Über die Frente Polisario, die einstige Lieblings-Befreiungsbewegung der österreichischen Sozialdemokratie.

Eine Profil-Reportage aus Heft 11/1996

Mit dem Einbruch der Dunkelheit ist es plötzlich bitter kalt geworden. Der Generator läuft stotternd und lässt das Scheinwerferlicht über dem Festplatz flackern. Unten, im Schatten, eng aneinandergedrückte dunkle Gesichter, dunkle Augen unter schwarzen Turbanen. Rundherum nichts. Oben der fahl leuchtende weiße Halbmond. Die Sterne leuchten. Franz Ramskogler spricht.

„Ich spüre, wie euer Herz erfüllt ist von der Sehnsucht nach Freiheit. Diese Sehnsucht ist wie eine Blume, die aufblühen wird, wenn euer Land endlich euch gehört.“ Franz Ramskogler horcht dem Klang seiner Worte nach, den der Wind in die kalte Finsternis hinausträgt. Im Umkreis Hunderter Kilometer ist da kein Berg, keine Erhebung, kein Hindernis, das sie aufhalten und zurückwerfen könnte.

Es sind warme, große, alte Worte: Freiheitskampf, Freundschaft, Solidarität. Hier ist der Ort, an dem sie ein sozialdemokratischer Parteifunktionär, der Chef der Jungen Generation, auch verwenden darf, einfach so, ganz ohne ironisches Augenzwinkern, ohne zynischen Schlenker, ohne rot zu werden: Es ist die Wüste.

Am 27. Februar wurde die „Demokratische Arabische Republik Westsahara“ 20 Jahre alt. Doch obwohl die Unabhängigkeit des kleinen, etwa 140.000 Menschen zählenden Wüstenvolks von Dutzenden Staaten anerkannt wurde, haben sie kein Land: Die Westsahara ist in der Hand der marokkanischen Besatzungsarmee. Die Sahrauis und ihre politische Führung, die „Frente Polisario“, sitzen als geduldete Gäste auf einigen hundert Quadratkilometern westalgerischem Sand. Hier, in vier großen Flüchtlingslagern, die sie nach den vier Provinzen der Heimat benannt haben, halten sie die Erinnerung wach, paradieren und warten auf den Tag der Rückkehr.

Zum Festtag haben sie sich herausgeputzt. Die Wüste ist gekehrt, soweit man in der Wüste eben kehren kann. Auf der Ehrentribüne verdeckt eine Reihe intakter Sessel verschämt mehrere Reihen kaputter. Davor zieht alles, alles vorbei, was es herzuzeigen gibt. Infanterie im Stechschritt: Die Uniformen sind aus gespendetem Stoff genäht, die grün-braunen Tarnfarben schützen in der hellgrauen Wüste nur mäßig vor dem Gesehenwerden. Uraltpanzer aus sowjetischer Fabrikation: Liebevoll hat man die Rostlöcher überpinselt. Komitees verschleierter Frauen haben einen Tanz um eine Kalaschnikow einstudiert. Dann klatschende Schulkinder, Krankenschwesternbrigaden mit Bahren, fahrende Hühnerställe und die ausgedienten Transportwagen einer spanischen Möbelfirma, die als Militär-Lkws eine neue Bestimmung gefunden haben.

Eine Second-hand-Armee mit erbeuteten Waffen, ein Volk in geschenkten Kleidern, aber die Sahrauis tragen sie mit Stolz. „Das ist Entschlossenheit. Das ist Freiheitswille“, plärrt es aus dem Megaphon, während eine Sandwolke gnädig die verbeulte Hinteransicht eines alten Schulbusses verhüllt.

Es ist die ärmliche, staubige, arabische Miniaturversion eines realsozialistischen Maiaufmarsches. Rührend, möchte man meinen, aber nichts Besonderes: ein vergessener Konflikt von vielen, um ein trostloses Stück Land, in dem kaum einer der Ehrengäste freiwillig mehr als ein paar Tage verbringen möchte. Wären da nicht zwei Phänomene: Tausende Wüstenbewohner, die nur vage ahnen, in welcher Himmelsrichtung Europa liegt, bringen das Wort „Volkshilfe“ anstandslos über die Lippen. Und Tausende Wohlstandsbürger, die eine Wüste nur von Fotos kennen, bekommen beim Klang des Wortes „Polisario“ leuchtende Augen.

Im fünfzehnten Wiener Gemeindebezirk, dort, wo die äußere Mariahilfer Straße am finstersten ist, steht ein Gemeindebau mit einem „Haus der Begegnung“. Rosarote und gelbe Luftballons hängen von der Decke des Festsaals, Couscous dampft in den Töpfen, die Zuhörer drücken sich scheu in die Ecken, Erwin Lanc hält seine Solidaritätsrede. „Findet eine Befreiungsbewegung Partner unter den Mächtigen der Welt, dann wird sie Erfolg haben“, sagt er. „Wenn nicht, dann nicht.“ Hinter dem ehemaligen Außenminister hängen gerahmte Fotos von Kamelen im Sonnenuntergang. Auch Karl Blecha ist da. „Wir alten Terroristen“, klopft der ehemalige Innenminister den Mitkämpfern aus wilden Jugendtagen jovial auf die Schulter.

Es soll eine Zeit gegeben haben, in den fünfziger und sechziger Jahren, da führten die Jungsozialisten in ihren Seminaren noch Strategiedebatten für den antikolonialen Befreiungskampf. Damals stieg Jungfunktionär Blecha gemeinsam mit einem Major der vietnamesischen Volksarmee über die Berge, um dabeizusein, als die Algerier die französische Kolonialherrschaft abschüttelten. „Ich habe gesehen, wie sie Bomben abgeworfen haben, wie um mich herum Frauen und Kinder gestorben sind“, erzählt er. „Ich war zum ersten Mal im Krieg.“ Es war der erste Riss im Weltbild: „Wie können Sozialisten, wie sie damals die französische Kolonialpolitik durchführten oder unterstützten, so sehr auf der Seite des Unrechts und der Reaktion stehen?“

Nach Algerien kam der Vietnamkrieg, der die Achtundsechziger auf die Straße trieb. Dann entdeckte die alternative Linke die nicaraguanischen Sandinisten als Brüder im Geiste und brach in Scharen zur Zuckerrohrernte auf. Im weitgehend entkolonisierten Afrika war es die Polisario, die zur Bannerträgerin des gerechten antiimperialistischen Kampfes wurde: klein, schwach, aber tapfer. „Wir haben sie uns ausgesucht, weil sie noch unbesetzt war“, sagt Blecha.

Mit dem Aufstieg der Jugendfunktionäre in der Parteihierarchie war die internationalistische Schwärmerei inzwischen zur österreichischen Außenpolitik geworden. Erwin Lanc bekam in der Wüste Steyr-Kürassierpanzer vorgeführt, welche die Polisario-Kämpfer von der marokkanischen Armee erbeutet hatten. „Das zeugt zwar von Qualität, aber auch von falschem Einsatz“, sagt der Minister a. D. Marokko musste seine Kriege fortan ohne österreichische Waffen führen.

 Auch die Öffentlichkeit fand Gefallen an den fernen Freunden. Die Delegationen pilgerten in die Sahara, im Schlepptau die Reporter, SP-nahe Hilfsorganisationen sammelten Spielzeug und Bleistifte, während der Festwochen 1981 stand ein „original Saharazelt“ in der Wiener Koppreitergasse. Erika Pluhar und Udo Proksch luden Wüstenkinder nach Österreich ein. Die „Kronen Zeitung“ zeigte sich in einer fünfteiligen Serie bewundernd angetan von der schlauen Kampftaktik der „Wüstenfüchse“, die „Arbeiter Zeitung“ (in mehreren Serien) von deren „gesellschaftlicher Reife“.

In der Wüste war und ist viel, viel Platz für politische Sandkastenspiele. Ein Miniatur-Staat aus Flüchtlingszelten, der aus dem Nichts entstand: Da kann man die Formbarkeit einer Gesellschaft studieren, die Segnungen von Entwicklung und Fortschritt, geleitet von einer ideologisch „festen“ Führung und einer großen, „gerechten“ Idee.

„Durch kollektive Selbstanstrengung gelang der Aufbau einer vorbildhaften Gesellschaftsstruktur, die Selbstverwaltung und Demokratie in allen Lebensbereichen gewährleistet“, schwärmte etwa vor zehn Jahren der damalige Landesbildungssekretär der SPÖ Niederösterreich in der „AZ“. Staunend sah er Schulen und Krankenhäuser, Vitaminprogramme für Kleinkinder und Sand, der, „von nur 15 Schaufeln und Hunderten Menschenhänden liebevoll gepflegt“, zum Gemüsegarten erblüht. „Während die männliche Bevölkerung im militärischen Einsatz gegen die marokkanischen Besatzer kämpft, wird das Hinterland von den Frauen musterhaft verwaltet.“

Tatsächlich atmen die Zeltdörfer auch heute noch einen sauberen, kollektiven Geist. Jedes schulpflichtige Kind lernt lesen und schreiben, jeder Erwachsene arbeitet in einem der fünf „Volkskomitees“ – Erziehung, Soziales, Gesundheit, Versorgung oder Handwerk. Geld gibt es dafür nicht. Dafür kommt das Essen für alle einmal im Monat per Lkw aus der zentralen Versorgungsstation. Genauso wie die Kleider, Decken, Töpfe und Zeltplanen.

Gutwillige erkennen da den ursozialistischen Grundsatz „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ wieder. Böswillige nennen es schlicht „Beschäftigungstherapie“ für ein Volk, das sonst nichts zu tun hat, weil es von internationaler Hilfe durchgefüttert wird.

Ausdrücklich erlaubt die sechs Jahre alte Verfassung „nichtausbeuterisches Privateigentum“. Und doch: Es gibt so gut wie keine Läden, in denen man sich solches zulegen könnte. Keine Frauen, die daheim Matten weben, um Geld zu verdienen, keine Kinder, die die von zahlreichen Besuchern verschenkten Zuckerln verkaufen. Besitz und Handel, scheint es, sind etwas, was man schamhaft versteckt.

Mustafa Mohammed Ali, Bürgermeister des Lagers Ausert, ein stämmiger, selbstbewusster Mann, lässt ahnen, wie der wonnig zelebrierte Altruismus zustande kommt: „Natürlich darf sich jeder, der es sich leisten kann, ein eigenes Auto kaufen. Aber er würde es mit dem Volk teilen. Wer etwas nur für sich allein haben will, wird sich damit nicht wohl fühlen.“ Ähnlich verschmitzt lächelt auch ein General auf die Frage nach der Wehrpflicht: „In diesem Land ist jeder Mann ein freiwilliger Soldat“, sagt er. Gehen da westliche Sozialromantiker einer raffinierten, rigiden Mini-Diktatur auf den Leim?

So einfach ist es nicht. Was alle zusammenschweißt, was zaghaftes persönliches Unbehagen und harte Opposition gleichermaßen erstickt, ist das (auch von UNO-Resolutionen anerkannte) Ziel: die Heimkehr ins besetzte Land.

 „Es sind so viele gestorben. Das kann doch nicht alles umsonst gewesen sein“, sagt Nouha Moh Salem, eine 23jährige Kindergärtnerin, und es klingt gar nicht nach einer einstudierten Phrase. „Wenn der Tag der Befreiung kommt, dann hat es Sinn gehabt, dass ich zwanzig Jahre lang im Lager nur von Reis gelebt habe.“

Österreich hat seinen Beitrag dazu geleistet. In Smara, dem größten der vier Lager, steht ein Komplex aus Fertigteilhütten: eine von insgesamt vier österreichischen Volksschulen. Direktor Hamoudi Bachir führt stolz durch die Klassenzimmer. Über der Tafel Koransprüche, an der Wand, neben einem Flugblatt mit dem Bild des Präsidenten, ein gezeichnetes Poster, das zu Sauberkeit mahnt. Ein blondgelocktes Kind schrubbt sich da in einem gekachelten Badezimmer, in einer mit Schaumseife gefüllten Wanne, den Rücken.

 Auch die Erinnerungstafel an die Spender findet der Direktor noch in seinem Büro unter einem Stapel Kinderzeichnungen: „Volkshilfe, Kinderfreunde und Solidaritätsfonds der Bundesregierung“ steht da. „Die Kinder sind sehr stolz darauf, wenn sie in eine der österreichischen Schulen gehen“, sagt Bachir. „Denn die haben Glasfenster, durch die man hinausschauen kann.“

Eine seiner Schülerinnen heißt Nemsa. Sie ist elf, groß gewachsen für ihr Alter und geht in die Singgruppe. Sie ist ein ruhiges Mädchen, keines, das gern auffällt. Nur ihr Vorname ist außergewöhnlich: „Nemsa“ heißt “Österreich“.

 Auch Nouha geht Österreich nicht aus dem Kopf. Sie hat Fotos vom fernen Land daheim, denn sie hat vor zwei Jahren, gemeinsam mit sieben anderen sahrauischen Mädchen, im steirischen Hartberg ihre Kindergärtnerinnenausbildung gemacht. Drei Worte fallen ihr zu Österreich ein: „Grün, feucht und bunt.“ So ähnlich stellen sich Kinder in der Wüste den Himmel vor.

Die Sahrauis haben nur das Geld gesehen, das auch tatsächlich bei ihnen angekommen ist. Sie haben nie erfahren, dass sich die Volkshilfe vor sechs Jahren in einem Strudel von Skandalen aus der Entwicklungshilfe zurückziehen musste. Überhaupt haben die Freunde aus Österreich schon lange nichts mehr von sich hören lassen. Er verstehe es ja, wenn man Wichtigeres zu tun habe, sagt der Vorsitzende des Polisario-Jugendverbandes nachsichtig, während er mit der JG-Delegation eine Runde Tee im Zelt trinkt. „Aber ich zweifle nicht an euch. Die österreichische Jugend wird immer an unserer Seite kämpfen.“

Die Mahnung sitzt. Franz Ramskogler nimmt sie sich zu Herzen. Er ist, nach allem, was er gesehen hat, fest entschlossen, im Herbst mit einem Hilfskonvoi wiederzukommen. „Man kann doch das alles hier nicht im Sand verlaufen lassen“, sagt er. „Den Sahrauis zu helfen ist keine Frage der Sympathie, sondern eine Frage der politischen Grundsätze.“

Abends, auf der kalten Schlafmatratze, holt er sein Buch aus dem Rucksack: „The Rich Lands and the Poor“ von Gunnar Myrdal, ein Klassiker der fortschrittlichen Entwicklungspolitik. Erschienen 1958, in jenem Jahr, als sein Amtsvorgänger Karl Blecha zum ersten Mal in die Wüste kam. „Es ist Zeit für die SPÖ, sich auf ihre Grundsätze zu besinnen“, sagt Ramskogler. „Und ich spüre auch überall, dass das Bedürfnis danach da ist. Die Menschen wollen wieder von sozialer Gerechtigkeit hören, von Werten und von Solidarität.“

Wenn er das Buch vor dem Schlafengehen zuschlägt, wird der kalte Wind wieder aufkommen, der den Sand durch die Ritzen der Zeltplanen bläst. Wahrscheinlich wickelt er sich dann ganz fest in seine Decke. Und wenn in der Früh die ersten Sonnenstrahlen auf die Sahara fallen, dann wird es, ganz plötzlich, wieder fast so warm wie früher in der Partei.

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