Was ist damit gemeint? Wer hat diesen Begriff in die Welt gesetzt? Wer verbreitet ihn? Und will die ÖVP tatsächlich daran anstreifen? Ein kleiner Versuch zur Aufklärung.

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Der Terrorist von Christchurch rechtfertigte seinen Massenmord damit, es gebe einen globalen Bevölkerungsaustausch („The Great Replacement“), gegen den man sich „wehren“ müsse. Die meisten Medienkonsumenten hörten diesen seltsamen Begriff nach dem Attentat zum ersten Mal. Für Menschen, die ihre Informationen aus rechtsextremen Quellen beziehen, ist das Wort allerdings schon seit Jahren fixer Bestandteil ihres Vokabulars. Es wird in Büchern verwendet, in Youtube-Videos, auf rechten Websites wie „info-direkt“ oder „Unzensuriert“, in unzähligen Postings und Leserbriefen (auch an meine Adresse). Der Identitäre Martin Sellner verwendet das Wort „Bevölkerungsaustausch“ gern; ebenso AfD-Sprecher Alexander Gauland. In Österreich hatten FPÖler zuvor eher das Wort „Umvolkung“ benützt; nun konnten sie dessen Nazi-Nachhall abstreifen und es durch ein flotteres Wort ersetzen: „Ich nenne es heute Ethnomorphose, Bevölkerungsaustausch“, erklärte etwa FP-Klubobmann Johann Gudenus. „Bevölkerungsaustausch“ schrieb, in mehreren Facebook-Postings, auch Heinz-Christian Strache, Vizekanzler der Republik.

Was ist mit dem Wort gemeint? Versuchen wir es mit ein bisschen Aufklärung.

Wer „Bevölkerungsaustausch“ sagt, meint: Es gebe einen großangelegten globalen Plan, die Bevölkerung Europas durch Menschen aus anderen Kontinenten zu ersetzen. Weiße sollen durch Menschen anderer Hautfarbe; Christen durch Muslime ausgetauscht werden. Dieser „Austausch“ sei zunächst jahrelang „schleichend“ erfolgt (wie Strache 2013 schrieb). Die Flüchtlingskrise 2015 sei dann ein erster Höhepunkt der organisierten Ansiedlung „kulturfremder“ Massen gewesen. Wer hat sich diesen Plan ausgedacht, wer steckt dahinter? George Soros, sagen die einen. Die UNO, sagen andere – immerhin verwende diese in ihren Reports den Begriff „Replacement Migration“ (einen nüchternen Fachterminus aus der Demographie, der bloß beschreibt, wie ein Land trotz sinkender Geburtenraten seine Bevölkerungszahl durch Migration stabil halten kann). Die meisten Anhänger der Mär vom „großen Plan“ begnügen sich auf der Suche nach den Drahtziehern jedoch mit vagen Hinweisen auf „das internationale Finanzkapital“, „die globale Elite“ oder „die Konzerne“. Angela Merkel jedenfalls habe als deren Handlangerin agiert, als sie 2015 die Grenzen öffnete.

Wie bei jeder Verschwörungstheorie stellt sich die wichtige Frage: Cui Bono? Wem genau würde ein derartiger „Bevölkerungsaustausch“ nützen? Ein erster Widerspruch sticht da ziemlich rasch ins Auge: Die These vom „Profitinteresse“ passt mit der von denselben Leuten verbreiteten Behauptung, Flucht sei bloß eine „Einwanderung ins Sozialsystem“, nicht recht zusammen. Wo genau soll denn der Profit der Konzerne herkommen, wenn man es bloß mit arbeitsscheuen, unproduktiven „Sozialschmarotzern“ zu tun hat? 

Nicht viel logischer klingt es, die Sozialdemokratie als Nutznießerin zu identifizieren – die angeblich neue Wähler aus dem Ausland ins Land karre, um ihre schwindende Kernwählerbasis zu ersetzen. Angesichts eines Zeitraums von mindestens zehn Jahren, die es dauert, bis Einwanderer zu wahlberechtigten Staatsbürgern werden, erschiene diese Strategie doch eher riskant. Um nicht zu sagen: dämlich. Und wie hat es die Sozialdemokratie bloß geschafft, nicht nur die Christlichsoziale Merkel, sondern gleich die gesamte globale Finanzelite für ihre wahltaktischen Ziele einzuspannen?

Es sind schon sehr sumpfige Gewässer, durch die die österreichische Regierungspartei FPÖ hier watet. Noch hält sie die ÖVP dabei jedoch fest an der Hand. Bei der Ablehnung des UN-Migrationspakts floss die Terminologie vom „Austauschplan“ sogar in offizielle Regierungspapiere ein: „Regular migration“ wurde da nicht mit „geregelter“, sondern mit „planmäßiger Migration“ übersetzt. Ersteres ist die Wortwahl der UNO. Zweiteres jene der Identitären.

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