Vor genau hundert Jahren sprach die erste Frau im österreichischen Parlament: Adelheid Popp. Wie schaffte sie den Aufstieg aus dem Elend der Wiener Slums? Und wie veränderte das die Politik?

für den falter

Sie saßen nebeneinander und teilten sich, jeweils paarweise, die Bänke im Nationalrat: Acht Frauen mittleren Alters, die meisten von ihnen mit Hochsteckfrisuren, alle mit hochgeschlossenen Kleidern, aufrechter Körperhaltung und entschlossenem, beinahe grimmigem Blick. Zumindest auf dem Foto der konstituierenden Sitzung der Österreichischen Nationalversammlung, am 4. Marz 1919, ist auf den Gesichtern der Frauen kein Lächeln zu sehen. Sie müssen gewusst haben, das sie unter Beobachtung standen  – waren sie doch die ersten weiblichen Volksvertreterinnen der noch ganz jungen Republik. Acht von insgesamt 170 Abgeordneten; politische Profis allesamt, die schon mehrere Jahrzehnte lang die Kämpfe ihrer Parteien mitgefochten hatten.

Hildegard Burjan hieß die einzige Christlichsoziale unter ihnen: eine Wohltäterin aus bürgerlich-jüdischem Haus, die in den Salons Geld für die Armen sammelte. Sie würde in den folgenden Jahren die Caritas Socialis gründen, eine bis heute erfolgreiche Stiftung, die Pflegeheime betreibt und sich auf die Fürsorge für unheilbar Kranke spezialisiert hat. Unter den sieben Sozialdemokratinnen war die Gewerkschafterin Anna Boschek, die im Parlament vor allem die Gesetze zum Achtstundentag, zur Nachtruhe sowie zur Arbeitsinspektion vorantreiben würde; und die Ökonomin Emmy Freundlich, die sich mit Konsumentenschutz und Ernahrungsfragen beschäftigte – in den Hungerjahren der österreichischen Nachkriegszeit überlebenswichtige Themen.

Die prominenteste in der Frauenriege war jedoch Adelheid Popp, damals gerade 50 Jahre alt, eine stämmige, resolute Frau, der bereits der Ruf einer mitreißenden Agitatorin vorauseilte. Als sie ans Rednerpult des Nationalrats trat – mit einem Gesetzesantrag zur Abschaffung des Adels – symbolisierte das in gleich mehrfacher Hinsicht den totalen Bruch mit dem alten System. Neue Zeiten waren angebrochen, in denen Unerhörtes geschah: Popp war nicht nur die erste Frau, die im österreichischen Parlament das Wort ergriff. Sie entstammte auch einem Milieu, das bis dahin systematisch aus allen gesellschaftlichen Machtbereichen ausgeschlossen war. Wie war das möglich? Und wäre ein derartiger Aufstieg heute noch denkbar?

Adelheid Popp, geborene Dworak, kam aus dem Wiener Lumpenproletariat. Aus jener Welt der finsteren, feuchten Zinskasernen, wo die Arbeiterschaft damals eng zusammengepfercht lebte, täglich zwölf bis 16 Stunden arbeitete, und dennoch häufig Hunger litt. Die Familie Dworak war, wie so viele Wiener damals, aus Böhmen zugewandert. Der Vater ein gewalttätiger Alkoholiker, die Mutter eine gottesfürchtige Analphabetin. Sie gebar 15 Kinder, von denen zehn schon als Säuglinge starben. Man wohnte, mit häufig wechselnden Adressen, in fensterlosen Kabinetten zur Untermiete, stets zu mehreren in einem Bett, das man noch mit Bettgehern teilen musste. Die Mutter meldete die neunjährige Adelheid von der Schule ab und schickte sie zum Geldverdienen – das Mädchen häkelte in Heimarbeit Deckchen, bis ihre Finger schmerzten, nähte im Akkord Knöpfe an, verdingte sich in einer Metalldruckerei und einer Patronenfabrik. Wenn sie keinen Job fand, musste sie um Almosen betteln gehen.

Heute würde man sagen: ein bildungsfernes, patriarchales, von Gewalt geprägtes Zuwanderermilieu. Wer hier hineingeboren wird, hat keine Chance.

Was Adelheid von den anderen in ihrem Umfeld unterschied, war jedoch: Dass sie, schon als Teenager, jene starken Kräfte, die sie klein hielten, beim Namen nennen konnte. „Weil ich in dem, was mich umgab, was mich in schwere Lagen brachte, große gesellschaftliche Erscheinungen wirken sah“. In der Abendschule las sie, übte Rechtschreibung und Grammatik und schrieb ihre persönliche Lebensgeschichte auf. „Jugend einer Arbeiterin“ hieß das Büchlein, das zunächst anonym erschien, und in den Fabriken und Arbeiterbildungsvereinen begeistert von Hand zu Hand weitergereicht wurde. Tausende Menschen erkannten sich darin wieder. „Tausende könnten dasselbe erzählen!“ schrieb Popp im Vorwort. „Diesen Weg und die Kämpfe zu zeigen, die es erfordert, rechtfertigte für mich den Schritt, von mir selbst zu reden.“

„Jugend einer Arbeiterin“ wurde in vielen Auflagen nachgedruckt, in zehn Sprachen übersetzt und begleitete Popps Aufstieg zur vielgefeierten Rednerin, Agitatorin, Journalistin und Politikerin. Mehrere Jahrzehnte Sozialpolitik und Wirtschaftswachstum haben Österreich seither verändert. Doch aus hundert Jahren Abstand muss man feststellen: Einige der von Popp beschriebenen Mechanismen, die Arme, Zuwanderer und speziell Frauen in Abhängigkeit halten, sind auch heute noch spürbar.

Zunächst ist da: die Scham, die Menschen davon abhält, zuzugeben, dass sie bedürftig sind. Eindringlich erzählt Popp davon am Beispiel des eigenen Schulalltags. „36 Kreuzer kostete das Lesebuch. Ich bekam es von der Schule, nachdem Bittschriften mit Befürwortungen von Armenrat und Pfarrer überreicht waren.“ Doch ihr Buch geht kaputt – und was folgt, ist eine Serie von Missverständnissen, Demütigungen und Strafen. Die Schule verlangt Ersatz für die „mutwillige Beschädigung von Schuleingentum“. Die Mutter kann nicht zahlen und schickt sie zur „Herzogin“, zum „Herrn Getreidehändler“ und anderen Honorationen betteln; dem Mädchen müssen immer neue Geschichten einfallen. Die Lehrer verlieren die Geduld, haben von der materiellen Not der Familie keine Ahnung, „sie hielten es für boshaftige Starrköpfigkeit, dass mich die Mutter so lang ohne Buch gelassen“. Schließlich hat die Schülerin alles Wohlwollen der Lehrer verspielt,  bekommt in „Fleiß“ die schlechtstmögliche Note und bleibt in ihrem dritten und letzten Schuljahr sitzen. Es war das Ende ihrer Bildungslaufbahn. „Noch heute klingt mir das Wort ‚Gesindel’ im Ohr.“

So wie heute viele Kinder aus bildungsfernen Familien findet sich Adelheid häufig in der Rolle, ihrer Mutter Briefe vorlesen zu müssen und sie auf Amtswegen zu begleiten. Wegen Verletzungen der Schulpflicht handelt sich die Mutter Geld- und sogar Arreststrafen ein. Als Nicht-Wiener haben die Dworaks keinen Anspruch auf kommunale Fürsorgeleistungen. Als Adelheid im Alter von 14 Jahren schwer krank wird, kommt sie ins Armenhaus – wo man ihr nach fünf Tagen eröffnet, sie werde nun, wie alle nicht arbeitsfähigen Zuwanderer, in ihre böhmische Heimatgemeinde zurückgeschickt. In einen Ort, wo sie noch die war, und dessen Sprache sie nicht spricht.

„Ich begann über das Verbrecherische der bureaukratischen Schablone nachuzudenken, die mich, ein von frühester Kindheit an durch Arbeit und Hunger um alle Kinderfreuden gebrachtes Geschöpf, in ein Haus für Greise und Sieche steckte und die mich, wenn nicht wenigstens ein denkender Beamter dagewesen wäre, einem für viele Jahre fürchterlichen Schicksal überliefert hätte“, schreibt Popp. „Erbitterung fasste mich dann oft, wenn ich mir alles vergegenwärtigte und mir sagte, dass es nur einem winzigen Zufall zuzuschreiben war“, dass sie in Wien bleiben konnte.

Verstärkt wurde das Gefühl der Ohnmacht durch die traditionellen Rollenerwartungen ihrer Umgebung. „Wie an schweren Ketten“ hing sie, erzählt Popp. Hier eine Mutter, die die Tochter so schnell wie möglich zu verheiraten und in die Rolle der braven Ehefrau zu drängen versuchte, weil sie sich kein anderes Lebensmodell vorstellen konnte. Dort ein gesellschaftliches, stark vom Katholizismus geprägtes Umfeld, das Frauen stets „Demut“ und „Bescheidenheit“ predigte, und jede Regelverletzung unerbittlich bestrafte.

Aufrechterhalten wurde dieses Disziplinierungsgebäude mit der permanenten Drohung sexueller Gewalt. Sowohl in der Familie, als auch in der Fabrik, als auch in der Öffentlichkeit war die Gefahr von Übergriffen stets gegenwärtig: Zu Hause lauerten nachts Bettgeher den jungen Mädchen auf, in der Fabrik nutzten Vorarbeiter und Chefs Abhängigkeiten schamlos aus. Dass eine Frau, die allein in der Öffentlichkeit unterwegs ist, eben „damit rechnen müsse, dass ihr etwas passiert“, identifiziert Popp hellsichtig schon vor hundert Jahren als eine der wirksamsten Mechanismen, um Frauen aus der politischen Arena fernzuhalten. Im Zeitalter von Social Media ist dieser Befund aktueller denn je.

Popp ließ sich von alldem nicht einschüchtern. „Ich hatte das Gefühl, dass ich reden müsste“ – so erinnert sie sich an die erste Arbeiterversammlung, in der sie sich zu Wort meldete. Der Raum war voller Männer. „Ich bildete mir ein, alle Augen seien auf mich gerichtet. Als ich die Stufen zum Rednerpult hinaufging, flimmerte es mir vor den Augen und ich spürte es würgend im Halse. Aber ich überwand diesen Zustand.“ Es folgten viele Jahre, in denen sie kreuz und quer durchs Land fuhr, von Wirtshaus zu Wirtshaus, und Reden hielt – stets begleitet von der Verspottung als „Mannweib“, von Schmähungen in den Zeitungen, oder vom Vorwurf eines „liederlichen Lebenswandels“.

Nur eine Frauenquote, also eine ausreichende Zahl von Frauen in allen Positionen, könne an diesem Gefühl des Ausgeliefertseins etwas ändern – davon war Popp schon vor hundert Jahren überzeugt. Und auch bei der Liste der Themen, die sie in ihren Parlamentsjahren auf die Agenda setzte, überkommt einen ein gewisses Deja-Vu.

Häufig ging es bei Initiativen der weiblichen Abgeordneten um Gesetze zur Beschränkung der Arbeitszeit, damit sich Lohnarbeit mit Familienleben und Kinderbetreuung vereinbaren ließe (der Zwölfstundentag war bis 1918 der Normalfall, der Achtstundentag eine der wichtigsten Errungenschaften der Arbeiterbewegung, heute hingegen sind wieder freiwillige Zwölfstundentage erlaubt). Popp forderte schon in den Zwanzigerjahren ein modernes Familienrecht, mit gleichen Rechten und Pflichten für Männer und Frauen (verwirklicht wurde das erst 1976). 1920 verabschiedete das Parlament, nach intensiver parteiübergreifender Lobbyarbeit der weiblichen Abgeordneten, ein neues Dienstbotengesetz, das für Arbeitskräfte in Privathaushalten erstmals Freizeitstunden, die Sonntagsruhe sowie ein abschließbares Zimmer vorschrieb (die 24-Stunden-Betreuerinnen warten auf eine ähnliche Regelung bis heute vergeblich). Für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch kämpfte Adelheid Popp ebenfalls: Abtreibungen sollten in allen öffenlichen Spitälern durchgeführt werden, und für arme Frauen kostenfrei sein (auch davon ist Österreich heute, trotz Fristenregelung, weit entfernt).

„Wir stehen in einer gewandelten Welt“, sagte Adelheid Popp hoffnungsfroh 1929, nach zehn Jahren Parlamentsarbeit: „Die Frau geht ihren Weg immer weiter aufwärts, sie geht ihn heute Seite an Seite mit dem Manne. Mit Riesenschritten holt sie nach, was sie in vergangenen Jahrhunderten ohne ihre Schuld versäumt hat!“ Ein paar Jahre später klang das schon anders. „Wir sehen und fühlen, wie man versucht, den Frauen von der Position, die sie sich errungen haben, wieder ein Stück wegzunehmen… wenn auch nicht direkt und auf geradem Wege“, sagte sie 1931.

Sie sollte Recht behalten: 1933 wurde das Parlament von den Austrofaschisten aufgelöst.

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