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	<title>Sibylle Hamann</title>
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		<title>Die netten ins Töpfchen, die fetten ins Kröpfchen</title>
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		<pubDate>Thu, 23 May 2013 12:48:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sibylle Hamann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p>&#160;</p> <p>Ich bin ein Kind der Alternativbewegung. Dennoch gehen meine Kinder nicht in die Alternativschule. Warum?</p> <p>Eine Gewissenserforschung für den Falter</p> <p>Es begann ganz harmlos. „Wir sind jetzt in dieser tollen Alternativschule“, sagte neulich eine Bekannte, nennen wir sie Julia. Ob das nicht auch für uns etwas wäre, und unseren 6jährigen Sohn? Hm. Ich klicke [...]]]></description>
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<p>Ich bin ein Kind der Alternativbewegung. Dennoch gehen meine Kinder nicht in die Alternativschule. Warum?</p>
<p>Eine Gewissenserforschung für den Falter</p>
<p>Es begann ganz harmlos. „Wir sind jetzt in dieser tollen Alternativschule“, sagte neulich eine Bekannte, nennen wir sie Julia. Ob das nicht auch für uns etwas wäre, und unseren 6jährigen Sohn? Hm. Ich klicke mich durch die Homepage. Klingt super. Alles Montessori, ziemlich teuer, basisdemokratisch, selbstverantwortlich, angstfrei. Es wird gemeinsam geputzt, man isst vegan. Die Kinder auf den Bildern lachen, sie haben Gatsch oder Fingerfarben auf der Haut. Die Eltern der Gründergeneration sind ebenfalls abgebildet, sie haben Stolz im Blick und zerzauste Haare, sie tragen Gummistiefel, bauen Mäuerchen und kochen in großen Kesseln.</p>
<p>Lauter patente Menschen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Scheiß auf die Obrigkeit, wir machen unser eigenes Ding: Ich erkenne diese Leute. Ich erkenne diese Worte. Es sind meine. Und ich dachte auch, dass es meine festen Überzeugungen sind, seit dreißig Jahren. Ich klicke weiter, doch seltsamerweise will mir nicht recht warm werden. Es fremdelt. Und dann stolpere ich über diesen Satz, der schlagartig mein Unbehagen auf den Punkt bringt: „Wir nehmen keine Kinder, die länger als ein Jahr die Regelschule besucht haben“, steht da.</p>
<p>In meinen Ohren bekommt das plötzlich einen verkniffenen Klang. Etwa so: Wir lassen uns unsere schöne, helle, heile Welt nicht von der hässlichen, finsteren, kranken Wirklichkeit beschmutzen. Wir bauen uns unsere kreative Zelle, Stein auf Stein, voller angstfreier, selbstbestimmter, kreativer Menschen, doch das geht nur, wenn wir niemanden von draußen hereinlassen. Wir sind die Besonderen, mit den besonderen Kindern. Die Normalen, das sind die anderen: die Gebeugten, Beladenen, Beschädigten, Autoritären, Verbogenen, Abgestumpften, samt ihren beschädigten, verbogenen, abgestumpften Kindern. Bloß nicht anstreifen, an die. Wer weiß, was die uns einschleppen.</p>
<p>Keine Ahnung, ob dieser Satz genau so gemeint war. Für mich jedenfalls markierte er den Endpunkt einer Sackgasse. Und mir war klarer denn je zuvor, dass mein Sohn dort, wo er derzeit ist, tatsächlich hingehört: in die öffentliche Volksschule ums Eck.</p>
<p>Die Entscheidung dazu war spontan gefallen, ohne viel Nachdenken. Es war die einfachste, billigste Lösung. Wir wohnen in einem Teil des zweiten Bezirks, die (noch) nicht zu Bobostan gehört. Die öffentliche Schule hier ist eine Ganztagsschule. Die Lehrerinnen sind ziemlich normal, die Kinder ziemlich verschieden, das Essen nicht vegan, die Gebühr dafür bucht die Magistratsabteilung direkt vom Konto ab. Mitreden oder mitputzen muss hier niemand.</p>
<p>Versagt man seinem Kind etwas, in dieser Umgebung? Betoniert man seine Kreativität, hindert man es daran, sich zu entfalten? Früher hätte ich das befürchtet. Heute nicht mehr. Ich weiß nämlich, offen gesagt, immer weniger, worauf es in der Schule ankommt. Welche Erfahrungen wertvoll sind, welche weniger. Ich kann bloß zuschauen, was mein Sohn lernt. Er lernt zum Beispiel, dass Kinder, die anders ausschauen und anders aufwachsen, genau gleich empfinden können wie er. Mit Yasemin, einem pummeligen türkischen Mädchen, teilte er seine panische Angst vor dem Eislaufen; gemeinsam haben sie die überwunden, seither verbindet die beiden etwas. Er erfährt, dass manche Familien auf vierzig Quadratmetern leben, und es welche gibt, die gar kein Zuhause haben. Neben ihm sitzt Ruslan, ein Flüchtling aus Tschetschenien, manche Kinder lassen Ruslan nicht vom Jausenbrot abbeißen, weil er ganz schwarze Zähne hat, und unser Sohn hadert gerade damit, auf welche Seite er sich in solchen Momenten schlagen soll.</p>
<p>Nein, heil, basisdemokratisch oder gar „angstfrei“ ist die Wirklichkeit, an der er da anstreift, nicht. Mit erscheint dennoch wichtig, dass er es tut. In der Alternativschule könnte er das nicht. Schon allein deshalb, weil es dort keinen Ruslan gibt.</p>
<p>Alternativschulen haben mit den anderen Privatschulen eines gemein: Sie entstehen aus dem  Bedürfnis von Eltern, sich mit Ähnlichen zu umgeben, und von Anderen zu unterscheiden. So landen, wie von Zauberhand sortiert, immer wieder die Schriftstellerkinder mit Schriftstellerkindern in der Klasse, und die Friseurinnenkinder mit Friseurinnenkindern. Nein, es ist kein ausgeklügelter Masterplan, dem Eltern hier folgen. Man rutscht irgendwie hinein, geschubst von Gerüchten, die am Spielplatz kursieren, Gruppendruck, Medienberichten, uneingestandenen Ängsten, und dem vagen Wunsch, alles richtig zu machen. Bloß mit den konkreten Kindern hat es wenig zu tun.</p>
<p>Wie genau dieser Mechanismus abläuft – das sieht man manchmal erst im Nachhinein klarer. Auch ich. Unsere heute zehnjährige Tochter ging in eine andere Volksschule, eine private. Es war die nächstgelegene Schule, direkt gegenüber, mit Ganztagsbetreuung und einem großen Garten. Sie nehmen dort nicht alle. Unsere Tochter nahmen sie. Wir fragten nicht genau nach, warum. Wir schrieben sie ein, ohne uns die öffentliche überhaupt nur anzuschauen.</p>
<p>Sie ist wegen der Ganztagsbetreuung dort, und wegen des Gartens -  ich habe das oft gesagt in jenen vier Jahren. So oft, bis es sich in meinen eigenen Ohren seltsam anhörte, und ich begann, unseren eigenen Motiven zu misstrauen. Wegen der Ganztagsbetreuung, wegen des Gartens, wegen der Montessori-Materialien &#8211; das sagen sie nämlich alle, immer. Jene Eltern, die täglich durch halb Wien fahren, um ihre Kinder hierherzubringen; jene, die von hier in andere Bezirke zu anderen Privatschulen pendeln; und sie sagen es auch dann, wenn der Garten winzig ist und niemand je die Montessori-Materialien anrührt.</p>
<p>Warum eigentlich geht kaum ein Kind aus unserem Bekanntenkreis in die öffentliche Schule ums Eck? Immer penetranter stand diese Frage im Raum, wie ein dicker weißer Elefant, aber jeder redete demonstrativ unangestrengt weiter, als sei der weiße Elefant gar nicht da. „Zu viele Ausländerkinder“ – nein, so hätte das nie jemand formuliert, das war die Diktion der FPÖ, und „Ausländerkinder“ gab es schließlich auch in den Privatschulen, nur andere halt.</p>
<p>Man entwickelte jedoch subtile Narrative, die ähnliches meinten. Eine Bekannte erzählte mit schreckgeweiteten Augen von den vielen dicken Kindern in der öffentlichen Schule.  Davon, wie die sich mit Fanta, Chips und Schokoriegeln vollstopfen. Dass das eigene Kind auch so verfette – nein, das könne man nicht verantworten. Eine andere Geschichte ging so: Da sei ein Türkenbub zu Besuch gewesen, und man sei von diesem mit den Worten „Du Frau, du geh’ in die Küche“ zurechtgewiesen worden. Von einem kleinen Macho vom eigenen Sofa verscheucht zu werden, man stelle sich das vor!</p>
<p>Ich hörte diese Anekdote zweimal, in fast identischen Worten, von zwei verschiedenen Müttern. Ich halte sie mittlerweile für einen urbanen Mythos; ein bisschen zu plakativ in seiner Entlastungsabsicht. Ich wurde immer allergischer auf solche Geschichten, und immer drängender wurde der Verdacht: Das gesunde Essen und die Frauenrechte sind offenbar die einzigen beiden Felder, auf denen man sich heute Überlegenheitsgefühle gönnen darf. Wo man eine dicke Sperrlinie gegen die Unterschicht ziehen kann, ohne schlechtes Gewissen.</p>
<p>Den Rest erledigen dann die Medien – und ein Schuldiskurs, in dem stets von „Problemschulen“ und „Problemkindern“ die Rede ist; so als könne man die anhand fixer Merkmale eindeutig identifizieren. Probleme kann man von sich fernhalten, hoffen Eltern dann. Indem man die Kinder in sicheren Zonen unterbringt, und rundherum einem Zaun baut. Bei konventionellen Privatschulen besteht der Zaun aus Schulgeld, Milieu und Information. Bei alternativen ist er noch höher; da kommt noch die Überprüfung der Weltanschauung dazu, sowie die Eigenleistungen, die verlangt werden. Wer hat denn Zeit und Lust, in der Schule zu putzen? Die hauptberufliche Putzfrau wohl eher nicht.</p>
<p>Dass man seine Kinder schützen will, verstehe ich. Aber ich weiß immer weniger, wie das geht. Probleme tauchen nämlich selten an jenen Stellen auf, wo man sie vermutet, sondern verlässlich ganz woanders; und „Problemkinder“ schauen selten so aus, wie man sie sich vorstellt. Jene, die ich in den vergangenen zehn Jahren kennengelernt habe, hießen nicht Ruslan. Die hatten oft fortschrittliche Akademikereltern mit hehren Erziehungsidealen. Mütter wie mich.</p>
<p>Man lernt Demut in solchen Momenten. So wie man überhaupt immer stärker zweifelt, ob man Kinder überhaupt nach den eigenen Idealen formen kann und soll. Erzeugt eine freie Schule freie Kinder? Eine fromme Schule fromme? Eine liberale Schule liberale? Manchmal ja, manchmal im Gegenteil. Eines zumindest halte ich mittlerweile definitiv für einen Irrtum: Dass das Formen umso besser gelingt, je mehr sich Eltern dabei anstrengen, je mehr Zeit und Geld sie investieren, und je mehr Opfer sie bringen. Eher ist es wohl umgekehrt: Je stärker der Ehrgeiz, desto eher macht man etwas kaputt.</p>
<p>Kinder haben ihre eigenen Vorlieben und Sympathien, die sich selten mit jenen der Eltern decken. Ich weiß nicht, ob ich Ruslan als Sitznachbarn für meinen Sohn ausgesucht hätte, aber ich bin froh, dass ich das gar nicht entscheiden muss. Denk nicht so viel nach, hat mir eine erfahrene Pädagogin einmal gesagt: Ein stabiles Kind holt sich aus jeder halbwegs anregenden Umgebung genau jene Anregungen heraus, die es gerade braucht. Es hat seinen eigenen Kompass. Es war ein Satz, der schlagartig alles leichter gemacht hat.</p>
<p>Es mag ein Zufall sein – aber wir sind mittlerweile nicht die einzige Familie in unserem Umfeld, deren erstes Kind in eine private und deren zweites in eine öffentliche Schule geht. Was wohl nicht daran liegt, dass man das erste mehr liebt. Sondern eher daran, dass man mit jedem Kind eine Schicht Unsicherheit abstreift. Unsere Kinder werden in der Volksschule beide lesen und schreiben gelernt haben, und einen Haufen Erfahrungen mitnehmen. Sehr unterschiedliche. Aber welche davon sich in ihrem späteren Leben wie auswirken werden? Keine Ahnung, ehrlich.</p>
<p>Liebe Julia also: Eure Alternativschule ist sehr schön. Ich finde Reformpädagogik gut, Montessori wichtig, Freiräume und große Gärten ebenfalls. Aber mir scheint es mittlerweile wichtiger, all diese Dinge in die normalen Regelschulen zu tragen, statt sie weiterhin in besonderen Zonen unter besonderen Menschen zu pflegen. Zumindest die Volksschulen haben sich in den vergangenen dreißig Jahren so sehr verändert, dass sie dafür bereit sind. Und mir scheint: Die brauchen uns dort.</p>
<p>Gut möglich, dass ich in euren Augen jetzt nicht mehr zu den Kreativen, Selbstbestimmten, Unbeugsamen gehöre, sondern zu den Gebeugten, Beschädigten, Normalen. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto absurder kommt diese Unterscheidung vor.</p>
<p>&nbsp;</p></blockquote>
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		<title>Es ist immer nur ein kurzer Moment, in dem alles möglich scheint</title>
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		<pubDate>Wed, 22 May 2013 12:43:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sibylle Hamann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Die Presse]]></category>
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<p>Robert Neumanns großartiger Roman „Die Kinder von Wien“ ist jetzt auf der Bühne zu sehen. Der Autor ist fast vergessen. Vielleicht, weil seine Botschaft so verstörend ist.</p>
<p>Presse-Kolumne</p>
<p>Kinshasa 1997: Es heißt, die Rebellen seien nicht mehr weit weg. Noch 50 Kilometer, noch 15, noch 5. Es heißt, Mobutu Sese Seko, der eben noch allmächtige Diktator, habe sich in seinem Palast verbarrikadiert; es heißt, er sei womöglich außer Landes, es heißt, er sei schon tot. Was tun Soldaten, wenn sie nicht mehr wissen, ob der Herr, dem sie dienen, noch da ist? Sie tun so wenig wie möglich. Manche haben ihre Kappen abgenommen, bemühen, sich, unbeteiligt dreinzuschauen. Die Menschen strömen auf die Straße, stehen in Grüppchen zusammen, einige tragen kleine Zweige in der Hand. Autofahrer stecken sich Zweige hinter die Schweibenwischer. Es ist das Erkennungszeichen derer, die den Umsturz begrüßen. Es werden immer mehr Zweige.</p>
<p>Pristina, 1999: Es ist totenstill auf den Straßen, nur um ein paar LKWs herum herrscht Hektik. Die Motoren laufen bereits, schnell, schnell zurren die Männer noch Zeug auf den Ladeflächen fest: Küchengeräte, Kleider, Konservendosen, Kleinmöbel. Die Männer tragen Maschinengewehre, manche haben Tücher nach Piratenart um den Kopf gewickelt. Sie haben es eilig, samt ihrer Beute fortzukommen, heim nach Serbien, denn ihr Krieg ist vorbei, sie haben verloren. Rundherum, hinter den Fenstern, bewegen sich die Gardinen. Die Albaner sind schon aus den Kellern herausgekrochen, hinauf in ihre Wohnungen, und schauen dem Abzug schweigend zu. Gleich wird die NATO einrücken. Gleich werden sie hinausgehen. Gleich gehört Pristina ihnen.</p>
<p>Kabul 2001: Die Taliban sind weg. Bagdad 2003: Saddam Hussein ist gestürzt. Solche Momente des Zusammenbruchs prägen sich ein. Die Macht, die einen Ort lang fest im Griff hatte, kollabiert. Wer eben noch stark war, versteckt sich. Wer sich eben noch fürchtete, atmet auf. Ein Vakuum öffnet sich. Es ist plötzlich so unheimlich viel Platz. Was genau passieren wird – das kann niemand genau sagen. Aber man spürt: Alles ist möglich.</p>
<p>Wien 1945: Damals muss es so ähnlich gewesen sein. Der Schriftsteller Robert Neumann hat diesen Moment in seinem Roman „Die Kinder von Wien“ eindringlich beschrieben; in diesen Tagen ist eine Bühnenversion davon bei den Wiener Festwochen zu sehen. Die Kinder von Wien leben in einem Keller. Der Zufall hat sie hierhergespült &#8211; aus Konzentrationslagern, aus Flüchtlingstrecks. Über ihnen die Ruinen der ausgebombten Stadt, die Geräusche der einmarschierenden Siegermächte.</p>
<p>Neumanns Kinder sind keine richtigen Kinder, sondern seltsam alterslose Gestalten, „13 mal 13 mal 13 Jahre alt“, wie einer von ihnen sagt. Sie haben mehr erlebt, als man eigentlich erleben dürfte in ihrem Alter. Sie gehören nirgendwo hin. Sie stinken. Sie hungern. Sie müssten zu Tode erschöpft sein. Aber sie sind stolz. Der Keller ist ihre befreite Zone. Sie haben einander gefunden. Und jetzt, wo auch oben kein Stein mehr auf dem anderen steht, werden sie plötzlich ganz kribbelig: Vielleicht passiert genau jetzt etwas Neues, Unerhörtes mit ihnen?</p>
<p>Doch der Keller ist viel zu schön, um auf Dauer in der Hand der Kinder zu bleiben. Kaum sind die Statthalter der alten Macht verschwunden, stehen die Späher der neuen schon auf der Kellerstiege, sichern ihre Zugänge, stecken Claims ab, diktieren ihre Regeln.</p>
<p>Die Kinder wundern sich noch, wie sehr die neuen Leute mit den alten identisch sind. Aber nicht lang. Denn der verzauberte Zwischenzustand, in dem alles möglich ist, ist immer sehr schnell vorbei.</p></blockquote>
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		<title>Erst wenn eine Tür zu ist, kann eine andere aufgehen</title>
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		<pubDate>Wed, 15 May 2013 12:45:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sibylle Hamann</dc:creator>
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<p>Bei der Neugestaltung der Mariahilferstraße sind wir Versuchskaninchen einer neuen politischen Taktik: erst Tatsachen schaffen, nachher fragen.</p>
<p>Presse-Kolumne</p>
<p>Dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist &#8211; das wissen wir. Wir spüren es am eigenen Leib, bei unseren Alltagsroutinen. Beginnen Sie beim Zähneputzen auf der linken oder auf der rechten Seite? Lesen Sie die Zeitung von hinten oder von vorn? Und fahren Sie mit dem Auto oder dem Bus zur Arbeit?  Ich mache es so, also muss es so sein. So wie es ist, ist es wohl am besten – denn ansonsten wäre es ja anders. „Die normative Kraft des Faktischen“ nennen das Hobbyphilosophen.</p>
<p>Wegen dieser Kraft reagieren wir abwehrend, sobald jemand versucht, unsere Routinen um ein paar Zentimeter zu verrücken. Uns fallen dann hundert Gründe ein, warum das nicht geht, hundert Szenarien, was alles schief gehen könnte, und welch schwerwiegende Konsequenzen man im übrigen auch noch bedenken müsse. So gern sich der Mensch theoretisch als innovatives Lebewesen sieht, das mutig dem Fortschritt entgegenschreitet – in der Praxis ist die Ängstlichkeit wohl die verlässlichere menschliche Grundkonstante als die Unkonventionalität.</p>
<p>Das hat Folgen in der Politik. Bürger und Bürgerinnen sind zwar notorisch unzufrieden mit dem Status quo. Doch sie zu fragen, welche Veränderung sie sich konkret denn wünschen, ist nicht so einfach. Wie soll man denn richtig entscheiden, wenn man sich in eine ungewisse Zukunft so schwer hineinfühlen kann? Was würde sich für mich verbessern, was verschlechtern, und wer weiß, welches verborgene Problem irgendwann zutage tritt, das ich mir heute noch gar nicht vorstellen kann! Nein da lässt man lieber alles, wie es ist, schimpfend und grantelnd zwar &#8211; doch auch ans Schimpfen und Granteln ist man ja schon so gewöhnt, dass es einem fehlen würde.</p>
<p>Dass die Österreicher einst für den EU-Beitritt stimmten, war so gesehen ein Wunder. Im Normalfall müssen Menschen schon mit dem Rücken zur Wand stehen, ehe sie einen Sprung ins unbekannte Wasser wagen. Die SPÖ weiß das spätestens seit der Heeres-Abstimmung. Dass sie tatsächlich glaubte, eine Abstimmung gewinnen zu können, bei der ein real bestehendes System gegen ein fiktives antritt, war ein vorhersehbarer Irrtum.</p>
<p>Was heißt das, taktisch gesprochen, für die Politik? Alles bewahren, nichts anpacken, nichts mehr verändern? Oder heimlich verändern, niemanden fragen, im Notfall lügen und sich hinter dem Amtsgeheimnis verstecken? Depressiv könnte man werden, angesichts dieser Alternative.</p>
<p>Die Grünen scheinen nun einen anderen Schluss aus der Analyse gezogen zu haben. Er lautet: Wir tun zuerst einmal etwas, und diskutieren erst nachher. Abzulesen ist diese Taktik derzeit an der Fußgängerzone Mariahilferstraße, auf der wir uns nun in mehreren Probledurchgängen warmlaufen dürfen, ehe wir entscheiden, wie uns das gefällt. Abgeschaut haben sich das die Grünen in Stockholm: Dort gab es 2006 endlose Diskussionen um die Citymaut, ehe man beschloss, sie einfach einmal einzuführen, und zu schauen, was passiert. Nach einem Jahr stimmte man ab. Und einer deutlichen Mehrheit gefiel, was sich inzwischen verändert hatte.</p>
<p>Das Beispiel zeigt: Erst wenn man Raum leermacht, kann er neu in Besitz genommen werden. Erst wenn man die gewohnten Regeln außer Kraft setzt, kann man neue ausprobieren. Erst wenn man eine Tür zumacht, sieht man, ob vielleicht eine andere aufgeht. Auch die Grünen erfinden den Menschen damit nicht neu. Sie nehmen die Anfangsthese bloß wörtlich: Der Mensch gewöhnt sich an alles. Auch an veränderte Umstände.</p></blockquote>
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		<title>Was schaust du, Moritz?</title>
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		<pubDate>Wed, 08 May 2013 06:45:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sibylle Hamann</dc:creator>
				<category><![CDATA[falter]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>&#160;</p> <p>Kinderfernsehen. Mal ist es schädlich, mal macht es schlau. Mal ist es für die Kinder da, mal für ihre Eltern. Aber es ist und bleibt das wichtigste Medium in der Familie.</p> <p>Falter Nr 18/2013</p> <p>Moritz schaut Biene Maja. Aber was ist denn mit der los? Maja schwirrt zwischen den Gänseblümchen umher, auf der Suche [...]]]></description>
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<p>Kinderfernsehen. Mal ist es schädlich, mal macht es schlau. Mal ist es für die Kinder da, mal für ihre Eltern. Aber es ist und bleibt das wichtigste Medium in der Familie.</p>
<p>Falter Nr 18/2013</p>
<p>Moritz schaut Biene Maja. Aber was ist denn mit der los? Maja schwirrt zwischen den Gänseblümchen umher, auf der Suche nach Flip, dem Grashüpfer. Heute trifft sie Ohrenkneifer Oswalt. Maja ist fröhlich wie meistens. Aber sie schaut verändert aus. Immer noch schwarz-gelb gestreift, aber dünner. Mit Glubschaugen und einer Frisur, deren Zipfel elastisch im Flugwind wippen. HDTV ist das, es ist der neue technische Standard im Fernsehen. Seit Anfang April ist Maja nicht mehr, was man früher eine „Zeichentrickfigur“ nannte, sondern ein computeranimiertes 3-D-Wesen. Maja fliegt in den neuen Folgen immer noch „durch ihre Welt, zeigt uns das was ihr gefällt“, aber nicht mehr 25, sondern nur noch jeweils zwölf Minuten lang. Mit Wickie, seiner Freundin Ylvi und den starken Männern aus Flaake wird demnächst das gleiche geschehen.</p>
<p>Verrat! schreit da die ewig nostalgische Wickie-, Slime- und Piper-Fraktion – „wir wollen unsere dicke alte Maja zurück!“. Man könnte jedoch ebensogut darüber staunen, dass Maja, ob dick oder dünner, überhaupt noch da ist. 1912 schrieb Waldemar Bonsels das Buch, 1975 entwarfen japanische Zeichner die Figur, seither läuft Maja in Endlosschleifen im Fernsehen. Sie begleitet bereits die dritte Kindergeneration, und wird wohl auch dann noch da sein, wenn Varroa-Milben und Pestizide alle real exstierenden Bienen ausgerottet haben.</p>
<p>Warum jedoch schaut Moritz „Biene Maja“, und nicht irgendwas Lauteres, Neues? Vielleicht weil es ihm gefällt. „Kinder brauchen gute Geschichten“, sagt Ingrid Paus-Hasebrink, Professorin für audiovisuelle Medien an der Uni Salzburg. „Maja ist neugierig, selbstbewusst, eine Gefährtin, auf die man sich verlassen kann, und die auch schwierige Situationen durchsteht. Solche Figuren können Kindern Orientierung geben, Handlungsvorlagen, die ihnen in ihrem umittelbaren Alltag helfen.“</p>
<p>Vielleicht hat das gute Gefühl, das sich bei Moritz einstellt, aber weniger mit Maja, und mehr mit Moritz’ Eltern zu tun. Die setzen sich vielleicht zu ihm aufs Sofa, wenn Maja läuft, sind gerührt, und erzählen Moritz vom Schwarzweiß-Fernseher ihrer eigenen Kindheit. In solchen Momenten wird Maja mit Bedeutung aufgeladen, die über Maja hinausreicht. Mit Beziehung. Mit Familie.</p>
<p>Moritz ist ein fiktives Kind. Es ist zwischen drei und dreizehn, lebt im Dorf oder in der Stadt, ist arm oder reich. Eines haben fast alle diese Kinder gemeinsam: dass sie fernsehen. Eigentlich könnte man glauben, Computerspiele, Handy und Youtube hätten dem Fernsehen im Kinderalltag längst den Rang abgelaufen – aber das stimmt nicht. Es ist „nach wie vor das dominierende Medium bei Kindern, und wenig deutet darauf hin, dass sich hieran in absehbarer Zeit etwas ändern wird“, heißt es in der deutschen KIM-Studie, die in 2-Jahres-Abständen das Medienverhalten der 6- bis 13jährigen untersucht. 79% schauen täglich fern, im Durchschnitt 98 Minuten lang. Für drei Viertel der 6 bis 7jährigen ist der Fernseher jenes Medium, auf das sie „am wenigsten verzichten wollen.“ Erst wenn Moritz zwölf, dreizehn wird, wird der Computer dem Fernsehen langsam ernste Konkurrenz machen. Wäre Moritz ein Mädchen, käme das sogar noch etwas später.</p>
<p>98 Minuten also. Ist das für Moritz schädlich? Das kann man nicht so genau sagen. Vor zwei Monaten gingen die Ergebnisse einer neuseeländischen Langzeitstudie um die Welt. Die beobachtete die Lebenswege von 1000 Kindern, die 1972 geboren wurden. Die Studie stellt einen direkten Zusammenhang zwischen TV und Knast her: „Jede Stunde mehr, die ein Kind wöchentlich vor dem Fernseher sitzt, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es als junger Erwachsener für eine Straftat verurteilt wird, um dreißig Prozent“ resümierten die Forscher im renommierten US-Journal „Pediatrics“ ihre Erkentnisse. Das liege weniger an den Programminhalten, sondern eher an den sozialen Folgen des Fernsehens: Vereinsamung, schwächere Schulleistungen, geringerer Austausch mit Freunden, Trägheit und Übergewicht. Damit stiege das Risiko, eine antisoziale Persönlichkeit zu entwickeln und aggressiv zu werden.</p>
<p>Eltern, die ihren Kindern das Fernsehen verbieten, sahen alle ihre Ängste hier sofort bestätigt. Skeptiker hingegen stellen die Frage nach der Henne und dem Ei: Vielleicht ist die „antisoziale Persönlichkeit“ nicht das Ergebnis, sondern der Anfang des Problems, und das Fernsehen nicht die Ursache, sondern die Wirkung? Ein Kind, das Schwierigkeiten mit Gleichaltrigen hat, aggressiv, träge oder einsam ist, wird sich wahrscheinlich öfter vor die Glotze setzen  &#8211; weil es sonst keiner mag. Doch was kann die Glotze dafür?</p>
<p>Nächste Frage: Was schaut Moritz genau, wenn er schaut? Das hängt zunächst davon ab, wie alt Moritz ist. Ein Dreijähriger, der noch einen Schnuller braucht, hat mit einem präpubertierenden 12jährigen wenig gemein. Auch innerhalb derselben Alterskohorte haben Kinder unterschiedlichste Vorlieben. 82% haben eine Lieblingssendung. Die kann alles mögliche sein, nicht bloß aus der Kindernische: „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, Fußball, „Simpsons“, „Die große Chance“, DSDS, Hannah Montana, oder die Lottoziehung.</p>
<p>Am ehesten hängen Moritz’ Vorlieben davon ab, in welchem Milieu er aufwächst. Hat er bildungsbeflissene Eltern, schaut er wahrscheinlich KIKA. Dort läuft „Die Sendung mit der Maus“, Wissensmagazine, oder „Logo!“, die weltgewandten Kindernachrichten. Kommt er aus sozial benachteiligen Verhältnissen, läuft daheim eher Super-RTL, und Fiction-Serien wie „Pokemon“, „Yu-Gi-Oh“ oder „Dragonball Z“. Wesentliches Merkmal dieser Serien ist, dass sie gemeinsam mit Videogames und Spielzeug vermarktet werden – dass sich mit ihnen also viel Geld verdienen lässt.</p>
<p>Machen die Erwachsenen mit Moritz also gute Geschäfte? Die Erwachsenen in der Spielzeugindustrie sicher. Jene in den Fernsehstationen weniger. Super-RTL sendet zwar Werbung, aber weniger als die übrigen Privat-Kanäle; die EU-Richtlinien  verbieten hier die Unterbrecherwerbung. Bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten ist Kinder-TV überhaupt werbefrei („eine freiwillige Selbstverpflichtung, die uns vom Gesetzgeber gar nicht vorgeschrieben wäre“, wie ORF-Unterhaltungschef Edgar Böhm betont). Deswegen spielen auch die Einschaltquoten bei Kindern eine geringere Rolle als bei Erwachsenen.</p>
<p>Es ist also 6 Uhr 25, und Moritz schaltet ORF 1 ein. Der Morgen graut, Zeit zum Aufstehen, und im ORF kommt „Freddy und die wilden Käfer“. Freddy Gigele ist ein volkstümlicher Musiker, die Haare fallen in fahlen graublonden Locken auf seine Schultern, meistens sitzt er an einem bunt lackierten Flügel in einer Alpenkulisse. Diesmal hat er sich, samt Banjo, auf einen Strohballen gestellt und singt von einem „immer fröhlichen Cowboy Joe, yippi-ei-ey“, zehn Kinder mit Cowboyhut und Halstüchern umreiten ihn artig auf Steckenpferden. Täglich um 12.40 kommt Freddy dann noch einmal dran, mit Musik, die man sonst nur von Feuerwehrfesten und goldenen Hochzeiten kennt. Es handelt sich offenbar um eine Produktion, die dem ORF-Kinderprogramm seine „spezifisch österreichische Farbe“ geben soll.</p>
<p>Gefällt dir das, Moritz? Gefällt Ihnen das, Herr Böhm? Böhm ist ein freundlicher, höflicher Mensch. „Da bin ich kein Fachmann“, sagt er. „Aber viel Eltern sagen uns: Gottseidank ist da einer im Fernsehen, der den Kindern etwas vorsingt. Denn dass die Eltern noch Lieder singen – das gibt’s ja gar nicht mehr.“</p>
<p>Womit wir wieder bei Moritz’ Eltern wären. Ihren Idealvorstellungen von Familie, ihren Bedürfnisse, ihren gefühlten Defiziten. Die sich ebenfalls in den Sendeplätzen des ORF-Kinderprogramms spiegeln: wochentags von 6 bis 8 Uhr früh und von 13 bis 15 Uhr, am Wochenende von 6 bis 12. Diese Zeiten haben wenig mit den Prioritäten von Kindern, umso mehr mit jenen ihrer Eltern  zu tun: Am Wochenende wollen Mama und Papa ungestört im Bett bleiben; an Werktagen braucht man morgens einen Ort, wo man das kleinere Kind parken kann, während man dem größeren die Jausenbrote schmiert; und wenn die Halbtagsschule vorbei ist, steht Mama in der Küche und macht den Abwasch. Zumindest stellt man sich das in den TV-Direktionen ungefähr so vor.</p>
<p>So seltsam diese Zeitschienen auch anmuten – sie kommen beim Publikum an, die Quoten sind gut. „Früher wäre das ein No-go gewesen, Kinder frühmorgens fernsehen zu lassen, aber heute ist das offenbar ganz normal“, sagt Böhm. Er sieht die Aufgabe des ORF darin, inmitten des immer unübersichticheren Medienangebots „sichere Zonen“ anzubieten. Wo es keine Gewalt gibt. Wo Eltern sich keine Sorgen machen müssen, dass die Kids etwas Schädliches zu sehen kriegen. In anderen Worten: Das TV-Gerät ist für Moritz vor allem als Babysitter da.</p>
<p>Inhaltllich hat der ORF diese Sendestunden 2008 beinahe komplett ausgelagert – an Thomas Brezina und die Firma „Kids TV“. Brezina, einst ORF-Mitarbeiter, weiß, was seiner Kundschaft gefällt: Vor 20 Jahren erfand er „Tom Turbo“, das sprechende Fahrrad, ebenso wie die „Knickerbockerbande“, mittlerweile ist er Autor von 550 Kinderbüchern, die sich weltweit sagenhafte 40 Millionen mal verkauft haben und in 35 Sprachen übersetzt wurden. In China ist Brezina ein Superstar, Multimillionär wohl ebenfalls. Doch er kann es nicht lassen: Auch heute noch ist er, gemeinsam mit seinem Freund Tom Turbo, auf dem Bildschirm zu sehen &#8211; als Privatdetektiv, der von seiner Gartentonne aus in sein unterirdisches Detektivbüro hinunterrutscht.</p>
<p>Mit dem „okidoki“-Kinderfernsehen traf der ORF einige Grundsatzentscheidungen: Man kümmert sich heute hauptsächlich um die 3- bis 6jährige Zielgruppe, die älteren ließ man ziehen – in Richtung Privat-TV, Serien und Computer. Zweitens hat man sich aus der Kinder-Primetimezwischen 6 und 8 völlig ausgeklinkt &#8211; „gegen KIKA antreten zu wollen, hätte überhaupt keinen Sinn“, so Böhm.</p>
<p>Am späten Nachmittag schaut Moritz also KIKA. Was kein Fehler ist. Denn über weite Strecken ist der öffentlich-rechtliche Kinderkanal, ein Gemeinschaftsprodukt von ARD und ZDF, wirklich gut. „Zentrales Anliegen ist die Vermittlung von sozialer und medialer Kompetenz“ heißt es in den Grundsätzen des Senders, „wir wollen zur Geschmacksbildung beitragen“, sagt die Pressestelle. Auch auf KIKA laufen Biene Maja, Nils Holgersson und Wickie. Der Bildungsauftrag versteckt sich gut, hinter flotten Sprüchen. Doch das aufklärererische Ziel klingt stets leise durch. Und die Vielfalt der Moderatorengesichter und –namen zeigt, dass man es mit der Diversität ernst nimmt.</p>
<p>Magazinsendungen wie „pur plus“ greifen mitten ins Leben hinein, ohne jede kindliche Herzigkeit: Mal geht es um Mobbing in der Schule, mal um Gewichtsprobleme. Es werden Szenen nachgespielt, wie sie Kinder in Scheidungs- oder Patchworkfamilien oft erleben: Wie die Mama das Kind über den Papa ausfragt, wie der Papa schlecht über die Mama redet, wie man versucht einander zu verletzen. Das Fernsehen ergreift in solchen Konflikten radikal Partei &#8211; und zwar gegen die Erwachsenen. Es bestärkt Kinder, ihre Eltern in die Schranken zu weisen.</p>
<p>Auch „Willi Wills wissen“ kennt keinen Genierer. Er nimmt sich nicht bloß klassische Kinder-TV-Themen wie die Müllabfuhr oder den Zoo vor, sondern auch die ersten und letzten Fragen der Menschheit: Am Bauernhof hilft er zuerst dem Bullen, sein Sperma loszuwerden, und anschließend der Kuh bei der Besamung. Zu Allerheiligen nimmt er die Kinder mit ans Sterbebett eines alten Mannes. Und nachdem der gestorben ist, will er herausfinden, wie sich ein Toter anfühlt.</p>
<p>Darf man das? Oja. Und es gefällt, in seiner Direktheit, nicht nur Moritz. „Willi wills wissen“ dient mittlerweile als Vorbild für eine ganze Generation neuerer Reportagesendungen für Erwachsene: Auch dort hat inzwischen die betuliche Erzählerstimme aus dem Off ausgedient. Stattdessen läuft die Kamera dem Reporter auf seinen Entdeckungsreisen hinterher.</p>
<p>Kann Fernsehen Moritz also gescheiter machen? Durchaus möglich, meint Ingrid Paus-Hasebrink. Gerade in einem schwierigen Umfeld, wo wenig Anregungen geboten werden, könne Fernsehen andere Handlungsmöglichkeiten zeigen als jene, die die Eltern vorleben. Die Wissenschaftlerin hat speziell die Mediensozialisation in sozial benachteiligten Familien untersucht. „Ein Mädchen in meiner Studie wollte unbedingt Forscherin werden. Die Idee hatte sie aus einer Kindersendung im Fernsehen.“</p>
<p>Dieser aufklärerische Traum wurzelt in den USA, in den späten Sechzigerjahren. Das Bruttosozialprodukt stieg damals stetig, die Babys der geburtenstarken Jahrgänge wuchsen eben vom Trotz- ins Vorschulalter hinüber, und man glaubte fest an den Zusammenhang von Modernisierung, Bildung und Fortschritt. In dieser Zeit entstand der Kinder-TV-Klassiker „Sesame Street“. Die Idee war, Kindern aus ärmeren Schichten einen Startvorteil zu geben: Das Fernsehen sollte ihnen lesen und rechnen beibringen, ehe sie in die Schule kommen – damit sie dort mit den privilegierteren Gleichaltrigen besser mithalten können.</p>
<p>Mit fordistischer Genauigkeit machten sich Produzentin Joan Gantz Cooney und der Harvard-Psychologe Gerald Lesser damals an die Arbeit. Sie ordneten Versuchsreihen an, vermaßen Aufmerksamkeitsspannen und erstellten Statistiken, um genau herauszufinden, wann Kinder zuschauen und wann nicht. Die Annahme, es müsse auf dem Bildschirm so viel wie möglich blinken und blitzen und lärmen, um sie zu fesseln, stellte sich dabei als grundfalsch heraus. Stattdessen stießen sie auf eine gegenteilige Regel: Wenn Kinder verstehen, schauen sie hin. Wenn sie verwirrt sind, schauen sie weg.</p>
<p>Dieser Satz wurde zum Erfolgsrezept von „Sesame Street“, und gilt bis heute, nicht nur in Amerika. „Die Sendung mit der Maus“ ist ein Überbleibsel aus jener Zeit, in der auch Deutschland und Österreich optimistisch in die Moderne schritten: Die Maus ist neugierig auf die Zukunft, „das war schon immer so“ lässt sie als Argument nicht gelten. Wie die Maus sollten auch die Kinder forschen, ausprobieren, Maschinen bauen, sich die Welt aneignen, sie verändern und nach ihren eigenen Bedürfnissen formen.</p>
<p>„Die Sendung mit der Maus“ läuft heute immer noch, mit derselben Signation wie 1973. Schaust du die auch, Moritz? Manchmal. Obwohl sie, im Vergleich zur Biene Maja, schon ein bisschen altmodisch ausschaut.</p></blockquote>
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		<title>Gevögelt wird immer&#8230;</title>
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		<pubDate>Wed, 01 May 2013 06:54:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sibylle Hamann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p>&#8230;auch in der arabischen Welt. Bei Shereen El Feki erfährt man genau warum, mit wem, was es bedeutet, und wohin es führt</p> <p>Über das Buch &#8220;Sex und die Zitadelle&#8221;</p> <p>Selbstverständlich geht es immer um Sex, irgendwie. Wenn Politik gemacht wird, wenn Revolutionen stattfinden. Um Sex geht es in allen Beziehungen, in allen Familien, in allen [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>&#8230;auch in der arabischen Welt. Bei Shereen El Feki erfährt man genau warum, mit wem, was es bedeutet, und wohin es führt</p>
<p>Über das Buch &#8220;Sex und die Zitadelle&#8221;</p>
<p>Selbstverständlich geht es immer um Sex, irgendwie. Wenn Politik gemacht wird, wenn Revolutionen stattfinden. Um Sex geht es in allen Beziehungen, in allen Familien, in allen Religionen, in Gesetzen und in wirtschaftlichen Beziehungen. Die Frage ist nur: Wie genau geht es um Sex? Hat Sex einen stabilisierenden oder eher einen sprengenden Effekt? Macht er die Menschen freier – oder ist er ein Herrschaftsinstrument?</p>
<p>Was Sexualität in der arabischen Welt betrifft, sind wir da sehr rasch mit Schablonen bei der Hand. Islam, Scharia, Verschleierung, Jungfräulichkeitskult und Ehrenmorde &#8211; enige derbe Striche reichen, und die Positionen sind geklärt: Hier der aufgeklärte Westen, in dem auch Sexualität frei gelebt wird; dort der verklemmte Orient, der nicht nur die demokratischen, sondern auch die sexuellen Rechte der Menschen unterdrückt. So einfach ist das – in den Augen selbstgerechter westlicher Kulturkämpfer zumindest.</p>
<p>Shereen el Feki sind diese Schablonen jedoch völlig gleichgültig. Sie ist Tochter einer Engländerin und eines Ägypters, sie lebte in Kanada, London und Kairo, sie ist nicht nur Journalistin, sondern auch studierte Immunologin, spezialisiert auf HIV. Sie sucht keine Argumente für den Kulturkampf, sondern will lieber wissen, was zwischen Körpern tatsächlich passiert, in Ägypten und im Libanon, in Kuwait und Marokko, in prunkvollen ehelichen Gemächern ebenso wie in schmuddeligen Hinterzimmern, wo im Geheimen gevögelt wird. Was genau tun Männer dort mit Frauen, Jugendliche mit Jugendlichen, Männer mit Männern, Frauen mit Frauen? Welche Körperteile benützen sie, welche Worte finden sie dafür? Und welche Ängste sind dabei im Spiel?</p>
<p>Um ein Ergebnis dieser Expedition gleich vorwegzunehmen: Auf Ängste ist die Autorin dabei oft gestoßen. Es ist, zum Beispiel, verdammt schwierig, als Ehemann in der Hochzeitsnacht alles richtig zu machen, wenn vor der Tür eine Großtante lauscht und drauf lauert, sofort das blutige Bettaken in die Finger zu kriegen. Es ist auch nicht ganz einfach, als Ehefrau für den Gatten sexy zu sein, ohne in Verdacht zu geraten, man habe womöglich schon anderswo sexuelle Erfahrungen gemacht (die Lösung für dieses Dilemma hat El Feki in den „atemberaubend sensationell“ ausgestatteten Reizwäscheabteilungen arabischer Kaufhäuser gefunden.)</p>
<p>Mit der Religion allein hat das alles noch wenig zu tun. Anders als im Christentum ist sexuelle Lust im Islam nichts prinzipiell Sündiges, für das man sich genieren und das man beichten muss. Im Gegenteil: Sexuelle Befriedigung gefällt Allah, und der Mensch, männlich wie weiblich, soll Freude daran haben. Der Prophet Mohammed, sagt die Überlieferung, soll ja auch kaum eine Gelegenheit dazu ausgelassen haben.</p>
<p>Die patriarchale Tradition allerdings verlangt, dass Sex in die richtige Bahn gelenkt wird – die Ehe. Die Ehe ist die „Zitadelle“, die diesem Buch seinen Namen gibt. Sie wird mit allen Methoden verteidigt. Sex außerhalb der Zitadelle kann und darf nicht sein – was die Quelle steter Lügen ist, und einer schwer erträglichen Doppelmoral.</p>
<p>Während des arabischen Frühlings konnte man das beispielhaft beobachten. El Feki schildert das Aufbegehren der jüngeren Generation als ein Aufbegehren der nicht nur ökonomisch, sondern auch sexuell Frustrierten. Das Heiratsalter in Ägypten stieg in den vergangenen Jahren stetig an – was wachsende materielle Ansprüche verrät. „Goldflitter, Solitärdiamanten, eine Wohnung, alle Haushaltsgeräte“ muss ein Bräutigam heranschaffen, ehe er heiraten darf; was in der Wirtschaftskrise immer schwieriger wurde.</p>
<p>Die Zeltstadt der Aufständischen am Tahrir-Platz in Kairo, wo unverheiratete Männer und Frauen gemeinsam Politik machten, geriet so zeitweise zum Versuchslabor für eine gesellschaftliche Utopie. Man lehnte sich nicht nur gegen das Regime, sondern auch gegen die Moral der Väter auf. Alles schien hier möglich,  doch nur kurz. Die Rache folgte schnell, und traf Frauen wesentlich härter als Männer. Der Tahrir ist heute ein Ort, an dem sexuelle Belästigungen notorisch sind. Die aggressiven Horden von Männern, die allein gehenden Frauen auflauern, verstehen sich als Warnkommandos, die Frauen in die Schranken weisen: Schaut nur her, wohin die Freiheit führt, und wie gefährlich sie ist! Dass Sex befreiend und bedrohlich sein kann, in jedem Fall aber verwundbar macht &#8211; selten wurde das so deutlich wie am Tahrir.</p>
<p>Die Ehe-Zitadelle mit Gewalt zu verteidigen, kann eine brutale Sache sein. Ein vielsagendes Beispiel dafür ist auch die sogenannte „Sommerehe“, ein insbesondere bei Bürgern der Golfstaaten beliebtes Modell. Prostitution ist heute in der arabischen Welt beinahe überall verpönt. Erlaubt hingegen ist, „Ehen auf Zeit“ einzugehen, in denen vertraglich eine Ehedauer von Stunden, Tagen oder Monaten festgelegt wird – ohne alle Verpflichtungen, die mit einer „richtigen“ Ehe einhergehen. Nach Ablauf der Frist wird der Vertrag zerrissen, „die Frau erhält lediglich das Geld, das ihr im Voraus vom Partner versprochen wurde“. Für Mädchen aus armem Haus oder geschiedene Frauen ist es oft die einzige Möglichkeit, sich ihren Unterhalt zu verdienen.</p>
<p>El Feki nennt das „religiös angehauchten Sextourismus“. Ein klares Wort für eine klare Sache. So wie es generell ja eigentlich gar nicht so schwer ist, über Sex zu reden. Man muss sich, wie Shereen El Feki, bloß für die Menschen interessieren, die ihn betreiben. Man muss ihnen die richtigen Fragen stellen. Und ihre Antworten ernst nehmen.</p>
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		<title>Von Antiautoritären, die auszogen, um sich der Autorität zu unterwerfen</title>
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		<pubDate>Thu, 25 Apr 2013 06:48:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sibylle Hamann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p>Ein ehemaliges Kind aus der Mühl-Kommune erforscht seine Vergangenheit – und schaut dabei in menschliche Abgründe hinein. Großes Kino, jetzt zu sehen.</p> <p>Über den Film &#8220;Meine keine Familie&#8221;</p> <p>Ungefähr acht Jahre alt wird der Bub sein. Dunkle Locken hat er, einen wachen Blick. Er wird auf die Bühne geholt. Er soll Mundharmonika spielen, sagt der [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Ein ehemaliges Kind aus der Mühl-Kommune erforscht seine Vergangenheit – und schaut dabei in menschliche Abgründe hinein. Großes Kino, jetzt zu sehen.</p>
<p>Über den Film &#8220;Meine keine Familie&#8221;</p>
<p>Ungefähr acht Jahre alt wird der Bub sein. Dunkle Locken hat er, einen wachen Blick. Er wird auf die Bühne geholt. Er soll Mundharmonika spielen, sagt der Chef, aber der Bub will nicht. Er soll lachen und tanzen, sagt der Chef, aber der Bub will nicht. Trotz steht in seinen Augen, Stolz. Hundert Augen starren ihn an. Los, schallt es von allen Seiten. Los, lachen, tanzen, wird’s bald, sagt der Chef, er ist es gewohnt, dass jeder sofort spurt, wenn er sich etwas wünscht.</p>
<p>Die hundert Augen im Saal werden immer höhnischer. In den Stolz des Buben mischt sich wachsende Verzweiflung. Er kneift die Lippen zusammen, aber ihm stehen schon Tränen in den Augen, er schaut sich um, aber keiner hilft ihm. Gleich wird der Chef auszucken. Er greift sich eine Flasche und leert sie dem Buben über den Kopf. Das Wasser rinnt über die Locken, auch die Tränen rinnen inzwischen hemmungslos, zwischen zwei Schluchzern führt der Bub die Mundharmonika schließlich zum Mund und bläst hinein. Der Bub war tapfer, aber er hat verloren. Der Chef hat gewonnen. Wie immer in der Kommune Friedrichshof.</p>
<p>Die Szene stammt aus „Meine keine Familie“, einem Dokumentarfilm, der eben in unseren Kinos läuft. Der Regisseur, Paul-Julien Robert, ist dabei seiner eigenen Kindheit auf der Spur. Er wurde in der Kommune geboren, wuchs dort auf, bis er zwölf war. Mit der Kamera fragt er seine Mutter: Was hast du dort gesucht? Hast du es gefunden? Und was habt ihr dabei mit uns, den Kindern, gemacht? Er fragt auch jene Männer, die als Väter in Frage kamen. Doch wirklich verstanden fühlt er sich nur von seinen Kommunengeschwistern, die seine Erfahrungen teilen: Die permanente Überwachung. Die Willkür. Die Schutzlosigkeit. Die Einsamkeit inmitten so vieler Menschen.</p>
<p>Es hätte ja eine Umgebung für eine freie, lustvolle, kreative Kindheit sein können, theoretisch. Befreit aus der gesellschaftlichen Gewalt, aus den Zwängen der Kleinfamilie, aus der patriarchalen Autorität. Doch so kam es nicht. Man teilte zwar Gewand und Essen, man hatte viel Sex, man malte und brüllte und tanzte und wälzte sich im Schlamm. Aber am Ende ging es ähnlich autoritär zu wie draußen in der normalen Welt: Wenn du nicht bist, wie alle sind, wirst du geschnitten. Wer sich anpasst, wird belohnt. Eigensinn wird bestraft.</p>
<p>Genau das kannten die Kommunarden von zu Hause, von ihrer Elterngeneration aus der Nazi-Zeit: die willfährige Unterordnung, die Feigheit. Genau dagegen hatten sie sich aufgelehnt. Genau davor waren sie davongelaufen, in die Kommune. Und konnten doch nicht anders, als hier in der Kommune ähnlich zu handeln: sich willfährig unterzuordnen; feig gegen jene zu treten, die noch schwächer waren, in der Hoffnung, die eigene Position in der Hierarchie damit ein bisschen zu verbessern.</p>
<p>Das alles ist dokumentiert, in tausenden Stunden Videobändern. Am Friedrichshof wurde ja beinahe rund um die Uhr gefilmt; aus therapeutischen Gründen, oder schlicht aus Eitelkeit. Filmemacher Robert hat einige, aber längst nicht alle dieser Filme ausgewertet. Was hier noch an Material schlummert, wäre es wert, herausgeholt und im Detail analysiert zu werden: Als Lehrstück darüber, wie Macht funktioniert. Wie man Menschen gefügig macht. Wie sich solche Verletzungen einschreiben, und über Generationen hinweg weitergegeben werden.</p>
<p>Und wie wenig das alles wahrscheinlich  mit „rechts“ und „links“ zu tun hat.</p></blockquote>
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		<title>Striptease am Handy, gschamig am Bankschalter</title>
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		<pubDate>Sun, 14 Apr 2013 06:52:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sibylle Hamann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Die Presse]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Dutzende Geheimnisse verraten wir jeden Tag. Auch solche, die wir besser für uns behielten. Bloß Geldgeheimnisse sind uns heilig. Logisch ist das nicht.</p> <p>presse-kolumne</p> <p>Wir lieben Geheimnisse. Sie machen unser Leben interessant. Was ist, zum Beispiel, in der Extrawurst drin? Wie genau kommen Gesetze zustande? Wer geht da neuerdings beim Nachbarn ein und aus? Besser, [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Dutzende Geheimnisse verraten wir jeden Tag. Auch solche, die wir besser für uns behielten. Bloß Geldgeheimnisse sind uns heilig. Logisch ist das nicht.</p>
<p>presse-kolumne</p>
<p>Wir lieben Geheimnisse. Sie machen unser Leben interessant. Was ist, zum Beispiel, in der Extrawurst drin? Wie genau kommen Gesetze zustande? Wer geht da neuerdings beim Nachbarn ein und aus? Besser, wir wissen das gar nicht im Detail. Besser, wir haben Platz für unsere Phantasie. Totale Transparenz macht den Alltag öde und leer.</p>
<p>Es gibt jedoch zwei Sorten Geheimnisse. Erstens die Gewohnheitsgeheimnisse: Man weiß gar nicht genau, warum man sie hütet, aber man hat sie irgendwie lieb. Oder, wie Finanzministerin Maria Fekter sagt: „Es ist halt bei uns Tradition.“ Die andere Sorte sind die wirklich wichtigen. Deren Verrat uns verlegen, verwundbar, erpressbar, ausbeutbar machen könnte. Die niemanden etwas angehen außer unsere Liebsten &#8211; und manchmal nicht einmal die. Eigenartig ist jedoch, wie viel Energie wir auf die Verteidigung der ersten Sorte verwenden. Und wie leichtfertig wir die zweite Sorte oft preisgeben.</p>
<p>Zur ersteren Sorte gehört das Bankgeheimnis &#8211; zumindest für alle Menschen, die normale, legale Einkommen beziehen. Der Geldkreislauf in einem Land ist grundsätzlich keine heimliche Angelegenheit: Eine Ware hat einen Preis, eine Wohnung ebenfalls, für ein Arbeitsverhältnis gibt es einen Vertrag, für eine Dienstleistung eine Rechnung. Bei jeder dieser Transaktionen schneidet der Staat Steuern ab, je transparenter das alles abläuft, desto besser für den Wettbewerb – und wo ist das Problem? Auf meinem Girokonto liegen 4249,18 Euro. Ich wüsste nicht, warum Sie das interessieren sollte, aber es ist mir völlig gleichgültig, dass Sie es jetzt wissen. Das Finanzamt erfährt es ohnehin.</p>
<p>Ganz anders steht es um die zweite Sorte Gehemnisse. Die nicht das Haben, sondern das Sein betreffen: Was wir lieben, wie wir leben, was wir glauben, was wir fürchten, Körperliches, Intimes, Beziehungen. Über die elektronische Krankenakte diskutieren wir vergleichsweise wenig: Dass Ärzte wissen müssen, was mit einem Patienten los ist, um ihn richtig zu behandeln, steht außer Frage. Doch wieviel darf die Krankenkasse wissen? Ein privater Versicherer? Ämter? Arbeitgeber? Schon jetzt gibt es Zeitgenossen, die ihre Trainingspläne bereitwillig online stellen, samt Ruhepuls und Blutzucker. Macht sich irgendwann jeder verdächtig, der das verweigert?</p>
<p>Auf Schritt und Tritt lassen wir Informationen fallen, die andere bereitwillig aufsaugen: Der Telefonanbieter weiß, mit wem wir nachts reden, und ob diese Person unserem Family-Tarifpaket angehört. Amazon kennt unsere Leidenschaft für Splattermovies, Billa – via Kundenkarte &#8211; unsere heimliche Schwäche für fette Snackwürste, beides halten wir sogar vor dem eigenen Partner geheim. Facebook verteilt Urlaubsfotos an alle flüchtigen Bekannten, bis auch der letzte Unbekannte zweifelsfrei markiert ist. Der Drogeriemarktkette enthüllen wir, im Abtausch gegen ein paar Rabattpunkte, praktisch unser ganzes Leben: Die weiß, wenn wir aufhören, Tampons zu kaufen, wann ein Schwangerschaftstest auf dem Kassenbon steht, und wann das Kind aus den Windeln herauswächst.</p>
<p>Ein paar Jahre später werden wir dem Kind dann ein Smartphone kaufen, das sein tägliches Bewegungsprofil minutiös nachzeichnet, jede Begegnung und jeden Abstecher von der Routine notiert. „Aber ich liebe Geheimnisse“, wird sich das Kind entrüsten, „Geheimnisse machen das Leben interessant!“ „Du hast eh das Bankgeheimnis“, können wir dann antworten. „Das ist halt bei uns Tradition.“</p></blockquote>
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		<title>Von Hans Eckart und Abdurrahim Özüdogru: Zwei Terroropfer, viele Unterschiede</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Apr 2013 18:33:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sibylle Hamann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Die Presse]]></category>
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		<category><![CDATA[nazis]]></category>
		<category><![CDATA[terror]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Die Morde der linksradikalen RAF versetzten Deutschland in Ausnahmezustand. Nach den Morden der rechtradikalen NSU herrscht demonstrative Normalität.  Warum?</p> <p>presse-kolumne</p> <p>Am 21.5.1975 begann am Oberlandesgericht Stuttgart der Prozess gegen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, die sogenannte „erste Generation“ der „Rote Armee Fraktion“. Die Anklage lautete auf Mord in vier Fällen, Mordversuch, [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Die Morde der linksradikalen RAF versetzten Deutschland in Ausnahmezustand. Nach den Morden der rechtradikalen NSU herrscht demonstrative Normalität.  Warum?</p>
<p>presse-kolumne</p>
<p>Am 21.5.1975 begann am Oberlandesgericht Stuttgart der Prozess gegen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, die sogenannte „erste Generation“ der „Rote Armee Fraktion“. Die Anklage lautete auf Mord in vier Fällen, Mordversuch, Mitwirkung an 50 Tötungsdelikten, Sprengstoffanschläge, Bankraub.</p>
<p>Das Land damals war ideologisch aufgeladen, in seinen Grundfesten erschüttert, kaum jemand konnte sich der allgemeinen Hysterie entziehen. Monatelang hatte die Presse gehetzt, kollektiv machte man Jagd auf „die Bande“. Der Prozess sollte die Extremsituation wiederspiegeln: Man präsentierte nicht nur 997 Zeugen, 1000 Gutachten und 40.000 Beweisstücke, sondern hatte für das Ereignis auch einen eigenen Gerichtssaal gebaut. Eine riesige Halle um 12 Millionen D-Mark, nackte Betonwände, acht Meter hoch, fensterlos, Neonlicht. Eine Festung, bewehrt von Stahlnetzen, Stacheldraht, Scheinwerfern und Spanischen Reitern. Über allem kreisten die Hubschrauber.</p>
<p>Der „Staatsnotstand“ rechtfertigte alles: Die Strafprozessordnung wurde laufend verändert, Verteidiger ausgeschlossen, die Angeklagten mit Wanzen abgehört. Bevor es noch ein Urteil gab, baute man schon den Gefängnistrakt für die Verurteilten. Denn es ging ums Ganze: Alle, alle sollten zuschauen, wie die Republik ihren Sieg über den linken Terror besiegelte.</p>
<p>Am 17. April 2013 beginnt nun am Oberlandesgericht München der Prozess gegen Beate  Zschäpe und vier Mitangeklagte der rechten Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“. Die Anlage lautet auf Mittäterschaft bei zehn Morden, Sprengstoffanschläge, bewaffnete Raubüberfälle. Doch von Ausnahmezustand oder Staatnotstand ist diesmal keine Spur. Stattdessen herrscht demonstrative Gelassenheit.</p>
<p>Es werde „ein ganz normaler Strafprozess“, sagt das Gericht. Die Politik hofft, man werde alles „vernünftig, fair und zielgerichtet bewältigen“. Der Rechtsstaat wolle den Terrorismus auch diesmal besiegen, klar, aber dafür brauche man keinen großen Saal mit vielen Zuschauern, und keine speziellen Regeln, um auch ausländische Berichterstatter dabeihaben zu können. Alles wie immer, lautet die Maxime; alles Routine; von ein paar Neonazis lässt sich Deutschland doch nicht aus der Ruhe bringen.</p>
<p>Das Ausmaß der beiden Verbrechen ist quantitativ vergleichbar. Atmosphärisch ist der Unterschied gewaltig. Wie ist das zu erklären? Darauf gibt es zwei Antworten. Die gutwillige Antwort lautet: Der Vergleich zeigt, wie sehr sich die deutsche Republik in den vergangenen vierzig Jahren gefestigt hat. Wie sicher sie sich fühlt, wie wenig sie sich von rechts bedroht sieht, und wie sehr sie ihrer Polizei, ihrer Justiz und ihren Institutionen vertraut, allen haarsträubenden Fahndungspannen zum Trotz.</p>
<p>Die böswillige Antwort findet, wer auf die Opfer schaut. Die Opfer der RAF hießen Norbert Schmid, Herbert Schoner oder Hans Eckart. Sie waren Menschen mit deutschen Namen, Polizisten, Stützen der Gesellschaft. Die Opfer der NSU hingegen hießen Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru oder Süleyman Tasköprü. Sie waren Blumenverkäufer, Änderungsschneider, Gemüsehändler, Dönerbudenbesitzer oder Handyshopbetreiber. Ebenfalls Stützen der Gesellschaft, aber anders.</p>
<p>Deutschland ließ sich von der Ermordnung der einen Menschen deutlich weniger erschüttern als von der Ermordnung der anderen: Dieser Satz ist brutal. Aber falsch ist er nicht.</p></blockquote>
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		<title>„Das geht mir am Arsch vorbei“</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Apr 2013 11:35:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sibylle Hamann</dc:creator>
				<category><![CDATA[falter]]></category>
		<category><![CDATA[reportagen]]></category>
		<category><![CDATA[FPÖ]]></category>
		<category><![CDATA[medien]]></category>
		<category><![CDATA[nazis]]></category>

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		<description><![CDATA[<p> Seit drei Jahren behauptet Heinz-Christian Strache, seine Fans hätten „Heil Hitler“ gerufen. Seit drei Jahren versucht ORF-Redakteur Ed Moschitz, das Gegenteil zu beweisen. Der bizarre Streit geht ins vierte Jahr.</p> <p>Eine &#8220;Falter&#8221;-Reportage</p> <p>Ed Moschitz schaut müde aus. Die letzte Nacht hat er nicht geschlafen. Er hat es trotzdem geschafft, pünktlich zur Vehandlung da zu sein. [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p> Seit drei Jahren behauptet Heinz-Christian Strache, seine Fans hätten „Heil Hitler“ gerufen. Seit drei Jahren versucht ORF-Redakteur Ed Moschitz, das Gegenteil zu beweisen. Der bizarre Streit geht ins vierte Jahr.</p>
<p>Eine &#8220;Falter&#8221;-Reportage</p>
<p>Ed Moschitz schaut müde aus. Die letzte Nacht hat er nicht geschlafen. Er hat es trotzdem geschafft, pünktlich zur Vehandlung da zu sein. Pünktlich ja &#8211; aber er steht im falschen Gebäude. Verhandlungssaal E? Den gibt es nicht im Landesgericht, und nicht in der Landesgerichtsstraße. Der ist im Oberlandesgericht, im Justizpalast. Im Justizpalast, wo auch die Verhandlungssäle des Obersten Gerichtshofs sind. Moschitz seufzt, die Schultern sacken noch ein Stückchen weiter nach vorn, er schaut schuldbewusst wie ein schlapper Jagdhund, dem wieder einmal die Ente entwischt ist. Ja, eh. Im Justizpalast war er ja auch schon. In einer der vielen leidigen Causen, die er seit drei Jahren mit sich herumschleppt.</p>
<p>Am OGH ging es darum, ob die Polizei alle Bänder von Moschitz’ mittlerweiler berühmter „Am-Schauplatz“-Doku über jugendliche Skinheads sicherstellen darf. (Urteil: Sie darf nicht, es gilt das Redaktionsgeheimnis, das entscheidende Band hat sie eh schon). Am Wiener Landesgericht geht es um üble Nachrede, gegen FPÖ-Politiker und FPÖ-nahe Publikationen. In Wiener Neustadt wurde gegen Moschitz wegen Anstiftung zur nationalsozialistischer Wiederbetätigung ermittelt, bis 2011, dann wurde eingestellt. Offen ist dort jedoch ein Verfahren wegen Beweismittelfälschung. Und am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte war die Causa auch schon: Dort ging es um die Frage, warum das alles so lang dauert (auch das Urteil darüber wird ebenfalls noch dauern).</p>
<p>Wiener Neustadt, Strache, die Neonazis und der Fälschungsverdacht:  Das alles klebt am ORF-Redakteur wie ein unappetitlicher Kaugummi, der umso stärker pickt, je heftiger man ihn loszuwerden versucht. „Ich komm einfach nicht raus“, sagt er. Wer seinen Namen googelt, findet die Vorwürfe auf Anhieb. Das ist nicht nur persönlich schwer auszuhalten, es kann für einen Journalisten auch ziemlich hinderlich bei der Arbeit sein. „Mir ist schon oft passiert, dass Leute, die ich interviewen wollte, sich plötzlich zurückziehen. Weil sie den Eindruck kriegen: Der Typ hat mit der Polizei zu tun, steht vor Gericht, ständig ist da irgendwas mit Nazis und Wiederbetätigung. Mit dem stimmt was nicht.“</p>
<p>Wobei es wohl gar nicht so sehr um Moschitz persönlich geht. Die Causa ist Teil einer größeren politischen Kampagne, die Heinz-Christian Strache gegen den ORF führt: In dessen Augen ist der ORF ein linker Staatsfunk, dessen linkslinke Angestellte nichts lieber tun, als die FPÖ absichtlich anzuschwärzen. Die Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt soll in diesem Konflikt die Rolle des Schiedsrichters spielen – eine Rolle, mit der sie offenbar hoffnungslos überfordert ist.</p>
<p>Anwältin Maria Windhager ist eine von ganz wenigen Menschen, die noch den Überblick haben. Sie vertritt Moschitz in den medienrechtlichen Verfahren und hat die Akte fürs Foto zusammengetragen: Fünf Ordner sind es mittlerweile, dazu noch sieben prall gefüllte Hängemappen, Blätter in weiß, gelb und rosa, mit dutzenden verschiedenfarbigen Post-its an den Rändern. Ginge es um ein paar Milliarden Euro, um einen komplizierten Geldwäsche- oder Korruptionsfall – man würde den Umfang verstehen. Aber es geht nicht um Milliarden. Es geht bloß um zwei Wörter.</p>
<p>Um „Heil Hitler“. Oder um „Sieg Heil“.</p>
<p>Das ist schon die erste ironische Pointe dieser komplizierten Geschichte: Dass nicht einmal klar ist, von welchen zwei Wörtern überhaupt die Rede ist. Heinz-Christian Strache meint, sie bei seiner Wahlkampfveranstaltung auf dem Wiener Neustädter Hauptplatz gehört zu haben, von jenen Skinheads, die Moschitz gerade für seine Doku filmte. Er habe „Heil Hitler“ gehört, sagt Strache vor der Kamera. Er habe „Sieg Heil“ gehört, sagt Strache nachher bei der Polizei. Er habe „diesen eindeutigen Sieg-Heil-Sager, der für mich ein Nazi- und Heil-Hitler-Sager ist, gehört“, sagte er  schließlich bei der Hauptverhandlung vor Gericht. Also was jetzt?</p>
<p>Die zweite ironische Pointe dieser Geschichte ist: Dass ein FPÖ-Chef, der sich  normalerweise mit Händen und Füßen dagegen wehrt, mit Nazi-Parolen in Verbindung gebracht zu werden, plötzlich nachzuweisen verwucht, dass seine Fans Nazi-Parolen rufen. Während der als „links“ punzierte Journalist versucht, nachzuweisen, dass Strache-Fans KEINE Nazi-Parolen rufen.</p>
<p>Die dritte ironische Pointe: Dass ausgerechnet den jugendlichen Neonazis in diesem Showdown die Rolle der neutralen Zeugen zukommt, die sagen, wie es wirklich war. „Ich schwöre auf meinen toten Hund, dass ich in Wiener Neustadt niemals Sieg Heil oder Heil Hitler gesagt habe und auch kein anderer“, erklärte Philipp R., einer der Hauptprotagonisten der Doku, als Zeuge aus, so steht es in den Gerichtsprotokollen. „Vielleicht davor irgendwann woanders, daheim sage ich es jeden Tag, aber nicht da.“</p>
<p>„Können Sie sich dann erklären, warum das Ganze so aufgebauscht ist? Wenn es gar nicht stimmt?“, fragt der Richter. „Das ist ein Witz, vielleicht hat Strache einen Hass gegen den ORF, ich weiß es nicht“, sagt Philipp. „Das Thema geht mir eigentlich am Arsch vorbei“ sagt Kevin, ein zweiter Skinhead, in der Verhandlung. Auch das hat etwas für sich.</p>
<p>Technisch gesehen, geht es um einen Schnaufer. Einen Schnaufer auf der Tonspur, der Strache verdächtig vorkommt. Ein Schnaufer, wie wenn man sich in die Hände pustet, weil einem kalt ist. Oder wenn man hörbar ausatmet, weil man genervt ist. Der Schnaufer ist in den Ohren der FPÖ verdächtig, weil er einen „Sig Heil“-oder „Heil-Hitler“-Ruf überdecken könnte. Erst wurde ein Gutachten eingeholt, das keine Manipuation am Band feststellen konnte. Dann wurde noch ein Gutachten eingeholt, das keine Manipultion feststellen konnte. Aber mit hudertprozentiger Sicherheit ausschließen? Das wollten die Gutachten nicht, so wie man kaum Dinge im Leben (und vor Gericht) mit 100prozentiger Sicherheit ausschließen kann.</p>
<p>Dann hoffte man auf Hilfe des Bundekriminalamts Wiesbaden, wo noch bessere Geräte stehen, angeblich. Dass Wiesbaden auch nicht helfen konnte, wusste man erst ein Dreivierteljahr später. Also zurück zum Start. „Das sind komplizierte technische Fragen, das dauert alles seine Zeit“,  erklärt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt. Seit vergangener Woche hält er ein neues Gutachten in Händen &#8211; in dem aber auch nicht mehr drinsteht als in den vorherigen.</p>
<p>Womit man zur Frage vordringt, die mittlerweile die eigentlich wichtige geworden ist: Wieso dauert das alles so lang? Geht es Moschitz einfach wie tausenden anderen Bürgern, die unter endlos langen, ineffizient geführten Verfahren leiden? Oder steckt Absicht dahinter? Eine rechte Verschwörung gar?</p>
<p>Immerhin ist hier die Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt am Werk, dieselbe, die sich schon im Tierschützerprozess keine Lorbeeren verdient hat. Fünf Staatsanwälte waren hier bisher mit der heiklen Causa befasst, einer reichte den Akt an den nächsten weiter, den Beschuldigten angehört hat jedoch noch keiner von ihnen. Moschitz’ Anwalt Richard Soyer ist vorsichtig mit Schuldzuweisungen. Er sagt nur: „Man will offenbar nichts falsch machen, und handelt nach dem Motto: kommt Zeit, kommt Rat. Das Ergebnis ist unschön. Denn je länger so etwas dauert, desto trüber werden die Erkenntnisquellen, und desto mehr Raum öffnet sich für Missverständnisse. Das spielt natürlich der Gegenseite in die Hände.“</p>
<p>Moschitz ist kein Jurist,  er darf es direkter sagen: „Sie wollen die Wahrheit gar nicht erfahren.“ Er hat eine neue Unterschungsmethode angeboten, Rasenanalyse heißt sie, mit der könne man Manipulationen an der Magnetspur des Originalbands zweifelsfrei nachweisen – um den Preis, dass es nachher kaputt ist. Die FPÖ wehrt sich dagegen. „Denn es könnte sich ja herausstellen, dass Strache eventuell gelogen hat“, sagt Moschitz, rührt in seinem Espresso, und es ist ein seltener Moment der Klarheit, in dem der Nebel plötzlich aufreißt.</p>
<p>Wenn das inkriminierte Band nämlich Philipp und den anderen Neonazis Recht gibt, wenn es  belegt, dass an diesem Tag in Wiener Neustadt kein „Heil-Hilter-oder-Sieg-Heil oder so-ein-Nazi-Sager“ fiel &#8211; dann kämen Strache, seine Pressesprecherin und all die anderen FPÖ-Funktionäre, die damals seine Aussage stützten, wegen Verleumdung dran. Das Parlament hat Straches Immunität in dieser Sache bereits aufgehoben.</p>
<p>Womit wir beim Kern dieser seltsamen Geschichte sind: Sie ist Lehrstück darüber, wie politische Kampagnen gemacht werden. Wie man Verdächtigungen in den Raum stellt, sie mit steten Andeutungen nährt, und an einer Klärung gar kein Interesse hat, weil es der Zweifel ist, der einem am meisten nützt. Solange man sagen kann, ein Redakteur  stehe „wegen Fälschungsvorwürfen unter Verdacht“, steht der ORF im Zwielicht. „Das macht die FPÖ sehr gut“ sagt Anwältin Windhager anerkennend. „Es bleibt halt was hängen. Immer.“</p>
<p>Ed Moschitz ist müde. Nicht nur heute, sondern generell. Er wird das durchfechten, bis zum Ende, klar, und hoffen, dass auch sein Arbeitgeber bei der Stange bleibt. Die medienrechtlichen Verfahren strengte Moschitz als Privatperson an, erst später war der ORF bereit, die Kosten dafür zu übernehmen. Gottseidank, sagt er, sei er wenigstens Angestellter am Küniglberg. „Nicht auszudenken, wenn ich Freiberufler wäre“, sagt er. „Sowas stehst du nicht allein durch.“</p>
<p>Heute jedenfalls, im OLG, Justizpalast, Saal E, hat er 2000 Euro verdient, steuerfrei, wegen übler Nachrede, zu zahlen von der FPÖ-nahen Website „unzensuriert.at“. Die Verhandlung hat bloß zehn Minuten gedauert, seine Schultern straffen sich, als er – zum wievielten mal eigentlich schon? – die Durchleuchtungsschleuse beim Gerichtsportier passiert. Er wird heute ein bisschen besser schlafen als gestern. Und er wird das FPÖ-Geld an Ute Bock spenden, justament. Weil justament – das kann nicht nur die FPÖ. Das kann auch er.</p>
<p>&nbsp;</p></blockquote>
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		<title>Liebe Deutsche: Schön, dass ihr da seid! Und bleibt noch ein bisschen!</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Apr 2013 18:34:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sibylle Hamann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Die Presse]]></category>
		<category><![CDATA[identität]]></category>
		<category><![CDATA[medien]]></category>
		<category><![CDATA[österreich]]></category>

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				<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Deutsche Studierende seien eine ökonomische „Belastung“ für Österreich, titelte die Presse gestern. Nun ja. Atmosphärisch gesehen, sind sie eher eine Bereicherung.</p>
<p>presse-kolumne</p>
<p>Man hört sie in der U-Bahn, man hört sie im Kaffeehaus, man hört sie im Uni-Hörsaal, man hört sie beim Bäcker. Manchmal stehen sie dabei auf der Verkäuferseite hinter der Budel (die sie Verkaufstheke nennen würden), manchmal auf Seite der Kundschaft. Die Deutschen: 153.491 von ihnen leben heute in Österreich,  wie eine aktuelle Studie vermeldet, doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren, 30.000 davon sind Studentinnen und Studenten, 18.000 kommen jedes Jahr neu dazu. Derart selbstverständliche Teilnehmer am österreichischen Alltag sind sie geworden, dass man sich schon kaum nicht mehr vorstellen kann, wieviel Emotion sie noch vor zwanzig Jahren auf sich zogen.</p>
<p>Damals, als im Fernsehen die „Piefke-Saga“ lief, in vier Folgen mit Rekordquoten. Als ein Deutscher nur ein, zwei Worte sagen musste, ein etwas zu bemühtes „Grüß Gott“ oder ein „Pfiati“ mit schiefem Unterton, um hinter seinem Rücken verächtliche Grimassen und wegwerfende Handbewegungen zu provozieren. Damals, als Deutschenfeindlichkeit der kleinste gemeinsame Nenner war, auf den sich beinahe alle Milieus auf Anhieb verständigen konnten; Meidlinger Friseurinnen ebenso wie Hietzinger Hofräte, Punks mit Irokesenfrisur ebenso wie Angehörige der Freiwilligen Feuerwehr.</p>
<p>Nein, Österreich hat keinen Grund, auf diese ressimentgeladene Zeit stolz zu sein. Die Deutschen ließen sich dennoch nicht hinausekeln (entweder sie deuteten die Provokationen falsch, oder sie waren ihnen gleichgültig). Gottseidank. Denn sie haben das Land mit ihrer hartnäckigen Anwesenheit verändert. Zum Besseren.</p>
<p>Das hat zunächst biographische Gründe. Wien ist kein Sehnsuchtsort wie New York oder Rio. Die Zwanzigjährigen, die hierher kommen, folgen keinem großen Traum, sondern sind aus pragmatischen Gründen da. Was sie hergespült hat, ist meistens  bloß die Nähe, der Zufall, irgendeine Note im Abiturzeugnis. Numerus Clausus-Flüchtlinge leiden nicht wie echte Flüchtlinge. Sie hadern nicht mit ihrem Gastland, sie erwarten sich von ihm weder Rettung noch Läuterung. Sie wollen es bloß halbwegs nett und angenehm haben, zwei, drei, vier Jahre lang. Ok, da sind wir, was kann man hier morgen tun? Vieles! Na prima!</p>
<p>Unvoreingenommen konsumieren sie die Stadt. Gehen Bier trinken, setzen sich auf Wiesen, besuchen Konzerte, kaufen Gewand, entdecken Neues und freuen sich dran. Jö, das Cafe Jelinek! Jö, der Stausee Greifenstein! Zumal all diese Orte keine Geschichte mit sich herumschleppen. Sie kennen den Parapluieberg nicht von lähmenden Schulwandertagen, das Plachutta nicht von desaströsen Familienfeiern. Wenn sie Zeitung lesen, fehlt der bei Österreichern dauernd mitschwingende Subtext von Waldheim, Haider und Cordoba. Wenn sie streiten, geht es ums Hier und Jetzt, nicht um vererbte Fehden. Und wenn sie freundlich sind, sind sie das nicht, weil sie vom Herrn Papa oder von der Frau Tante eine Gefälligkeit erwarten. Weil sie gar nicht wissen, wer der Papa oder die Tante eigentlich sind.</p>
<p>Nüchternheit, Pragmatismus, eine ganz auf die Gegenwart und nahe Zukunft gerichtete Neugier: So etwas tut der Atmosphäre einer Stadt gut. Speziell wenn die Stadt Wien heißt, die sich mit Nüchternheit, Pragmatismus, Zukunft und Neugier generell ein bisschen schwer tut. Liebe Deutsche also, speziell liebe Studentinnen und Studenten: Danke, dass ihr da seid. Wir brauchen euch noch.</p></blockquote>
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