Bildungsminister Heinz Faßmann hält einen Zauberschlüssel für die gemeinsame Schule der 10- bis 14jährigen in der Hand. Schade, dass er ihn wohl nicht benützen wird.

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Politisch-ideologisch gesehen, ist alles klar bei der aktuellen Schulreform: Die Rechten führen in den Mittelschulen Leistungsgruppen ein, um die Linken zu ärgern. Die Linken ärgern sich darüber und lehnen Leistungsgruppen ab. Was aber würde passieren, wenn wir die ideologischen Scheinwerfer kurz abschalteten? Dann täte sich eine unerwartete Perspektive auf. Beabsichtigt oder nicht – mit der Einführung von Leistungsgruppen hat der Bildungsminister nämlich einen Zauberschlüssel ausgepackt, der ein bisher fest verrammeltes Tor aufsperren könnte: das Tor zur gemeinsamen Schule der 10- bis 14jährigen.

Das kommt so: In den ersten Leistungsgruppen der Mittelschulen wird künftig explizit nach „Standard AHS“ benotet. Womit sich die Frage stellt, warum das nicht gleich innerhalb von AHS-Mauern geschehen könnte. Zweite naheliegende Frage: Warum richtet man dann nicht gleich für die AHS-Kinder ebenfalls Leistungsgruppen ein? Speziell in den Städten, wo die Kinder derzeit etwa halbe-halbe auf beide Schultypen aufgeteilt werden – mit der AHS als „Regel-“ und der NMS als „Restschule“ – gibt es in beiden ein weites Begabungsspektrum, das sich natürlich teilweile überschneidet. In einer gemeinsamen Schule könnte man für die Schularbeitsfächer jeweils 2, 3 oder sogar 4 Leistungsgruppen machen, die von Hochbegabungen bis zum speziellen Förderbedarf alles abdecken.

So könnte man gleich mehrere Blockaden gleichzeitig wegräumen, die Eltern, Lehrer und Kinder bisher vor der gemeinsam Schule zurückschrecken lassen. Etwa die Angst von Eltern, die fürchten, ihre superintelligenten Kinder würden von weniger intelligenten Kindern beim Lernen gebremst – mit Leistungsgruppen wären sie ihre Sorge los. Durchschnittlich intelligente Kinder, die derzeit in der AHS überfordert sind; die sich nur mit Nachhilfe und familiärem Druck über Wasser halten, könnten sich genau dort einordnen, wo es für sie passt. Intelligente Kinder aus bildungsfernen Familien, die derzeit oft in der NMS landen, hätten in einer gemeinsamen Schule mehr Ansporn und Vorbilder. Kinder mit Leistungsschwächen in bestimmten Fächern schließlich könnten sich in anderen Bereichen profilieren, und behielten zumindest sozial den Anschluss.

Vorteile brächte das für alle. Es wäre ein faireres, durchlässigeres System – denn die Leistungsgruppe zu wechseln ist einfacher, als die Klasse, den Freundekreis oder gar den Schultyp zu wechseln. Es würde Kindern, denen nicht genau mit neuneinhalb Jahren der Knopf aufgeht, mehrere Jahre Zeit geben, sich hinaufzuarbeiten; dasselbe gilt für Kinder, die mit neuneineinhalb noch nicht gut deutsch sprechen. Es würde die Durchmischung der Milieus verbessern und verhindern, dass sich an manchen städtischen Mittelschulen die sozialen Probleme konzentrieren. In Fächern wie Geographie, Musik oder Fremdsprachen täten die diverseren Erfahrungshintergründe der Kinder den Unterrichtsinhalten gut.

Noten wären aussagekräftiger, weil man nicht nur Durchschnittswerte verschiedener Schulen, sondern auch die Niveaus ihrer Leistungsgruppen vergleichen könnte. Pädagogen und Pädagoginnen von AHS und NMS, deren Ausbildung ja bereits angeglichen wird, könnten ihre jeweiligen Stärken einbringen – und in Leistungsgruppen entweder mehr fachorientiert oder mit mehr pädagogischer Raffinesse arbeiten; vielleicht lernen sie ja sogar voneinander. Den Volksschullehrerinnen würde man den unsäglichen Stress der Kindersortierung in der vierten Klasse von den Schultern nehmen. Und die Vereinfachung der bisher zweigleisigen Schulverwaltung würde riesige Ressourcen freimachen, die man direkt in die Qualität des Unterrichts investieren könnte.

Es wäre das Tor zu einem Jahrhundertprojekt, das Bildungsminister Faßmann hier aufstoßen könnte. Ich vermute, dass seine Bundesregierung, obwohl sie von „Leistung“ spricht, genau das nicht vorhat. Aber warum eigentlich?

 

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