Kritische Medien seien „Feinde des Volkes“, sagen Trump und seine Anhänger. In Europa (auch in Österreich) klingt es manchmal ähnlich. Das kann noch brandgefährlich werden.

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Man muss Journalisten nicht mögen, wenn man in einer Demokratie die Macht hat. Schon Präsident Thomas Jefferson, Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, hegte eine tiefempfundene Abneigung gegen sie: Man könne „nichts glauben, was in der Zeitung steht“, schrieb er einem Herausgeber; „sogar die Wahrheit wird verdächtig, sobal sie in dieses giftige Gefäß gefüllt wird.“ Fast 200 Jahre später hatte Richard Nixon allen Grund, Medien zu hassen: „Die Presse ist der Feind“, sagte er zu seinem Kabinettschef, „die rammt uns das Messer direkt in den Bauch.“ Die „Washington Post“ deckte damals auf, wie Nixon die Wahlkampfzentrale der Demokraten hatte abhören lassen. Die Sache ging als „Watergate“-Skandal in die amerikanische Geschichte ein, Nixon wurde seines Amtes enthoben – und an allem war kritischer, unabhängiger Journalismus Schuld.

In Trump-Amerika ist es unvorstellbar, dass sich heute ähnliches widerholen könnte. Zu Nixons Zeiten war es noch möglich, dass die Enthüllung von Fakten die öffentliche Meinung wesentlich beeinflusste. Millionen Nixon-Wähler änderten ihre Sichtweise auf den Präsidenten, als sie erfuhren, was er angestellt hatte, und fanden seine Amtsenthebung richtig. Die Fakten standen weitgehend außer Streit.

Heute wäre derartiges unmöglich. Zwar recherchieren gute Medien immer noch. Zwar decken sie immer noch Skandale auf und fördern Fakten ans Tageslicht, die dem Präsidenten nicht genehm sind. Doch all das erreicht dessen Anhänger nicht mehr. Neue Fakten dringen bloß zu jenen durch, die ähnliches ohnehin immer schon vermuteten. Alle anderen halten sich die Ohren zu. Bezichtigen alle, die mit unangenehmen Nachrichten kommen, als „Hasser“, „Verräter“ oder „Lügner“. Und schreien so laut „Fake News! Fake News!“ zurück, bis im allgemeinen Getöse niemand mehr etwas versteht. Donald Trump höchstpersönlich trieb diese Umlenkungstaktik jüngst auf die Spitze. „Volksfeinde“ nannte er die ihm nicht genehmen Medien in einer Twitter-Botschaft.

„Volksfeind“: Das bedeutet mehr, als jemanden bloß zu beschimpfen. Im römischen Recht galt für jemanden, der zum „hostis populi“ erklärt wurde, der Schutz der Gesetze nicht mehr – wer auch immer einen Volksfeind beseitigen wollte, durfte es straflos tun. In der Französischen Revolution rechtfertigte die Bezeichnung „ennemi du peuple“ die Hinrichtung auf der Guillotine – und alle revolutionären Bürger waren zur Denunzieation solcher Leute aufgerufen. In der Sowjetunion wurden – je nach historischer Phase des Kommunismus – Gutsbesitzer, Monarchisten, Trotzkisten, Kosaken, Intellektuelle, angebliche „Saboteure“ und angebliche „Spione“ als „Volksfeinde“ gebrandmarkt, in Lager gesteckt und ermordet. Die Nazis ermordeten als „Volksfeinde“ Juden, Zigeuner, Homosexuelle und alle politischen Gegner.

Ein „Volksfeind“ wird von der Obrigkeit für vogelfrei erklärt, und zum Abschuss freigegeben: In den USA, wo es gleich viele Einwohner wie Schußwaffen gibt, ist das mehr als eine rhetorische Gefahr. Für viele Journalistinnen und Journalisten, die von Trump namentlich vorgeführt und als „Fake-News-Schleudern“ denunziert werden, ist es eine sehr reale Bedrohung. Wer kann schon wissen, was einem Waffennarren alles einfällt, sobald er sich berufen fühlt, seine Nation und seinen Präsidenten zu verteidigen?

Auf Trump-Veranstaltungen ist die Anti-Medien-Stimmung inzwischen so aufgeheizt, dass das Publikum dazu aufgefordert werden muss, nicht handgreiflich zu werden. Es ist mittlerweile üblich, die Medienvertreter in einem eigenen, durch Gitterstäbe abgetrennten Bereich von den Massen abzutrennen – offenbar kann man anders ihre Sicherheit nicht mehr garantieren. Journalisten im Käfig? Journalisten hinter Gittern? Einem Präsidenten, der mit „Lock them all up!“ (“Sperrt sie ein!“) -Sprechchören an die Macht kam, wird der Anblick wahrscheinlich gefallen.

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2 Responses to Geschichten aus Trump-Land, Folge II: Das Spiel mit dem Feuer

  1. Kurt Schneider sagt:

    Sorry, Frau Hamann, Nixon trat zurück und wurde nicht seines Amtes enthoben…das läuft wohl unter nicht genau recherter fake-information, oder?

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