Sibylle Hamann

Beginnen wir mit der Normalität. Besser: Mit jenem Zustand, den wir in der Öffentlichkeit als „normal“ empfinden. Wir erinnern uns noch an die Zeit, in der die Grünen noch im Parlament saßen: Eine Partei, die gleich viele Männer wie Frauen auf ihren Listen hatte, hintereinander angeordnet nach dem Reißverschlussprinzip. Diese Partei hatte eine Parteichefin, eine Vizebürgermeisterin, zweitweise noch eine EU-Spitzenkandidatin. Und schon wurden alle ganz unrund. Ja darf denn das sein? Hat man als Mann bei denen denn bald gar keine Chance mehr? Bei Sympathisanten aller anderen Parteien spürte man beinahe Mitgefühl mit den benachteiligten, zurückgesetzten, ausgebooteten grünen Männern. Man hätte jeden verstanden, der sich aus dieser Partei frustriert verabschiedet hätte. Und als dann das Desaster folgte, und die Partei aus dem Parlament flog, spürten nicht wenige eine versteckte Genugtuung: Kein Wunder, dass es so kommen musste. Eine Patei mit so vielen Frauen – da war ja irgendwie klar, dass ein bitteres Ende folgen musste.

Ähnlich die Irritation in der deutschen CDU, nach dem angekündigten Rückzug von Angela Merkel von der Parteispitze. So viele Jahre lang hatte Merkel jetzt schon regiert. Eine ganze deutsche Kindergeneration war aufgewachsen mit einer Frau als Kanzlerin. Nach ihrem Abgang, so viel war vielen CDU-Sympathisanten klar, würden der Ausnahmezustand wieder beendet, und die Normalität mit einem männlichen Nachfolger wiederhergestellt. Als es anders kam, und auf eine weibliche CDU-Chefin eine weitere Frau als Chefin folgte, was die Irritation nicht nur in der Partei, sondern auch in weiten Teilen der Öffentlichkeit spürbar: Konnte das wirklich sein? Durfte das sein? War da irgendein Irrtum passiert? Wäre es denn nicht logisch gewesen, den Ausnahmezustand nach so vielen Jahren endlich zu beenden und das gewohnte Bild der Partei wiederherzustellen?

In bedein Fällen wurde deutlich: Männer haben ein feines Sensorium für Gerechtigkeit – nicht nur in den Parteien, sondern auch in der Wirtschaft, in der Wissenschaft und in den Medien. Einen 50:50-Anteil von Männern und Frauen empfindet man in all diesen Bereichen schnell als unerträgliche Benachteiligung. Als Betriebsstörung. Da kratzt es, da zwickt es, da rutscht das Publikum nervös auf ihren Sesseln, man fühlt sich unrund, weil irgendetwas nicht stimmt im Raum. Erst bei einem Männeranteil von 70:30 oder 80:20 ist die Störung behoben, und es entspannen sich alle. Denn ungefähr hier liegt das gefühlte Gleichgewicht im Geschlechterverhältnis.

Sie kennen dieses gefühlte Gleichgewicht aus Sitzungen, Konferenzen, von Podien und aus dem Fernsehen. Solange in einer Männerrunde bloß eine einzige Frau am Tisch sitzt, und sei es die Moderatorin, passt alles und lullt uns ein. Sobald eine Frau zwei Frauen interviewt, schrecken wir hoch und rätseln, durch welche Verkettung von Zufällen diese auffällige Häufung wohl zustande gekommen sein könnte.

Wir haben uns an die dramatische 80:20 Schieflage so sehr gewöhnt, dass sie uns normal erscheint, und das reale Gleichgewicht als verdächtig. Das verrät, dass wir eine – über Generationen hinweg vererbte – Wahrnehmungsstörung haben.

Daraus folgt jedoch, dass wir uns unsere Wahrnehmung nicht verlassen können, wenn es darum geht, Gerechtigkeit herzustellen. Wir müssen nachmessen und überprüfen, ob unser Gefühl uns vielleicht trügt. Heimwerkern geht es da ganz ähnlich: Wer schon mehrmals versucht hat, nach Augenmaß Regalbretter in die Wand zu schrauben, die sich nachher als extrem schief herausgestellt haben, nimmt beim nächsten Mal vielleicht doch besser eine Wasserwaage zur Hand; ein simples, hilfreiches Werkzeug, das einem objektiv zeigt, wie weit man mit seinem Gespür daneben liegt.

Im Geschlechterverhältnis heißt dieses Werkzeug “Die Quote”.  Diese ist – zugegeben – unelegant, aber gleichzeitig unbestechlich. Sie ist ein nützliches, simples, hilfreiches Messinstrument, das einem zeigt, wo der Normalwert im Geschlechterverhältnis liegen sollte: bei 50:50 nämlich – und wie groß im konkreten Fall die Abweichung von diesem Normalwert ist. In diesem Sinn könnte man sagen: Die Quote ist eine produktive Störung unseres schiefen Gleichgewichtssinns. Es kommt nämlich nicht immer bloß auf die Inhalte, die Qualität, die Qualifikationen oder die Persönlichkeiten an (wie häufig gern behauptet wird), sondern oft tatächlich zunächst einmal auf die absoluten Zahlen.

Die Zahl Eins ist in vielen Konstellationen höchst problematisch: Die erste Frau, die einzige Frau in einem männerdominierten Studium, an einer männerdominieren Uni, in einem männerdominierten Gremium, in einem Saal voller Männer – das ist eine ausnehmend schwierige Rolle, die von vornherein nur für ganz besondere Charaktere überhaupt in Frage kommt. Die einzige Frau in einer Männerrunde wird – ebenso wie der einzige Mann in einer Frauenrunde – immer als etwas besonderes empfunden, als Abweichung von der Norm, als Störung. Sie kann sich sicher sein, dass sie öfter angeschaut wird als andere. Dass sie unter Beobachtung steht. Außerdem wird ihr stets die Last aufgebürdet, stellvertretend für ALLE Frauen am Tisch zu sitzen. Stets muss sie “als Frau” Position beziehen. Kann sich nicht zurückziehen in die schützende Masse. Der einzigen Frau im Aufsichtsrat geht es dabei nicht viel anders als dem einzigen Mann im Kindergarten. Scheitert sie, dann scheitert sie nicht bloß als Individuum, sondern stets auch als Vertreterin ihres Geschlechts. Um diesen Druck weiß man. Den spürt man schon, bevor man eine Position als Pionierin überhaupt angeboten bekommt. Darf man sich tatsächlich wundern, dass viele Frauen zögern, diese Rolle anzunehmen?

Erst ab einer gewissen kritischen Masse können Frauen in der Öffentlichkeit so agieren, wie Männer das ganz selbstverständlich zu tun gewöhnt sind: Sie können unauffällig sein. In einem Raum mit vielen Geschlechtsgenossinnen können sie, wenn ihnen grad danach ist, kurz mal in der Masse verschwinden und so tun, als seien sie gar nicht da. Sie können sich hintereinander verstecken, ohne dass es auffällt. Sie können einander zustimmen, ohne dass sofort der Verdacht im Raum steht, sie würden ein feministisches Komplott aushecken. Umgekehrt können sie auch verschiedener Meinung sein, ohne dass dies gleich als „Zickenkrieg“ denunziert wird.

Erst eine gewisse kritische Masse von Menschen beiderlei Geschlechts in allen Bereichen des Lebens und auf allen Hierarchiebenen verschiebt nämlich das gefühlte Gleichgewicht. Sie erlaubt es Menschen, aus ihrer vorgergründigen Rolle als Geschlchtsrepräsentanten herauszutreten und als Individuen wahrgenommen zu werden – in all ihrer Verschiedenheit. So entstehen neue Erahrungen, neue Wahrnehmungsgewohnheiten, und all das schreibt sich ins kollektive Normalitätsgefühl einer Gesellschaft ein. 

Deswegen bleibt diese feministische Störung kein Selbstzweck. Die Quote dient nicht nur dazu, mehr Geschlechtechtergerechtigkeit herzustellen. Sie dient, ganz nüchtern und kapitalistisch betrachtet, auch dazu, die Qualität des Outputs zu verbessern. In den Führungsetagen amerikanischer Konzerne weiß man das längst, denn man hat nachgerechnet: Je vielfältiger Entscheidungsgremien besetzt sind –  sei es in der Produktentwicklung, in der Unternehmensstrategie oder im Marketing – desto besser sind die Entscheidungen, die es trifft. Dasselbe gilt für Wissenschaft und Politik: Eine Gruppe aus Menschen desselben Geschlechts aus derselben Generation, mit ähnlichem sozialem Hintergrund und ähnlichem Lebensstil, verfügt, kollektiv gesehen, nur über einen sehr mageren Erfahrungsschatz. Das fühlt sich zwar heimelig an, schränkt jedoch die möglichen Blickwinkel ein. Es mindert die Chance, unter tausenden möglichen Fragestellungen die wirklich relevanten zu finden. Und unter tausenden möglichen Entscheidungen die wirklich beste zu treffen.

Die feministische Störung unserer Gewohnheiten ist somit höchst produktiv. Es lohnt sich, sie zuzulassen. Auch wenn es sich im ersten Moment ungewohnt und kratzig anfühlt, wie ein neuer Pullover.

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