Dass der Staat den Religionsgemeinschaften hilft, ihre eigenen Gärtchen abzustecken, ist anachronistisch und absurd. Wir brauchen einen gemeinsamen Ethik- und Religionenunterricht

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Jetzt haben wir also alle die erste Schulwoche hinter uns. Die Woche der Elternabende und der provisorischen Stundenpläne, in der man verzweifelt vor den Libro-Regalen steht und den Unterschied zwischen „Schnellhefter“ und „Flügelmappe“ lernt. Die Woche, in der die Kinder ihren Platz in der Klasse besetzen (möglichst nah bei der Jasmin, möglichst weit weg von der Tür) und ihre Federpennale mit sauber gespitzeten Buntstiften befüllt. In der die Eltern über die vielen Ausgaben seufzen. Es ist die Woche der hunderttausend Zettel zum Unterschreiben. Und vielleicht ist es Ihnen aufgefallen: Für alles gibt es es in den Schulen vorgedruckte Formulare. Für die Nachmittagsbetreuung und die Klassenfotos. Für die Verabreichung von Jodtabletten im Fall eines Atomunfalls und für die Anmeldung zur Legasthenieförderung. Nur für eines ist kein Formular vorgesehen: die Abmeldung vom Religionsunterricht. Da gibt es keinen Vordruck. Nicht einmal Hilfe bei der Formulierung dürfen die Lehrer den Erziehungsberechtigten geben. Denn das wäre eine „Beeinflussung“ oder „Werbung“ für die Abmeldung, und das darf nicht sein.

Überhaupt hat der österreichische Staat, dem Gesetz gemäß, ziemlich viele Pflichten gegenüber den Kirchen: „Religion“ ist ein Pflichtgegenstand und steht an 1. Stelle im Zeugnis. Der Staat zahlt die Lehrer, überlässt den Religionsgemeinschaften jedoch die Inhalte. Er wacht darüber, dass die Religionen sich in der Schule nicht in die Quere kommen: So ist es etwa verboten, dass ein serbisch-othodoxes Kind im evangelischen oder islamischen Unterricht sitzt, und umgekehrt. Nur im Ausnahmefall – wenn sich die Aufsicht gar nicht anders regeln lässt – dürfen nichtgläubige Kinder still in der Klasse sitzen bleiben, während die Gläubigen unterrichtet werden. Trennung ist oberstes Gebot. Auf dass nur ja kein katholisches Kind je erfahren möge, wie Muslime beten! Und kein evangelisches Kind je draufkommt, was an Hannukah gefeiert wird!

Immer absurder mutet dieses Trennungsprinzip an, angesichts einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, die immer vielfältiger wird. Kinder ohne Bekenntnis werden in Österreich jährlich mehr. Ebenso jene Kinder, die vom Religionsunterricht abgemeldet werden – in vielen Wiener Klassen stellen sie bereits die Mehrheit. Entweder, weil den Eltern Religion egal ist. Oder, im Gegenteil, weil den Eltern Religion so wichtig ist, dass sie ihre Kinder lieber zu privat organisierten, häufig noch strenggläubigeren Lehrern schicken. Mit der Folge, dass die Kinder, was ihr Wissen und ihren Erfahrungshorizont betrifft, immer stärker auseinanderdriften.

In Zeiten, in denen gesellschaftliche Konflikte häufig mit religiösen Argumenten aufgeladen und dadurch verschärft werden, ist das kontrapdoduktiv. Man könnte sogar sagen: Es ist verrückt. Wir beklagen zurecht, dass sich die verschiedenen Milieus immer stärker voneinander abschotten. Dass wir immer weniger übereinander wissen, immer schlechter verstehen, was andere bewegt, uns immer weniger in andere hineindenken. Religiöser Fanatismus geht oft mit religiösem Analphabetismus einher. Je größer die Ahnungslosigkeit, desto leichter greift Verhetzung.

Nichts bräuchten wir daher derzeit dringender, als ein, zwei Wochenstunden in der Schule, in denen sich ALLE Kinder GEMEINSAM mit den wesentlichen ethischen Fragen des Lebens auseinandersetzen: Wie entsteht Gemeinschaft, wer gibt einer Gemeinschaft die Regeln, woher stammen unsere religiösen Gebote, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es, wie sehr sind sie in speziellen Kulturen und Zeiten verwurzelt? Wo entsprechen relgiöse Regeln unseren weltlichen Gesetzen, wo gibt es Spannungen und Widersprüche?

So wichtig wäre das alles. Und so schade ist es, dass wir mit dem herkömmlichen, getrennten Schrebergarten-Religionsunterrricht so viel Zeit und Ressourcen vergeuden.

 

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