In der sächsischen Industriestadt Chemnitz ist viel Platz. Für Rechtsradikale, Flüchtlinge, Kränkungen und Zorn.

Eine Falter-Reportage

Sie nennen ihn „den Nischel“. 13 Meter hoch ist der Karl-Marx-Kopf aus 40 Tonnen ukrainischem Granit am achtspurigen Boulevard, der einst, als Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt war, Karl-Marx-Allee hieß. „Proletarier aller Länder vereinigt euch“, steht in fünf Sprachen auf der Wand hinter ihm. Am Ersten Mai ließ die Partei hier das Volk aufmarschieren. Mit roten Fahnen, Uniformen und auf einer festgelegten Route. So einfach war das im Sozialismus.

Heute ist hier Demokratie, und alles ist unübersichtlicher. Die Allee wurde in „Brückenstraße“ umbenannt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite blickt Nischel auf das Asia Restaurant Goldene Krone („All you can eat um 8,90“) und die Shisha-Bar Babylon. Auf der rechten Seite haben sich AfD und Pegida versammelt, schreien „Lügenpresse“, und „Merkel muss weg.“ Von Nischels linker Seite weht es Tonfetzen von der Gegenveranstaltung herüber: „Herz statt Hetze“ heißt die, SPD, Grüne, Linke und Kirchen haben dazu aufgerufen, eine Antifa-Band singt „Nie wieder Deutschland“.

Dazwischen: 300 Meter Niemandsland. Polizei mit Pferden, Wasserwerfern, Arrestantenwagen, man hat sogar das Fußballderby abgesagt und Sicherheitskräfte aus ganz Deutschland herbefohlen. Reporter tragen Schutzhelme, es ist Randale angesagt. „Was ist bloß mit Deutschland passiert?“, lautet die bange Frage, die sie in ihren Berichten stellen werden. Das Stück heißt „Die Spaltung des Landes, drei Jahre nach dem Flüchtlingsherbst“, Chemnitz ist die Bühne, auf der es aufgeführt wird. Und es dauert mittlerweile schon mehrere Stunden.

In der Mitte zwischen den Fronten lehnt Hüseyin L. lässig an einem Hydranten. Ihm gehört der „Dünya“ Kebapstand, bei dem sich Ausländerfeinde, Ausländerfreunde und die Polizei zwischendurch ihr Döner Sandwich holen, und versteht die Aufregung nicht. Herr L. ist Mitte 50, jesidischer Kurde aus der anatolischen Stadt Mardin, vor 22 Jahren kam er als Flüchtling nach Chemnitz, hat inzwischen drei Söhne und das erste Enkelkind. Chemnitz ist „meine Stadt“, sagt er. Es sei ein guter Ort zum Leben, „nicht zu groß, viel Platz, das mag ich.“

  1. hat viele Freunde. Manche von ihnen marschieren heute bei der AfD mit. Einiges, was sie fordern, versteht er. Auch er mag ja die Grüppchen arabischer Jugendlicher nicht, die seit drei Jahren im gegenüberliegenden Stadthallenpark spätabends herumlungern. „Das sind Leute, die nur Gewalt gelernt haben, und gar nicht wissen, was sie in Deutschland sollen. Da muss man etwas machen.“ Der Tatort, an dem ein Iraker und ein Syrer vor einer Woche den 35jährige Daniel H. mit mehreren Messerstichen ermordeten, ist nur ein paar Schritte vom Dönerstand entfernt. Lichter und Blumen verdecken die Blutflecke auf dem Gehsteig.

Die Nazi-Horde, die aus Rache anschließend an derselben Stelle Jagd auf Menschen mit ausländischem Aussehen machte, mag L. genausowenig. Aber Angst? Die hat er nicht. Und wenn die Ihnen heute nach der Demo noch die Scheiben einschlagen? „Ich hab’ eine Versicherung gegen Randale, wir sind ja in Deutschland“, grinst er. Und überhaupt: „Rassisten gibt’s – aber an welchem Ort gibt’s die nicht?“

So entspannt sieht das in Chemnitz in diesen Tagen kaum jemand sonst. Die Ereignisse der letzten Woche waren ein Schock. Erst die Bluttat, dann die Aufmärsche mit den Hitlergrüßen – man fühlt sich beschämt. Als „Nazi-Stadt“ an den Pranger gestellt. Und stellt sich die Frage: Muss ich jetzt was tun? Auf dem Markt, beim Bäcker, in der Straßenbahn: Man tastet einander mit Blicken ab. Ist der Mann jetzt demonstrativ freundlich aufgestanden, um der Frau mit Kopftuch einen Platz anzubieten? Und sollte man die vier somalischen Jugendlichen, die mit einem Joint im Park abhängen, warnen, dass sie in Gefahr sind, wenn demnächst die AfD vorbeikommt? Man lauert auf Bemerkungen von Fremden, die verraten könnten: Auf welcher Seite steht der?

„Man kann das heutzutage ja gar nicht so leicht auseinanderhalten“, sagt Benni S. Benni ist 37, Bestatterin von Beruf, trägt lange dunkle Locken, früher war sie ein Punk. Sie wuchs „in der Platte“ auf, in den Neunzigerjahren, wo damals die Skinheads das Sagen hatten. „Damals war klar: Glatze und weiße Schnürsenkel ist rechts, Piercings und Schwarz ist links“, sagt sie. Aber heute? „Besorgte Bürger“ tragen Lederjacken und lange Haare. Die Piercing- und Tattoo-Dichte bei den Rechten ist hoch, besonders beliebt sind die „Fleischtunnel“ im Ohrläppchen, sogar Dreadlocks sind zu sehen. Neonazis haben häufig dieselben Trainingshosen an wie jene Ausländer, die sie „klatschen“ wollen. Nur die Hautfarbe unterscheidet sie manchmal noch.

Punks wie Benni wurden, als sie jung war, als „Zecken“ beschimpft. Anders als so viele ihrer Generation, ging sie damals jedoch nicht in den Westen, sondern blieb. An ihren eigenen Eltern konnte sie den sozialen Abstieg nach dem Mauerfall beobachten: Der Vater war in der DDR Polizist und wurde bald in Rente geschickt. Die Mutter, einst Brigadeführerin beim Schocken, dem führenden Kaufhaus der Stadt, wurde arbeitslos, heute macht sie stundenweise Aufsicht in einer Spielothek und ist frusteriert.

Wie Bennis Eltern ging es vielen im Osten, und die Kränkungen waren hier noch größer als anderswo. „Wenn ich meinen Schülern sage, dass Chemnitz mal die reichtste Stadt Europas war, glauben die mir gar nicht“, erzählt eine Lehrerin. Wir sitzen bei einem Künstlerfest in der Nadel- und Platinenfabrik „NaPla“, einem der vielen eindrucksvollen Backstein-Industriegebäude aus dem 19. Jahrhundert, das heute eine Ruine ohne Fensterscheiben ist. Chemnitz war einst ein Herstellungszentrum für Autos, Spinnerei- und Textilmaschinen, man war stolz auf viele technische Erfindungen unnd hohe protestantische Arbeitsethik.

Im Zweiten Weltkrieg machten die Bomben der Alliierten große Teile der Stadt platt. Nach dem Krieg nahmen die Kommunisten der Stadt ihren Namen. Dann kam die Wende, und die Frauenrunde am Tisch, allesamt keine Rechten, zählt die Reihe der dann folgenden Demütigungen auf: Die Wessis kamen wie die Heuschrecken, kauften die stolzen Industriebetriebe um eine symbolische DM und wickelten sie ab. Den Massenentlassungen folgte die Abwanderung, speziell der Jüngeren, Gebildeten, Frauen. Betriebe lockte man mit dem Verprechen, man müsse hier weniger Lohn zahlen als irgendwo sonst in der Bundesrepublik. Chemnitz, die Rentnerstadt, hat heute nicht einmal Anschluss an den ICE. Am Ende ging auch noch der stolze Fußballverein CFC in Konkurs und rutschte in die 4. Liga ab. Seine Fans, berüchtigte Hooligans, randalieren freilich immer noch.

Alles das bedeutete Verlust, Leere und schuf viele freie Räume. In Sonnenberg, einem Arbeiterviertel aus der Gründerzeit, zahlte der Staat Prämien für den Abriss von Altbauten, mehr als die Hälfte der Wohnungen stand leer. „Vor acht Jahren war das eine hoffnungslose Gegend“, erinnert sich der Unternehmer Lars Fassmann, „auf den Gehsteigen lagen die Spritzen der Junkies rum“. Der billige Wohnraum zog arme Ausländer an, Außenseiter aller Art, und schließlich auch Neonazis aus dem Westen, die beschlossen, sich gezielt hier anzusiedeln und Sonnenberg zu einer „national befreiten Zone“ zu machen. Mit Graffiti, Brandanschlägen und Facebook-Aufrufen markierten sie ihr Revier, verkauften ihre Devotionalien – bis sie von der Antifa geoutet und vertrieben wurden.

„Die Autonomen haben in Sonnenberg die Polizeiarbeit gemacht, der Staat hat versagt“, sagt Fassmann, der heute 14 Häuser in Sonnenberg besitzt, saniert, und den Aufschwung zum Szenebezirk begleitet hat. „Es hat sich keiner gekümmert damals“, sagt er.

„Es kümmert sich keiner“, „Der Staat beschützt mich nicht“, „Wir werden nicht gefragt“ – diese Sätze hat auch Katja Manz oft gehört. Manz ist Geographin, Stadtsoziologin, ist vor neun Jahren nach Chemnitz zugezogen – und hat sich zur Aufgabe gemacht, genau das zu tun: die Bewohner zu fragen. Nach ihren Erfahrungen, ihren Lebensgeschichten, ihren Erinnerungsorten. „Man muss sich einmal vorstellen, was die Wende für die Menschen im Osten bedeutet hat: Alles, was sie waren, konnten und wussten, war von einem Tag auf den anderen nichts mehr wert. Ihr Leben hat sich radikal verändert, aber keiner wollte je wissen, wie sich das anfühlt.“

Sie habe bei ihren vielen Gesprächen einen ganz neuen Blick auf die deutsch-deutsche Geschichte bekommen, sagt Manz. Sie kann den Verlust, den viele Menschen im Osten erlebten, nachempfinden, und reagiert mittlerweile genervt, wenn im Westen pauschal über „Dunkeldeutschland“ hergezogen wird – so als hätte der Rest des Landes mit Ausländerfeindlichkeit nichts zu tun. „In Chemnitz tritt alles einfach deutlicher zutage als anderswo“, sagt sie. „Jetzt sind wir alle wachgerüttelt und wissen, das wir handeln müssen, um die Frustrierten und Gekränkten nicht den Nazis zu überlassen.“

Der Kampf um die gekränkte Mitte der Gesellschaft ist somit eröffnet. Am Montag rief die lokale Szeneband „Kraftklub“ unter dem Motto „Wir sind mehr“ zum Open-Air-Konzert. Die Chemnitzer Unternehmen schalten Anzeigen mit dem Text „Chemnitz ist weder grau noch braun, sondern bunt und vielfältig“. Der Ministerpräsident lud zornige Bürger zu einem „Sachsengespräch“ in die Räume des CFC. Studenten und Kunstschaffende, die in den letzten Jahren in großer Zahl nach Chemnitz zogen, weil sie sich hier so wild, frei, arm und sexy fühlen können wie einst im Berlin der Neunziger, beschließen, ihre Komfortzone zu verlassen und den Rechten nicht die Straße zu überlassen.

Noch allerdings hat dort die AfD samt ihren noch radikaleren Verbündeten Heimvorteil. „Hier steht die Mitte der Gesellschaft“, tönt es selbstbewusst aus dem Lautsprecher, als sich mehrere tausend Menschen am vergangenen Samstag zum „Trauermarsch“ versammeln. Die Organisatoren haben ein Dutzend Portraits von Mordopfern auf Tafeln montiert – sie alle, argumentiert die AfD, würden noch leben, wären keine Ausländer im Land. Die Mitte will man die rechte Seite bringen, indem man sich von der sanften Seite zeigt: Schwarze Kleidung, lautete die Direktive, kein Bier, keine Zigaretten, keine Sprechchöre, keine Slogans auf den Jacken. Nur weiße Blumen und Deutschlandfahnen. „Ruhe und Ordnung“, mahnt der Lautsprecher immer wieder, „wir liefern der Presse nicht die Bilder, die sie sehen wollen.“

Aber Schweigen und Trauern ist gar nicht so einfach, wenn man ungeduldig ist. Wenn es gar nicht wirklich um die Toten geht, sondern eher darum, sich selber endlich zu holen, was einem vermeintlich zusteht. „Die Flüchtlinge kriegen alles, wir kriegen nichts“, lautet die meistgehörte Klage. Viel zu langsam ist die Marschiererei, viel zu langweilig, viel zu leise für die vielen jungen Burschen, unter deren gespannten T-Shirts die Muskeln zucken. „Merkel muss weg“, bricht es immer wieder aus der Menge hervor. Als der Marsch schließlich knapp vor Dünyas Kebap zum Stehen kommt, entlädt sich die Aggression an der Polizei.

„Volksverräter“, brüllt man. Und „Wir sind das Volk“, so wie damals, vor fast 30 Jahren. Doch diesmal klingt es anders. Schärfer, rechthaberischer, bedrohlicher irgendwie.

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