In Chemnitz, in den Medien, gegen die Nazis, gegen Ausländer: Überall „Hetzjagden“, und alle fühlen sich als Gejagte. Eine kleine Geschichte einer absichtlichen Begriffsverwirrung

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Das Modewort heißt „Framing“. Früher hätte man gesagt: Man will ein Ereignis in einen ganz bestimmten Zusammenhang stellen, und benützt deswegen Worte, die beim Zuhörer spezielle Assoziationen auslösen. Gut oder böse, gerecht oder unfair, Täter oder Opfer: Bevor noch klar ist, worum es genau geht, ist der Rahmen für das moralische Urteils bereits festgezimmert. In den vergangenen Tagen konnten wir diesen Mechanismus beim Wort „Hetzjagd“ beobachten. In Deutschland ringt Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen mit dem Framing der rechtsradikalen Aufmärsche von Chemnitz (gab es dabei „Hetzjagden“oder nicht?). In Österreich klagt die FPÖ, eine „Hetzjadgd“ habe die Bestellung ihres Kandidaten Hubert Keyl zum Richter am Bundesverwaltungsgericht verhindert.

So viele Jäger. So viele Gejagte. Forschen wir der Metapher einmal nach.

Im Tierreich ist es noch relativ einfach. Hetzjagden gehören zum Verhalten von Rudeltieren, etwa von Hyänen, Wölfen oder Löwen. Sie wählen ein Opfer, trennen es von seiner schützenden Herde und treiben es so lang vor sich her, bis es vor Erschöpfung zusammenbricht – wobei die Angreifer sich abwechseln können und dadurch Kräfte sparen, während das Opfer sich verausgabt. In der Natur kann man noch sagen: Ist halt so. Gut und Böse gibt es hier nicht. Für die Steinzeitmenschen (die Mammuts in Fallen hetzten) könnte man das ebenfalls noch gelten lassen. Sobald der Mensch jedoch begann, seine zivilisatorische Überlegenheit auszuspielen, verlor das Wort „Hetzjagd“ seine moralische Neutralität. Angesichts von Adeligen, die nicht aus Hunger, sondern bloß zum Amusement ihre Hunde auf Hasen hetzten, kippten die historischen Sympathien rasch auf die Seite der gejagten Tiere (zumal ihr Fleisch wegen des Stress-Adrenalinausstoßes ohnehin ungenießbar war).

Dieses moralische Framing behält des Wort bei, um zu beschreiben, was Menschen einander antun können, wenn sie sich zu Rudeln zusammenschließen, um auf gesellschaftliche Außenseiter loszugehen. Bei den mittelalterlichen Hexenjagden etwa, wo einzelne Frauen traktiert und oft in den Tod getrieben wurden. Bei Pogromen gegen Juden und Roma, immer wieder in den vergangenen Jahrhunderten. „Hetzjagd“ sagt man, wenn von Anfang an ein Ungleichgewicht der Kräfte besteht. Die Hetzer sind mehr/stärker/übermächtig, haben Kraft/Waffen/Gesetze/die Obrigkeit auf ihrer Seite. Die Gejagten hingegen sind ohnmächtig, schutzlos, haben keine Zeit, sich eine Fluchttaktik zu überlegen. Sie rennen bloß panisch um ihr Leben.

Explizit wurde diese Analogie bei einer schrecklichen Episode der oberösterreichischen Geschichte, der sogenannten „Mühlviertler Hasenjagd“: Im Februar 1945, kurz vor Kriegsende, gelang 419 russischen Häftlingen der Ausbruch aus dem KZ Mauthausen. Die Nazis riefen die Bewohner der umliegenden Dörfer zur Jagd auf die Fliehenden – Hitlerjugend, Volkssturm, ganz normale Leute beteiligten sich, fast alle Fliehenden wurden irgendwo in Wald und Flur erschossen oder erschlagen. Nur elf schafften es, konnten sich verstecken und erlebten ein paar Wochen später die Befreiung.

Womit wir bei den Nazis wären. Und bei Hubert Keyl, jenem Mann, dem ÖVP und FPÖ einen hohen Richterposten übertragen wollten. Keyl, der den Bauern Franz Jägerstätter einen „Verräter“ genannt hatte, weil dieser unter den Nazis den Kriegsdienst verweigert hatte: „Wer als Soldat seine Kameraden im Stich lässt, ist ein Verräter, und Verrräter soll man verurteilen, aber nicht seligsprechen.“ Jägerstätter wurde wegen „Wehrkraftzersetzung“ hingericht. Keyl machte eine österreichische Richterkarriere.

Er sei Opfer einer „unvorstellbaren medialen Hetzjagd“, sagte Keyl. Es gebe eine „Hexenjagd“, sagte Vizekanzler Strache. Die bösen Opfer. Die armen Nazis, so hilflos wie die gehetzten Hasen auf dem dem Feld: Sie haben es schon wieder geschafft, alles umzudrehen.

 

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