Das winzige kapitalistische Hongkong fühlte sich einst stark genug, das riesige kommunistische China zu verändern. Das ist sehr lang her. Heute ist es umgekehrt.

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2047 – unendlich weit weg schien dieses Jahr, als man im vergangenen Jahrhundert über die Zukunft von Hongkong verhandelte. 1997 fiel die britische Kronkolonie unter chinesische Herrschaft zurück, und Chinas Kommunisten mussten damals versprechen, die Eigenheiten Hongkongs – inklusive Meinungsfreiheit und unabhängiger Justiz – fünfzig Jahre lang nicht anzurühren. „Ein Land, zwei Systeme“ hieß das. 2047 ist heute zwar noch immer eine ganze Weile hin. Doch die Konfrontation ist da. Hunderttausende demonstriereren seit Wochen auf Hongkongs Straßen. Ihr Protest ist nicht ungefährlich – es gab Polizeieinsätze mit Gummigeschossen und Tränengas. Die Menschen sind fest entschlossen, ihre Freiheiten zu verteidigen. Sie haben Angst, mit China gleichgeschaltet werden. Doch diese Gefahr ist mittlerweile sehr real.

Was nämlich alle spüren – auch jene vielen Jungen, die  sich an 1997 nicht bewusst erinnern können: Wie sehr sich die globalen Kräfteverhältnisse seit damals verschoben haben.  Als Großbrittannien seine Kolonie abgab, tat es das noch aus einer Position der Stärke heraus. Großbrittannien war eine Supermacht, die sich überall auf der Welt in der Lage fühlte, ihre Interessen durchzusetzen. Das unter ihren Fittichen groß gewordene Hongkong strotzte vor Selbsttbewusstsein, fühlte sich mächtig. Man glaubte an die Überlegenheit der westlichen demokratischen Traditionen. War überzeugt, dass Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit mit dem wirtschaftlichen Erfolg untrennbar verbunden sind. Dass Kapitalismus und Freiheit zusammenhängen, und dass eines ohne das andere nicht funktioniert. Man ging sogar so weit zu hoffen: Dass das winzige Hongkong mit seiner Power die Demokratisierung des kommunistischen Riesenreiches vorantreiben könnte.

Spätestens heute ist klar, wie viel Hybris in dieser Idee steckte. Wie überheblich dieser Fortschrittsglaube war. Oder: wie naiv. China hat Großbrittannien als ökonomische Supermacht mittlerweile längst abgehängt – ganz ohne irgendwelche Zugeständnisse an Demokratie oder Liberalismus machen zu müssen. Peking führt aller Welt stolz vor, dass Kapitalismus und Diktatur wunderbar zusammenpassen. Man könnte man sogar sagen: Erst gemeinsam entfalten sie ihre ganze Kraft.

Das geht so: Industrielle Großprojekte lassen sich umso schneller durchziehen, wenn weder Eigentümerinteressen,  NGOs, lokale Widerstandsbewegungen oder Gewerkschaften dabei stören. Ökonomische Strategiewechsel kann man in einer Diktatur mit einem Fingerschnippen befehlen – wer sich wehrt, den sperrt man einfach ein. Mit diktatorischen Regimen in armen Ländern kann man Deals schließen, ohne auf so altmodische Ziele wie „Entwicklung“ oder „Menschenrechte“ achten zu müssen. In Afrika kann man sogar Kolonialismus in neuem großem Stil betreiben – Ländereien aufkaufen, Monokultur-Plantagen betreiben, Rohstoffe ausbeuten – ohne dass sich irgendjemand aufregt.

Bei der Überwachung der Untertanen schließlich verschmelzen der kommunistische Obrigkeitsstaat und die kapitalistisch entwickelten Social-Media-Technologien zu einer Symbiose auf allerhöchstem Effizienzniveau. Nicht nur die Kommunikation, sondern auch das Konsum- und Alltagsverhalten jedes einzelnen Bürgers werden lückenlos durchleuchtet, inklusive Gesichtserkennung im öffentlichen Raum. All das nimmt der chinesische Untertan jedoch insgesamt in Kauf. Denn ruhiggestellt wird er mit dem Versprechen, bei Wohlverhalten weiterhin ungehemmt konsumieren zu dürfen. Ein Trick, den die Kommunisten sich beim Kapitalismus abgeschaut haben.

Und die bürgerlichen Freiheiten? Diese altmodischen Ideale des 19. Jahrhunderts, die wir uns einst erkämpft haben? Die Bürger von Hongkong halten sie derzeit hoch. Mit wachsender Trotz und steigender Verzweiflung. Weil sie wissen, dass ihre Sache auf der Welt im Moment keine allzu mächtigen Verbündeten hat.

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