Wie viele Ahnen, die „mit österreichischer Staatsangehörigkeit geboren“ wurden, muss man denn künftig nachweisen, umrichtiger Österreicher zu sein?

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Mit einer erschütternden Meldung begann diese Woche. Sonntag wars, ein trüber, trostloser Novembertag, und die Regierung tat, was sie ansolchen Tagen gern tut: Pressemeldungen ausschicken, die das Wort„Migrationshintergrund“ enthalten, und in denen möglichst abschreckende Dingedrin stehen. Die Profis in den Kommunikationsabteilungen wissen genau, wie dasSpiel funktioniert, nämlich so: Die Redaktionsstuben sind am Wochenende nurschütter besetzt. Pro Ressort hält meist nur ein wackerer Kollege oder einewackere Kollegin die Stellung, muss im Alleingang Meldungen auswählen,gewichten, texten, kürzen, umschreiben, layoutieren, den Überblick behalten.Zeit zum Recherchieren und Nachfragen bleibt da wenig – und wäre auch gar nichtso einfach, weil man ja auch in den Ämtern niemanden erreicht. Und so hat eineNachricht, die die Regierung Sonntags auf den Weg schickt, gute Chancen, amnächsten Tag unüberprüft von allen Zeitungen übernommen zu werden: „Mehrheitder Mindestsicherungsbezieher hat Migrationshintergrund“ steht dann in denseriöseren Blättern; „Neue Zahlen: Mehr Migranten in der Sozialhilfe“ in der„Kronenzeitung“. 60 Prozent „ausländische“ oder „im Ausland verwurzelte“Mindestsicherungsbezieher seien es österreichweit, 68% in Wien.

So arg! denkt man dann. Lauter Ausländer!  Bloß um im nächsten Moment zusammenzuzucken, wenn man merkt: Huch, damit bin ich ja selbst gemeint!

Mittlerweile braucht es nämlich in Österreich nicht mehr viel, um als „ausländisch“ aussortiert zu werden. „Eine Person hat dann Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit österreichischer Staatsangehörigkeit geboren wurde“, teilt das Sozialministerium, wo die Regierungszahlen zur Mindestsicherung herkommen, auf Nachfrage mit. Und meinen Lesern und Leserinnen muss ich jetzt etwas ganz Arges gestehen: Laut dieser Definition gehöre ich dazu. So wie wohl ein großer Teil all der anderen Leute, die Ihnen täglich begegnen – auf der Straße, in der U-Bahn, an der Supermarktkassa, in Ihrem Büro, oder im Wartezimmer beim Arzt.

Wer alt ist, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit „nicht mit österreichischer Staatsangehörigkeit geboren“, sondern in Nazi-Deutschland. Flüchtlinge aus den sudetendeutschen Gebieten, Menschen, die es in den Wirren des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegsjahre nach Österreich verschlug: „nicht mit österreichischer Staatsangehörigkeit geboren“ sind sie allesamt, die Familie unseres Bundespräsidenten gehört dazu.

Auch die jüngere Österreicher-Generation bringt es schnell einmal auf „einen nicht mit österreichischer Staatsangehörigkeit geborenen Elternteil“ – schließlich ist vor dreißig Jahren der Eiserne Vorhang gefallen. Wir leben in der Europäischen Union. Innerhalb des Schengenraums gibt es keine Grenzkontrollen (und keine großen Hindernisse für grenzüberschreitende Liebesbeziehungen). Es gibt Fernreisen und globale Kommunikation, Partnerbörsen im Internet, Erasmus-Stipendien und Schüleraustauschprogramme, transnationale Unternehmen mit Angestellten aus verschiedensten Ländern, ungehinderte Arbeitsmigration innerhalb der EU, und mehrere Generationen von Zuwanderern, die dieses Land mitaufgebaut haben.

Ja, viele Menschen, die heute in Österreich leben, haben „mindestens einen Elternteil, der im Ausland geboren ist“ – weil wir ein kleines Binnenland sind, das von ziemlich viel Ausland umgeben ist. Die meisten dieser Menschen sind österreichische Staatsbürger (falls man ihnen das erlaubt hat), alle sind österreichische Steuerzahler. Manche von ihnen schreiben heute in dieser Zeitungsredaktion. Andere bei der Kronenzeitung. Andere beziehen Mindestsicherung. Wieder andere arbeiten im Sozialministerium und erstellen seltsame Statistiken. Und wahrscheinlich sitzen ein paar von ihnen auch in der Regierung.

Am besten, Sie fragen bei der der nächsten Ministerratssitzung einfach mal durch.

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