Die Lehrerin Susanne Wiesinger hat mit ihrem Alltagsbericht aus einer Favoritner Brennpunktschule die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Wer ist sie? Und was will sie?

Eine Begegnung für den Falter

Alle Mitspieler in diesem Stück kennen ihre Rollen inzwischen auswendig. Auftritt Lehrerin: Es gibt Probleme in meiner Schule. Konflikte, Leistungsverweigerung, religiöse Spannungen, fehlende Sprachkenntnisse, Gewalt. Die Stimmung ist schlecht. Ich bin erschöpft. Ich brauche Hilfe.

Auftritt Stadtschulrat/SPÖ: Wir dürfen Wien nicht schlechtreden. Es ist alles nicht so schlimm. Die Stimmung ist gut. Wir haben Maßnahmen getroffen. Jede Lehrerin bekommt von uns jede Hilfe, die sie braucht. Natürlich brauchen wir alle mehr Ressourcen. Aber unser Schulsystem ist in Ordnung.

Auftritt FPÖ/Kronenzeitung: Wir haben es immer schon gesagt! Der Horror in Wien! Man kann sein Kind nicht mehr in eine öffentliche Schule schicken! Die Flüchtlinge/die Ausländer/der Islam/die von der SPÖ herbeigeführte Massenmigration sind Schuld! Sozialleistungen kürzen! Jeder, der nicht gehorcht, wird abgeschoben!

Auftritt aufgeklärte Öffentlichkeit: Krone und FPÖ vergiften unsere Gesellschaft. Es hat alles nichts mit dem Islam zu tun. Auch der Katholizismus hat seine negativen Seiten. Ich mag Ausländer. Ich gehe gern türkisch essen. Aber wie es in einer Favoritner Mittelschule zugeht, ist mir ziemlich egal – meine Kinder gehen eh ins Gymnasium.

Dutzende Male wurde dieses Stück in den vergangenen Jahren, mit geringfügig veränderten inhaltlichen Akzenten, bereits aufgeführt. Und was ändert sich? Wer nimmt die Nöte der Lehrerinnen und Lehrer in Wiens Brennpunktschulen ernst, was verbessert sich an den Lebensperspektiven der dortigen Kinder? „Nichts“, sagt Susanne Wiesinger, und rührt in ihrem Eiskaffee. „Manchmal hab ich das Gefühl, sie halten uns wie exotische Zootiere. Wir dürfen in unserem Gehege brav im Kreis gehen, aber mit unserer Existenz belästigen sollen wir bitte niemanden.“ Wiesinger ist Lehrerin seit 30 Jahren, erst in der Volksschule, heute in einer Favoritner Neuen Mittelschule. Sie unterrichtet Deutsch und Musik. Sie sagt: Sie unterrichtet gern.

Jetzt blickt sie auf, und in ihren Augen blitzt es herausfordernd: „Aber wissen Sie was? Mir ist es mittlerweile egal, ob ich jemanden belästige. Alle sollen hören, was in den Schulen passiert, denn das geht alle etwas an. Die ganze Gesellschaft. Das sind unsere Kinder! Die bleiben da! Für die sind wir verantwortlich! Und ich will niemanden mehr aus der Pflicht für diese Kinder entlassen!“

Wiesingers Botschaft ist fürs erste angekommen. Seit einer Woche kennt man ihr Gesicht. Sie hat ein Buch geschrieben (siehe Rezension), das vielerorts bereits ausverkauft ist. Sie gibt Interviews, wird durch Talkshows gereicht. Sie erzählt von ihren Schülerinnen und Schülern: Jugendliche aus benachteiligten, bildungsfernen Verhältnissen allesamt. In deren Leben, mangels anderer Perspektiven, der Islam (bzw das, was ihre Familien dafür halten) eine immer größere Rolle spielt. Sie erzählt, wie sich Kinder bemühen, im Alltag „haram“ und „halal“ penibel auseinanderzuhalten – und andere deswegen zurechtweisen. Sie erzählt vom Überlegenheitsgefühl, das manche daraus ziehen, ein möglichst „guter Muslim“ zu sein. Von der Angst vor Strafen. Und von der Abwehr gegen Themen, die als „unislamisch“ gesehen werden – Lieder, Literatur, Selbstbestimmung, Sexualität.

„Die Kinder verbauen sich dadurch so viele Möglichkeiten in Österreich“, sagt Wiesinger. Und ganz besonders schmerzt sie, wie es den Entfaltungsradius von Mädchen einschränkt. Sie erlebt, wie sie als „Schlampe“ oder „Christin“ geschmäht werden, wenn sie selbstbewusst auftreten. Wie ihnen Klassenkollegen Vorschriften machen, wie sie sich „sittsam“ zu kleiden haben. Wie sie durch Eltern oder Brüder überwacht, bedroht und eingesperrt werden, und manchmal viel zu früh verheiratet.

„Kennen Sie den Film von Michael Haneke, ‚Das Weiße Band’?“ fragt Wiesinger. „Als ich das gesehen habe, musste ich weinen. Ich hab sofort gespürt: Das ist es, was viele unserer Kinder erleben. Schwarze Pädagogik, rigide Moral, die mit Religion gerechtfertigt wird. Sie sind manchmal brutal, weil sie sich keine Gefühle erlauben dürfen. Und ich als Linke, als Feministin frage mich: Wieso lassen wir das zu?“

An dieser Stelle könnte die Debatte in das übliche Blame-Game kippen. Wer ist Schuld? Der Islam oder das Patriarchat? Die gleichgültigen Eltern, die faulen Kinder, die unfähigen Lehrer, das System? Man kann diese Frage aber auch einfach abhaken. Und gleich zur produktiveren Frage übergehen: Was tun wir jetzt, um das zu ändern?

Wiesingers erster Wunsch lautet: Ein gemeinsamer Unterricht, der die religiösen, ethischen, demokratischen und rechtlichen Grundlagen unseres Zusammenlebens behandelt. Anlässlich des islamischen Opferfests erzählte sie ihren Schülern einmal, wie sehr sie sich als Kind fürchtete, als sie die biblische Geschichte von Isaak hörte. Ein Gott, der vom Menschen verlangt, seinen eigenen Sohn zu opfern? Wie grausam muss der sein! Erst staunten die Schüler, dass die ungläubige Lehrerin die Geschichte überhaupt kannte – sie hielten sie für eine exklusiv islamische. Dann konnten sie darüber reden, dass die Geschichte bei ihnen ähnliche Gefühle auslöste. „Wir haben so viel Gemeinsames. Warum weiß das niemand? Warum nützen wir das nicht?“ sagt die Lehrerin.

Diese Art Ethikunterricht müsste der Verantwortung der Religionsgemeinschaften entwunden werden. Er müsste grundsätzliche, verbindende Fragen stellen: Aus welchen kulturellen Traditionen speisen sich unsere Normen und Regeln, wie verändern sie sich? Wo gibt es Ähnlichkeiten zwischen religiösen Geboten und weltlichen Gesetzen, und wie geht man mit Spannungen um?

Zweiter Punkt auf Wiesingers Wunschliste ist: die Ganztagsschule. Mit breiten verpflichtenden Aktivitäten aus Sport, Musik, Kultur, Natur – und zwar für alle. Viele Lehrer und Lehrerinnen in Brennpunktschulen berichten, wie eng das Erfahrungsfeld vieler ihrer Kinder ist. Über das Grätzl, den Park, den Supermarkt und die Moschee reicht es oft kaum hinaus. Die Kontakte vieler Eltern sind auf die eigene ethnische Community begrenzt. Geld ist knapp, und dazu kommen noch die selbst auferlegten Einschränkungen, die religiös argumentiert werden – die Ablehnung von Musik, Biologie oder „unmoralischen“ Büchern, die Skepsis gegenüber gemeinsamen Aktivitäten von Burschen und Mädchen. Was nicht nur die intellektuelle, sprachliche und soziale Enfaltung behindert, sondern auch Lebensentscheidungen und Berufswahl.

Wiesinger meint, man müsse Kindern gewisse Erfahrungen aufdrängen. „In der Raffael- Ausstellung haben sie schön geschaut“, grinst sie, „so viele Nackerte! Aber natürlich hat es sie interessiert.“ Für Kinder, auf die zu Hause nur der Gameboy wartet, ist die Schule der einzige Ort, an dem sie Neues erfahren. Diese Zone müsse man so weit wie möglich ausdehnen. „Im Moment machen wir bloß freiwillige Angebote. Aber genau die Kinder, die es am dringendsten brauchen würden, erreichen wir damit nicht.“

Womit wir, drittens, bei den Pflichten wären. „Wir brauchen in den Schulen klare Regeln, die viel deutlicher kommuniziert und eingehalten werden.“ Anwesenheit im Unterricht, Teilnahme an Ausflügen, Schullandwochen, Turnen und Schwimmunterricht – Wiesinger hält es für unerträglich, wie weit manche Lehrer bereits im Vorfeld zurückweichen, wenn sie Konflikte fürchten. Dass es achselzuckend hingenommen wird, wenn im Ramadan alles lahmliegt. Wenn Mädchen von immer denselben arabischen Ärzten Atteste bringen, um sich vorm Turnen zu drücken. Wenn Hinweise auf Mobbing, Freiheitsbeschränkungen oder gar Gewalt nicht mit aller Konsequenz verfolgt werden.

Wiesinger spürt, dass Familien die lauen Sanktionen, mit denen die Schule auf Regelverletzungen antwortet, oft nicht ernst nehmen. „Ihr seid ist ja schwul“, hat ein Schüler einmal zu ihr gesagt. Sie wolle nicht Law and Order predigen, sagt sie, „aber wir müssen als Gesellschaft unmissverständlich zeigen, was uns wichtig ist. Ich bin sicher: Das leidige Gezerre um das Schwimmen wäre schnell vorbei, wenn es Geldstrafen bei Nichtteilnahme gäbe.“

Mehr Konsens unter Kollegen findet Wiesinger bei ihrem vierten Wunsch: Dass Lehrer und Lehrerinnen, speziell an den schwierigsten Schulstandorten, viel mehr echte Autonomie und Ressourcen bekommen. Dass Pflichtschulen – im Gegensatz zu Gymnasien – nicht einmal eine Sekretariatskraft haben, die bei der Verwaltung hilft, ist ein Skandal. Es braucht Lehrerstunden für intensive Kleingruppenarbeit. Schulpsychologen sind rar – angesichts der vielen Flüchtlingskinder mit traumatischen Geschichten ist das eine besonders akute Lücke. Dringender Bedarf besteht an Sozialarbeitern, die Kontakt zu den Familien halten, sowie an Beratung für verschiedenste Lebenskonflikte. „Die wenigen Wochenstunden, in denen die Beratungslehrerin da ist, wird sie belagert“, sagt Wiesinger . „Die Kinder haben so große Sehnsucht, wahrgenommen zu werden – von jemandem außerhalb der Familie, wo sie keine Angst haben müssen, dass jemand weitertratscht.“

Vielen Lehrkräften in Wiener Schulen fehlt es noch an interkultureller Kompetenz. Sie wissen zu wenig über die sozialen Strukturen anderer Gesellschaften, über die grammatikalischen Strukturen anderer Sprachen, speziell auch über Religionen. „Um zu verstehen, warum Afghanen und Tschetschenen aufeinander losgehen, muss ich wissen, dass Hazara Schiiten sind, was sie von Sunniten unterscheidet, und was das alles mit dem Syrienkrieg zu tun hat“, sagt Wiesinger. „Aber was uns an Fortbildungen angeboten wurde, war teilweise ein Witz“.

Der Bildungsaktivist und Lehrer Daniel Landau gibt zu bedenken, wie schwierig es in der österreichischen Schulhierarchie ist, Hilfe zu bekommen: „Wer Hilfe sucht, dem wird das rasch als Schwäche, Überforderung oder Versagen ausgelegt“, sagt er. Von Kollegen an anderen Schulen zu lernen, könne extrem hilfreich sein. „Wie macht ihr das? Wie habt ihr dieses Problem gelöst? Warum funktioniert das bei euch und bei uns nicht?“ seien jedoch Fragen, die man in unserer Schulkultur viel zu selten stellt.

Mehr Diversität im Lehrerzimmer, mehr Kolleginnen und Kollegen mit verschiedensten Sprachkenntnissen, mit Migrations- oder auch eigenen Diskriminierungserfahrungen wäre dabei hilfreich, stimmt Wiesinger zu. „Vor allem liberale Muslime oder Ex-Muslime sind viel zu wenig präsent“, sagt sie. „Wer manche Konflikte der Schüler aus seiner eigenen Biographie kennt, kann mit ihnen gleich viel glaubwürdiger diskutieren.“

Spezielle Kompetenz kann sich Schule selbstverständlich auch von außen holen – von Vereinen, die zu Themen wie Sexualität, Gewalt, Selbstbestimmung oder Geschlechterrollen Workshops abhalten. Ins Herz des Themas zielen hier etwa die „Heroes“, die sich mit dem fehlgeleiteten Ehrbegriff in patriachal-muslimisch geprägten Milieus auseinandersetzen. Vor einigen Jahren war „Heroes“ schon knapp davor, an Wiener Schulen mit der Arbeit zu starten (siehe falter xy). Im letzten Moment hingegen entzog das Bildungsministerium dem Projekt die finanzielle Unterstützung, ohne Angabe von Gründen. Offenbar hatte die Regierung auf die konservativen Islamverbände gehört, denen die „Heroes“ ein Dorn im Auge sind.

Was wäre denn das allerwichtigste, Frau Wiesinger?

Darüber muss die Lehrerin nicht lang nachdenken. „Durchmischung“, sagt sie. „Kinder jeder sozialen Herkunft müssen miteinander in die Schule gehen. Denn all die Probleme, von denen wir sprechen, haben wir ja überhaupt nur, weil es keine Durchmischung gibt.“

Dass sie recht hat, kann man kühl ausrechnen: In Wien, wo etwa die Hälfte aller Kinder nach Ende der Volksschule in eine AHS-Unterstufe wechselt, bleibt den Mittelschulen nur die bildungsfernere, ärmere und mit sozialen Problemen schwerer beladene Hälfte der Bevölkerung. Drei Viertel dieser Kinder sprechen daheim nicht deutsch, 40 Prozent sind Muslime. Eine „unsichtbare Hand“ sorgt für noch weitergehende Sortierung, verstärkt durch Ablehnung und Diskriminierung an attraktiveren Standorten. Bis es am Ende, in einigen Stadtvierteln und an einigen Schulen, soweit kommen kann, dass Muslime quasi unter sich bleiben, und Möchtegern-Glaubenskrieger den Ton angeben. „Gäbe es rundherum eine Mehrheit von Kindern mit anderen Lebensstilen, hätten die doch gar keine Chance, alles zu dominieren!“, sagt Wiesinger.

Es sei im gesamtgesellschaftlichen Interesse, dass wir diese Abschottung aufbrechen, ist die Lehrerin überzeugt. Die Behörde müsse die freie Schulwahl der Eltern einschränken, und schon bei der Einschreibung auf die Durchmischung achten, „da ist es durchaus zumutbar, dass ein Kind zwei Stationen mit der Straßenbahn in die Schule fährt. Sogar in Favoriten, etwa in Oberlaa, gibt es Schulen, an denen kaum Muslime sind.“ Selbstverständlich ist Wiesinger eine Verfechterin der gemeinsamen Schule der 10- bis 14jährigen. Sie will dabei auch die Privatschulen in die Pflicht nehmen: „Die werden mit öffentlichem Geld finanziert, da müssen sie auch ihren Teil der öffentlichen Aufgaben übernehmen, und Kinder aus unterprivilegierten Verhältnissen aufnehmen.“ Und schon im Kindergartenalter müsse man mit dieser Integrationsaufgabe anfangen. „Dass Wien so viele private Kindergärten erlaubt hat, war die Wurzel vieler Probleme. Das gesamte Bildungssystem gehört in die öffentliche Hand. Am besten mit einer richtigen Schulpflicht, ganztags, ab vier Jahren. Wie in Frankreich, das gefällt mir sehr gut.“

Wiesinger nimmt den letzten Schluck aus ihrem Eiskaffee, inzwischen ist der vorsichtig skeptische Blick einem kämpferischen gewichen. „Das überrascht Sie jetzt, gell?“

Ja, das wird auch viele andere überraschen. Die Rechten, die unter Wiesingers Fahne eigentlich in den Kulturkampf „gegen die Ausländerkinder“ ziehen wollten. Die Wiener SPÖ, die die „gemeinsame Schule“ zwar seit Jahrzehnten in ihrem Parteiprogramm hat, aber nicht wagt, sie mit Nachdruck umzusetzen – aus Angst vor Eltern und Wählern. Die muslimischen Verbände, die zwar wortreich Diskriminierungen beklagen, aber oft ganz gern unter sich bleiben. Und die vielen aufgeklärten Linken, die ihre Kinder in alternative Schulen schicken und klammheimlich gehofft hatten, „gesellschaftliche Integration“ ginge sie persönlich gar nichts an.

Wenn sie wirklich wollen, dass sich etwas ändert, müssten sie alle mittun.

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