Christine Nöstlinger verstand die Generation der Kriegskinder, wie sie selbst eines war. Und sie verstand die Gemütszustände, in denen deren Söhne und Töchter aufwuchsen

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Ich bin ein Kind der Siebgzigerjahre. Als Christine Nöstlinger ihr furioses Erstlingswerk „Die feuerrote Friederike“ schrieb, war ich vier. Ich bin sicher, dass meine Mutter dieses Buch sofort las, als es erschien. Und ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass sie bei mir so vehement aufs Lesenlernen drängte, damit sie es mir so bald wie möglich ans Kinderbett legen konnte. Bücher, das war die feste Überzeugung meiner Mutter, sind der einzige wirksame Trost auf der Welt. Einem Kind ein Buch in die Hand zu drücken, meinte sie, bewirke mehr als alle anderen Formen elterlicher Zuwendung. Denn anders als ein Mensch kann dich ein Buch nicht enttäuschen, erpressen oder kränken. Es ist nie erschöpft. Es weist dich nie zurück. Es steht rund um die Uhr zur Verfügung, damit du dir von ihm holen kannst, was du grade brauchst.

Meine Mutter (Jahrgang 1940) gehörte ebenso wie Christine Nöstlinger (Jahrgang 1936) der Generation der Kriegskinder an. Die ersten bewussten Erinnerungen, die diese Kinder miteinander teilten, waren das Heulen der Sirenen, die Nächte im Luftschutzkeller. Sie wussten, wie sich Angst anfühlt, und wie ein Magen knurrt. Viele aus ihrer Elterngeneration waren tot, vermisst oder verschwunden. Jene Autoritäten, die überlebt hatten, standen nun auf den rauchenden Trümmern ihrer Weltanschauung: Sie hatten sich verhetzen lassen, waren besiegt worden, jetzt waren sie verstummt, aus Schuldgefühl, Trotz oder Scham. Die Kriegskinder waren auf sich alleingestellt. Sie streunten unbeaufsichtigt über die Schutthaufen. Lernten, sich durchzubeißen. Klagten nicht, beschwerten sich nicht – bei wem auch? – , verließen sich auf niemanden, und wuchsen in der Gewissheit auf, dass man im Leben nichts geschenkt kriegt.

In den Jahrzehnten nach dem Krieg wurde diese Frauengeneration von Propaganda zugedröhnt: Heile Welt, Wirtschaftswachstum, Familienidylle. „Wir vergessen die Nazis, verdrängen die Millionen Toten, und widmen uns stattdessen lieber modernen Haushaltsgeräten“, predigte man ihnen. Werbung und Frauenzeitschriften wiesen den Weg zum Glück: Mach’ dich für deinen Gatten hübsch zurecht, zaubere ihm täglich seine Lieblingsspeise auf den Tisch, such’ keinen Streit, dann ist alles paletti. Nöstlinger war eine von den hunderttausenden Hausfrauen, die damals in den Küchen dieses Landes standes, und spürten: Da stimmt etwas nicht. Da steckt überall Lüge drin. Es gibt doch noch etwas anderes, Wesentlicheres, und das muss ich jetzt suchen gehen.

Nöstlinger begann am Küchentisch zu schreiben (so wie meine Mutter auch, übrigens). Sie schrieb, wie sie war: unsentimental. Sie schrieb von Eltern, wie wir sie alle kennen: Meistens bemüht, manchmal überfordert, manchmal grausam, manchmal gleichgültig. Sie schrieb von Kindern, wie wir selber welche waren: Häufig einsam, manchmal zornig, immer liebesbedürftig, aber selten in der Lage, so herzig und brav zu sein wie die Kinder aus der damals vorherrschenden Kinderliteratur. In Nöstlingers Geschichten kamen streitende Eltern vor, Geldprobleme, Stress, ungerechte Lehrer, aber auch die selbstverständliche Solidarität unter alleinerziehenden Nachbarinnen. Im Zweifelsfall, das ließ Nöstlinger immer durchhören, hatte sie mit „die gaunz oamen Leit“ mehr Nachsicht als mit den Privilegierten.

Einer wie Nöstlinger konnte man nichts vormachen. Sie ließ sich nicht einlullen. Sie ertrug keine Schmeicheleien, keine eitlen Blender, keinen verlogenen Kitsch. Sie arbeitete viel, ohne zu murren, so wie viele Frauen ihrer Generation, das war die Härte, die sie sich von klein auf beigebracht hatte. Meine Mutter erkannte sich wegen alldem in ihr wieder. Und wir Kinder, die ihre Bücher verschlangen, fühlten uns wegen alldem von ihr ernst genommen.

Danke, Christine Nöstlinger.

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