In den Wiener Schulen formiert sich der Widerstand gegen die geplanten Deutschförderklassen. Eine Direktorin erklärt, warum.

ein Interview für den Falter

Frau Direktorin Lener, Sie leiten die Volksschule Vereinsgasse im 2. Bezirk. Wie viele von Ihren Erstklässlern im kommenden September können noch nicht genug Deutsch, um dem Unterricht zu folgen?

Bei der Schuleinschreibung im Jänner waren es 22.

Für die müssen Sie, laut Gesetz, nun eine Deutschförderklasse einrichten. Werden Sie das tun?

Sagen wir so: Ich hoffe, dass wir es noch verhindern können. Aber wenn das Gesetz tatsächlich gilt, werde ich es auf meine spezielle Art umsetzen. So, dass es den Kindern nicht zum Schaden gereicht. Es gibt nämlich gleichzeitig ein anderes Gesetz, in dem steht: Ich muss für die bestmögliche Förderung der mir anvertrauten Kinder sorgen. Und das ist meiner Meinung nach in separierten Deutschklassen nicht möglich.

Sind Sie mit dieser Meinung allein?

Alle Schulleiter, die ich kenne, denken ähnlich. Alle sind ratlos, wie sie das umsetzen sollen. Alle versuchen, irgendwelche schulautonomen Wege zu finden. Aber die meisten trauen sich nicht aus der Deckung.

Was ist denn schlecht an der Idee, den Kindern intensiv Deutsch beizubringen, bevor sie in den regulären Unterricht kommen?

Es funktioniert einfach nicht. Das wissen wir aus vielen Jahren pädagogischer Erfahrung, gestützt auf wissenschaftliche Expertise. Ich kann 22 Sechsjährige nicht mit einer Lehrerin in einen Raum setzen, und ihnen sagen, sie sollen dort jetzt drei Stunden am Stück Deutsch üben. So einen Crash-Kurs will ich nicht einmal als Erwachsene belegen, mit Kindern geht das schon gar nicht. Kinder lernen am meisten von anderen Kindern. Von wem sollen sie in der Deutschförderklasse lernen?

Bildungsminister Faßmann erklärt es so: Ich kann Nichtschwimmer ja nicht einfach ins Wasser stoßen. Ich muss ihnen vorher erklären, wie Schwimmen geht.

Genau das ist der Irrtum. Ein sechsjähriges Kind wird nicht schwimmen lernen, indem ich ihm erkläre, wie Schwimmen geht. Sondern nur, wenn ich mit ihm gemeinsam ins Wasser gehe und es halte, während es versucht, erste Schwimmbewegungen zu machen. Was Faßmann will, ist ein Trockenschwimmkurs. Am Beckenrand stehen und die Baderegeln abprüfen, und nach einem halben Jahr dann rein in den Wildwasserbach.

Faßmann sagt: Die Kritiker seien romantisch….

…ich bin überhaupt nicht romantisch.

…weil sie die Idee, Kinder voneninander zu trennen, aus ideologischen Gründen ablehnen.

Blödsinn. Kinder zeitweise zu trennen, die Buben von den Mädchen, oder in Kleingruppen, kann sehr sinnvoll sein. Wir machen das im integrativen Sprachunterricht ja eh die ganze Zeit!

Wie schnell haben die Flüchtlingskinder an Ihrer Schule deutsch gelernt?

Das ist, wie bei allen Kindern, stark von ihrer sozialen Herkunft bestimmt. Unsere syrischen Kinder lernen es schnell. Wir haben an unserer Schule bisher etwa 40. Da schafft der gleiche Anteil den Sprung aufs Gymnasium wie bei den österreichischen Kindern.

Aber es ist doch eine Tatsache, dass viele Kinder die Pflichtschule verlassen, ohne richtig deutsch zu können.

Ja, einzelne tun sich sehr schwer. Das sind aber meistens keine Neuankömmlinge, sonden Kinder, die schon lang hier leben. Die kommen aus bildungsfernen Familien, sind doppelt halbsprachig, können ihre Muttersprache nicht richtig, und lernen deswegen schwer eine zweite. Andere sind traumatisiert, haben schwierige Lebensumstände, oder sonstige Lernblockaden. Diese Blockaden wird man aber in Deutschförderklassen nicht auflösen können. Im Gegenteil, die werden noch verstärkt.

Wie das?

Weil gerade diese Kinder sich geborgen und sicher fühlen müssen, eine stabile Bezugsgruppe von anderen Kindern brauchen, fixe Freunde, und eine Beziehung zu einer bestimmten Lehrerin. Genau das wird es aber in den Deutschförderklassen nicht geben, wo die Kinder ständig neu zusammengewürfelt werden sollen.

Wird wenigstens für die deutschsprachigen Kinder alles einfacher?

Nein. Der Schulalltag wird sich für ALLE Kinder massiv ändern. Mir scheint, das ist den deutschsprachigen Eltern noch viel zu wenig bewusst. Derzeit fließen die Fächer ja ineinander. Die Kinder aus den Förderklassen sollen aber künftig gemeinsam mit den anderen Kindern turnen, werken, singen. Das bedeutet, dass ich alle Klassen synchronisieren muss, und für alle wieder rigide Stundenpläne mit Fachunterricht einführen. Wie früher!

Wenn die Deutschklassen beim Deutschlernen nicht helfen – was wäre der bessere Weg?

Am wichtigsten wäre: der ganztägige Kindergarten für alle ab drei Jahre, und zwar in öffentlichen Einrichtungen, mit qualifizierten Pädagoginnen und laufender Qualitätskontrolle. Derzeit ist der verpflichtende Kindergarten ja nur halbtags, und in vielen privaten Einrichtungen bleiben die Nicht-Deutschsprachigen unter sich. Zweitens: Die Ganztagsschule für alle, unabhängig von der Berufstätigkeit der Eltern. Gerade jene Kinder, deren Eltern keine Jobs haben, brauchen die Ganztagsschule zum Lernen am dringendsten. Drittens wäre natürlich eine bessere soziale und sprachliche Durchmischung an den Schulen extrem wichtig.

Wie kann man die erreichen?

Das ist ein ganz schwieriger Punkt. Weil sich niemand traut, in die freie Schulwahl der Eltern einzugreifen.

Marginalspalte

Laut einer aktuellen Umfrage hält eine große Mehrheit der Bevölkerung (83%) die von der Regierung geplante Einrichtung von Deutschförderklassen für sinnvoll. Auf Seiten der Lehrerschaft und der Wissenschaft überwiegt jedoch die Ablehnung. Der Widerstand kommt nicht nur von linker Seite: Auch die Christliche Lehrerschaft Wiens (CLW) sprach sich dagegen aus. Die Herausnahme von Schülern aus ihrer sozialen Gruppe sei „kontraproduktiv“, die Unterstützung in den bisher praktizierten Förderkursen viel effizienter. Der Organisationsaufwand stehe „in keinem Verhältnis zum erwartenden Mehrwert an Deutschkenntnissen“.

 

 

 

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