Tausende Frauen sind versteckt obdachlos. Sie lassen sich ausbeuten, bedrohen, nötigen, um nicht auf der Straße zu landen. Die Aktion #wirtun der Caritas will ihnen helfen.

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Es ist November. Es ist plötzlich kälter geworden. Das spüren nicht nur die Hilfsorganisationen, die über Nacht plötzlich viel mehr Menschen zu betreuen haben als in der warmen, freundlichen Jahreszeit. Das spürt man auch im Straßenbild.

Doch neben den sichtbar Obdachlosen gibt es auch die unsichtbar Obdachlosen. Jene, die zwar irgendwo wohnen, aber unter prekären Verhältnissen. „Prekäre Verhältnisse“ klingt nach einem Begriff aus einem soziologischen Seminar, doch es beschreibt einen sehr konkreten Zustand: Dass man keine Sicherheit hat. Dass man morgens, wenn man aufsteht, nicht weiß, ob man Abend noch ein Dach über dem Kopf hat.

Unter diesen unsichtbaren Obdachlosen sind viele Frauen, oft mit Kindern. Manche bleiben bei einem Mann, obwohl die Partnerschaft unerträglich geworden ist, obwohl sie vielleicht sogar misshandelt werden. Weil der Mietvertrag auf den Partner läuft. Weil sie keine Ahnung haben, wie man eine eigene Wohnung sucht. Weil sie kein Geld dafür haben. Weil sie davon abhängig sind, was ihnen der Partner in die Hand drückt. Weil sie sich von ihm einschüchtern lassen. Weil sie sich schämen, bei Fremden Hilfe zu suchen. Weil sie glauben, für ein Frauenhaus sei Ihre Situation nicht schlimm genug, und fürchten, sie würden dort abgewiesen. Weil ihnen zum Ausziehen die Entschlusskraft fehlt. Weil sie sich vor dem alltäglichen Horror, den sie gewohnt sind, weniger fürchten als vor dem Unbekannten. Weil sie jeden Tag, wenn sie aufwachen, hoffen, es könnte wider Erwarten irgendwann wieder ein guter Tag kommen. Vielleicht auch hoffen sie nur noch, es komme heute nicht gar so schlimm.

Versteckte Obdachlosigkeit kann auch bedeuten: Man hat zwar keine eigene Wohnung mehr, ist aber vorübergehend irgendwo untergeschlüpft. Bei entfernten Verwandten. Bei einem ehemaligen Nachbarn. Bei einem Ex-Freund. Oder bei einer flüchtigen Bekanntschaft, die man am Vortag im Beisl kennengelernt hat: Schließlich ist alles ist besser, als in der Nässe und Kälte im Park zu übernachten. Bei solchen Arrangements müssen Frauen viel von sich hergeben. Sie geben jeden Anspruch auf Intimsphäre auf. Es ist ja selten viel Platz, wenn man in einer fremden Wohnung auf dem Sofa oder auf der Luftmatratze schläft. Man muss sich anpassen. Die Kinder zum Stillhalten ermahnen. Man muss dankbar sei, dass man überhaupt hier sein darf. Dem Gastgeber Wünsche erfüllen, falls er welche äußert. Zu Diensten sein. Man ist ihm schließlich etwas schuldig. Man ist auf sei Wohlwollen voll und ganz angewiesen. Und manchmal geht das das so weit, dass man sich in neue Gewalt und Abhängigkeit hineinmanövriert hat.

Die Caritas hat eine Spendenaktion ins Leben gerufen, um genau diesen Frauen zu helfen. Sie leitet mehrere Einrichtungen, in denen gefährdete Frauen Unterschlupf finden. Sie können dort gemeinsam mit ihren Kindern zur Ruhe kommen, ihr Leben sortieren, und einen Plan fassen, um wieder auf eigene Beine zu kommen. Manchmal braucht es dafür Berufsberatung, manchmal Schuldnerberatung, manchmal Hilfe vom Jugendamt, manchmal anwaltliche Hilfe für eine Scheidung. In anderen Fällen braucht es eine Suchtbehandlung oder psychische Stabilisierung durch Therapie und Medikamente.

Gewalt gegen Frauen ist zwar ein Riesenthema. Politiker aller Weltanschauungen beteuern, wie wichtig ihnen die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen ist. Sogar die Rechten haben, nach Jahren des Misstrauens gegen Gewaltschutzeinrichtungen, umgedacht und schreiben sich neuerdings den Schutz „unserer Frauen“ auf die Fahnen. Dennoch sind jene Mutter-Kind-Einrichtungen, in denen sich die Caritas um genau diese Frauen kümmert, chronisch unterfinanziert. Das Geld, das fehlt, muss aus privaten Spenden aufgebracht werden.

#wirtun heißt die Kampagne – und es gibt kaum etwas Sinnvolleres, als dafür zu spenden, Jetzt, wo es draußen kälter wird, erst recht.

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