Die Petition „fairändern“ – und mit ihr mehrere Politiker der Regierungsparteien – will Schwangere zwingen, auch schwerst behinderte Kinder zu gebären. Wollen wir das wirklich?

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Jede Frau, die schon einmal schwanger war, weiß, wovon die Rede ist. Jeder Partner einer Schwangeren weiß es ebenfalls. Man spielt – zumindest im Kopf, zumindest insgeheim – die Was-Wäre-Wenn-Frage durch: Was sollen wir tun, wenn wir während der Schwangerschaft davon erfahren, dass unser Kind womöglich eine schwere Behinderung hat oder unheilbar krank sein wird? Wieviel wollen wir schon im Vorfeld über die Eventualitäten wissen? Wie werden wir damit umgehen? Was wird das verändern – an unserer Beziehung, unserer Familie, unseren Zukunftsplänen? Wovon werden wir unsere Entscheidung dann abhängig machen? Und wie entscheiden wir am Ende?

Bei den allermeisten Eltern bleiben diese Fragen zum Glück theoretisch. Bei einigen nicht. Man wünscht sich nicht, in ihrer Haut zu stecken in dieser schwierigen Zeit. Die vergangenen vierzig Jahre lang herrschte in Österreich jedoch eine breite Übereinkunft, dass sich der Gesetzgeber in dieser sensiblen Konfliktsituation so wenig wie möglich einmischt. Späte Abtreibungen (solche nach Ende der Fristenregelung, also nach der 14. Schwangerschaftswoche) sind bei fehlgebildeten Föten grundsätzlich straffrei. Die Eltern können also ohne Zeitdruck entscheiden. Sie werden dabei von medizinethischen Kommissionen begleitet, wobei der Grundsatz gilt: Je weiter die Schwangerschaft vorangeschritten ist, desto sicherer muss die Diagnose und desto schwerwiegender die Schädigung sein, um einen Abbruch zu rechtfertigen. Ein Fetozid, also die Tötung eines theoretisch schon lebensfähigen Fötus im Mutterleib, wird jedes Jahr nur in wenigen, besonders gravierenden Fällen durchgeführt. Etwa bei Babies, denen das Gehirn fehlt. Oder bei einer unheilbaren Krankheit, die für das Baby mit permanenten schweren Schmerzen einhergehen würde.

Will ich ein Kind zur Welt bringen, um es beim Sterben zu begleiten? Oder: Was bedeutet es, ein Kind zu bekommen, von dem ich schon vorher weiß, dass es nie reden, lachen, spielen können wird und lebenslang pflegebedürftig ist? Kann ich das? Bin ich bereit dazu? Oder überfordert es mich? Um sich mit solchen Gedanken anzufreunden, ist manches wahrscheinlich hilfreich: Die Erfahrungen von anderen Eltern, die in einer ähnlichen Situation waren oder sind. Emotionale Unterstützung. Genaue Prognosen von Medizinern. Die Expertise von Pflegekräften. Ein Umfeld, das die Entscheidung – welche auch immer es ist – respektiert. Eine Gesellschaft, die Verständnis zeigt. Sowie ein staatliches Sozialsystem, das mit Ressourcen und konkreter materieller Hilfe bereitsteht.

Was dabei definitiv NICHT hilft: Fremde Leute, die einem ihre eigenen moralischen Prinzipien aufzwingen. Außenstehende, die Stress und schlechtes Gewissen erzeugen. Die Schwangere zu überhasteten Entscheidungen drängen, indem sie sagen: Du hast nur bis zur 14. Woche Zeit. Gleichgültig, wie unklar die Lage zu diesem Zeitpunkt noch ist – du musst sofort „ja“ oder „nein“ sagen, denn nachher ist es zu spät. Sobald die 14. Woche vorbei ist, musst du diese Schwangerschaft zu Ende bringen, dein Kind austragen, es gebären und pflegen; egal, ob du dazu bereit bist oder nicht; egal, wie es dir dabei geht; und egal, was das mit deinem weiteren Leben macht. Wir verbieten dir eine Abtreibung unter Strafandrohung, und schreiben dir vor, dass du dein Schicksal schultern musst. (All das gilt freilich nur für die Mutter – dem Vater eines behinderten Kinders kann das Gesetz nämlich gar nichts vorschreiben).

Die Petition „fairändern“, die beim Schwangerschaftsabbruch die embryopathische Indikation abschaffen will, tut genau das. Sie wird von mehreren Abgeordneten der Regierungsparteien unterstützt, etwa auch von Verkehrsminister Norbert Hofer. Gestern wurde sie im parlamentarischen Petitionsausschuss behandelt. Man kann alle Schwangeren nur wünschen, dass sie keinen Erfolg hat. 

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