind, sobald sie die Schule beenden.

Für Direktorinnen und Direktoren, Lehrer und Lehrerinnen, die das neue Gesetz nun exekutieren müssen, sind diese politischen Motive jedoch zweitrangig. Selbstverständlich wollen auch sie, dass die ihnen anvertrauten Kinder bestmöglich Deutsch lernen. Sie meinen allerdings, gestützt auf ihre jahrelange Erfahrung: Mit dem, was die Regierung da von ihnen fordert, wird das nicht funktionieren. Wie soll man denn eine Sprache lernen, mit 25 Sechsjährigen in einem Raum? Wen sollen die Kinder denn deutsch reden hören, mit wem sollen sie sprechen üben, wenn um sie herum kein einziger Muttersprachler greifbar ist, sondern bloß eine einzige Lehrkraft für alle?

Speziell jene Pädagoginnen, die seit Jahren mit Kindern verschiedenster Herkunft arbeiten, fühlen sich nicht ernstgenommen. Warum interessiert sich denn niemand für unsere Expertise?, fragen sie. In den drei Jahren, seit die Flüchtlinge kamen, hat man ja – mit speziellen Flüchtlingsklassen, mit Kleingruppen sowie auch mit integrativem Unterricht – intensive Erfahrungen verschiedenster Art gemacht. Vieles lief, trotz der chaotischen Umstände, überraschend gut, gerade auch im viel gescholtenen Wien. Warum, fragen die Lehrerinnen, schaut sich niemand an, wie unserer Alltag funktioniert, evaluiert unsere Ergebnisse, und lässt uns das, was wirkt, weiter verbessern?

Normalerweise lernen Kinder Sprachen schnell. Die Faktoren, die sie manchmal daran hindern, sind vielfältig. Bei Neuankömmlingen können das traumatische Erlebnisse sein, Gewalterfahrungen, Ängste, Trennungsschmerzen. Bei Kindern, die in Österreich aufgewachsen sind, ohne je deutsch gelernt zu haben, geht es eher um materielle Nöte, religiöse und kulturelle Barrieren, Überforderung der Eltern, Kontaktscheu, Sprachlosigkeit. Die Pädagogen verstehen nicht: Warum zwingt man allen Schulen Österreichs nun ein Standardmodell auf, statt uns, der Schulautonomie gemäß, einfach zu fragen, was wir brauchen? Und uns genau jene Hilfe zu geben, die genau für uns passt – von zusätzlichen Stunden und Räumen für Kleingruppen, bis hin zu Ressourcen für Elternarbeit und sozialarbeiterische Interventionen?

Wenn die Regierung keine böswilligen Ziele verfolgt, sondern tatsächlich bloß will, dass die Kinder Deutsch lernen – sie sollte auf die Lehrer hören.

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.