Menschen mit nichtdeutscher Muttersprache trauen sich in Österreich viel zu selten auf die öffentliche Bühne. Das kann man verstehen. Aber es ist schade.

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Es kommt nicht drauf an, wie ein Mensch ausschaut, wie er spricht und wo er herkommt. Es kommt einzig und allein drauf an, was er sagt und tut: Das ist ein richtiges Prinzip. So soll es sein, und ich will mich grundsätzlich dran halten. Was Maria Vassilakou betrifft, möchte ich jedoch ein einziges Mal eine Ausnahme machen. Einmal nicht über ihre Leistungen oder Versäumnisse als Vizebürgermeisterin reden – da gäbe es genug Diskussionsstoff für mehrere Zeitungsausgaben. Sondern ausschließlich darüber nachdenken, in welcher Rolle sie AUCH fehlen wird, wenn sie nächstes Jahr abtritt: Als einzige weithin sicht- und hörbare Migrantin in der österreichischen Politik.

Beginnen wir bei der Sprache. Dass Sprachfärbungen aus verschiedensten österreichischen Regionen auf unserer politischen Bühne vorkommen; dass man, wenn Politiker reden, manchmal einen Vorarlberger Einschlag durchhört oder einen burgenländischen – das ist wichtig für unser Land. Es zeigt, dass jene Menschen, die unsere Gesetze machen, nicht in irgendwelchen Retorten gezüchtet wurden, sondern Biographien haben und an speziellen Orten verwurzelt sind. Die Menschen, die uns vertreten, bringen Erfahrungen aus unterschiedlichen Milieus mit. Sie hatten es verschieden schwer im Leben. Mitunter verrät das etwas über ihre inhaltlichen Positionen oder über ihren Stil. Das macht Politik manchmal interessant. Nicht auszudenken, wir würden von Menschen regiert, die allesamt miteinander in demselben Elite-Internat aufgewachsen sind!

Die Vielfalt ist auch aus Perspektive des Publikums wichtig. Sie dient der Identifikation. Ich lausche einem Dialekt, der so ähnlich klingt wie meine Oma geredet hat. Ich erkenne an der Art, wie jemand das „R“ rollt, dass er die Wochenenden seiner Teenagerzeit wohl in denselben Parks verbracht hat wie ich. So ein Wiedererkennen macht Freude. Gleichzeitig sendet es ein politisches Signal an die Bürger: Der Volksvertreter oder die Volksvertreterin, die vor dir steht – das könntest genausogut du sein. Wenn die das kann, dann kanst du das auch. Jeder Mensch, der in Österreich wählen darf, darf sich auch wählen lassen. Was hält dich eigentlich davon ab?

Womit wir bei Millionen Menschen in Österreich sind, die diesen identitätsstiftenden Moment des Wiedererkennens nie erleben. Weil sie Deutsch mit einem Akzent sprechen, der verrät, dass Deutsch nicht ihre Mutterspache ist. In der Politik sehen sie so gut wie niemanden, der so redet wie sie. In Radio und im Fernsehen fehlen fremde Akzente und Sprachfärbungen beinahe völlig. In der Wissenschaft und in der Wirtschaft sind sie selten, in der Medizin und Kultur etwas häufiger, nur im Sport sind sie omnipräsent. Aber ist das wirklich die Botschaft, die wir Zugewanderten vermitteln wollen: Singen, tanzen, Fußballspielen darfst du gern – aber beim Reden zuhören wollen wir dir bitte lieber nicht?

Maria Vassilakou hat, mit ihrem Selbstbewusstsein und ihrem robusten Schmäh, eine unsichtbare Linie überschritten, die die allermeisten Menschen mit Migrationsbiographien in diesem Land derzeit noch als unüberwindlich empfinden. Zu groß ist die Scheu, sich in einer Sprache, die nicht die Muttersprache ist, an ein Rednerpult zu stellen. Man will ja keine Fehler machen. Wer weiß, ob man auch unter Stress besteht? Ob man in der Zweitsprache schlagfertig genug sein wird, und auch in Nuancen den richtigen Ton trifft? Und wenn nicht – wird man dann gnadenlos bloßgestellt? Diese Sorge ist leider berechtigt. Vom leisen hämischen Spott bis hin zu rassistischen Schmähungen reicht das Spektrum möglicher Bestrafungen – wir haben das mittlerweile ja schon oft genug erlebt.

Gesamtgesellschaftlich gesehen, ist das sehr schade. Wir verzichten auf viel. Auf Erfahrungen, Farben, Schattierungen, und auf eine kleine Ahnung von der weiten Welt, die ja längst schon hier ist, in unserem Land.

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