Seit Jahresbeginn nehmen die Chinesen nehmen unseren Plastikmüll nicht mehr. Gut so. Denn wer Mist macht, muss auch selber wissen, wie er ihn wieder loswird.

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Westeuropa ist modern und technologisch hochentwickelt. Westeuropa hat ein hohes ökologisches Bewusstsein, setzt auf saubere Energieformen und geht mit seinen Ressourcen schonend um. Das unterscheidet uns von den verschwenderischen USA, von den ehemals kommunistischen Ländern im Osten, und von den unterentwickelteren Teilen der Welt in Asien und Afrika sowieso. Westeuropa, speziell Deutschland und Österreich als Umwelt-Musterschüler: So zumindest lautet unser Selbstbild, das wir stolz vor uns hertragen. Die richtige Mülltrennung gilt bei uns als Kulturtechnik. Sie wird von Generation zu Generation weitergegeben und verfeinert, wir bringen sie Neubürgern, die in unsere Länder einwandern wollen, in Wertekursen bei. Bei jeder Küchenplanung wird auf die optimale Platzierung der Zwischendepots für Biomüll, Papier, Alu-Dosen und Altöl Bedacht genommen. Und der samstägliche Ausflug zur Müllinsel mit seinen verschiedenfarbigen Sammelcontainern gehört zur selbstverständlichen Wochenroutine wie früher der Besuch der Sonntagsmesse samt anschließendem Wirtshausstammtisch.

Man könnte unser zivilisatorisches Glaubensbekenntnis etwa so zusammenfassen: Erst wenn nicht nur das Essen, sondern auch all dessen Verpackungsmaterial, Abfälle und Überreste samt und sonders im richtigen Schlund verschwunden sind – Metall zu Metall, Weißglas zu Weißglas, PET-Flaschen zu PET-Flaschen – geht es uns gut. Dann fühlen wir uns satt, sauber und zufrieden in unserer weißen Weste.

Dass das alles funktionert, haben wir bisher jedoch einem faulen Deal zu verdanken. Und den Chinesen. Seit zwei Jahrzehnten ließ sich das Selbstbild der sauberen Öko-Europäer nämlich nur deswegen aufrechterhalten, weil andere unseren Müll schluckten. Bereitwillig lud China in seine Schiffscontainer alles ein, von dem man bei uns nicht wusste, wohin damit – weil es nicht sortenrein sortiert, giftig, gefährlich oder aus anderen Gründen schwer zu entsorgen war; Elekroschrott, Schlacke und sogar tonnenweise Sondermüll. Insbesondere die Plastikberge wären in Europa in den Himmel gewachsen, hätte man sie nicht durch stetigen Export nach China kontinuierlich abtragen können.

Was in China mit unseren Folien, Pet-Flaschen, Verpackungen geschah, entzog sich unserer Kenntnis. Wurde unser Müll verbrannt? In der Wüste vergraben? Wurde er ins offene Meer gekippt, zu Mikro-Plastikteilchen zerrieben, eher er in die Nahrungskette gelangte und am Ende womöglich wieder in unseren Mägen landete? Es war nicht mehr unser Problem. Aus den Augen, aus dem Sinn. Was genau „Recyling“ auf chinesisch heißt, muss man ja nicht wissen. Hauptsache, unsere Straßen blieben sauber, und wir machten uns weder die weiße Weste noch die Finger schmutzig. Zeigte das Fernsehen die schauerlichen Bilder von im Smog verschwindenden chinesischen Großstädten, konnten Europäer sich in der wohligen Gewissheit zurücklehnen, das habe mit uns alles überhaupt nichts zu tun.

Nun jedoch ist mit dieser Verdrängung Schluss. China hat genug von unserem Müll; zudem erzeugt es inzwischen mehr als genügend eigenen, um den es sich kümmern muss. Zu Beginn dieses Jahrea wurden Importverbote für unterscheidlichste Müllsorten verhängt, und prompt staut sich schon das Plastik in Europa. Der Importstopp legt bloß, dass in manchen Ländern – wie Großbritannien – funktionierende Recyclingsysteme überhaupt fehlen. In anderen sind die Systeme überlastet, die Sortier- und Entsorgungskosten steigen. Und plötzlich, o Wunder, wird in Europa hektisch über Müllvermeidung nachgedacht. Die EU-Kommission will mit einem Verbot für Plastikstrohhalme, Plastikbesteck und Plastik-Wattestäbchen anfangen. An immer mehr Orten werden Verbote von Plastiksackerln verhängt.

Im Prinzip ist es nämlich ganz einfach: Am billigsten und gesündesten ist jener Müll, den man gar nicht erst macht. Schade, dass wir für diese Erkennnis so lange gebraucht haben.

 

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