für eine festschrift der parlamentsbibliothek

Hundert Jahre ist es her, dass die ersten acht weiblichen Abgeordneten in den österreichischen Nationalrat einzogen. Sieben Sozialdemokratinnen, eine Christlichsoziale: Adelheid Popp, Emmy Freundlich, Therese Schlesinger, Anna Boschek, Gabriele Proft, Amalie Seidel, Marie Tusch, Hildegard Burjan.

Ich schaue mir Schwarzweiß-Bilder von ihnen an: Acht Frauengesichter, umrahmt von sorgfältig ondulierten Locken, die meisten tragen die Haare hochgesteckt. Auf dem Foto der ersten konstituierenden Nationalratssitzung sitzen sie paarweise nebeneinander, sichtbar bemüht, in diesem historischen Moment würdevoll dreinzuschauen. Dass bloß die Gesichtszüge nicht entgleiten, jetzt, wo ein ganzer Saal voller Männer und obendrein das ganze Land uns anschaut!

Ich sehe ihre Körperhaltung: Aufrecht, wachsam. Ich sehe ihre betont schlichten, schwarzen Feiertagsgewänder: eng geschnürt um die Taille, hochgeschlossen am Hals, an den richtigen Stellen gerüscht und in ordentliche Falten gelegt. Es wird den Neo-Mandatarinnen einiges Kopfzerbrechen bereitet haben, sich zu diesem Anlass das passende Gewand auszusuchen. Wie schaut man als Frau richtig aus, in einer Rolle, die bis dahin ausschließlich für Männer konzipiert war? Wie macht man das: Auffallen, aber nicht zu sehr? Sichtbar sein, aber nicht aufdringlich? Die Fragen nach den Äußerlichkeiten stellen sich ausschließlich deswegen, weil es am Ende um die Inhalte geht. Eine Politikerin muss sich – heute wie damals – in den Augen der anderen Respekt verschaffen, damit sie ihre Vorhaben vorantreiben kann.

Die Pionierinnen im österreichischen Nationalrat müssen politische Vollprofis gewesen sein, mit allen Wassern gewaschen, gestählt in jahrelangen Machtkämpfen in ihren Parteien –sonst wären sie nicht so weit gekommen. Mich interessiert, was diesem historischen Moment vorausging. Ich möchte wissen, wie und wo die Geschichten begannen, die diese Frauen bis hierher auf die Abgeordnetenbank führten. Deswegen habe ich mir in der Parlamentsblibliothek ein Buch ausgeborgt, das ich schon lange lesen wollte: Die Autobiographie von Adelheid Popp, „Jugend einer Arbeiterin“.

Adelheid Popp ist im Jahr 1919 die bekannteste unter den ersten acht Parlamentarierinnen. Fünfzig Jahre ist sie eben alt geworden, eine stattliche Erscheinung. Ihr eilt, in Arbeiterkreisen, aber auch darüber hinaus, ein großer Ruf voraus – als begnadete Rednerin, Agitatorin, Journalistin. Jahrelang ist sie in den vergangenen Jahren kreuz und quer durchs Land gefahren, um in Wirtshäusern Reden zu halten und die werktätigen Massen, insbesondere die Frauen unter ihnen, für die Anliegen der Arbeiterbewegung zu gewinnen: Für das allgemeine Wahlrecht, für den Achtstundentag, für eine Verbesserung der oft gefährlichen Arbeitsbedingungen, für die Rechte von Heimarbeiterinnen und Dienstmädchen.

Dass eine Frau allein auf Reisen ist, öffentlich auftritt, und sich traut, sich vor einem vollen Saal ans Rednerpult zu stellen – das ist eine unerhörte Sache. So etwas tut „eine richtige Frau“ damals nicht. „Mannweib“ nennt man Adelheid Popp deswegen. Manche Zuhörer meinen, in ihr einen Mann im Frauengewand erkannt zu haben, oder eine Erzherzogin, die sich als Arbeiterin verkleidet habe.  Die Polizei verfolgt mit Argwohn ihre Reden und bezichtigt sie der „Herabwürdigung von Ehe und Familie“ – mehrmals wird Popp dafür auch mit Geldstrafen belegt. Die bürgerliche Presse greift sie frontal an und schmäht ihren „liederlichen Lebensstil“.

Was bringt eine Frau dazu, sich all dem freiwillig auszusetzen? Woher nimmt sie die Kraft, alle Angriffe abrinnen zu lassen und immer weiterzumachen? Die Lebensgeschichte von Adelheid Popp, insbesondere die Geschichte ihrer Kindheit, Jugend und frühen Politisierung, gibt hier ein paar Einblicke.

Das Milieu, das die Autorin in „Jugend einer Arbeiterin“ beschreibt, ist das Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – die Welt der finsteren, feuchten, überfüllten Zinskasernen, wo hunderttausende Arbeiterfamilien auf engstem Raum zusammengepfercht lebten. Man kann auch sagen: Es ist die Welt des Lumpenproletariats. Adelheids Familie heißt Dworak. In ihrer böhmischen Heimat waren sie Weber. Die Armut jedoch hatte sie dazu gebracht, sich auf die Suche nach Lohnarbeit zu machen und auszuwandern –  in die damals boomende Haupt- und Residenzstadt.

Adelheids Vater war ein gewalttätiger Alkoholiker, ihre Mutter eine gottesfürchtige Analphabetin. Sie gebar 15 Kinder, von denen zehn schon im Säuglingsalter starben. Man wohnte, mit häufig wechselnden Adressen, in fensterlosen Kabinetten zur Untermiete, zu mehreren in einem Bett, das man noch dazu mit Bettgehern teilen musste. Adelheid erinnert sich: „Noch heute sehe ich plastisch das Bild vor mir, das unsere Stube bot. In der Mitte des Zimmers stand der Ofen, davor stand die Mutter und schälte Kartoffeln, die wir zum Abendessen bekomen sollten. Links neben dem Ofen stand ein Bett, und hinter dem Ofen befand sich der große Tisch, an dem wir zu essen pflegten. Über dem Tisch hing an einem Strick eine Hängelampe herunter. Ein Arbeiter, der bei uns wohnte, stand neben der Tür, zu der ich hereinstürzte; er hielt mich fest und flüsterte mir zu, ich solle die Mutter um Verzeihung bitten. Nioch ehe ich mich besinnen konnte warum, stand meine Mutter mit der Rute neben mir, und die Streiche fielen auf mich nieder.“

Die Mutter meldete die neunjährige Adelheid von der Schule ab und schickte sie zum Geldverdienen – das Mädchen häkelte in Heimarbeit Deckchen, bis ihre Finger schmerzten, nähte im Akkord Knöpfe an, verdingte sich in einer Metalldruckerei und einer Patronenfabrik. Wenn sie keinen Job fand, musste sie um Almosen betteln gehen. Industriearbeit damals, das bedeutete: täglich zwölf bis 16 Stunden Arbeit, teils unter hoch gefährlichen Umständen, inmitten giftiger Dämpfe, in Feuchtigkeit oder an offenen Flammen.

„Tausende könnten dasselbe erzählen!“ schreibt Popp. Kaum ein Arbeiter oder eine Arbeiterin jedoch hatte es vor ihr getan. Weil den anderen die Worte fehlten, die Bildung, das Selbstbewusstsein, der Mut. Und weil die Scham sie davon abhielt. Es ist ein altbekannter Mechanismus, damals genauso wirksam wie heute: Dass den Armen gesagt wird, sie seien an ihrem Elend selbst Schuld. Dass sie sich deswegen scheuen, ihre Bedürftigkeit zuzugeben. „Wenn ich am Sonntag in die Kirche ging, sollte niemand die Fabrikarbeiterin erkennen“, schreibt Popp.

Dieselbe Scham hält und hielt Menschen aus marginalisierten Verhältnissen häufig auch von Bildung fern – die der einzige Weg wäre, ihre Lage zu verbessern. Eindringlich erzählt Popp davon am Beispiel des eigenen Schulalltags. „36 Kreuzer kostete das Lesebuch. Ich bekam es von der Schule, nachdem Bittschriften mit Befürwortungen von Armenrat und Pfarrer überreicht waren.“ Doch ihr Buch geht kaputt – und was folgt, ist eine Serie von Missverständnissen, Demütigungen und Strafen. Die Schule verlangt Ersatz für die „mutwillige Beschädigung von Schuleingentum“. Die Mutter kann nicht zahlen; dem Mädchen müssen immer neue Ausreden einfallen. Die Lehrer verlieren die Geduld, haben von der materiellen Not der Familie keine Ahnung, „sie hielten es für boshaftige Starrköpfigkeit, dass mich die Mutter so lang ohne Buch gelassen“. Schließlich hat die Schülerin alles Wohlwollen der Lehrer verspielt,  bekommt in „Fleiß“ die schlechtstmögliche Note und bleibt sitzen. Es sollte das Ende ihrer Bildungslaufbahn werden. „Noch heute klingt mir das Wort ‚Gesindel’ im Ohr.“

Verstärkt wird das Gefühl der Ohnmacht, speziell bei Frauen, noch durch die traditionellen Rollenzuweisungen. „Wie schwere Ketten“ habe sie das schon als Mädchen empfunden, schreibt Popp. Die gottesfürchtige Mutter trachtet danach, die Tochter so schnell wie möglich zu verheiraten – eine brave Ehefrau zu werden ist das einzige Lebensmodell, das sie sich vorzustellen vermag. In der Schule, in den Zeitschriften, im familiären Umfeld  – überall werden Demut, Sittsamkeit, Bescheidenheit  und Dankbarkeit als höchste Frauentugenden gepriesen. Wer sich gegen dieses weibliche Ideal auflehnt, macht sich einerer Regelverletzung schuldig und muss mit schmerzhaften Konsequenzen rechnen. Gewalt und sexuelle Übergriffe müssen, wie man aus zeitgenössischen Berichten und der Literatur herauslesen kann, in jeden Zeit allgegegenwärtig gewesen sein  – nicht nur in der Familie, sondern auch im öffentlichen Raum und am Arbeitsplatz. Frauen hatten jedoch gelernt, das nicht als Übergriff, sondern als Selbstverständlichkeit hinzunehmen.

„Arbeiterinnen! Habt ihr schon einmal über Eure Lage nachgedacht?“: Mit diesen Worten begann der erste feurige Aufruf, den Adelheid Popp an ihre Geschlechtsgenossinen formulierte. „Leidet ihr nicht alle unter der Brutalität und Ausbeutung eurer sogenannten Herren?“ Bei Arbeiterversammlungen begann die unerschrockene junge Frau das Wort zu ergreifern, zögernd zunächst, aber getragen von einer immer stärker werdenden Woge der Zustimmung. Führende Sozialdemokraten, insbesondere Victor Adler und August Bebel, wurden auf ihr Redetalent aufmerksam, schickten sie immer öfter auf die Tribüne, ermutigten sie zum Schreiben. Emma Adler, die Ehefrau des Parteichefs, gab ihr Privatunterricht in Orthographie und Rhetorik und wurde zu einer engen Vertrauten.

Die autobiographische Erzählung „Jugend einer Arbeiterin“ schließlich entwickelte sich zum Kultbuch, das den stetigen Aufstieg Adelheid Popps in der Parteihierachie, zur Chefredakteurin der „Arbeiterinnen-Zeitung“ und schließlich zur Parlamentsabgeordneten begleiten sollte. In seiner ersten Auflage war das Büchlein noch anonym erschienen. In Fabriken und Arbeiterbildungsvereinen wurde es begeistert von Hand zu Hand weitergereicht. Das Buch wurde in vielen Auflagen nachgedruckt, später unter dem richtigen Namen der Verfasserin. Es wurde in zehn Sprachen übersetzt und wurde sogar in den USA gelesen.

„Tausende könnten dasselbe erzählen, was ich erzählt habe, soweit Leiden und Dulden in Betracht kommen“, schreibt Popp im Vorwort zur vierten Auflage. „Wenn ich mich dennoch überzeugen ließ, dass das Niederschreiben meiner Erlebnisse nützlich sein werde, so deshalb, weil zwar Unzählige andere gleich mir leiden mussten, dass aber nur wenige den Weg zur Erhebung und zum Aufstieg aus einer bedrückten und versklavten Jugend fanden.“

Von sich selbst zu erzählen, habe vor allem einen Sinn: „Die noch Zaghaften und Zögernden anzufeuern, ihnen Mut und Zuversicht zu geben.“

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