Tiere werden von Menschen nicht bloß gegessen, sondern auch für psychohygienische Zwecke benützt. Zwei Beispiele aus der jüngeren Mediengeschichte.

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Seit die Menschen sesshaft geworden sind, domestizieren sie Tiere. Züchten sie, melken sie, dressieren sie, schlachten sie, essen sie. Gleichzeitig benützten Menschen Tiere – in wahrscheinlich allen Kulturen – stets auch zu symbolischen Zwecken. Tiere gaben Gottheiten ihre irdische Gestalt oder ermöglichten ihnen das heimliche Erscheinen auf der Erde. Tiere bekamen in Märchen Schlüsselrollen samt erzieherischen Aufgaben zugeschrieben: Ihr Verhalten sollte den Menschen als Warnung oder als Vorbild dienen.

Immer wieder dienen Tiere auch als Statthalter für Menschen, entweder symbolisch oder ganz konkret: Sie sind das Ersatzobjekt, das an die Stelle eines Menschen tritt, wenn Menschen – aus verschiedensten Gründen – nicht zur Verfügung stehen. So ist das zum Beispiel bei religiösen Riten und Opferschlachuntungen (das Lamm!). So ist das bei Tierversuchen (die armen Affen!). Und so ist das auch bei Beziehungen zwischen Menschen und ihren Haustieren (mein lieber Hund!). In den alltäglichen Sprachgebrauch eingeangen ist da vor allem die Idee vom „Sündenbock“: Dem alten Testament gemäß übertrug der Priester einem Ziegenbock per Handauflegen alle Sünden des Volkes Israel, und trieb den Bock, samt der Sünden, anschließend weg in die Wüste. Wie praktisch für die Menschen.

Ähnliches praktizieren wir heute immer noch. Wir handeln an Tieren stellvertretend Konflikte ab, mit denen wir als Gesellschaft nicht ganz zurande kommen. Mit den Ritualen der modernen Mediengesellschaft harmoniert dieses Bedürfnis ganz prächtig. Penka und Chico sind dafür nur die aktuellsten Beispiele.

Penka, die Milchkuh, hat zwei Augen, zwei Ohren, dunkelbraunes Fell, eine weiche Schnauze und eine Ohrmarke, die sie als Bulgarin ausweist. Sie tat jedoch, was hunderttausende Menschen in der vergangenen Jahren taten: Sie wanderte ohne Erlaubnis von einem Land (Bulgarien) in ein anderes (Serbien), stand dann vor der EU-Außengrenze, und durfte nicht mehr rein. Mehr noch: Wegen der EU-Vorschriften zur Nahrungsmittelsicherheit sollte sie sogar geschlachtet werden. Doch anstatt drauf zu bestehen, dass „Gesetze eingehalten werden müssen“, wie sie das sonst meistens tut, drängte die Stimme des Volkes bei Penka auf Nachsicht, und Boulvardmedien auf dem ganzen Kontinent stimmten in den Chor ein. Sie lobten an Kuh, was sie bei Menschen meistens ablehnen: Die „Wanderlust“, das „Abenteurertum“, den „unwiderstehlichen Freiheitsdrang“, der sich von willkürlich gezogenen Grenzen auf der Landkarte nicht behindern lasse. Während überall in Europa Grenzschranken errichtet werden, machte man an Penka die Sehnsucht nach Schrankenlosigkeit fest. Besonders emotional war der Hype um die „Heldin des vereinten Europa“ in Großbrittannien – das sich aus ebendiesem Europa politisch gerade verabschiedet hat.

Penka darf jedenfalls weiterleben. Anders als Chico, der Killerhund aus Hannover, an den Sie sich wahrscheinlich ebenfalls noch erinnern. Frauerl und Herrl hatte Chico in einem wahren Blutrausch totgebissen, und während der deutsche Boulevard gegenüber Gewalttätern sonst eher wenig Gnade kennt, konzentrierten sich auf Chico die geballten Resozialisierungsbemühungen der Nation: Kein Tier sei von Natur aus böse. Jeder verdiene eine zweite Chance. In Chico stecke, wie in jedem Lebewesen, ein guter Kern, er trage keine Schuld; erst seine traumatischen Lebenserfahrungen hätten ihn zu dem gemacht, was er sei. Egal, wie aggressiv Chico auch auftrete: Man wolle ihn notfalls sogar bei sich zu Hause aufnehmen, um zu verhindern, dass er getötet werde, meinten eninige gar.

Empathie, Mitgefühl, Sich-Hineinversetzen in ein anderes Wesen: Anhand von Penka und Chico zeigen Menschen, dass sie dazu in der Lage sind. Für die Millionen gequälter Tiere, die täglich für unseren billigen Fleischkonsum geschlachtet werden, gilt das natürlich nicht. Und für Menschen auch bloß im Ausnahmefall.

 

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