Nein, nicht alle Männer fügen sich der Gleichberechtigung der Geschlechter. Manche schlagen zurück, thereotisch und praktisch. Und das kann wehtun.

Ein Falter-Essay

Es ist erst wenige Jahre her, da konnten einem die Männer beinahe leidtun. Durch alle Talkshows wurden sie geschleift, und auf allen Magazincovers abgebildet: Die männlichen Schulversager. Die männlichen Globalisierungsverlierer. Die kranken, arbeitslosen Abgehängten. Männer, das schwache Geschlecht. Verglichen mit den Frauen, die innerhalb von drei Generationen einen rasanten Bildungsaufstieg hingelegt hatten, befanden sich Männer, objektiv betrachtet, tatsächlich auf dem absteigenden Ast. Die jüngeren sahen die patriarchalen Priviliegien, auf die sich ihre Väter noch verlassen hatten können, schneller dahinschmelzen als das Gletschereis im Klimawandel. Die Alternative schien klar: Männer würden sich den neuen Zeiten anpassen und an die Gleichberechtigung der Geschlechter gewöhnen müssen. Oder sie würden untergehen: Mit Alkohol, Selbstzerstörung, Frust, Einsamkeit.

Die Mitleidsbezeugungen erfolgten jedoch zu früh. Das Patriarchat hat sich noch einmal aufgerappelt von seiner Siechenbettstatt, und ist wild entschlossen, allen zu zeigen, wie kräftig es noch ist. Während die fortschrittlich-aufgeklärte Hälfte der westlichen Welt noch über #MeToo, Frauenquoten und Transgendertoiletten diskutiert, haben sich viele Männer längst ausgeklinkt. Sie haben keine Lust mehr, achtsam zu sein. Lieber sind sie zornig. Sie spüren, wie ihnen dabei das Blut in den Adern pocht, und finden das geil. In Internetforen stellen sie fest, dass sie inzwischen ziemlich viele sind. Der Hass auf dieselben Feindbilder (Politikerinnen, Feministinnen, hässliche Frauen, schöne Frauen) schweißt sie zusammen. Sie scharen sich um Gurus. Und hey – sie haben sogar einen der ihren zum amerikanischen Präsidenten gemacht.

Der neue Maskulinismus schaut anders aus als der verknöcherte Konservativismus der Großvätergeneration, obwohl er ideologisch auf genau denselben Beinen steht. Er kleidet sich nicht in Konventionen und Komplimente, sondern zeigt seine trainierten Muskeln. Es gibt ihn in der intellektuellen Variante, in der er sich zum anregenden Partygeplauder eignet, und in der rechtsradikalen, aktionistischen Variante. Dort beginnt man, ohne erklärendes Vorspiel, gleich bei der Gewalt.

So ist der Mann halt, sagt der neue Maskulinismus. Grundaggression steckt in ihm von Natur aus drin. Und je stärker die Gesellschaft/die Frauen/das staatlich verordnete Gendermainstreaming ihn zu zähmen versuchen, desto stärker wird sich die Natur irgendwann wieder Bahn brechen. Und desto schrecklicher wird die Rache sein.

Der intellektuelle Mastermind dieser neuen Männerbewegung heißt Jordan B. Peterson, Psychologie-Professor an der Universität Toronto. Er ist ein gutaussehender Mittfünfziger, graue Locken, buschige Augenbrauen, selbtsicherer Blick, Tweedsakko. Peterson kann reden. Seine Argumente wirft er wie spitze Dartpfeile, auf jeden Treffer ist er stolz. Als klinisch geschulter Psychotherapeut weiß er, wie er in jedem Gespräch die Zügel in der Hand behält. Er genießt es, wenn ihm die Massen zuhören – und das tun sie. Petersons Youtube-Videos werden von Hunderttausenden angeklickt. Wenn er live auftritt, füllt er riesige Hallen. Die linksliberale „New York Times“, politisch auf der Gegenseite verortet, nennt ihn „den derzeit einflussreichsten öffentlichen Intellektuellen in der westlichen Welt.“

Petersons Buch „12 Rules for Life. An Antidote zu Chaos“ hat in der amerikanischen Hardcover-Ausgabe 400 Seiten und wiegt ein halbes Kilo – weit über eine Million Exemplare wurden bisher verkauft. Ende Oktober erscheint es nun auch auf deutsch. Es ist ein Lebensratgeber, das alle Tugenden der amerikanischen Populärwissenschaft vereint: Klare Sprache, starke Thesen; persönliche Anekdoten werden mit Studienergebnissen, Literaturklassikern und Geschichten aus der Bibel verwoben. Der Inhalt, in Kürze: Das Leben ist hart. Es wird einem nichts geschenkt. Leiden macht stärker. Gefahren ebenso. Ohne Disziplin geht alles den Bach runter. Nur wer sich quält, findet Sinn im Leben.

Peterson schöpft dabei aus der amerikanischen Cowboy-Mythologie. Sein karges Heimatdorf, hoch im kanadischen Norden, war im Winter so kalt, dass Schweißtropfen sofort gefroren. Er erzählt von den brutalen Mutproben der Kinder. Von Männern mit der Axt in der Hand. All das bildet ein perfektes Gegenbild zur modernen Konsumkultur, in der verwöhnte Kinder immer alles kriegen, was sie wollen, und zum akademischen Milieu, wo verweichlichte Studierende nach „Safe Spaces“ rufen. Ärmel aufkrempeln statt jammern: So soll es sein, meint Peterson. Und es sei nur fair, dass dabei am Ende die Härteren siegen und die Schwächsten untergehen.

Das können Kinder nicht früh genug lernen. Peterson erzählt etwa, wie er seinen neun Monate alten Sohn, der seinen Brei nie essen wollte, niederrang, um ihm schließlich den Löffel in den Mund zu zwingen: „Es war High Noon. Er wusste es, ich wusste es. Nach einer Stunde war alles vorbei. Es gab Empörung. Es gab Tränen. Meine Frau musste den Raum verlassen. Aber am Ende war das Essen drin. Mein Sohn brach erschöpft an meiner Brust zusammen. Wir machten gemeinsam ein Nickerchen. Und als er aufwachte, war seine Zuneigung zu mir viel stärker als vor seiner Disziplinierung.“

Das gibt einem einen Stich. Wie kann man so etwas gut finden? In der Innensicht von Peterson und seinen Fans ist diese Härte jedoch notwendig. Denn ohne Disziplin ist der Mann verloren. Mannsein heiße: „Klarheit des Blicks, Unbeirrbarkeit, Unabhängigkeit.“ Er brauche Ordnung, Hierarchie, Wettbewerb, Regeln. Die Frau hingegen repräsentiere das Unbekannte, Ungeordnete, Unerforschte; sie bringt Chaos, Geburt und Zerstörung, „die schöne jungfräuliche Mutter ebenso wie die Hexe im Sumpf.“ Verlockend sei das alles für den Mann, aber gefährlich. Denn zu fest umarmt zu werden, „zersetzt den männlichen Mut.“

Dass sich der Mann von der Wildheit der Frau bedroht fühlt, und sich deswegen einen, harten, brutalen Panzer zulegen muss, ist ein Motiv, das der deutsche Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit schon in den 1980er Jahren erforschte. „Männerphantasien“ hieß seine berühmte Studie, in der er die Landser-Literatur von Freischärlern der Zwischenkriegszeit analysierte. Die Angst vor der Entgrenzung, vor der Sexualität, vor dem Verschlungenwerden: Theweleit sah darin eine Wurzel für Autoritätshörigkeit, Rassismus und Faschismus.

Peterson hingegen sieht darin das Gegenteil: nämlich die wichtigste Triebkraft unserer westlichen Zivilisation, die all unsere kulturellen Errungenschaften hervorgebracht hat. Darauf sollten Männer, meint er, stolz sein. „Steh’ aufrecht und drück’ deine Schultern nach hinten“, lautet denn auch seine Lebensregel Nummer 1. Seine weißen männlichen Fans hören so etwas gern. Entlastend fühlt es sich an, befreiend, nach all den Jahrzehnten, in denen sie von feministischen Müttern und Lehrerinnen gegängelt wurden, und in denen man ihnen permanent ein schlechtes Gewissen gemacht hat.

Die „Proud Boys“ in den USA haben genau dieses Gefühl in ein politisches Programm übersetzt. „I am a Western Chauvinist“, lautet der erste Satz ihres Glaubensbekenntnisses. „Men only (born with a penis)“ heißt die einzige Zugangsbeschränkung für den Club, den vor zwei Jahren Gavin McInnes, einst Gründer des Lifestyle-Magazins „Vice“, ins Leben rief. Seither hat das Netzwerk regen Zulauf. Die Proud Boys sehnen sich nach jenen Tagen, in denen „Mädchen noch Mädchen und Männer noch Männer waren“. Ihr Programm zur Rettung Amerikas lautet: Gefängnisse schließen, jedem Mann eine Waffe in die Hand drücken, Hausfrauen ehren, Drogen freigeben, Sozialhilfe abschaffen, Grenzen dichtmachen, Regierung entmachten.

„Die Zeit der Entschuldigungen ist vorbei“, heißt es auf ihrer Website. „Männer sind es leid, sich ständig schämen zu müssen – für Sklaverei, Lohnschere und Diskriminierungen, die vor zwei Generationen passiert sind. Ab jetzt vertrauen sie wieder ihrem Instinkt und lassen ihrem natürlichen Stolz freien Lauf.“ Als konkrete Handlungsanleitung bedeutet das: Nicht mehr selbstmitleidig auf dem Sofa sitzen, Pornos schauen und wichsen. Sondern aufstehen, rausgehen, Frauen aufreißen, öffentliches Territorium zurückerobern, Linke verjagen. Ein ausdrückliches Masturbationsverbot ist Teil des „Proud-Boys“-Ehrenkodex.

Ebenfalls um Sex geht es bei einer anderen Gruppe, den „Incels“. „Incel“ ist die Abkürzung für „involuntary celibate“, also „unfreiwillig sexlos“. Auch die Incels finden sich mit der Gleichberechtigung der Geschlechter nicht ab. Weil Frauen sich ihre Partner selbst aussuchen können und dabei allzu wählerisch seien, fühlen sich die Incels übriggelassen. Das verzeihen sie den Feministinnen (die sie „Feminazis“ nennen) nicht. In Chatforen sinnen sie daher auf Methoden, Frauen in ihre „natürliche“ Rolle zurückzuzwingen und gefügig zu machen: Durch staatliche Frauenzuteilung etwa, Zwangsehen und Scheidungsverbote, durch die Beseitigung erfolgreicherer männlicher Konkurrenten („Chads“) oder Vergewaltigung. Alek Minassian, ein Attentäter, der im April in Toronto zehn Menschen tötete, war einer von ihnen. Sein Terrorakt sollte Startschuss zu einer „Revolution der Incels“ sein.

Nicht ganz so brutal gehen es die „Pickup Artists“ an, eine transnationale maskulinistische Bewegung, bei der es darum geht, so viele Frauen wie möglich flachzulegen. Auch bei deren Menschenbild kreist alles um Rangordnung und Dominanz; Frauen dienen dabei bloß als Mittel zum Zweck. Diese werden auf einer „Hot-Babe“-Skala von 1 bis 10 bewertet, und auf Seminaren werden Techniken vermittelt, sie anzumachen und ins Bett zu kriegen – von NLP bis Manipulation und Hypnose. Wer am meisten schafft, kämpft sich in der männlichen Hierarchie nach oben und wird zum „Alpha“. Stets jedoch lauert bei diesem Sport die Gefahr, von Frauen festgehalten und gezähmt („betaisiert“) zu werden. Weswegen es sehr wichtig ist, nie allzu nett zu ihnen zu sein.

Es sei bei den Menschen eben ähnlich wie bei den Hummern, erklärt Peterson in „12 Rules of Life“: Männliche Hummer seien rund um die Uhr mit Territorialkämpfen gegeneinander beschäftigt. Der Sieger wird durch Serotonin beflügelt und kriegt alles. Beim Unterlegenen hingegen löst sich das Gehirn auf und verwandelt sich in ein Untertanengehirn. Die weiblichen Hummer identifizieren den Sieger sofort, fühlen sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen, buhlen um seine Gunst, wollen sich von ihm begatten lassen. Und weil das Nervensystem des Hummers identisch sei mit jenem des Menschen, funktioniere das bei uns genauso. „Hierarchie ist keine Erfindung des Patriarchats“, sagt Peterson. „Hierarchie ist Natur. Und der Natur muss man sich fügen.“

Die Natur hat zwar auch die Gottesanbeterin hervorgebracht (wo das Weibchen das Männchen nach der Begattung auffrisst). Die Biene (wo Heerscharen entmannter Männchen einer fetten Königin zu Diensten sind). Oder das Seepferdchen (wo das Männchen den Nachwuchs friedlich in seiner Bauchtasche herumträgt).

Aber man kann sich seine klare, unverrückbare, hart erkämpfte männliche Ordnung ja nicht so einfach von weiblich-destruktiven Zweifeln kaputtmachen lassen.

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