Immer kleiner wird die Gruppe, aus der wir unser Führungspersonal auswählen. Weil in der Welt der „Follower“ alle viel lieber zuschauen als Verantwortung übernehmen.

presse-kolumne

In der ersten Hälfte meines Lebens war ich der festen Überzeugung, jeder Mensch wolle am liebsten „Bestimmer“ sein. „Der Bestimmer“ – so nannte man das im Kindergarten, auf dem Spielplatz, in der Schule. Es konnte sich beim „Bestimmer“ durchaus auch um Mädchen handeln (die Sichtbarmachung des Geschlechts in der Sprache war damals noch nicht so üblich). Jedenfalls herrschte, wie mir schien, unter allen Kindern Einigkeit: Die Führungsrolle ist stets die attraktivste, die man in einer Gruppe übernehmen kann. Der Bestimmer kann entscheiden, welches Spiel gespiel wird, und nach welchen Regeln. Er kann den anderen ihre Rollen zuteilen, ganz nach eigenem Gutdünken. Er kann belohnen oder bestrafen, Zuwendung schenken oder entziehen. Und wenn er keine Lust mehr hat, kann er einfach Schluss machen und ein neues Spiel ausrufen. Wie beneidenswert das aussah, aus Sicht aller anderen!

Ich nahm diese Überzeugung – in etwas abgeschwächter Form – auch ins Berufsleben mit. Zwar hatte ich begriffen, dass Erwachsene ihren Führungswillen manchmal verbergen. Dass man mit dem Älterwerden lernt, höflich zu sein, Rücksicht zu nehmen, Kompromisse zu machen. Menschen unterscheiden sich, was Charakter und Umgangsformen betrifft. Sie sind unterschiedlich leidensfähig, unterschiedlich ehrgeizig, unterschiedlich liebes- und harmoniebedürftig. Aber tief drinnen, so dachte ich, sei die Antriebskraft in der Erwachsenenwelt dieselbe wie auf dem Schulhof: Dass jeder und jede ganz nach oben will, und dass die attraktivste Rolle darin besteht, allen anderen sagen zu können, wo es langgeht.

Ich habe mich mit dieser Grundannahme geirrt. Aber ein halbes Leben gebraucht, um das zu bemerken.

Mittlerweile bin ich mir sicher: Die allerwenigsten Menschen wollen „Bestimmer“ sein. Die allermeisten sind froh, wenn jemand anderer diese Rolle übernimmt. Wenn man darauf achtet, kann man es in jeder Vereinssitzung beobachten, in jeder Teambesprechung, bei jeder Gruppenreise, jeder Bergbesteigung, und wahrscheinlich auch in jeder politischen Partei: Wenn es drauf ankommt aufzuzeigen, ducken sich die meisten weg. Schauen in die andere Richtung, als ginge sie die Richtungsentscheidung gar nichts an. Kramen nach einem Taschentuch, um nur ja keinen Blick aufzufangen. Es ist nicht taktische Zurückhaltung, die sich Menschen hier auferlegen, und auch keine Höflichkeit. Es ist die tief empfundene Abneigung dagegen, Verantwortung zu übernehmen, und die bange Hoffnung, der Kelch möge an ihnen vorübergehen.

Es ist nämlich um so vieles angenehmer, nicht zu bestimmen. Sich zurückzulehnen, und den Bestimmern in Ruhe zuschauen. Man kann ihre Performance und ihr Outfit bewerten, Haltungsnoten verteilen, Ratschläge geben aus sicherer Distanz. Man kann kräftig applaudieren, solange sie strahlen, sich schneidig fühlen im Windschatten ihres Erfolgs. Gleichzeitig kann man immer alles besser wissen und auf jeden Fehler zeigen (Fehler macht selbstverständlich jeder und jede; je mehr jemand entscheidet, desto mehr.) Wer für x zuständig ist, wird dann gleich auch noch für y und alles andere verantwortlich gemacht. Bis das Publikum sich dann enttäuscht abwendet, und viele gute Gründe formuliert, warum man sich nun unbedingt empören müsse. Warum der Bestimmer, die Bestimmerin die anfängliche Zustimmung gar nicht verdient habe. Warum es ihr ganz recht geschehe, dass sie jetzt so einsam ist, so harsch kritisiert wird, und so tief fällt. Hätte sie sich doch die Führungsrolle gar nicht erst angemaßt!

Und so kommt es, dass die Zyklen zwischen hysterischer Zustimmung und ebenso hysterischem Fallenlassen immer kürzer werden. Dass die ohnehin schon kleine Gruppe jener Leute, die sich eine Führungsrolle überhaupt zumuten, immer schmäler wird. Dass es bald nur noch die Allerhärtesten überhaupt in Erwägung ziehen werden. Oder jene, denen alles egal ist. Ob uns das wohl gut tut?

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.