Es ist höchte Zeit, dass sich die Vielsprachigkeit Wiens selbstbewusster zeigt. In den Medien, in der Hochkultur, im Burgtheater. Vielleicht hilft das dann auch in der Straßenbahn.

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Wie reden Sie mit Ihrem Kind? Ist Ihre Muttersprache deutsch, ist die Antwort einfach: So, wie es Ihnen selbst, von klein auf, vertraut ist. Für die Sprachentwicklung des Kindes ist das am besten, wie alle Studien belegen. Die Sicherheit in der Muttersprache, samt der Bedeutungstiefe der Worte und den vielen Schichten Emotion, ist die Basis für alle weiteren Sprachen, die noch folgen mögen.

Ist Ihre Muttersprache hingegen slowakisch, türkisch oder französisch, ist das weniger einfach zu beantworten, zumindest wenn Sie in der Öffentlichkeit unterwegs sind. Sie rufen Ihrem Kind auf dem Spielplatz etwas zu. Sie sitzen in der Straßenbahn und unterhalten sich über Dinge, die Sie draußen sehen. Schon fragen Sie sich: Wie laut soll ich reden? Sollen die Sitznachbarn mithören? Muss ich dann mit Reaktionen rechnen? Und fallen diese Reaktionen unterschiedlich aus, je nachdem, ob es sich um slowakisch, türkisch oder französisch handelt?

Sitzt Ihnen zufällig Martin Kusej gegenüber, können Sie mit Wohlwollen rechnen: „Ich bin total begeistert, dass ich hier in Wien mit so vielen Sprachen konfrontiert bin“, sagt der künftige Burgtheaterdirektor in seinen Antrittsinterviews. „Ich empfinde diese Stadt als einen unglaublich tollen, vielsprachigen, multikulturellen Ort.“ Aber damit ist er leider eher die Ausnahme. Bei Familien, die als Touristen hier sind (erkennbar daran, dass sie sich staunend umblicken und praktische Allwetterjacken tragen) wird der Gebrauch von Fremdsprachen gerade noch gebilligt. Sobald man es jedoch, an Einkaufssackerln oder Kinderwagen erkennbar, mit Eltern zu tun hat, die dauerhaft in Wien leben, setzt ein unbezwingbares Bedürfnis ein, sie zurechtzuweisen. Sie haben es sicher schon miterlebt: Da wird gezischt. Missbilligend der Kopf geschüttelt. Oder gar abfällig kommentiert. Im Glauben, die Eltern würden es ohnehin nicht mitkriegen. Denn wer etwas anderes spricht, so der Irrglaube, kann kein Deutsch.

Wobei es bei der Missbillungung Hierarchien gibt. Englisch oder französisch werden zwar als angeberisch empfunden („die glauben wohl, sie sind was besseres, wenn sie so international tun“), doch Einspruch würde man nicht wagen. Bei spanisch oder italienisch lässt man noch Nachsicht gelten, wegen der schönen Urlaubserinnerungen vielleicht. Bei slawischen Sprachen reckt das deutsche Überlegenheitsgefühl bereits sein arrogantes Haupt. Bei Arabisch oder – Gott bewahre – Türkisch gar gibt es dann kein Halten mehr. Diese dummen, verantwortungslosen, ignoranten Eltern! Wie kann man den Kindern so eine Sprache bloß antun! Und was für eine Zumutung, sie auch noch selbstbewusst an die nächste Generation weitergeben zu wollen – statt verschämt zu flüstern, wie es sich für solche Sprachen gehört!

Man stelle sich kurz vor, was das für Kinder und ihre Entwicklung bedeutet: Zu erfahren, dass man sich für die Sprache der Eltern schist en ern  er. tigeninismus owaniemand zuhört. man sie am betsen nur im Verbrgenen verwendetn, versproicht er. tigeninismus owaämen muss. Dass man sie am besten versteckt und nur verwendet, wenn niemand zuhört.

So etwas passiert in einer Metropole, die stolz auf ihre kosmopolitische Vergangenheit ist (und dieses Image mit viel Geld bewirbt). In einer Weltstadt, die Sitz internationaler Organisationen ist, und sich ihrer Rolle als Brückenbauerin rühmt (Sie erinnern sich an „Building Bridges“, das Motto des Wiener Song Contest). Hier hat sich etwas eingeschlichen, das man bislang nur aus der finstersten Zeit des Kärntner Deutsch-Chauvinismus kannte: nämlich der Stolz darauf, etwas NICHT zu können. Und andere dafür zu verachten, dass sie etwas können, das man selbst NICHT kann.

„Man kann doch nicht sagen, wir sind eine große Kulturnation, aber gleichzeitig nicht akzeptieren, dass in der U-Bahn 15 Sprachen zu hören sind“, sagt Martin Kusej. Die Vielsprachigkeit Österreichs wird sich im Programm unseres Nationaltheaters künftig wiederspiegeln, verspricht er. Gut so!

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