Die großen Tech-Konzerne schaffen es immer wieder, Steuergeld in die eigenen Kassen zu schaufeln. Ein paar Gedanken vor Beginn des großen Kaufrauschs

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Wer in Queensbridge wohnt, ist nicht auf die Butterseite des Kapitalismus gefallen. Von den schicken Kaufhäusern Manhattans ist man hier zwar nur zwei Stationen mit dem F-Train entfernt. Doch Queeensbridge ist eine Sozialbausiedlung. Schmutziggraubraun stehen die Y-förmigen Wohntürme aus dem Jahr 1939 da. Die 3500 Wohnungen sind selbst für New Yorker Standards eng – und das will etwas heißen. Rohre und Leitungen sind schlecht, im Winter fallen regelmäßig Heizung und Warmwasser aus. Die schlimmsten Zeiten von Queensbridge, mit Crack-Epidemie und Bandenkriminalität, sind zwar vorbei. Doch die Berufsziele der heutigen Jugendlichen lauten wohl immer noch: Rapper, Dealer, Basketballer. Genau hier, gleich neben Queensbridge, will Amazon demnächst  – begleitet von lautem Widerstand der Bevölkerung – sein zweites Hauptquartier bauen. Die Geschichte, wie es dazu kam, ist ein Lehrstück darüber, wie es um das Machtverhältnis zwischen solchen Konzernen und der öffentlichen Hand steht.

Szene 1: Amazon wird es in seiner Konzernzentrale in Seattle zu eng. Amazon-Chef Jeff Bezos lädt Städte aus ganz Amerika ein, sich als neue Standorte zu bewerben. 238 tun das. Sie hoffen auf Arbeitsplätze, Infrastruktur und Renomee – was man in krisengebeutelten, unter Abwanderung leidenden Provinznestern tatsächlich gut brauchen könnte. Die Städte überbieten einander daher mit Angeboten.

Szene 2: Bezos wählt – tadaa!- schließlich kein Provinznest aus, sondern den New Yorker Stadtteil Queeens; sowie Arlington, einen Vorort der Hauptstadt Washington. Hier kriegt er nämlich, was er braucht: Jede Menge gut ausgebildete Akademiker aus der ganzen Welt, die er nicht erst mühsam – und kostspielig – in irgendein Provinznest locken muss.

Szene 3: Die Stadt New York belohnt Bezos für dessen höchst eigennützige Entscheidung dennoch mit 1,5 Milliarden Dollar an Steuergeschenken. Das heißt: Jeder der acht Millionen Bürger von New York – Kioskbesitzer, Pizza-Zusteller, Krankenpflegerinnen – spendet dem reichsten Mann der Welt (geschätztes Vermögen: 150 Milliarden) ein paar Hunderter. Fehlen wird dieses kommunale Geld dort, wo es ohnehin schon knapp ist: bei den maroden öffentlichen Schulen, den lecken Leitungen, der störungsanfälligen U-Bahn. 

Szene 4: Die 25.000 tollen Amazon-Jobs, mit Durchschnittsgehältern von jährlich 150.000 Dollar,  werden eher nicht die Jugendlichen von Queensbridge bekommen. Sondern jene kosmopolitische, mobile Kaste von Leuten, die diese Art Jobs überall auf der Welt innehat. Den ambitionierten Jugendlichen aus Queensbridge bleibt, was sie heute schon tun: Amazon-Pakete ausliefern, als Selbstständige.

Szene 5: 25.000 zusätzliche Passagiere verkraften F-Train, Busse und Stromleitungen selbstverständlich nicht. Deswegen wird Amazon – wie Apple, Google, Uber das auch in Seattle und San Francisco schon getan haben – eine Parallel-Infrastruktur exklusiv für ihre Angestellten aufbauen: Komfortbusse mit dunkel getönten Scheiben, oder gleich Helipads. Damit man von der Stadt, durch die man braust, möglichst wenig gestört wird.

Szene 6: Aus demselben Grund wird Amazon – wie alle schicken Tech-Konzerne – firmenintern auch alle möglichen Dienstleistungen anbieten: Von Kinderbetreuung über Cafes, Yoga, Sport bis zur Kleiderreinigung. Für die Menschen in den umliegenden Grätzeln heißt das: Sie spüren zwar die steigenden Preise, vor allem bei den Wohnungen. Viele werden wegziehen oder obdachlos werden, will sie sich die Mieten nicht mehr leisten können. Aber vom zusätzlichen Geschäft bekommen sie nichts.

Finale: Wenn dann erst einmal genügend Geld aus den kommunalen Kassen in die privaten umgeschaufelt ist, kann Jeff Bezos privater Mäzen werden. Hier ein paar Millionen Dollar für arme Kinder, dort für eine öffentliche Bibliothek, oder für Obdachlose. Es werden ihm dann alle sehr dankbar sein.

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