Europa hat ein politisch-demographisches Problem: Wer kümmert sich um die Zukunftsfragen, wenn die Alten sich immer durchsetzen?

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Aus welchen Gründen wählt man? Für Freiheitliche war diese Frage an diesem Wochenende am leichtesten zu beantworten: Sie wählten aus Liebe. Fast ist man verführt zu sagen: Aus blinder Liebe. Egal, was du auch angestellt hast; egal, wie schlimm du dich aufgeführt hast: HC, wir halten zu dir! Wir lassen dich nicht hängen. Zwar ist das, was du in Ibiza gesagt hast, das exakte Gegenteil von allem, was uns die FPÖ seit jeher predigt. Statt „unser Österreich“ vor Ausländern zu beschützen, hast du versucht, unser Wasser, unseren ORF und unsere Kronenzeitung an eine dahergelaufene Ausländerin zu verscherbeln. Wir haben dir zugeschaut bei Allmachtsphantasien, Korruptionsplänen und schamloser Gier. Niemals würde man so etwas den sogenannten „Altpartien“ verzeihen – aber dir, HC, verzeihen wir! Betrunken waren wir schließlich alle schon einmal. Im Kampf gegen „finstere Mächte“ und „linkslinke Verschwörungen“ stehen die Freiheitlichen enger zusammen denn je, und Strache wird für sein Ibiza-Fail auch noch mit einem Vorzugsstimmenmandat in Brüssel belohnt.

Jenseits dieser irrationalen freiheitlichen Gefühlswallungen zeigte dieses Wochenende jedoch noch eine weitere Auffälligkeit: Wie stark sich die Prioritäten der jüngeren Menschen in Europa von jenen der älteren unterscheiden. Vergleicht man das Wahlverhalten der unter-Dreißigjährigen mit jenem der über-Sechzigjährigen, könnte man meinen: Die Generationen leben mittlerweile auf verschiedenen Planeten. Aber nur der jüngeren scheint so wirklich bewusst zu sein, dass es nur einen einzigen Planeten gibt.

Zum Beispiel in Österreich: Hier sind die Grünen bei den Jungwählern die bei weitem stärkste Partei geworden. Der jüngste Bundeskanzler aller Zeiten hingegen verdankt seinen Wahlerfolg nicht seinen Altersgenossen, sondern vor allem deren Eltern und Großeltern: Von den über-Sechzigjährigen wählten 48% ÖVP, von den unter-Dreißigjährigen hingegen nur 16% – so stark klafft die Schere bei keiner anderen Partei auseinander. Die FPÖ wiederum, die ehemalige Anti-Establishment-Bewegung, hat ihren einstigen Vorsprung bei den Jungen eingebüßt; mehr denn je ist sie heute die Partei mittelalter männlicher Arbeiter.

Ein ähnliches Bild, nur noch extremer, zeigt sich in Deutschland: Wären da nicht die Rentner, könnten sich die deutschen Grünen bereits fix darauf einstellen, den nächsten Kanzler oder die nächste Kanzlerin zu stellen.

Doch die Rentner sind, in absoluten Zahlen, viele in Deutschland. In Österreich heißen sie Pensionisten und sind ebensoviele. Um ihnen zu gefallen, predigen die ehemaligen Volksparteien unisono immer noch die Themen Migration und Sicherheit, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Dass den jüngeren Leuten das Umwelt- und Klimathema viel stärker unter den Nägeln brennt, kriegt die etablierte Politik nur am Rande mit. Oder: Sie kriegt es mit, aber nimmt es immer noch nicht richtig ernst. Denn sie ist es bisher gewohnt, sich auf zwei politische Naturgesetze zu verlassen. Erstens: Dass die Jungen zahlenmäßig immer viel weniger sein werden als die Alten, und einem deswegen nie zu Mehrheiten verhelfen können. Und dass sie, zweitens, oft zu Hause bleiben, wenn es drauf ankäme. Am Wahltag zum Beispiel.

Letzteres war tatsächlich lange richtig. Großbrittannien hätte sich wahrscheinlich den Brexit ersparen können, hätten die europafreundlichen Jungwähler nicht in viel zu großer Zahl die Teilnahme am Referendum geschwänzt. Doch in letzter Zeit beginnt sich das zu ändern. Die Jungen sind aufgewacht. Ihre Wahlbeteiligung steigt. Immer öfter legen sie das Handy weg und erobern sich die analoge Welt zurück. Weil ja auch der Planet, um den sie sich sorgen, keine virtuelle, sondern eine sehr handfeste Angelegenheit ist.

Um die Politik in der Klimafrage endlich zum Handeln zu zwingen, müssten die Jungen also schlagartig viel mehr werden. Oder, realistischer: Oma und Opa auf ihre Seite ziehen.

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