Judith L. und Franz S., beide 50 Jahre alt, sind in intellektuellen Berufen erfolgreich. Daneben sind sie leidenschaftliche Teilnehmer der Impulstanz-Workshops. Warum? Und was macht das mit ihnen?

für die Impulstanz-Beilage im Falter

Was haben Sie diesen Sommer vor?

F: Tanzen. Wie jeden Sommer, vier Wochen nonstop. Täglich nach der Arbeit radeln wir ins Arsenal, ab 18.15 Workshop, dann rasen wir zu einer Performance um 21 Uhr, nachher meistens Tanzen in der Festivallounge, um 2 ins Bett, und am nächsten Tag möglichst früh ins Büro, damit wir bis 18 Uhr das Tagwerk schaffen und rechtzeitig wieder rauskommen. Am Wochenende dasselbe, bloß ohne Büro.

Das klingt ziemlich anstrengend.

J: Es ist körperlich an der Grenze. Aber irgendwann kippt man in einen Flow, dann kommt das Adrenalin, und dann geht alles von selber. Manchmal, wenn dringend etwas fertigzumachen war, musste ich sogar spätabends nochmal zurück ins Büro. Da war ich dann immer superkreativ.

F: Es geht natürlich nur ohne Alkohol. Literweise Almdudler. Und manchmal schlingen wir eine Riesenportion Nudeln zum Frühstück rein.

Was macht das Tanzen denn mit einem?

J: Es macht Platz im Gehirn. Ich bin ja furchtbar schlecht darin, mir Schritte zu merken. Ich muss mich auf die Bewegungsabläufe so sehr konzentrieren, dass alles andere, das das Gehin verstopft, weggeblasen wird. Das befreit.

F: Es macht im Kopf eine Tür auf.

Wie hat denn Ihre Faszination begonnen?

F: Vor zehn Jahren. Wir waren beim Festival bloß passive Kundschaft. Dann sind uns vor und nach den Vorstellungen die coolen Leute auf den rosa Fahrrädern aufgefallen. Alle durchtrainiert, alle lustig, alle haben in verschiedenen Sprachen geredet. Wer sind denn die? haben wir uns gedacht.

J: Das waren die Leute aus den Workshops. Wir haben uns ihnen quasi auf die Fersen geheftet und dann diese zweite, geheimnisvolle Welt im Arsenal entdeckt, von der wir gar nichts geahnt hatten.

F: Du hast dich nicht getraut, dich anzumelden.

J: Ich hab mir gedacht: Ich bin vierzig, ich bin völlig unmusikalisch, ich kann doch gar nicht tanzen! Das ist sicher nur was für Profis!

F: Wir haben uns gedacht: Probieren wir’s, wenn nix ist, gehen wir halt nach einer halben Stunde wieder.

Aber so kam es nicht. Was war ausschlaggebend?

J: Der Schlafbär ist Schuld. Das war die erste Aufgabe im Anfängerkurs bei Ismael Ivo. Stell dir vor, du bist ein Schlafbär. Du liegst am Boden, wachst auf, gähnst, streckst und dehnst dich, und stehst auf. Da hab ich gemerkt: Das ist mehr als Tanzen. Da geht’s nicht um Choreograhie, sondern um Ausdruck und Körpergefühl.

F: Ich würde sagen: Ismael Ivo ist Schuld. Der ist ein Priester. Der schaut dich an mit seinen riesigen Händen, seinen großen Augen, seinem Charisma, und es ist um dich geschehen. Er hat uns angefixt.

J: Ivo hat so eine Art, einen nicht mehr loszulassen. Wir waren, mit unserem Alter, ja die Ausnahme dort. Wir waren viel langsamer und patscherter als die meisten anderen. Aber es hat ihm offenbar gefallen, wie wir uns bemüht haben. Er hat uns immer wieder gesehen, erkannt, umarmt, und stolz gesagt: „These are my students! This festival is made for people like you!“ Man merkt Ivo an, wie gern er mit Anfängern arbeitet. Weil die Lernkurve so steil ist, und die Fortschritte am sichtbarsten.

F: Wenn alle reingehen und sofort alles perfekt können – wie langweilig ist das denn!

Ist es denn gar nicht peinlich, wenn man langsamer ist als die anderen?

J: Klar. Aber das ist ja Teil der Therapie, dass man das ablegt.

F: Besonders arg war das, ganz am Anfang, im Street-Dance-Workshop bei Nathalie Lucas. Die ist so eine richtige Springmaus, permanent in Bewegung. Und wir haben nichts kapiert. Gar nichts. Wir waren die zwei seltsamen Oldies in der letzten Reihe, die ständig auf dem falschen Fuß standen. Irgendwann starre ich sie verzweifelt an, sie schaut entgeistert zurück und fragt: „Do you understand english?“ Und ich antworte: „English is not my problem here.“ Es war ein Desaster. Aber lehrreich.

Sie machen absichtlich etwas, das Sie nicht gut können?

J: Ja. Wir haben ja beide fordernde Jobs. Ich arbeite in der Forschung. Ich muss den ganzen Tag perfekt sein, schneller als die anderen, darf mir keinen Irrtum erlauben, keine Blöße geben. Der Tanzsaal ist der einzige Ort, wo ich weiß: Hier muss ich nicht die Beste sein. Das hier ist nicht mein Spielfeld, nicht mein Wettbewerb. Das entspannt total.

F: Bei vielen Kursteilnehmern ist das ja anders. Die sind richtige Tänzer und vor allem drauf aus, dem Lehrer aufzufallen, um eventuell ein Engagement zu bekommen. Die sind praktisch permanent bei einem Casting. Für diese Leute ist das natürlich ein ziemlicher Stress.

Lernt man beim Tanzen auch Dinge, die man im Leben brauchen kann?

F: Definitiv. Wir waren in einem Voguing-Workshop. Da geht man einzeln über ein Art Laufsteg, und alle schauen einen an.

J: Schrecklich!

  1. Fand ich anfangs auch. Voguing ist die volle Rampenlicht-Geschichte. Du kannst nicht verschwinden. Du musst dich präsentieren. Du musst total übertreiben, damit du wahrgenommen wirst, den Raum in Besitz nehmen.

J: So schlimm es war – in meinem Beruf hat mir das tatsächlich weitergeholfen. In Abteilungsleitersitzungen bin ich ja oft die einzige Frau. Normalerweise huschen Frauen da eher bei der Tür herein, nach dem Motto: „Ich will ja nicht stören“. Beim Voguing hab ich gelernt, Blicke auf mich zu ziehen, und das auszuhalten. Auch beim Reden macht die Körperhaltung viel aus. Es braucht oft nur um minimale Bewegungen, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen, damit man ausreden kann. Für solche Erkenntnisse zahlt man beim Führungskräfte-Coaching viel Geld. Mehr als beim Tanzworkshop jedenfalls.

Sie haben diesen Workshop weitergemacht, obwohl er Ihnen unangenehm war?

J: Genau deswegen. Wenn du diesen Widerstand spürst, weißt du: Das ist genau das, was du brauchst.

Franz, Sie sind als Hetero-Mann in der Szene der Hobby-Tänzer ja eher die Ausnahme. Bei den Workshops kommt auf zehn Frauen ein Mann. Und die Männer sind meistens filigrane, zarte Wesen.

  1. Ich bin ein Alien. Man fällt auf. Alle mustern einen. Das war anfangs unangenehm, ich bin das nicht gewöhnt, bei meinem Job in der Bank bin ich ja ständig umgeben von Leuten, die ähnlich ausschauen wie ich. Aber dann hab ich mir gedacht: So wir mir jetzt geht’s der Judith im Job bei fast jeder Sitzung! Dieser Rollenwechsel war lehrreich. Inzwischen ist es mir wurscht.

Sie gehören meistens auch zu den älteren Teilnehmern. Wie fühlt sich das an?

J: Ich hab eine Zeitlang gebraucht, um damit zurechtzukommen. Man ringt ja mit dem Altern und den Verfallserscheinungen. Ab 40 geht’s körperlich bergab. Als Frau will man sich da manchmal verstecken. Aber ich hab mir mit 40 vorgenommen: Genau das will ich nicht. Ich will das offensiv angehen. Und dann merkt man: Der Körper wächst mit den Aufgaben. Er verändert sich. Meine Rückenschmerzen sind weg. Ich hab jetzt eine ganz andere Körperhaltung. Und einige Kleider passen mir nicht mehr, weil ich Rückenmuskeln habe!

  1. Wir sind jetzt definitiv fit.

Sie sind beide intellektuelle Menschen. Hat Tanzen auch eine intellektuelle Seite?

F: Es ist ein bisschen wie Yin und Yang. Man will dem Rationalen ein Gegengewicht geben. Wir erleben ja überall in der Gesellschaft totale Rationalisierung, Kontaktscheu, Versachlichung, Vereinsamung. Beim Tanzen kriegt der Körper endlich was er braucht, nämlich andere Körper. Man begegnet einander, greift den anderen an, wälzt sich am Boden.

J: Ich mag’s ja normalerweise nicht, wenn mich unbekannte Leute angreifen. Partnerübungen mit Fremden, die schwitzende Haut, der Atem, die Nähe – bei Kontaktimprovisationen kann ich das plötzlich!

F: Und es ist schon super, wenn ich weiß, ich kann auf dich draufspringen, und du kannst mich halten! Obwohl du um die Hälfte weniger wiegst als ich.

J: Man lernt auch, Körper in all ihrer Verschiedenheit zu schätzen. In einem Breakdance-Workshop war eine Frau ohne Beine. Normalerweise fährt sie im Rollstuhl. Der Lehrer hat mit uns besonders viele Übungen am Boden gemacht. Wir haben furchtbar geschnauft. Die Frau hingegen hatte extrem starke Oberarmmuskeln, und die Beine waren nicht im Weg. Die ist herumgewirbelt wie wild, hat uns alle weggesteckt, und vor Stolz gestrahlt. Ich vermute: Genau das wollte der Lehrer und zeigen. Es war eine simple, aber sehr wirksame Lektion.

Was macht das Tanzen mit der Beziehung?

F: Es ist schon seltsam, zu beobachten, wenn deine Frau mit Fremden herumkugelt. Aber du sparst dir die Paartherapie.

L: Anfangs haben wirs gemeinsam gemacht, damit wir jemandem zum Anhalten haben. Aber dann sind wir draufgekommen, wie viel Spaß macht, eine neue Welt gemeinsam zu entdecken. So etwas tut jeder Beziehung gut. Ich will das noch machen wenn ich 80 bin!

Und was haben Sie konkret bei diesem Festival vor?

F: Wir probleren immer etwas ganz Neues, wo wir bei Null anfangen müssen, wie bei einem neuen Level beim Computerspiel. Und parallel dazu etwas Vertrautes. Heuer gehen wir wieder zu Ismael Ivo und freuen uns wahnsinnig. Das ist wie eine Lieblingsmusik, die immer schöner wird, je öfter man sie hört.

 

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2 Responses to „Da geht eine Tür auf“

  1. Gabriela sagt:

    … begann zu lesen und konnte nicht aufhören. Aufbau, Sprache und Form zogen mich förmlich in die Geschichte hinein und schade, dass ich so weit weg von Wien lebe …

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