Karl Marx hatte Unrecht: Das ökonomische Sein bestimmt nicht mehr das Bewusstsein. Menschen nehmen sogar materielle Nachteile in Kauf, um sich stärker zu fühlen.

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„Banner Metals“ heißt eine Fabrik im US-Bundesstaat Ohio. 38 Arbeiter und Angestellte stellen hier verschiedene Metallteile für Flugzeugsitze her. Ohio ist einer jener Bundesstaaten, die Donald Trump die Präsidentschaft beschert haben. Normalerweise ein klassischer Swing State, trug Trump diesmal einen Vorsprung von 8 Prozent über die Ziellinie. Hier, im sogenannten Rust Belt, leben seine treuesten Fans: Weiße männliche Arbeiter und Angstellte, die um ihre Jobs fürchten. Ihnen hat Trump Einfuhrzölle versprochen, um die heimische Produktion zu schützen. Diese Zölle gibt es jetzt. 25% müssen für jede Tonne Stahl oder Aluminium bezahlt werden, die aus China oder Europa (auch aus Österreich) importiert werden.

Banner Metals hat das ökonomisch schwer getroffen. Die Stahlpreise sind in die Höhe geschnellt, die Lieferzeiten fünfmal so lang wie früher, die Profite zerschmolzen. Er habe Investitionen in neue Maschinen verschieben müssen, erklärte Unternehmenseigentümer Bronson Jones der „New York Times“. Auf die Anstellung einiger neuer Leute, die eigentlich geplant war, muss er nun verzichten. Geht es noch länger so weiter, müssen mittelfristig auch jene Männer, die derzeit an den Maschinen stehen, mit Entlassungen rechnen.

War es also ein Irrtum, auf Trump zu setzen? Ist seine Wirtschaftpolitik – die Zölle, die Abschottung vom Weltmarkt – falsch? Haben sich seine Wähler inzwischen vom Präsidenten abgewandt, weil sie die negativen Folgen seiner Politik am eigenen Leib spüren? Keineswegs. Sie loben Trumps Politik, obwohl sie ihnen persönlich schadet. „Ich schaue im Moment nicht drauf, was das Beste für Banner ist, sondern was das Beste für die Nation ist“, sagt der Banner-Chef. „Die Zölle sind richtig, und wenn ich sie von meinem eigenen Lohn bezahlen muss, dann soll es so sein“, sagt ein Maschinentechniker. Die Angestellten sprechen von „Opfern, die gebracht werden müssen“; von „notwendigen Schmerzen“; von einem „größeren Unrecht“, das beseitigt werden müsse; von fremden Kräften, die die USA „viel lang genug ausgenutzt hätten“. Sie sprechen von einem „Krieg“, in dem man sich befinde. Und davon, dass man „nie zurückweichen“ dürfe. „Trump zielt immer direkt auf die Halsschlagader“, sagt einer; „das sind wir nicht gewöhnt, aber das brauchen wir.“

Meinungsumfragen zeigen: Die Mehrheit von Trumps Wählern denken heute ähnlich. Und Linke stehen fassungslos vor der Frage: Wie ist das möglich? Warum bloß handeln Menschen gegen ihre ureigenen Interessen – und fühlen sich noch gut dabei, wenn sie draufzahlen?

Karl Marx sagte: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Die ökonomische Basis sei das Wichtigste, und alles andere – Werthaltungen, Moral, Kultur – baue darauf auf. Die europäische Sozialdemokratie leitete daraus die Handlungsanleitung ab: Man müsse das Leben der Menschen verbessern, dann würden sie einen wählen. „It’s the economy, stupid“, sagte Bill Clinton in Amerika.

Heute jedoch ist diese einst eherne Grundregel der Politik weggefegt, auf beiden Seiten des Atlantik. Wie gut es dem einzelnen konkret geht, ist gleichgültig geworden – immer wichtiger wird, wie er sich fühlt. Die objektiven materiellen Lebensumstände zählen weniger als die Frage, ob man sich gerecht oder ungerecht behandelt fühlt. Es geht um Stolz. Den Vergleich mit anderen. Um die (tatsächliche oder behauptete) Stärke der eigenen Gruppe oder Nation. Es geht um das Bedürfnis, wahrgenommen zu werden, dazuzugehören, sich abzugrenzen, sich über andere zu erheben. Samt der Genugtuung, jene, die man nicht mag, leiden zu sehen – selbst wenn es das eigene Leben überhaupt nicht berührt; und manchmal sogar um den Preis, dass man sich dabei ins eigene Fleisch schneidet.

Deswegen regiert Trump in Amerika, und deswegen regieren Populisten in Europa. Und solange die Linke dem nichts entgegenzusetzen hat, wird das auch so bleiben.

 

 

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