Andere über mich | Others about me

Julya Rabinowich:

1984 oder die Überwindung der Scheu. Laudatio für Sibylle Hamann, Frauenring-Preisträgerin 2016

1984 war eine Vision von zermürbender Zukunftsdystopie, die von Gleichschaltung, Kontrolle, Rechtlosigkeit und Faktenverschleierung geprägt war. Abgesehen davon war 1984 realiter doch ein bisschen anders als befürchtet und allemal ein gutes Jahr, denn Sibylle Hamann, geboren 1966 in Wien, begann 1984 das Studium der Politikwissenschaft in Fächerkombination mit Geschichte, Ethnologie, Russisch an der Universität Wien und der Freien Universität Berlin, das sie 1989 mit einem Forschungsaufenthalt auf der Beida-Universität in Peking abschloss, mit einer Diplomarbeit zum Thema Frauenarbeit und Wirtschaftsreformen in der VR China.

Das bildete den Ausgangspunkt für fulminante Wortarbeit von 1984 bis heute und gewährleistete die Versorgung einer mit gut recherchierten und beeindruckend verfassten Arbeiten gesättigten, mündigen Leserschaft auf Jahrzehnte.

Seit ich jedenfalls begonnen habe, mich mit ernsthaften Dingen des Lebens zu befassen, wie zum Beispiel mit Politik, Feminismus und bissig-elegant verfassten Essays, wurde sie zu einer beständigen Begleiterin. Anfangs fiel es mir nicht auf. Ich las die Artikel und kümmerte mich nicht um die Verfassenden. Aber nach und nach wurde meine Ignoranz ausgehöhlt wie der sprichwörtliche Stein mit dem beständigen Tropfen, und der Name der Aushöhlung war Sibylle Hamann.

Ob es nun um Frauenrechte, oder um Menschenrechte allgemein, um Minderheiten, um prekäre Arbeitsbedingungen, ob es um innenpolitisches Geschehen oder um Auslandsreportagen ging: Sibylle Hamann war der Igel und ich der Hase. Wo immer ich etwas Mediales aufschlug beziehungsweise aufdrehte, war sie schon ganz entspannt da und wartete auf mich. Die Texte selbst waren nicht entspannt, sie waren lucide, aber hochkonzentriert, sie waren brillant durchdacht und ebenso argumentiert, sie zogen Missständen die Hosen aus und benannten schonungslos dort, wo manche vor kompromissloser Nennung zurückschreckten. Niemals verfiel die Autorin dabei in einen boulvardesken Stil. Niemals heischten ihre Texte um Zustimmung der Masse. Die Texte standen unabhängig und klar formuliert nur für sich selbst, ohne sich je an ein politisches Lager anzubiedern, ohne je der Versuchung des Elendsvoyorismus mit seinen wohligen Entsetzensschaudern anheim zu fallen. Wer bei ihren Reportagen auf das Vorführen der Protagonistinnen und Protagonisten wartet, kommt nicht auf seine zweifelhaften Kosten.
Er wird sich mit dem Thema sachlich, aber mit emotionaler Tiefe auseinandersetzen müssen.

Sibylle Hamann schreibt, was ist. Schnörkellos. Aber mit Konsequenz der Themenwahl, mit Stil, mit Mut, mit Abstand zu und Feingefühl für die sensiblen Situationen. Die Geschichten, die sie fand: ausgebeutetes Pflege- und Reinigungspersonal. Bürgerkriege und Unruhen. Über das Ende des Apartheid. Über die Taliban in Afghanistan, über New York, über Ruanda. Sie schreibt über Flüchtlinge und über Hiesige, über Konservative und Linke. Über Frauen und Männer. Über das, was trennt, und über das, was verbindet. Sie ist nicht parteiisch. Sie schreibt niemals aus Modegründen, weil ein Thema IN und reizend ist, sie hat über Feminismus geschrieben, als er längst ein überholtes, unnötiges Image abbekommen hatte, und sie hielt die Linie entgegen allen Anfeindungen. Ihr war es ernst damit.
In den Jahren 1990 bis 1994 arbeitet sie im Kurier und berichtet im Ressort „Außenpolitik“ über die Umbrüche in der Sowjetunion aus dem Kaukasus und dem Nahen Osten, über das Ende der Apartheid in Südafrika und den Bürgerkrieg in Ruanda, danach wechselt sie zum Profil. Sie selbst beschreibt es so: „Noch mehr Reisen, diesmal eher in Kriegs-und Krisengebiete.“
Sie hat keine Angst vor dem Unbekannten. Dafür braucht es Mut. Viel Mut.
Seit 2006 lebt sie als freie Journalistin und Autorin wieder in Wien, worüber ich reichhaltig Gelegenheit zum Freuen fand.
Sie ist ein geschätzter Studiogast vieler ORF-Diskussionen.
Sie moderierte 2013- 2015 das großartige Projekt „Die letzten Zeugen“ von Doron Rabinovici im Burgtheater.
Sie verfasst Beiträge für EMMA und Die Zeit.
Sie ist wöchentliche Kolumnistin bei der Presse und ständige Autorin beim Falter.
Sie ist Chefredakteurin der „Liga. Zeitschrift für Menschenrechte.“
Sie moderiert, diskutiert, trägt vor, lehrt, ist Autorin und Mutter zweier Kinder.
Sie verfasste Bücher.

Kurzum: Sibylle Hamann hat die Medienlandschaft Österreichs nachhaltig beeinflusst.
Ich beneide ihre Studierenden, denn sie lernen eine für die Aufgabe des Journalismus brennende Frau kennen, die viel Hochinteressantes und viel Unverzichtbares vermitteln kann. Sibylle Hamann fordert auf, auf die Straße zu gehen, hinaus aus der Sicherheit des Rückzugsortes, um jene Geschichten zu finden, die sich im Internet nicht finden lassen. persönliche, intensive Geschichten.

Sie sagt: „Ich kenn das gut, diesen inneren Widerstand, den man immer überwinden muss, ehe man sich aussetzt. Ich kenn das sehr gut von mir selbst. Jeder Journalist, jede Journalistin kennt das. Nein, es ist keine Faulheit – obwohls manchmal zum Verwechseln ähnlich ausschaut. Es ist eher eine menschliche Grundscheu vor dem Neuen, Unbekannten. Wahrscheinlich könnte man sagen: Das ständige – absichtliche, antrainierte – Überwinden dieser Scheu ist der Kern unseres Berufs.“

Diese Vehemenz macht deutlich, wie sehr es ihr um Mut, um Neugier, um Offenheit, um das Finden geht. Wer nicht neugierig ist, der wird stereotyp, der wäscht sich aus zu Erwartbarem, und Sibylle Hamann umgeht das mit Leichtigkeit.

Ich vertraue ihrer Wahrnehmung und ihrem Urteil. Weil ich glaube, dass Sibylle Hamann eine Künderin ist, eine Analytikerin verborgener Zusammenhänge, eine Faktenarchitektin, deren Gebäude standfest sind wie selten welche, weil ihr Blick und ihr Wort scharfe Waffen sind in einer Welt der einlullenden Tittytainmentversuche. Weil sie nicht mehr wegzudenken ist und weil die interessierte, denkagile, mündige Lesende und Zuschauende sie noch lange, lange, lange lesen, sehen und hören wollen. Lasst die Geschichten kommen.

Ute Baumhackl, Kleine Zeitung:

Fernsehdiskussionen über Politikverdrossenheit, über Aggression in der Kunst, über typisch weibliche Karriereknicks. Podiumsdiskussionen über den Korruptions-Untersuchungsausschuss und seine Folgen, über Armut, Kirche, Pflegewesen: Wo immer im Land öffentlich ernsthaft diskutiert wird: Sibylle Hamann ist dabei. Mit pointierten Standpunkten und klaren Argumenten, so wie in ihrem Schreiben: In der „Presse“, im „Falter“, in der „Zeit“ und in der „Emma“ etwa wirkt sie „als Opinion Leader im besten Sinne des Wortes“ und leistet einen „entscheidenden Beitrag zur Hebung der Qualität der politischen Berichterstattung“. So begründet die Jury des Kurt-Vorhofer-Preises ihre Entscheidung, Hamann heuer auszuzeichnen.

Gestern wurde der 47-Jährigen der mit 7200 Euro dotierte Preis verliehen. Ausgelobt von der Kleinen Zeitung und der Journalistengewerkschaft, erinnert die Ehrung für Politikjournalisten an den langjährigen Leiter der Wiener Redaktion der Kleinen Zeitung. Mit ihm verbinden Hamann nicht zuletzt schreiberische Eleganz, ein genauer Blick auf das politische Geschehen, hohe moralische Integrität. Ihre Arbeit „zeichnet sich durch Parteinahme für Menschen aus, die oft dem üblichen journalistischen Blick entgehen“, so die Jury. Tatsächlich hat Hamann eine Weile inkognito als Putzfrau gearbeitet und darüber den Faktenkrimi „Saubere Dienste“ verfasst (Residenzverlag, 2012, Leseempfehlung!).

Sie hat sich aber auch als Außenpolitikjournalistin an die verschwommenen Fronten der Bürgerkriege in Ruanda und im Kongo gewagt und berichtete, damals noch als „profil“-Redakteurin, vom Krieg der USA gegen die Taliban in Afghanistan. Derzeit ist die Tochter der bekannten Historikerin Brigitte Hamann Lektorin am Journalismuslehrgang der FH Wien und schreibt als freie Journalistin – einerseits ein Zeichen gelebter Unabhängigkeit, aber wohl auch, weil sie sich, so die Geehrte in ihrer Dankesrede, am liebsten „im Abseits“ bewege. Denn „nicht dort zu sein, wo andere Kollegen und einfache Geschichten zu finden waren“, so ihr Fazit, „daraus sind meine besten Geschichten entstanden“.

Die Jury zum WINFRA-Preis 2014:

Sibylle Hamann zeigt in diesem witzigen Kommentar ohne Scheu vor der starken Meinung, aber dennoch präzise und ironisch vorgetragen, was man beachten soll um keine schlechte Stimmung auf der Straße zu verbreiten. Sibylle Hamann gelingt es dabei souverän, die Meta-Ebene des emotional aufgeladenen Stadtdiskurses zu thematisieren. Anregungen wie diese helfen, komplexe Themen wie das Thema Radverkehr in Wien diskursiv zu verdichten und damit auch ungewohnte Perspektiven darzustellen.