Die Massenunruhen in Frankreich zeigen: Niemand kann sich mehr drauf verlassen, dass brave Bürger immer Ruhe und Ordnung wollen. Bloß: Was wollen sie stattdessen?

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Vermummte Gestalten ziehen durch die Boulevards, schlagen Fensterscheiben ein und plündern Luxusgeschäfte. Sie stecken Autos und Barrikaden in Brand. Sie besetzen den Arc de Triomphe, das Symbol französischen Nationalstolzes, und beschmieren ihn mit ihren Parolen. Sie stellen sich Wasserwerfern und Tränengas entgegen und verweigern jeden Dialog mit der Regierung. Derartige Szenen ist man, auch im streik- und demonstrationsfreudigen Frankreich, normalerweise nur von Rechts- oder Linksradikalen gewohnt. Von Neonazis oder Autonomen. Von ausgegrenzten Randgruppen, oder von einem demoralisierten Unterklasse-Mob, der nichts mehr zu verlieren hat.

Doch was in diesen Tagen passiert, ist anders. In Frankreich toben nicht die Ränder, sondern die Mitte der Gesellschaft. Jene, die da mit zornverzerrten Gesichtern ihre Parolen brüllen, sind Angestellte und kleine Gewerbetreibende, Hausfrauen, Pensionisten, Arbeiterinnen und Pendler. Sie wohnen nicht in Elendensquartieren, sondern in den weniger schicken Vororten Frankreichs, in Reihenhaussiedlungen, Dörfern und Häuschen mit Vorgarten. Bis vor wenigen Tagen hätte man sie noch „ganz normale Leute“ genannt.

Was diese Menschen eint, ist die Wut. Auf die Regierung, die plant, per 1. Januar die Steuern auf Benzin und Diesel zu erhöhen. Auf „die da oben“, die Reichen und Mächtigen generell. Auf den feschen Präsidenten mit seinen feinen Manieren und feinen Anzügen. Auf die Medien. Auf die Polizei. Diese Menschen sind wütend, weil sie jeden Monat merken, dass ihr Geld nicht reicht. Weil sie das Gefühl haben, dass es auf der Welt ungerecht zugeht. Weil ihre Alltagsprobleme in der Öffentlichkeit zu wenig vorkommen, und sich niemand dafür interessiert. Weil sie sich ohnmächtig fühlen. Und weil die spüren, dass der wilde Protest ihnen plötzlich Macht verleiht.

Sagenhafte 84 Prozent der Bevölkerung halten den Protest der „gilets jaunes“ für gerechtfertigt. Wogegen die Bewegung jedoch genau protestiert – das kann sie selbst nicht sagen. Mit billigerem Benzin allein wird sie wohl kaum zu besänftigen sein. Was aber will sie dann? Den Rücktritt des Präsidenten? Eine Unterwerfungsgeste seinerseits? Weniger Steuern, mehr Sozialleistungen (und wie passt das zusammen)? Die Enteignung der Reichen? Wird sie erst mit der Abschaffung von Kapitalismus und Globalisierung zufrieden sein? Oder reichen Würstel und Freibier für alle?

Es scheint, als ginge es überhaupt nicht um Ziele. Vielmehr geht es um die Bewegung an und für sich. Um die machtvolle, verführerische, ansteckende Energie, die entsteht, sobald man merkt, dass man nicht mehr allein ist: „Wir schaffen es, denen da oben, die sonst immer so souverän wirken, Angst einzujagen! Sie wissen nicht mehr, was sie tun sollen, und kein Doktorat von irgendeiner Elite-Universität kann ihnen mehr helfen!“ Endlich kommt man vor. Endlich macht man einen Unterschied. Endlich wird man gehört, gesehen, wahrgenommen. Endlich ist man wieder jemand.

Wir sind es gewöhnt, in der „Mitte der Gesellschaft“ eine alles bestimmende Sehnsucht nach Stabilität zu verorten. In der Mitte seien die braven Bürger zuhause, glaubte die Politik seit den Wirtschaftswunderjahren der Nachkriegszeit. Brave Bürger, meinte man, wollen stets Ruhe, Regeln, Ordnung. Mit Arbeit, Konsum, ein paar kleinen Statussymbolen und ein bisschen Unterhaltung seien sie zufrieden, und würden mit all ihrer geballten Kraft stets darauf beharren, dass alles so bleibt, wie es ist. Gefahr für die Stabilität drohe stets nur von den Rändern: von Fremden, Außenseitern, linken und rechten Extremisten, religiösen Fanatikern. Um Ordnung im Staat und ein gedeihliches Miteinander aufrechtzuerhalten, müsse Politik daher stets alles daransetzen, die Mitte gegen die Ränder zu stärken.

Die gilets jaunes zeigen uns nun: Das war ein fataler Irrtum. Die stabile Mitte gibt es nicht mehr.

 

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