Wie ein schrulliger Reisereporter an die Front des globalen Kulturkampfs geriet, und was ihm dann passierte: Ein Lehrstück aus der neuen Medienwelt.

ein falter-portrait

Martin Leidenfrost hat heute schon das Frühstück für die Familie gerichtet. Ein paar Seiten gelesen. Das Badezimmer geputzt und seine einjährige Tochter eine Runde über die Weinberge getragen. Solche kleinen Fixpunkte sind wichtig für einen, dem der Boden unter den Füßen weggebrochen ist, samt allen Gewissheiten.

„Es war eine öffentliche Hinrichtung“ sagt der schmächtige Mann, wenn er erzählt, was ihm in den vergangenen Monaten widerfahren ist. Es fallen die Worte  „Pranger“, „Abschussliste“,  „Bannfluch“. „Mit Schrammen an allen Körperteilen“ sei er davongekommen, er liege auf den Trümmern seiner ökonomischen und sozialen Existenz. 18 Jahre lang hatte sich Leidenfrost Renomme und eine halbwegs solide Existenz als freiberuflicher Filmemacher, Schriftsteller und Journalist aufgebaut. Innerhalb weniger Wochen war fast alles kaputt. Er verlor wichtige Aufträge. Ein Verlag sagte ein bereits fix und fertig vereinbartes Buchprojekt ab, mit der Begründung, sein Name sei jetzt beschädigt.

Ob er diesen Monat wenigstens ein paar hundert Euro Einnahmen hereinbringen wird? Das Grundvertrauen ist weg. „Jeden Tag, wenn ich mein Email-Konto aufmache, hab ich Angst, dass mir wieder jemand die Freundschaft aufkündigt“, sagt Leidenfrost. Das Schlimmste sei „das Schweigen all der vielen Leute, die sich einfach nicht mehr melden. Hier im Dorf sagt zwar niemand etwas. Aber ich frag mich ständig: Was wissen die? Was denken die? Ich bin ja jetzt der Schwulenhasser. Es fühlt sich an, als hätte ich ein Brandmal mitten auf der Stirn.“

Was ist dem Mann passiert?

Martin Leidenfrost, 47 Jahre alt, war immer ein vielseitiger, eigenbrötlerischer Kollege. Als Absolvent der Wiener Filmhochschule schrieb er Drehbücher – zuletzt zu dem Film „Life Guidance“ von Ruth Mader, eine Geschichte über den Ausbruch aus dem Überwachungsstaat, der letztes Jahr im Kino lief. Vor allem aber reiste er und schrieb darüber – kleinere Kolumnen, größere Essays. Für sein Buch „Die Welt hinter Wien“ erhielt er den internationalen Journalismuspreis „Writing for CEE“. Seine Reportagenserie „Expedition Europa“, die ihn in die entlegensten Winkel des Kontinents führt, erscheint regelmäßig in der „Presse“-Beilage „Spectrum“ und hat treue Fans im ganzen deutschen Sprachraum.

Dann aber wollte er Leidenfrost auch seine politische Meinung kundtun. Bot der „Presse“ eine Kolumne mit dem Titel „Der letzte Kreuzritter“ an. Und das ging gründlich schief. Wer nämlich meinte, hinter dem Titel verberge sich leichtfüßige Selbstironie, der hatte sich geirrt.

 „Wo Gläubige früher durch die Straßen zogen, um den Leib Christi zu verehren, beten sie jetzt in Latex gepresste Männerärsche an“, stand da. Die „Ehe für alle“ sei „eine lustige Travestie, die zu einer todernsten Staatsdoktrin geworden“ sei, und eine „Auflehnung des Menschen gegen die Natur.“ Der Text verbreitete sich via Social Media, es folgte ein Shitstorm.  Dass sich der Kolumnist verteidigte, indem er Anekdoten von „meinen schwulen Freunden“ erzählte, und eine wehleidige Anklage gegen „die Twitteria“ („eine „dauerschütterte Katakombe“ mit Armin Wolf als „Mufti der Unterwelt“) nachschob, machte alles noch schlimmer. Einige Wochen später nannte er das Recht auf Abtreibung den „finstersten Holzweg des Feminismus“ und kündigte an, am „Marsch fürs Leben“, einer Demonstration rabiater Abtreibungsgegner, teilzunehmen.

Warum schreibt man so etwas? „Weil ich es glaube!“ sagt der sanfte Mann im Schafwollpullover mit verzweifelter, beschwörender Ehrlichkeit. „Für mich ist die Ehe ein Sakrament, mit dem Ziel, Kinder zu zeugen, und das menschliche Leben beginnt mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Ich kann nicht anders, ich bin ein konservativer, gläubiger Katholik!“

Es wird aber noch ein bisschen komplizierter. Gleichzeitig ist Leidenfrost nämlich grün: die Tochter strägt Stoffwindeln, gegessen wird strikt bio – logisch, denn „die Bewahrung der Natur ist ja ein urkonservatives Anliegen“. Ökonomisch begreift er sich als links – er ist ein Arbeiterkind aus Amstetten, Gewerkschaftsmitglied aus Überzeugung, „mir ist Klassenbewusstsein wichtig, und als Christ kämpft man ja immer auf der Seite der Armen und Entrechteten.“  Aus denselben unversalistischen Gründen lehnt er jeden Nationalismus ab. „Und Neoliberalismus ist für mich das Allerschlimmste überhaupt.“

Wo passt man hin, mit dieser komplizierten Kombi an tiefempfundenen Überzeugungen? An welcher Stelle reiht man sich ein in einer öffentlichen Debatte, in der es meistens nur ein „Für uns“ oder „Gegen uns“ gibt; und ein paar Worte reichen, um festzulegen, auf welche Seite man gehört? Ginge es um seine sexuelle Identität, Leidenfrost könnte sich „queer“ nennen und auf Akzeptanz hoffen. Doch politische Querness gibt es nicht.

Das ist umso tragischer, als das Nicht-Dazugehören, das Fremd-Sein genau das ist, was Leidenfrosts Reportagen interessant macht. Intensiver als die allermeisten seiner schreibenden Kollegen setzt er sich Ländern und Situationen aus. Mal lebte er in Kiew, mal in der moldawischen Hauptstadt Chisinau, mal in Brüssel; 12 intensive Jahre verbrachte er in der Slowakei – allerdings nicht in einem schick renovierten Altbau im Zentrum von Bratislava, sondern in Devinska Nova Ves, einer Plattenbausiedlung am Stadtrand. Er tuckert stundenlang mit öffentlichen Autobussen durch balkanische Täler, schließt in schummrigen Dorfkneipen bei Synthesizer-Musik Freundschaften für eine Nacht.

Während anderswo die Kunst der Reportage in immer glänzenderes, immer perfekteres Storytelling kippte, blieb Leidenfrost stets bei den kleinen, seltsamen, unspektakulären Geschichten von wirklichen Menschen. Neun verschiedene Sprachen eignete er sich an, um mit ihnen zu plaudern („nur an ungarisch bin ich gescheitert“). Dem Roma-Chef in einem rumänischen Kuhdorf nähert er dabei sich mit derselben Neugier wie der Brüsseler Lobbyistin in Business-Pumps. Da flirrte vieles, da blieb vieles zweideutig, unfertig, unentschieden. Die Selbstgespräche des Autors, in denen er sich selbst beim Beobachten zuschaut, sind wesentlicher Bestandteil dieser Geschichten. Wenn gar nichts passierte, erzählte er auch das. „Die Moskauer Peripherie ist eine Wüste, trockener als manch muslimische Region. Ich erlebte nichts“, heißt es etwa in der aktuellen Folge von „Expedition Europa“.

Das Normale mit den Augen des Außenseiters anzuschauen – das gelang Leidenfrost sogar in unmittelbarer Nähe seines Heimatorts, in Vöcklabruck, das zum Schauplatz seiner intensivsten Recherche wurde. Vor 11 Jahren wurde dort am Flussufer die Leiche der 29jährigen Denisa Soltisova angeschwemmt, die einen angesehen Primararztes als 24-Stunden-Betreuerin gepflegt hatte. Rasch wurde der Todesfall von den Behörden als „Selbstmord“ abgelegt, doch Leidenfrost ließ die Geschichte nicht los. Er forschte der toten jungen Frau nach. Spürte sich hinein in ihre Verlorenheit: Was könnte sie dazu gebracht haben, in einer kalten Jännernacht fast nackt durch Vöcklabruck zu irren? Er ließ sich auf ihre Familie im zentralslowakischen Hochland ein, die vergeblich auf Aufklärung wartete – „sie war ja nur eine Pflegerin“. Ergebnis war das Buch „Die Tote im Fluss“, ein großartiges Stück Journalismus (siehe Falter xx). In störrischem Alleingang versuchte Leidenfrost damit, das Schweigen der Behörden – in Komplizenschaft mit der lokalen Kronenzeitung – zu brechen. Stieß mit seinen Lesungen jedoch auf eine Wand aus Abwehr, und fühlte sich plötzlich in seiner Heimat fremder, als er sich je irgendwo gefühlt hattte: „Ich war in meinem Land, in meinem Dialekt, und doch schlug man mir die Tür vor der Nase zu.“

Sind Geschichten wie diese weniger erzählenswert, weil ihr Autor gegen Schwulenehe und Abtreibung ist? Machen die „falschen“ Überzeugungen eines Autors seine Reportagen unwahr? Die bürgerlich-liberale „Presse“ meinte: Nein. Sie beendete zwar Leidenfrosts missglückte „Kreuzritter“-Kolumne, setzt aber „Expedition Europa“ fort. Anders sah es das sozialistische Blatt „Neues Deutschland“, das die Reportagen jahrelang prominent gedruckt hatte: „Martin Leidenfrost vertritt Positionen, die weit außerhalb des politischen Selbstverständnisses der nd-Redaktion liegen. So weit außerhalb, dass sie mit einer weiteren Autorenschaft nicht mehr vereinbar sind“, schrieb Chefredakteur Wolfgang Hübner und beendete abrupt die Zusammenarbeit. Der ebenfalls linke „Freitag“ wiederum gab heftige redaktionsinterne Debatten zu. Er wolle Leidenfrost noch eine Chance geben, entschied Chefredakteur Michael Angele schließlich, machte allerdings ein bemerkenswertes öffentliches Geständnis: „Wir haben Angst vor Ihnen“ – Angst vor dem Leser, Angst vor dem Shitstorm, Angst davor, missverstanden zu werden, und vor unkontrollierbaren Dynamiken.

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Martin Leidenfrost bekam von all diesen erregten Debatten nur die fernen Ausläufer mit. Er lebt heute in einem Winzerdorf am Neusiedlersee, besitzt kein Smartphone, hat keinen Twitter-Account, kein Facebook, kein Netflix-Abo, sondern schaut Filme mit mehrjähriger Verspätung irgendwann auf DVD. Das erklärt, warum ihn die entfesselte Social-Media-Gewalt so unvorbereitet traf. Es erklärt aber vielleicht auch seine Fehleinschätzung darüber, wo heute die Frontlinien im Kulturkampf verlaufen.

Bis heute ist Leidenfrost ja überzeugt, mit seinen Überzeugungen ein schrulliger Außenseiter zu sein, ein kleiner rechter Don Quichotte, der gegen den mächtigen linken Mainstream auf verlorenem Posten steht. Es muss ihm entgangen sein, dass sich die globalen Kräfteverhältnisse in den letzten Jahren um 180 Grad gedreht haben. Die Hegemonie ist heute rechts, und sie benützt viele von Leidenfrosts Lieblingsbegriffen. „Gegen Abtreibung“, „gegen Feminismus“, „gegen Homo-Ehe“; „für traditionelle Werte“, „für die Familie“ und „für die Verteidigung des christlichen Abendlands“: das sagen heute Trump, Putin und Bolsonaro; das sagen Salvini, Orban und alle europäischen Rechtspopulisten, samt der FPÖ in der österreichischen Regierung. Mit diesen Codewörtern wird Territorium markiert. Wer sie verwendet, gehört dazu.

Selbstverständlich hat der letzte Kreuzritter deswegen auch Fans gewonnen. Fans, die ihn beklatschten, bestärkten, anfeuerten, und nun als Märtyrer sehen. Sie glaubten, in Leidenfrost einen Verbündeten gefunden zu haben, in der großen nationalen Abwehrschlacht gegen Multikulti und gegen den Islam.

Noch so ein Missverständnis, seufzt Leidenfrost, „denn Nationalismus mag ich überhaupt nicht, mit dem Islam hingegen hab ich überhaupt kein Problem. Als gläubiger Mensche fühle ich mich unter gläubigen Muslimen wohl.“

Und dann kommt wieder eine seiner schönen Geschichten. Mitte Dezember wars, am Höhepunkt des Shitstorms gegen ihn, er war gerade wieder auf Reisen, diesmal in der russischen Teilrepublik Baschkortostan. Er fuhr in den erstbesten Kreishauptort, vorbei an „gelben streichelweichen Grasrücken“ und freien Herden von Pferden. Restaurant gab es keins, nur eine öffentliche Kantine, und „wie es mir in säku­la­­ren Ländern zur Ge­wohn­heit wurde, blickte ich in den Saal, um si­cher­zu­gehen, dass niemand mein stumm ge­flüs­ter­­tes Tisch­ge­bet be­mer­ken würde.“ Da sah er neben sich die traditionell gekleidete alte Baschikirin, mit geschlossenen Augen, die Hand wie eine Schale vor dem Gesicht, tief in ihr Gebet versunken. „Sie betete viel schöner als ich. Sie hat mein verstohlenes Kreuzzeichen gar nicht bemerkt. Und ich hab mich plötzlich befreit gefühlt.“

Leidenfrost sagt dann noch: „Würde Österreich morgen vom neo-osmanischen Reich unterworfen, ich glaub, mir ginge es dort mindestens so gut wie in unserer liberal-säkularen Gesellschaft“. Wenn das bloß keinen Shitstorm gibt, diesmal von der anderen Seite.

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