Ausländerfeinde ertragen es nicht, wenn Integration irgendwo funktioniert. Man muss den Frieden kaputtmachen, damit alles wieder ins Weltbild passt.

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Die gesellschaftliche Integration von Flüchtlingen und Migranten ist keine simple Angelegenheit – da haben die Rechten Recht. Ganz von selber funktioniert sie selten. Man muss etwas dafür tun: Gute Ideen haben, kommunizieren, sich anstrengen, dranbleiben.

Genau das dachte auch Domenico Lucano, Dorflehrer im kalabresischen Dorf Riace. Ziemlich genau 2o Jahre ist es her, dass an der Küste ein Boot mit 184 kurdischen Flüchtlingen anlegte – Männer, Frauen, Kinder. Die kurvige Landstraße, die vom Meer nach Riace führt, ist sieben Kilometer lang. Lucano brachte die Neuankömmlinge hinauf und überredete sie, zu bleiben. Seine Dorfschule nämlich war vom Zusperren bedroht.

Es gab in Riace damals kaum noch Kinder. Von den einst 3000 Einwohnern war bloß die Hälfte übrig. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren Familien nach Amerika, Australien, Argentinien ausgewandert; in den Sechzigerjahren zogen noch mehr weg, nach Deutschland, Belgien, in die Schweiz, wo es Arbeit gab. Geblieben waren hauptsächlich alte Leute. Sie waren einsam. Die Häuser verfielen. Es regnete durch die Dächer. Die engen Gässchen mit dem Kopfsteinpflaster waren wie ausgestorben. Das letzte Geschäft hatte zugesperrt, die Trattoria ebenfalls. Die Oliven- und Orangenhaine lagen brach, es war niemand da, um die steilen Hängen zu bewirtschaften. Die Flüchtlinge, so Lucanos Idee, sollten neues Leben ins Dorf bringen.

Und so passierte es tatsächlich. Lucano machte die Hausbesitzer in der ganzen Welt ausfindig und handelte Nutzungsverträge für ihre kaputten Häuser aus. Die Schule bekam viele neue Kinder. Lucano wurde Bürgermeister. Er sorgte dafür, dass die Flüchtlinge italienisch lernten, Berufslehren machten, Häuser und Hauptplatz renovierten und sinnvolle Arbeit fanden. Die staatliche Unterstützung (35€ pro Tag) wurde in Form von Gutscheinen ausbezahlt, was direkt den lokalen Markthändlern zugute kam. Die Zahl der Zuwanderer wuchs. Bald eröffneten eine neue Bäckerei, ein Lebensmittelgeschäft, eine Bar, eine Trattoria, eine Töpferei. Äthiopische Frauen flochten Körbe, italienische Frauen brachten ihnen im Gegenzug das Sticken bei. Die alten Leute passten auf die neuen Kinder auf und waren nicht mehr einsam. Auf den steilen Hängen legte man Terrassen an und pflanzte Gemüse; wie in Eritrea, wie in Afghanistan, wie im Irak. Um die Müllabfuhr kümmerte sich eine lokale Kooperative, mit von Eseln gezogenen Karren. Riace wurde berühmt. Bald kamen die ersten Touristen, um sich das Dorf anzuschauen und handgefertigte Souvenirs zu kaufen. Lucano wurde vom Wirtschaftsmagazin Fortune unter die 50 einflussreichensten Menschen der Welt gewählt.

Aber jetzt, unter dem rechtsnationalistischen Innenminister Matteo Salvini, politischer Freund und Gesinnungsgenosse der FPÖ, nimmt die Geschichte ein jähes Ende. Anfang Oktober stand die Finanzpolizei im Morgengrauen in Lucanos Büro und nahm den Bürgermeister fest (wegen „Begünstigung der illegalen Einwanderung“; einer der Vorwürfe lautet: Der Auftrag für die Esel-Müllabfuhr wurde nicht europaweit ausgeschrieben). Er steht nun mit Fußfessel unter Hausarrest. Die 200 Flüchtlinge von Riace sollen in den nächsten Tagen allesamt abgeholt, weggebracht und in staatliche Heime gesteckt werden.

Was einem die Zornestränen in die Augen treiben kann, ist: Niemandem wird es dann besser gehen. Die Häuser werden wieder verfallen, die Trattoria wird zusperren, die Alten von Riace werden wieder einsam sein. Bloß die Ausländerfeinde haben ihre Genugtuung bekommen. Sie haben etwas, das funktionierte, mutwillig kaputtgemacht – weil sie es nicht ertragen können, wenn etwas funktioniert.

Sie müssen schlechtmachen, was gut läuft. Sie wollen Hass, Probleme und Konflikte. Wo es keine gibt, erzeugen sie welche. Und sie werden erst zufrieden sein, wenn sie bewiesen haben, dass es kein gutes Zusammenleben geben kann. In Italien und anderswo.

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