Wer kümmert sich gern um Terroristen und Verbrecher? Niemand. Damit sind Terroristen und Verbrecher aber noch nicht aus der Welt geschafft.

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Oja, es ist eine äußerst verlockende Vorstellung für jede Regierung: Sich die Mitglieder ihres Volkes selbst aussuchen zu können.

Autoritäre Regime nehmen dieses Recht ganz selbstverständlich für sich in Anspruch: Wer nicht ins System passt, soll einfach gehen. Die Sowjetunion war noch kaum gegründet, da begann sie schon mit massenhaften Ausbürgerungen. Alle Menschen, die von den Kommunisten ins Ausland geflohen waren, sollten nie mehr zurückkommen dürfen. Der österreichische Ständestaat handelte ähnlich. Etwa 11.000 illegale Nazis, fast ausschließlich Männer, die über die Grenze nach Deutschland gingen, um sich der „Österreichischen Legion“ anzuschließen, wurden von der Dollfuß-Regierung kurzerhand zu Ausländern erklärt.

Als dann die Nazis an der Macht waren, taten sie so weiter – allerdings mit anderen Vorzeichen.  Im „Dritten Reich“ traf die sogenannte „Strafexpatriierung“ alle, denen vorgeworfen wurde, die „Treuepflicht zu Reich und Volk“ verletzt zu haben – ein Pauschalvorwurf, der Oppositionelle aller Art treffen konnte. Auf den im „Deutschen Reichsanzeiger“ veröffentlichten Ausbürgerungslisten standen bis Kriegsende insgesamt 39.000 Personen. Die anti-nazistische DDR übernahm dieselbe Herrschaftstechnik und bürgerte Regimegegner aus – der promineste Fall war 1976 der Liedermacher Wolf Biermann. Ähnliches passiert heute in der Erdogan-Türkei. Wer „eine Tat begeht, die mit der Loyalität zum Vaterland nicht vereinbar ist“, darf kein türkischer Staatsbürger mehr sein. 230 Personen wurden auf Namenslisten schon öffentlich angeprangert.

Auch für Demokratien ist es ein verführerischer Gedanke, Bürger und  Bürgerinnen einfach irgendwie loswerden zu können. Mörder, Vergewaltiger, Terroristen – niemand weint solchen Leuten eine Träne nach, und jedes Gemeinwesen ist ohne sie besser dran. Wieviel Scherereien sich ein Staat ersparen kann, wenn er Verbrecher einfach aussperrt, und welch exorbitante Kosten! Man denke nur an das Personal für polizeiliche Überwachung und Ermittlungen. Die Ressourcen für Gerichtsverfahren – Untersuchungshaft, Wachebeamte, Staatsanwaltschaft, Pflichtverteidiger, Richter, Urteil. Und nachher, erst recht, der enorme Aufwand für eine jahrelange, wenn nicht gar lebenslängliche Gefängnisstrafe: Essen, Therapien, medizinische Behandungen, Beschäftigung, Rehabilitation, Seelsorge – nein, so viel Mühe haben Verbrecher nicht verdient. Einfacher wäre: den Pass wegnehmen, Wiedereinreise verbieten – und schon ist man die Verantwortung los.

Ein nicht unwesentlicher Denkfehler steckt hier allerdings drin. Denn niemand hört zu existieren auf, wenn er kein Staatbürger mehr ist.  Gefährliche Personen leben weiter, samt ihrem gefährlichen Gedankengut, rotten sich im Untergrund zusammen, radikalisieren sich weiter und richten ihre kriminelle Energie auf neue Ziele. Stellen wir uns kurz einmal vor, jedes Gemeinwesen täte das:  Seine asozialen Mitglieder einfach vor die Tür setzen – auf dass sich irgendwer anderer mit ihnen herumschlagen möge. Mit Recht würden da die Nachbarn sagen: Wie komm denn ich dazu?

Genau aus diesem Grund gibt es, seit 1961, ein internationales „Übereinkommen zur Vermeidung von Staatenlosigkeit“, das alle Länder bindet. Es folgt dem Grundgedanken: Jeder Mensch, sei er auch noch so destruktiv, soll irgendwohin gehören. Für jeden Menschen muss sich irgendein Staat zuständig fühlen, und diese Zuständigkeit kann man nicht einfach abstreifen, wenn es einem gelegen kommt.

Kein Staat hat nämlich ausschließlich produktive Mitglieder, sondern immer auch einen gewissen Prozentsatz an asozialen. Auch letztere gehören dazu. Der Staat trägt einen gewissen Anteil daran, dass sie wurden, wer sie sind. Und wenn tatsächlich eine Gefahr von ihnen ausgeht, trägt er die Verantwortung dafür, diese Gefahr zu bannen. Indem er diese Leute verurteilt, bestraft, festhält, und von anderen fernhält.

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