Hanna Herbst hat die Taktik des gegenwärtigen Antifeminismus begriffen: Er zielt auf den weiblichen Körper.

Eine Falter-Rezension

Es ist eine der stärksten und folgenreichsten Behauptungen im Patrichat: Dass die Frau Körper sei, der Mann hingegen sei Vernunft. Über Jahrhunderte hinweg haben Religionsgründer, Philosophen und Politiker dieses Gedankenkonstrukt theoretisch unterfüttert. Sie haben der Frau das triebhafte Fühlen zugeordnet, samt allen damit verbundenen gesellschaftlichen Aufgaben (Stillen, Nähren, Fürsorge). Während sie den Mann fürs Denken verantwortlich machten – und damit fürs Regieren, Urteilen, Besitzen und Herrschen.

Sich aus dieser fatalen Zweiteilung zu entwinden, war 150 Jahre lang das wichtigste Anliegen der Frauenbewegung. Frauen sind nicht bloß Körper, sagten Feministinnen. Frauen können ebenso gut denken wie Männer, deswegen sollen sie außer Haus arbeiten, wählen und gleichberechtigt im Gemeinwesen mitbestimmen. Die gerechtere Verteilung von Bildung, Macht, Geld, Arbeit, Zeit zwischen Männern und Frauen war die Arena, in der der zähe Kampf um Gleichberechtigung in den vergangenen Jahrzehnten ausgetragen wurde.

Doch jetzt ist ein feministisches Manifest erschienen, in dem von genau diesen Fragen gar keine Rede ist – sondern beinahe ausschließlich von solchen, die mit dem weiblichen Körper zu tun haben. „Feministin sagt man nicht“, heißt das Buch. Die Journalistin Hanna Herbst hat es geschrieben, bis vor kurzem leitete sie die Österreich-Redaktion des online-Lifestyle-Magazins „vice“.

Es ist ein schickes Buch. Poppig layoutiert, flott, persönlich und präzise formuliert. Es geht um Wichtiges: Schönheit, Selbstbewusstsein, Sex, Übergriffe, Porno. Um das bei vielen Frauen „tief verankerte Gefühl, dem Mann etwas zu schulden“. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich dem männlichen Blick und männlichen Wünschen anpassen. Und um die Frage, warum es Frauen oft so schwer fällt, „Nein“ zu sagen: „Oft ist es wesentlich sicherer und klüger, den Mittelfinger nicht zu zeigen“, gibt Herbst zu bedenken. Denn dann heiße es: „Du Schlampe, ich bring dich um!“ Männliche Versuche, nach einer Zurückweisung wieder die Oberhand zu bekommen, „sind oft unangenehmer, schlimmer oder gefährlicher als jede noch so widerliche Anmache“, schreibt Herbst.

Bei so viel Körperfixiertheit möchte man einwerfen: Das kann doch nicht alles sein! Wo bleiben denn da Arbeit, Macht, Geld und Kinder; wo bleibt die Verteilungsfrage, die Lohnschere, die gläserne Decke, gleichberechtigte Elternschaft und die Quotendebatte?

Doch im Moment der Irritation merkt man bereits: Hanna Herbst hat Recht. Das spielt alles tatsächlich keine Rolle mehr. In genau jenem Moment, in dem das zähe Ringen um Gleichberechtigung fast schon am Ziel war, haben sich die Antifeministen einfach umgedreht und die Arena verlassen. Sie haben keine Lust mehr, über Väterkarenz und Antidiskriminerungsmaßnahmen zu diskutieren. Stattdessen lauern sie den Frauen jetzt vor den Toren der Arena auf, mit einer großen Keule in der Hand, um sie in einem wehrlosen Moment hinterrücks zu überfallen, sie einzuschüchtern und zu demütigen.

Man macht die Frau einfach wieder zum Körper. Zu einem willenlosen Stück Fleisch, das bloß dazu da ist, vom Mann beurteilt, benützt, bestraft und gefickt zu werden. „Grab ’em by the Pussy“, wie Donald Trump es so schön sagte. Denn körperlich verwundbar sind Frauen immer.

„Ein untergehendes Patriarchat ist vielleicht sogar gefährlicher als das Patriarchat selbst“, schreibt Herbst. An diesem Punkt im Geschlechterdiskurs stehen wir im Moment. Lustig ist das nicht.

 

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