Ein Ministerinteview für den Falter, gemeinsam mit Florian Klenk

Heinz Fassmann ist körperlich der größte Minister dieser Regierung. Auf seinem Feld, in der Bildungspolitik, kreuzen sich wesentliche Konfliktlinien: Die Wirtschaft klagt über Jugendliche, die ihre Schulpflicht absolvieren, ohne schreiben und rechnen zu lernen. Lehrer und Lehrerinnen klagen, die Allgemeinheit halse ihnen zu viele gesellschaftliche Integrationsaufgaben auf. Die FPÖ versucht, den anti-islamischen Kulturkampf in die Klassenzimmer zu tragen. Der Bildungsminister versucht, sich zwischen all diesen Fronten als parteifreier Fachmann zu positionieren. Für die Einrichtung von separaten Deutschförderklassen und die Wiedereinführung von Noten und Leistungsgruppen musste er jedoch viel Kritik einstecken. „Retro-Politik“, hieß es.

 

Herr Minister, wo sind Sie in die Volksschule gegangen?

In die Währingerstraße 38 im 9. Bezirk, beim Arne-Karlsson-Park. Die Schule gibt es heute noch.

 

Wären Sie damals in einen Dornröschenschlaf gefallen, und wachten heute dort auf, was hätte sich seit damals verändert?

Gar nicht so viel. Wir hatten in der ersten Klasse eine gemeinsame Note für alle Fächer. Ich hatte eine sehr engagierte Lehrerin, die Frau Juhac. Wir waren damals aus Deutschland nach Wien übersiedelt, mein Vater war gestorben, ich hatte Schwierigkeiten mich einzugewöhnen, es war nicht einfach für mich. Aber die Lehrerin hat meine Mutter damals richtig beraten. Sie hat gesagt: Der Heinz muss weiterlernen, aufs Gymnasium gehen.

 

Das war nicht selbstverständlich?

Nein, vom Elternhaus her nicht.

 

Es ist also Zufall, dass Sie heute Minister sind und nicht Bauarbeiter?

Ja, mag sein. Dass man Minister wird, ist immer Zufall. Aber als Bauarbeiter hätte ich mich nicht bewährt. Um eine Künette auszuheben, wären die körperlichen Hebel zu ungünstig.

 

Hatten Sie als Kind Angst vor Noten?

Eher vor dem Elternsprechtag.

 

Haben Sie wegen der Noten mehr gelernt?

Ich wollte bessere Noten, weil meine Mutter sich drüber gefreut hat. Welches Kind will das nicht? Wie beim Sport. Ich war auch stolz, wenn ich 20 Punkte in einem Basketballmatch gemacht hab.

 

Schon damals war es für einen Neunjährigen offenbar sehr wichtig, dass er in die AHS kommt und nicht in die Hauptschule.

Meine Schwester ist in die Hauptschule gekommen, nachher in eine Bundeslehranstalt, hat Matura gemacht und ist Lehrerin geworden. Das zeigt, wie durchlässig das System ist.

 

Aber würden Sie ihr Kind heute in eine Wiener Mittelschule schicken?

Ich würde es davon abhängig machen, was es kann. Wenn ich sehe, es würde in einer AHS schnell scheitern, würde ich ihm die Frustration ersparen wollen.

 

Ich würde das mit meinen Kind nie tun. Verstehen Sie das?

Ich komme gerade aus der NMS Koppstraße in Ottakring. Der sogenannte Ausländeranteil liegt bei 95%. Es ist eine hervorragende Schule. Eine Laptopschule, bilingual. Ich hab mich mit den Kindern der dritten Klasse auf englisch unterhalten, auf einem wirklich guten Niveau.

 

Warum kenne ich dann kein einziges Kind aus einer Akademikerfamilie, das in eine Wiener NMS geht?

Ich weiß um das Image der NMS. Alle sagen: Das ist eine Restschule. Aber die Stigmatisierung ist unfair, eine self fulfilling prophecy. Ich will mehr Vertrauen in diese Schulform herstellen. NMS müssen technisch und architektonisch aufgewertet werden, etwa mit neuen Turnsälen, das zieht Eltern an. Sie sollen die Möglichkeit zur Profilierung haben – Musik. Informatik, Sport. Allen, die die vierte Klasse verlassen, sollen alle Möglichkeiten offenstehen. Deswegen haben wir jetzt auch die Leistungsgruppen eingeführt. Damit schafft man die strenge „Entweder-oder“-Entscheidung ab, und baut eine Brücke.

 

Aber warum macht man innere Differenzierung nur in den Mittelschulen? Warum nicht auch in den Gymnasien? Und wenn man dann schon überall Leistungsgruppen hat – warum dann nicht gleich in einem gemeinsamen Schulgebäude?

Differenzierung ist notwendig. Wir behandeln Kinder ja nicht mehr wie Rekruten bei Militär, sondern gehen auf ihre Verschiedenheit ein. Ob das in einem gemeinsamen Gebäude stattfinden soll, ist eine zweite Frage.

 

Die Sie wie beantworten?

Das mag in einer späteren Zeit anders entschieden werde. In dieser Legislaturperiode gilt das Regierungsprogramm, und daran werde ich mich halten.

 

Halten Sie die gemeinsame Schule der 10- bis 14jährigen also für sinnvoll oder nicht?

Ich bin kein Bildungswissenschaftler. Meine Expertise ist die Demographie, die Geographie, daher entziehe ich mich der Frage.

 

Sie meinen: Die gemeinsame Schule wäre vernünftig, ist aber politisch derzeit nicht durchführbar.

Das habe ich so nicht gesagt. Vielleicht bin ich auch zu lebenserfahren. Ich habe die gemeinsame Schule in den USA erlebt, mit meinen eigenen Kindern, und wenn man genauer hinschaut, sieht man: Es gibt immer informelle Differenzierungen.

 

Sie haben in einem „profil“-Gastkommentar darauf hingewiesen, dass zu viele Kinder die Volksschule ohne die notwendigen Grundkenntnisse verlassen. Wer ist daran Schuld?

Ich kann nicht locker sagen: Dieser oder jener ist schuld. Wir haben ein im Prinzip gutes Schulsystem, aber ernsthafte Schwierigkeiten. Leider können wir uns nie drauf einigen, diese Schwierigkeiten einmal konsensual festzustellen. Sie kommen immer als Vorwurf daher, Opposition gegen Regierung, Bund gegen Wien, wer auch immer grad an der Macht ist. Aber es ist keine offene Diskussion darüber möglich, woran es genau mangelt.

 

Woran mangelt es denn?

Natürlich spielt Migration eine große Rolle. Bei der Gastarbeiterzuwanderung haben sich bestimmte Milieus reproduziert. Die Familie, die nachzieht, hat meistens einen ähnlichen Bildungsstatus wie der, der schon da ist. Das ist völlig normal, man heiratet ja auch bei uns innerhalb einer ähnlichen sozialen Schicht. Es gibt einen großen Unterschied zwischen High Performern und Low Performern: Das kennzeichnet Österreich.

 

Und es mangelt an sozialer Durchmischung. Was kann Wien da tun, solange es keine gemeinsame Schule gibt?

Das beginnt bei der Stadtplanung. Schulsegregation ist eine Folge der Wohnsegregation. Sie können ganze Stadtteile und deren Schulen aufwerten, wenn sie für eine gemischte Sozialstruktur sorgen.

 

Das tut Wien doch sehr intensiv.

Das „sehr“ würde ich bei diesem Satz rausnehmen.

 

Naja, das Hauptbahnhof-Gelände, die Aufwertung des Ankerfabrik-Viertels, der Verteilerkreis, die Verbesserungen in Ottakring, im Stuwerviertel, das neue Nordbahnhof-Gelände, die Siedlungen an der Neuen Donau: Da passiert doch eine gezielte Durchmischung, wie einst mit den Gemeindebauten in Nobelbezirken.
Dennoch ist etwa die Segregation in türkisch dominierten Wohnvierteln sehr hoch. Dazu kommt das Ausweichverhalten jener Österreicher, die zwar gern dort wohnen, aber die „Ausländer-Schule“ nebenan meiden.

 

Die meisten Ressourcen müssten dorthin fließen, wo die größten Herausforderungen sind. Das ist aber nicht so. Laut einer IHS-Studie liegt Wien, was die Ressourcen pro Schüler betrifft, an allerletzter Stelle.

Oho, interessant! Die Ressourcen sind über den Finanzausgleich geregelt. Auf 15 Kinder kommt durchschnittlich eine Lehrperson, in den Wiener NMS kommt eine auf zehn Kinder. Plus Zuschläge für Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Wien hat relativ viele Ressourcen.

 

Die Studie stimmt nicht?
Nein.

 

Wir kennen aber alle eine Wiener Lehrerin, die allein in einer Klasse mit 25 Kindern steht, zwei davon sind psychisch auffällig, drei mit existenziellen familiären Problemen, einige verstehen kein Wort deutsch, andere sind traumatisiert, und die Lehrerin sagt: Ich schaff das nicht alles allein!

Ja, die kenne ich auch. Und frage ich mich dann selber, wenn ich die Zahlen aus dem Finanzausgleich sehe: Wo sind die 11.000 Lehrer und Lehrerinnen, die Wien zugeteilt sind?

 

Ja, wo?

Ich weiß es nicht! Ich habe das Gefühl, die Ressourcen kommen nicht immer dort an, wo sie gebraucht werden. Wir brauchen ein Controlling. Ich will herausfinden: Wo ist Hans Müller? Steht der in der Koppsstraße in der Klasse, oder sitzt er irgendwo in der Schulverwaltung?

 

Und was sagen Sie der überforderten Lehrerin? Bekommt sie Hilfe?

Wir brauchen strategische Entscheidungen: Gebe ich allen immer das gleiche, oder lenke ich Ressourcen, zeitlich befristet, dorthin, wo sie am dringendsten gebraucht werden.

Wir versuchen gerade herauszufinden, wo die meistbelasteten Schulen sind – und da geht es nicht um den Migrationshintergrund, sondern auch um andere Faktoren. Dort soll es Leuchtturmprojekte geben, wie bei der „London Challenge“. Wir müssen die Probleme mit Wien lösen, nicht gegen Wien.

 

Man gewinnt aber den Eindruck, dass es für die türkis-blaue Regierung verlockend ist, mit dem Finger anklagend auf das rote Wien zu zeigen. Ist in der Regierung nicht vielleicht insgeheim jemand froh, wenn in Wien die Schulprobleme eskalieren?

Ich habe nie ein Wien-Bashing betrieben und den Wiener Bildungsstadtrat nie kritisiert. Ich weiß, dass man die Integrationsaufgabe nur gemeinsam lösen kann. Das Bashing empfinde ich aber oft auch umgekehrt: Wien sieht sich sehr gerne als Gegenmodell zu Schwarz-Blau. Ich habe das bei den Deutschförderklassen bemerkt, wo man mein Projekt heftig bekämpft hat, obwohl es manche Lehrer dringend wollten.

 

Der Bund gegen Wien: Das war auch der dahinterliegende Konflikt bei der umstrittenen Studie über die islamischen Kindergärten von Ednan Aslan. Mitarbeiter von Kanzler Kurz hatten in den Text inhaltlich hineinredigiert. Wo lagen damals Ihre Sympathien?

Es ist schwierig, als Wissenschaftler die richtige Distanz zur Politik zu finden. Dafür geben wir den Wissenschaftlern kein Rüstzeug mit. Man verlangt von ihnen: Kümmert euch um gesellschaftlich relevante Dinge. Aber wie man dann mit dem öffentlichen Interesse umgeht, mit den Medien, mit der Politik, wie man sich dagegen wehrt, sich vereinnahmen zu lassen – das sagt man ihnen nicht. Das war damals eine Überforderung, keine Frage.

 

Sie sind jetzt gleichzeitig Wissenschaftler und Politiker. Offenbar ist das nicht so einfach.

Ich war vorher schon Universitätsfunktionär. Da lernt man eine gewisse Disziplin und Loyalität. Die muss man auch der Regierung angedeihen lassen.

 

Sie sind nun ein Jahr Minister. Womit waren Sie unzufrieden? Kickls Medienerlass? Der Auftritt von Vladimir Putin bei Karin Kneissls Trachtenhochzeit?

Ich will nicht der Oberlehrer der Regierung sein. Aber ja, da ist sicherlich nicht alles optimal gelaufen. Andererseits muss man auch fair sein: Die FPÖ hatte keinerlei Regierungserfahrung. Der Rollenwandel ist nicht einfach, das sehe ich auch bei mir selbst.

 

Zucken Sie manchmal zusammen, wenn Sie rassistische Wortmeldungen Ihres Koalitionspartners hören? Nehmen wir den Vizekanzler: er postete kürzlich ein Bild mit Kopftuchmädchen, schwarze Balken vor den Augen, davor ein durchgestrichenes Geldbündel, das die eingesparte Familienbehilfe symbolisieren soll. Das ist doch glatter Rassismus.

Das ist nicht mein Stil. Aber wenn man hier ständig öffentlich Protest anmeldet, wäre es der Anfang des Endes einer Regierungszusammenarbeit.

 

Sagen Sie nicht-öffentlich etwas dazu?

Nein, diese Dinge werden im Ministerrat nicht besprochen.

 

Selbst wenn es in Ihren Bereich fällt? „Schweinefleischverbot in den Schulkantinen“, „Mädchen, die im Ramadan nichts lernen“. Diese xenophoben Frames betreffen doch die Schule. Wieso erwidern Sie nichts?

Muss ich mich in jede Aufregung einmischen?

 

Es ist ihr Feld, es sind Schulkinder, Ihre Lehrerinnen und Lehrer, gegen die hier kampagnisiert wird. Wo endet die noble Zurückhaltung und wo muss man hineingrätschen, wenn in der öffentlichen Arena gefoult wird?
Ich erhebe meinen Einspruch durch sachliche Politik. Ich kommuniziere, dass ein geeintes Europa als Bildungs- und Forschungsraum wichtig ist. Ich fürchte fast, dass ich mir beim Hineingrätschen einen Meniskusschaden holen würde.

 

Interview: Sibylle Hamann, Florian Klenk

 

 

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