Jeder Thailand-Tourist weiß, wieviel sie kosten. Kaum einer erfährt etwas über ihr Leben. Begleitende Beobachtungen über Liebe und Arbeit am Beispiel der Prostituierten Bo.

Eine Profil-Reportage aus Heft 15/1996

Königin Sirikit ist eine großartige Frau. Schön und stark, sagt Bo. Sirikit hat sogar einmal einen Schießwettbewerb gewonnen. Der kann keiner was anhaben. Die wehrt sich.

König Bhumibol ist auch ganz in Ordnung. Er kümmert sich um die Leute, und er hat ein paar gute Ideen. Wirklich begeistern kann sie sich für ihn aber nicht, sagt Bo. Er ist eben: „Ein Mann.“

Mit Männern kennt sich die junge Frau aus. Sie hat viele kennengelernt, aber irgendwie sind sie doch alle ähnlich, und es hat schon lang keiner mehr geschafft, sie zu überraschen. Wenn Bo auf der Theke in der „Tilac“-Bar tanzte, hockten sie immer unten, zu ihren Füßen, auf den Barhockern vor den Bierflaschen. Die Männerhände waren immer nah genug, um hinzugreifen, und sie griffen auch hin. Dafür waren sie ja hierhergekommen.

Männer, meint Bo, sind Menschen, die Geld haben, meistens auf Urlaub sind und um die halbe Welt fahren, um Sex zu haben. Meistens haben sie kurze Hosen an und sonnenverbrannte Knie. Ausländische Männer sind überdies Menschen, die nicht gern lachen, streiten und diskutieren. Es macht ihnen nämlich gar nichts aus, dass die Mädchen, die sie sich kaufen, nicht mehr als drei Sätze englisch sprechen.

Bo ist eine von geschätzt 200.000 Prostituierten in Thailand. Was will man über so eine Frau wissen? Dass sie eine aufreizende Art hat, sich durch die langen schwarzen Haare zu streichen, und dass sie beim Lachen den Kopf in den Nacken wirft? Dass sie es gewöhnt ist, fremde Besucher fürsorglich an der Hand zu nehmen, wenn sie mit ihr die gemeingefährlichen sechsspurigen Stadtautobahnen überqueren? Wie alt sie ist (fünfundzwanzig)? Wieviel sie kostet (ab 400 Schilling aufwärts)? Wieviel Zeit sie sich nimmt (hängt von der Sympathie ab)? Ob sie es auch ohne Gummi macht (tut sie nicht)?

Bo kommt aus einer großen Familie. Der Vater ging weg, als sie drei Jahre alt war, und ließ Frau und neun Kinder zurück. Sie haben ihn nicht vermisst. Als Bo selbst zwanzig war, war sie schon Mutter von zwei Töchtern. Sie verließ ihren Freund, weil er zuviel Haschisch rauchte und sein Geld beim Thai-Boxen verspielte. Er nahm das ältere der beiden Kinder mit, das tut bis heute weh.

„Er war ganz nett“, sagt sie, „aber er wollte nie arbeiten.“ Bo wollte arbeiten. 5000 Baht (2000 Schilling) hätte sie im Monat in einer Fabrik verdienen können. In der Bar schafft man das in einer Woche. Die Mutter wusste von Anfang an vom Job ihrer Tochter, sie wollte nie darüber reden, aber sie hat sich nie beschwert, solange genug Geld für das Kleinkind nach Hause kam.

„Warum tust du das?“ Das ist in Thailand eine ziemlich dumme Frage, die nur Ausländern einfallen kann. Bo will von einem Kunden keine Mitleidsbeteuerungen hören, bevor sie ihn ins Stundenhotel abschleppt. Sie sagt es kurz und knapp: „I am a sex worker.“

In Bangkok heißen die Arbeitsplätze Patpong und Soi Cowboy, zwei Straßenzüge, die tagsüber still vor sich hin dämmern. Wenn es finster wird, kommt die Hektik mit den Getränkelieferanten, Keilern und Marktstandlbesitzern. Unter den flackernden Leuchtreklamen, die „Live-Show“, „Supergirls“ und „Deutsches Bier“ versprechen, kann der Kunde schnell noch kostengünstig zulangen: T-Shirts für die Kinder daheim, eine Billiguhr für die Schwiegermutter.

 Geld gegen Ware: Ohne raffinierte Umwege geht es auch in den Bars zur Sache. Die Frauen zeigen Körperteile und Kunststückchen. Sie lassen sich heißes Wachs von brennenden Kerzen auf die Zunge tropfen, spucken und husten dabei. Niemand könnte auch nur im entferntesten annehmen, es mache ihnen Spaß, und nicht einmal mit einem gequälten Lächeln geben sie sich die Mühe, so zu tun, als ob. „Den Japanern gefällt es, wenn wir uns weh tun“, erklärt Bo, und deswegen tun sie es. Arbeit eben. Die Stundenhotels für alles Weitere sind gleich nebenan.

„Was die Mädchen in den Bars erwartet, hat sich inzwischen bis ins entlegenste Dorf herumgesprochen“, sagt Siriporn Skrobanek von der Hilfsorganisation „Foundation for women“. Das Bild von den ahnungslosen Mädchen, die von skrupellosen Agenten in die Prostitution gezwungen werden, sei – zumindest für den thailändischen Binnenmarkt – eine Legende: „Wenn eine erwachsene junge Frau ins Geschäft einsteigt, dann ist das eine bewusste Entscheidung. Und wenn eine Familie Geld für die Tochter bekommt, dann weiß sie ziemlich genau, wofür.“

Anders ist das für Frauen, denen Agenten einen lukrativen Job im Ausland, insbesondere in Japan, versprechen. Skrobanek, die ihre Sozialarbeiterinnen zu Aufklärungskampagnen durchs ganze Land schickt, kennt die typischen Methoden der Menschenhändler inzwischen bis ins Detail: „Vom Paradies im Ausland träumen die meisten armen Familien immer noch. Sie zahlen den Keilern sogar tausend Dollar als íAuswanderungshilfe’ für die Tochter.“ Ohne Papiere geht es über Malaysia und die Philippinen, dann nach Tokio, wo die Mädchen um etwa 10.000 Dollar an die Bordellbesitzer verkauft werden. Diesen Betrag müssen sie abarbeiten.

Wenn die Schuld nach ein paar Jahren getilgt ist, werden sie weiterverkauft, und das Ganze geht von vorn los. „So vergehen Jahre, ohne dass eine Frau jemals Geld in die Hand bekommt“, sagt Skrobanek. „Wenn ihr dann die Flucht gelingt oder wenn sie als illegale Ausländerin deportiert wird, wird sie sich hüten, daheim von ihrem Martyrium zu erzählen. Wer gescheitert ist, dem verzeiht man nicht.“

Frauen werden älter, und irgendwann muss sich jede von Thailands Sex-Arbeiterinnen Gedanken über den Ausstieg machen. Die Aids-Angst beutelt die Branche, und Thailands Image als Urlaubsdestination hat in den letzten Jahren arg gelitten. Dass sich vor den flackernden Lichtern der Go-go-Bars immer mehr Frauen in Schuluniformen präsentieren, ist nur ein Symptom dafür, dass die Kundschaft nach immer jüngerem, frischem Fleisch verlangt. Im Zeichen des Wirtschaftsbooms ist es dann weniger eine Frage der Moral, sondern des Geldes, ob der Ausstieg gelingt. „Eine Frau mit Kapital heiratet ein Mann immer gern“, sagt Skrobanek. „Wer aber mit leeren Händen heimkommt, wird schief angeschaut.“

Gleich über der „Superpussy“-Bar in Patpong ist das 2-Zimmer-Büro von „Empower“ zu Hause. Eine Selbsthilfegruppe, Anlaufstelle für Prostituierte, die auch Weiterbildungskurse für Aussteigewillige anbietet. Bo ist oft hier, oft auch nur zum Quatschen. Hier ist niemand, der sie zu einem bürgerlichen Leben zu überreden versucht, sie weiß, dass sie die Entscheidung allein treffen muss. „Ich denke zuviel nach in letzter Zeit“, sagt sie.

Da waren schon ein paar Versuche. Einige Männer, Ausländer, die sie rückblickend nicht „Kunden“, sondern „Freunde“ nennt, solche, die von einem Einfamilienhäuschen, einem Auto und von Liebe redeten. Bo ist kein romantisches kleines Mädchen mehr, aber einmal, letztes Jahr, hat sie es doch drauf ankommen lassen. Mit Ed aus der „Evergreen“-Hubschrauberfabrik.

Es war kalt in Oregon, erinnert sich Bo an ihre Zeit in Amerika. Die Amerikanerinnen seien eigentlich recht hübsch. Das war eine Überraschung: Denn wieso suchen sich die Amerikaner dann ihre Frauen in Thailand? Es wird an den dicken Pullovern und Mänteln liegen, die man in Oregon immer anziehen muss, vermutet Bo: „Damit kann man ja beim besten Willen nicht sexy ausschauen.“

 Bo wollte ausgehen, Ed zu Hause bleiben. Bo wollte mit ihm auf Urlaub fahren, Ed musste immer arbeiten. Bo kannte keinen Menschen und fand sich in der Kleinstadt nicht zurecht, Ed war das ganz recht. Bo wollte ihre Tochter bei sich haben, Ed schickte lieber Geld nach Thailand. Er meinte es gut, sie hielt es nicht aus. Drei Monate dauerte der Traum vom neuen Leben, dann war Bo wieder in Bangkok und Ed böse.

„Ich will endlich irgendwo zu Hause sein“, sagt Bo. Sie arbeitet seither nur noch freiberuflich. Ab und zu schaut sie noch in der „Tilac“-Bar bei ihren Kolleginnen und der ehemaligen Chefin vorbei, an der Wand hängen noch Fotos von ihr im lila-schillernden Badeanzug.

Seit sie den Ausstieg versucht, ist das Leben der jungen Frau nicht eben einfacher geworden: Seit sechs Monaten hat sie die Miete für ihre Wohnung nicht mehr gezahlt und ist bei einer Freundin untergeschlüpft. Ohne Wohnung kann sie ihr Kind nicht zu sich nehmen. Mit Kind kann sie nicht auf den Strich gehen – „denn sie fragt mich immer, wo ich hingehe, und will mit. Sie ist jetzt schon zu alt, als dass ich ihr etwas vormachen könnte.“ Bo geht das sechsjährige Mädchen nur selten besuchen. Es gibt jedesmal Tränen.

Doon, das Kind, sitzt auf einem Hocker an einer der achtspurigen Ausfallstraßen von Bangkok. Wie so oft, steckt der Verkehr in der Wirtschaftswunder-Metropole fest. Doon löffelt Reis aus einer Schüssel. Die mobile Garküche, die auf dem Gehsteig steht, gehört der Großtante, die auf das Mädchen aufpasst. Es gibt Pepsi im Plastiksackerl, Reis und Suppe aus einem großen Blechtopf und einen Sonnenschirm.

Doon ist ein leises, aufgewecktes Kind. Sie hat zwei Arbeitsbücher zum Lesen- und Rechnenlernen in der Kommode, die bei der Großtante im Freien neben dem zerlegten Moped steht. Sie hat alle Aufgaben schon fertig, radiert sie immer wieder aus und fängt von vorn wieder an.

 Bo kann sie nicht in die Schule schicken. Bücher und Schuluniform kosten Geld, das sie nicht hat. Doon fürchtet sich außerdem vor der Großtante mit ihrem Rohrstaberl. Sie schluchzt, während die Mutter ihr fürsorglich die Haare kämmt und sie wie ein Baby auf dem Schoß schaukelt.

Bo nimmt zum Abschied ein Foto aus ihrer Geldbörse: Da steht sie, mit durchsichtigem Top, engen Jeans und roten Lippen vor einem feuerroten, blankpolierten Sportwagen. Doon hält das Foto weinend zwischen den Fingern, während die Großtante sie mit beiden Händen festhält. Bo weint erst außer Sichtweite, nachdem sie um die Ecke gebogen ist.

Als sie wieder an der Ausfallstraße steht, spricht sie ein Ausländer an. Er hat kurze Hosen und sonnenverbrannte Knie. Ob sie wüsste, wo der Busbahnhof sei, für die Busse nach Süden? Bo versteht erst, als er schon hundert Meter weit weg ist; er ist in die falsche Richtung unterwegs.

Soll sie ihm nachlaufen? Nicht notwendig. „Das ist ein Mann, der will nach Pattaya“, sagt sie. Soll er doch selber schauen, wie er hinkommt.

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