Von diesem heißen Sommers bleibt eine Gewissheit: Die Politik der Zukunft wird immer stärker von globalen Öko-Krisen angetrieben werden

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Wir haben ja lang gemeint, wir reden über eine mittelfristige Zukunft, wenn wir über die Erderwärmung reden. Dürren und Wetterextreme, Wasserknappheit, Konflikte um knapper werdende Ressourcen – uns selbst würde das alles noch halbwegs erspart bleiben, bis wir alt sind. Unsere Kinder würde das Problem zwar irgendwann einholen – aber wer weiß, vielleicht würden ihnen ja noch rechtzeitig Lösungen einfallen. Sind ja schlaue Kinder, zumindest schauen sie so aus.

Uns jedenfalls bliebe noch ein bisschen Zeit, weiter herumzudiskutieren, dachten wir. Darüber zum Beispiel, ob der Mensch denn wirklich allein schuld sei an den steigenden Temperaturen. Ob es denn nicht auch „natürliche Schwankungen“ gebe, oder „alternative Fakten zum wissenschaftlichen Mainstream“. Schließlich sei das verteufelte CO2 doch ein ganz natürliches Gas. Schließlich gab es CO2 doch auch schon in der Steinzeit, als die Menschen noch unschuldig und klimaneutral in ihren Höhlen lebten. Bis diese vielen, vielen offenen Fragen nicht zweifelsfrei geklärt seien, könnten wir entspannt noch ein bisschen weitermachen wie bisher. Ohne schlechtes Gewissen noch ein paar nette Flugreisen unternehmen, samt den Kindern. Reisen ist schließlich auch für Kinder lehrreich.

Aber dann ist doch alles schneller gegangen. Während wir uns noch auf der Ebene abstrakter Eventualitäten wähnten, wachten wir in einer der vielen Tropennächte dieser Sommerferien plötzlich schweißgebadet auf und stellten fest: Wir sind schon mitten drin. Die Erderwärmung ist nichts, das wir an unsere Kinder vererben und uns leise davonstehlen können. Sondern die Gegenwart. In diesem Sommer, einem der wärmsten der Wetteraufzeichnungsgeschichte (so wie fast alle Sommer der letzten zehn Jahre zu den heißesten der Wetteraufzeichnungsgeschichte zählten) gaben uns die täglichen Nachrichten einen Vorgeschmack darauf, was die Weltpolitik der kommenden Jahre bestimmen wird.

Es wird um Wasser gehen. Um die leergefischten Weltmeere, die ihre Anrainer nicht mehr ernähren können, weil sie voller Plastikmüll sind (tonnenweise schwemmt es das Zeug grad auf die phlippinischen Strände und zerstört dort den Tourismus). Voller Algen (die Fische und alles andere Getier ersticken). Und voller Antibiotika (800.000 Zuchtlachse brachen eben aus ihren Gehegen vor der chilenischen Küste aus und vergiften den Pazifik). Wen wird der steigende Meeresspiegel wegschwemmen? Welche Küstenbewohner werden es sich leisten können, Dämme zu errichten oder ins Landeresinnere zu zu übersiedeln, welche nicht?

Es wird um Trinkwasser gehen. Es wird Menschen geben, die genügend davon haben (oder es anderen abzapfen), und andere, die auf dem trockenen sitzen bleiben. Es wird um erodierende Böden gehen, um jene großen Gebiete, die Monat für Monat die Wüste verschluckt (erst werden sie gerodet, dann verbrannt, dann versteppen sie, dann weht der Wind die letzten Erdkrumen davon). Wohin die Menschen und Tiere, auf der Suche nach den letzten Fleckchen Gras, dann wohl ziehen werden?

Es wird um die großen Städte dieser Welt gehen, und die Frage, ob ihre zubetonierten Flächen überhaupt für die Dauerbewohnung bei großer Hitze geeignet sind. Wie belastbar ihre Infrastruktur wohl ist? Wie viele Hitzetote man pro Saison in Kauf nimmt? Wird man manche Städte irgendwann aufgeben müssen?

Die Hälfte aller Nachrichten handeln mittlerweile von Ressourcenzerstörung, den daraus resultierenden Verteilungskonflikten und Migration. Klar kann man sich als reiches, hochindustrialisiertes Land die Folgen ein bisschen länger vom Leib halten kann als andere: Man kann noch mehr Klimaanlagen installieren, noch mehr Eiswürfel in die Drinks tun, und notfalls, wenns gar nicht mehr auszuhalten ist, jeden Sommer Fernreisen auf die Winterhalbkugel machen.

Aber demnächst kommt das alles zurück. Tut uns leid, Kinder. Wir hätten das besser machen sollen.

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