Die große Flucht 2015 hat tausende Familien auseinandergerissen. Das Rote Kreuz versucht, Vermisste zu finden und sie wieder zusammenzuführen.

Eine Falter-Reportage

„Keine Sorge“, sagte der Schlepper. „Es dauert nur zehn Minuten, dann seid ihr alle wieder zusammen.“ Aber da hatte Aman Hejraan schon ein schlechtes Gefühl. Er wollte nicht mit der ersten Gruppe losgehen, getrennt von seiner Mutter, seinen vier Brüdern und der Schwester, die erst in einer der hinteren Gruppen nachkommen würden. Es sei nur ein Kilometer, dort vorn, das sei schon die Türkei, dort würden sich alle treffen, sagte der Schlepper. Und setzte nach: „Es ist gefährlich hier, ihr müsst tun, was wir euch sagen.“ Aman verstand: Einem Schlepper widerspricht man besser nicht.

Aman ging also los, um Mitternacht, gemeinsam mit zehn anderen Männern. Stockfinster wars, das war gut so, man durfte sie ja nicht sehen. Manchmal stolperten sie, aber sie bemühten sich, keine Geräusche zu machen. Kaum hatten sie es geschafft, raus aus iranischem, rüber in türkisches Territorium, gingen die Schüsse los. „Keine Sorge“, sagte der Schlepper wieder, „das machen die türkischen Grenzer immer so, die schießen einfach in die Luft, damit alle wissen, dass sie da sind.“ Aber die zehn Minuten waren längst vorbei. Die Mutter und die Brüder und die Schwester waren immer noch nicht da, und die Schüsse hörten nicht auf. Stunde um Stunde verging. Dann wurde es hell, und die illegalen Grenzgänger auf beiden Seiten mussten sich in ihre Verstecke zurückziehen.

„Keine Sorge“, sagte der Schlepper noch, „spätestens morgen Nacht kommen sie nach.“ Dann war der Schlepper weg.

Zwei Tage lang versuchte Aman noch, ihn telefonisch zu erreichen, doch niemand hob mehr ab. Von seinen Geschwistern wusste er keine Telefonnummern auswendig, „die hatten iranische Sim-Karten drin.“ Sie hatten sich keinen Treffpunkt ausgemacht, kein Signal vereinbart, keinen Plan B für den Fall, dass irgendetwas schiefgeht. Außer „Deutschland“ gab es nicht einmal ein konkretes Reiseziel. „Wir waren sehr dumm“, sagt Aman heute. Aber es hätte ja nur eine Trennung von zehn Minuten sein sollen.

Im Versteck an der Grenze konnte er nicht bleiben. Immer fahriger versuchte Aman, sich vorzustellen, was die nächsten Stationen seiner Mutter und seiner Geschwister sein könnten, falls sie den Grenzübertritt vielleicht an einer anderen Stelle geschafft hätten. Er fuhr nach Van und fragte nach ihnen. Er fuhr nach Istanbul, ins Stadtviertel Zeytinburnu, wo afghanische Flüchtlinge und Schlepper an jeder Hausecke stehen, und fragte nach ihnen. „In Europa wirst du sie schon finden“, tröstete man ihn. Irgendwann war er dann in Wien. Wo er seit vier Jahren, in Endlosschleife, täglich im Kopf alle Varianten durchgeht, was passiert sein könnte.

Das klingt dann so: Sie wurden alle erschossen. Hat sie dann jemand identifiziert, oder liegen sie unerkannt in einem Massengrab? Dass alle sechs erschossen werden, und keiner verletzt überlebt, ist aber doch höchst unwahrscheinlich, oder? Vielleicht sind sie ja auch umgekehrt, als die Schießerei begann, und sitzen in einem iranischen Lager fest. Vielleicht sind sie den Weg noch weiter zurückgegangen, und sind irgendwo in Pakistan. Aber was hält sie dann davon ab, den Bruder auf Facebook zu kontaktieren? Aman hat dort Profile mit allen möglichen Schreibweisen seines Namens; und zusätzlich Profile unter allen Spitznamen, die seine Geschwister für ihn je verwendet haben. („Wieso gibt es dich so oft auf Facebook?“, fragen seine Wiener Freunde deswegen misstrauisch.) Vielleicht sind sie irgendwo gefangen, wo sie keinen Internetzugang haben? Vielleicht gibt es einen Grund, warum sie nicht mit ihm reden wollen? Und dann poppt in Amans Kopf die Variante auf, die er mittlerweile für die wahrscheinlichste hält: Vielleicht ist Faridah, seiner Schwester, etwas passiert – und die anderen wollen ihn nicht anrufen, um es ihm nicht erzählen zu müssen. „Vielleicht wollen sie mich vor den Schmerzen schützen.“

Faridah, die kleine Schwester, war für Aman der wichtigste Mensch auf der Welt. Fünfzehn war sie, als sie gemeinsam das zentralafghanische Bamyan verließen; das Haus, das Restaurant, das Auto und die Kühe verkauften, um nach Europa zu gehen. Der Vater war schon Jahre zuvor von den Taliban ermordet worden. „Faridah war die fleißigste in der Schule. Immer hundert Punkte, auf jeden Test. Sie wollte Ärztin werden. Wir sind immer zusammengesessen und haben über die Zukunft geredet. Wie wir einmal gemeinsam auf die Universität gehen werden.“ Aman hat im Wiener Flüchtlingsheim zwei Lieder für Faridah geschreiben. „Ich sehe sie jeden Tag in meinem Kopf“, sagt er, „wie sie lacht.“ Alles würde er dafür geben, wenigstens ein Bild von ihr zu haben. Doch die einzigen drei Familienfotos – aufgenommen unter dem Apfelbaum vor dem Haustor – trug die Mutter bei sich, in einer Schachtel verpackt, zusammen mit dem restlichen Geld. „Ich habe gar nichts mehr“, sagt Aman.

Was Aman passierte, war eine typische Situation, in der Menschen Angehörige verlieren. „Eine Grenzüberquerung ist immer ein heikler Moment“, erklärt Claire Schocher-Döring, Leiterin der Personensuche beim Österreichischen Roten Kreuz. Menschen, die von Schleppern transportiert werden, wissen kaum, was mit ihnen geschieht. Sie werden auf die Ladeflächen von LKWs oder in Boote geschubst, von einer Kontaktperson zur nächsten weitergereicht, wissen häufig nicht einmal, in welchem Land sie sich gerade befinden. Die Kommunikation reißen die Schlepper häufig an sich – um die Kontrolle zu behalten und auch, um sich abzusichern gegen eine mögliche Strafverfolgung. Manche nehmen den Leuten sogar die Handies ab. Sie stellen sich nie mit richtigen Namen vor, und sind daher nicht mehr zu finden, wenn etwas schiefgeht. „Peschak“ (Katze)“ hieß einer von Amans Schleppern, „Pferd“ ein anderer. Je weniger die Geschleppten wissen, desto abhängiger sind sie, und desto weniger Ärger können sie machen. Aber desto verlorener sind sie auch, wenn ein Treffpunkt verpasst wird. Wenn ein Verkehrsunfall passiert. Wenn eine Polizeikontrolle sie zu Umwegen zwingt. Oder sonst etwas die Pläne durcheinanderbringt.

Oft werden reiche Flüchtlinge von armen getrennt; Frauen und Kinder von den Männern; oder Alte und Kranke von den anderen, ohne drauf zu achten, wer zusammengehört – und am Ende landet jeder woanders. Im Flüchtlingsherbst 2015, als Hunderttausende im Eiltempo durch mehrere Länder des Balkans geschleust wurden, geschah das sogar bei staatlich organisierten Transporten. 50 Leute in diesen Bus, 50 in einen anderen – und schon fand sich der Vater in einem deutschen, und die Mutter in einem österreichischen Erstaufnahmezentrum wieder.

„Wir haben aus 2015 einige Lektionen gelernt“, sagt Schocher-Döring. „Eine der wichtigste war: Dass wir viel mehr in die Erhaltung der Kommunikation investieren müssen.“ Auf Flugblättern und Plakaten in vielen Sprachen versucht man an Flüchtlings-Hotspots seither, ein paar Grundregeln zu etablieren: „Lern Telefonnummern und Mailadressen auswendig!“ „Achte darauf, dass Kinder die Namen ihrer Eltern wissen!“ „Sag deiner Familie immer, wo du hingehst!“ „Wenn du jemanden verlierst, geh sofort zum Roten Kreuz!“

In jedem Krieg, jedem Bürgerkrieg und allen daraus entstandenen Vertreibungen, Verschleppungen und Fluchtbewegungen gehen Menschen verloren. Das Rote Kreuz (in islamischen Ländern: der Rote Halbmond) hat, gemäß dem Genfer Abkommen von 1864, die Aufgabe übernommen, sie über die Fronten hinweg wieder zusammenzuführen. Im Ersten Weltkrieg verhandelte man vor allem über die Heimführung von Kriegsgefangenen. Nach dem Zweiten Weltkrieg irrten Millionen Menschen durch Europa: Befreite aus den Konzentrationslagern, freigelassene Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, Heimkehrer von der Front, Deserteure, Opfer ethnischer Vertreibungen. Der Suchdienst des Roten Kreuzes, der jeden Tag via Radio endlose Namenslisten von Vermissten verlas, gehörte zum fixen Soundtrack jener chaotischen Zeit. „Wir sind heute noch immer mit den Folgen des Zweiten Weltkriegs beschäftigt“, sagt Schocher-Döring. Mit Anfragen von in den Nachkriegswirren geborenen Menschen etwa, die ihre unbekannten biologischen Väter suchen – oder zumindest deren Namen.

Zwei Drittel der jährlich etwa 1000 Suchaufträge in Österreich betreffen aktuelle Fälle. Afghanistan ist, mit 62%, das bei weitem wichtigste Herkunftsland, gefolgt von Somalia. Über 5000 Fotos sind derzeit auf der Website tracetheface.org öffentlich sichtbar: 4706 Gesichter, alle Hautfarben, verschiedenste Frisuren, jedes Alter, gelächelt wird nur verhalten. „I’m looking for my Mother“, „I’m looking for my Husband“, „I’m looking for my Children“ steht da, jeweils ohne Namen, aber mit einer Codenummer des Roten Kreuzes und der Textzeile „Do you have information?“ Für alle, die sich – etwa aus Angst vor Verfolgung – nicht trauen, ihr Gesicht auf der Website öffentlich zeigen, gibt es eine Datenbank mit weiteren Fotos, auf die ausschließlich Rot-Kreuz-Mitarbeiter Zugriff haben. „Unsere Klienten entscheiden allein, wie viele Informationen sie preisgeben wollen“, erklärt Schocher-Döring, „Wir wollen ja niemanden in Gefahr bringen.“

Heute ist Abdicasiis Tubec in die Rotkreuz-Zentrale an der Wiedner Hauptstraße gekommen, um sich in die Datenbank eintragen zu lassen. Abdi, wie seine Freunde ihn nennen, ist 21 und macht gerade in den Führerschein in einem Abendkurs. Er trägt weiße Sneaker, hat meistens Stöpsel im Ohr, eben hat er, mit ein paar Schwierigkeiten in Mathematik, seinen Pflichtschulabschuss geschafft. In drei Wochen wird er eine Lehrstelle bei einer Installateurfirma in der Wachau antreten. Ein ganz normaler Weg eines ganz normalen Jugendlichen. Mit dem großen Unterschied, dass Abdi ihn mutterseelenallein gemacht hat, zehntausend Kilometer von zu Hause entfernt.

Abdi hat seine Eltern und seine beiden großen Schwestern zuletzt 2014 gesehen. „Meine Mutter hat damals gesagt, dass ich 17 war, aber in Somalia sind Geburtstage nicht so wichtig“, sagt er. Nun sitzt er vor einem Fragebogen und versucht sich zu erinnern. „Datum, Ort und Art der letzten Nachricht“, steht da. „Genaue Erklärung, wie der Kontakt verloren ging.“ Seinen Heimatort Jilib hat Abdi auf Google Maps bereits identifiziert. Den Stamm, den Clannamen und den Namen des Subclans seiner Mutter weiß er ebenfalls. Aber wo genau stand die Moschee, wie viele Gehminuten war sie vom Haus der Familie entfernt? Wie hieß der Lehrer, der die Kinder privat unterrichtete? Wie hieß der Imam? Und wo gibt es Verwandte, bei denen sich Mutter und Schwestern eventuell gemeldet haben könnten?

Abdi reibt sich die Schläfen. Mehr als vier Jahre hat er sich jetzt allein durchgeschlagen, und hat versucht, vieles zu vergessen. Sein Geld reichte nur bis in die Türkei. Dort putzt er neun Monate lang das Haus eines Schleppers, um sich die nächste Etappe zu verdienen. In Griechenland verlor er sein Handy, seine Geldbörse, samt dem einzigen Familienfoto und jenem Zettel, auf dem er zur Sicherheit nochmal alle Telefonnummern notiert hatte. In Mazedonien schlief er 20 Nächste im Wald. Über seine erste Zeit in Wien sagt er: „Vieles habe ich nicht verstanden. Es ist schwer, die richtigen Entschiedungen zu treffen, wenn man niemanden fragen kann.“ Vieles hat er ganz allein geschafft: Den positiven Asylbescheid, Deutsch, Schule, endlich sogar die Zusage für die Lehrstelle.

Doch zu einem Zeitpunkt, wo Abdi in die Zukunft schauen kann, ist plötzlich Somalia wieder da. „Manchmal tut mein Kopf weh“, sagt Abdi; er spürt, dass sich die Vergangenheit hereindrängt. Er erzählt: Von seinem Vater, Besitzer eine Autoreperaturwerkstatt, der wollte, dass die Kinder etwas lernen. Von seinem Onkel, lokaler Kommandant der radikalislamistischen Al-Jabaab-Miliz, der drängte, Abdi müsse Kämpfer werden. Vom Streit zwischen Vater und Onkel, den es deswegen gab. Abdi arbeitete in einem Frisiersalon – das sei unmännlich, und Haareschneiden sei gegen den Islam, sagte der Onkel. Eines Tages fuhr ein Pickup beim Friseur vor, schwarz verhüllte Milizionäre packten Abdi und fuhren mit ihm davon. Drei Wochen Lager, Schießtraining, Schläge, religiöse Kampfparolen. Bei einem Moscheebesuch ging Abdi aufs Klo, kletterte über die Mauer und lief davon. Schlug sich nach Hause durch. Du kannst hier nicht bleiben, sie finden dich, sagten die Eltern, und schickten ihn weg, nach Mogadischu, weiter nach Europa.

Beim vorletzten Telefonat, als Abdi von Mogadischu aus anrief, erzähte ihm die Mutter: Der Onkel sei gekommen, habe Abdi gesucht, sei sehr böse gewesen, und habe den Vater erschossen. Beim allerletzten Telefonat, als Abdi aus Griechenland anrief, erzählte die Mutter: Die Al-Jabaab sei jetzt überall im Ort. Sie hätte große Angst, dass die beiden Töchter, 18 und 19 Jahre alt, von den Milizionären verschleppt würden. Sie würden jetzt wohl besser weggehen, sagte die Mutter. Es war das letzte, was Abdi von ihnen hörte.

Wohin sie gegangen sein könnten, fragt der Sachbearbeiter mit leiser, aber fester Stimme. Abdi reibt sich wieder die Schläfe. Ein 22jähriger Installateurlehrling in Wien muss sich hineindenken in eine Witwe in der somalischen Wüste, bedrängt von Mördern und Entführern, und muss überlegen: Für welchen Weg sie sich wohl entschieden hat? Für Schlepper war kein Geld mehr da. Mogadischu? Zu gefährlich für drei Frauen. Über die Grenze nach Äthiopien? Oder eher nach Kenia, in eins der riesigen Flüchtlingslager?

Der Rote Halbmond hat eine gut organisierte Niederlassung in Somalia. Im BBC-Radio, das überall gehört wird, verlesen sie Suchbotschaften, wie in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie pflegen Netzwerke zu allen Clans. Wenn es nicht anders geht, fahren Kontaktleute sogar persönlich in die Dörfer und halten Nachschau, bei der Moschee, beim Lehrer, und hinterlassen Nachrichten. Speziell in den UNHCR-Flüchtlingslagern ist der Suchdienst omnipräsent. Auf Plakaten und per Megaphon wird dort für den Suchdienst geworben. Wenn Mutter und Schwestern in einem der Lager sind, besteht Hoffnung.

„Ich glaube schon, dass meine Mutter mich sucht“, sagt Abdi. 58 Treffer verzeichnete der österreichische Suchdienst im vergangenen Jahr.

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