In Stunden wie diesen braucht man ein starkes, besonnenes Staatsoberhaupt, das alles richtig macht. Gottseidank haben wir damals das richtige gewählt.

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Ein kleines Gedankenexperiment. Versuchen wir uns, nur eine Minute lang, vorzustellen, die Bundespräsidentenwahl 2016 wäre anders ausgegangen, und Alexander Van der Bellen hätten ein paar Stimmen gefehlt, um in die Hofburg einzuziehen.

Österreich sähe dann so aus: Wir stünden ohne Regierung da. Wir wären eben einen Vizekanzler losgeworden, der bereit gewesen wäre, unser Land an dubiose reiche Privatleute zu verscherbeln. Wir hätten einen Innenminister, der im allerletzten Moment vor seinem Sturz noch schnell versucht, seinen Vertrauten ins Amt des obersten Polizeichefs zu hieven. Wir hätten Justizbehörden, die in wilde Machtkämpfe verstrickt sind. Einen handlungsunfähigen Geheimdienst. Wir hätten eine Regierungspartei, die der anderen „Machtbesoffenheit“ vorwirft (erinnern wir uns noch an den „neuen Stil“?). Wir hätten einen Bundeskanzler, verliebt in sein eigenes Spiegelbild, der trotz aller Ich-Ich-Ich-Beschwörungen nicht mehr weiterweiß, und dem bloß einfällt, sich eine absolute Mehrheit herbeizuwünschen. Wir hätten ein Parlament, in dem momentan bloß eine einzige Kleinpartei, nämlich die Neos, zu klarer, konstruktiver Politik fähig ist.

Und in dieser unübersichtlichen Situation hätten wir in der Hofburg nun einen Bundespräsidenten namens Norbert Hofer sitzen. Einen Bundespräsidenten, der uns einmal versprach, wir würden uns noch „wundern, was alles möglich ist“. Jetzt, inmitten des Chaos, hätte Hofer die perfekte Gelegenheit, uns genau das alles vorzuführen: ein eiskalt lächelnder Taktierer an der Seite seiner taumelnden, im freien Fall wild um sich schlagenen Parteifreunde.

Man kann aufatmen an dieser Stelle des Gedankenspiels. Wir haben bloß schlecht geträumt. Gottseidank waren wir Wählerinnen und Wähler damals vorausschauend genug. Alexander van der Bellen ist in diesen nervenzerfetzenden Tagen der Anker der Vernunft in Österreich. Wenn er aus seiner roten Tapetentür tritt, schaut er aus wie immer: gelassen, heiter, souverän. Viele seiner Wähler hätten sich in den vergangenen Monaten von ihm mehr Aktionismus gewünscht, häufigere sichtbare Einmischungen, starke Worte. Aber in einer Situation wie dieser wird klar: Ein Bundespräsident darf sein Pulver nicht im alltäglichen Geplänkel verschießen. Er darf sich nicht aus Eitelkeit ins Rampenlicht drängen. Er muss der Versuchung widerstehen, den eigenen Fans zu schmeicheln, indem er den politischen Gegner allzu häufig rügt. Er muss mit allen Seiten im konstruktiven Gespräch bleiben, egal wie tief die weltanschaulichen Gräben sind. Ein Bundespräsident – samt der Machtfülle, die ihm die österreichische Bundesverfassung verleiht – muss seine Autorität für jene Momente aufsparen, wo es wirklich drauf ankommt. Für Momente wie diesen.

Van der Bellen hat in diesen Tagen genau das Richtige gesagt und getan. Für das Ausland, das angesichts der Ereignisse in unserem Land angewidert den Kopf schüttelt, repräsentiert er das weltoffene, verlässliche, rechtsstaatliche Österreich. In seiner allerersten Wortmeldung schon drängte er auf eine „klare, schonungslose und vollständige Aufklärung“ aller Korruptionsvorwürfe. Dem unabhängigen Journalismus des Landes stärkte er demonstrativ den Rücken (der spiele „eine zentrale Rolle in einer liberalen Demokratie“). Hinter der Tapetentür hilft er dem offenbar überforderten Kanzler dabei, durch dessen selbstverschuldete Krise zu navigieren. Die Opposition erinnert er an ihre Verantwortung fürs Land. Dem letzten dreisten Postenschacher Herbert Kickls schob er einen Riegel vor. Und absolvierte zwischendurch noch heiter einen Repräsentationstermin bei den Pandabären im Tiergarten, ohne die Namen der Fu-Long-Geschwister durcheinanderzubringen.

Uns geschockten Bürgern und Bürgerinnen versichert er: „So sind wir nicht. So ist Österreich nicht“. Wir sind uns zwar nicht ganz sicher, ob das stimmt. Aber wir hoffen, dass er Recht behält.

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