Wo die Donau ins Schwarze Meer fließt, liegt die gewaltigste Aulandschaft Europas. Selbst Ceausescu hat es nicht geschafft, sie totzukriegen.

Eine Profil-Reportage aus Heft 24/1996

Der Conducator hatte Jagdhunde. Die durften aus vergoldeten Näpfen importierte Würstel essen. Sonst mochte er Tiere nicht so gern. Die Jagdhunde folgten aufs Wort, egal, was man ihnen anschaffte. Das gefiel dem Herrl, denn das war er gewöhnt.

Der Conducator hatte auch ein Land. Es gab eine Zeit, da herrschte dort noch große Unordnung. Dörfer, Bauern, Häuschen, Tiere. Weil das nicht sein durfte, ließ Nicolae Ceausescu die Bagger über Rumänien rollen und planieren, was eben ging, die winkelige Altstadt Bukarests schleifen und einen großen, weiß leuchtenden Palast mit einer Springbrunnen-Allee bauen.

Besonders unordentlich war es im allerletzten südöstlichen Win-kel seines Reiches: Da breitete sich ein großer Fluss, die Donau, in verschlungen mäandrierenden Armen aus, da waren Dickicht und Tümpel, Vogelnester und Schilf, glucksende Frösche und springende Fische. Der Conducator mochte keine zirpenden Grillen. Er schickte seine Stoßtrupps aus. Sie sollten Dämme bauen und Drainagekanäle, entwässern, bewässern, roden und pflanzen, Leute zu- und absiedeln und überhaupt „nutzbar“ machen, was „nutzlos“ dalag. Es war, was man einen „großen Plan“ nennt.

Jetzt ist Ceausescu sechs Jahre tot, und in Europas größter Aulandschaft liegt sein Schrott. Bagger, Kräne, vom Rost zerfressener Sperrmüll aus Altmetall sind an den Ufern zu riesigen Haufen übereinandergestapelt: Sie sollten ausheben, baggern, trockenlegen. Dutzende verwaiste Schleppkähne: Sie sollten das Schilf aus den geplanten Schilfplantagen in die Zellulosekombinate stromaufwärts bringen. Aber da gleichzeitig trockengelegt wurde, wollte das Schilf nicht mehr so recht gedeihen.

Auch die Stahlbetonträger unfertiger Verladerampen stehen noch da: Sie sollten die reichen Ernten der Planwirtschaft tragen. Aber auch das Getreide wuchs nicht, obwohl es der große Führer befohlen hatte. Um die Betongerippe schlingen sich heute die Lianen.

 Die Natur tut sich noch ein bisschen schwer, zurückzuholen, was ihr gehört. Aber die Naturschützer aus dem Westen helfen nach. Die UNESCO hat die 450.000 Hektar Auwald zum schützenswerten „Biosphärenreservat“ ernannt, und der WWF (World Wide Fund for Nature) macht sich an die Renaturierung ausgewählter Zonen. Dann, so hoffen sie, kommen auch die Tiere zurück.  

320 Vogelarten sind im Donaudelta zu Hause. Auf den Bäumen bauen einige tausend Seeadler-Pärchen ihre Horste. Früher einmal gab es acht Meter lange Störe, die flussaufwärts, bis in den Schwarzwald, zum Laichen zogen – heute sind ihnen da die Kraftwerke im Weg. Otter und Biber, die an den Bächen kleinere Dämme bauen als Ceausescu, fühlten sich inmitten der Bauarbeiten nicht sehr wohl. Der Fischbestand schrumpfte dramatisch: Konnten die Fischer vor fünfzig Jahren noch 47.000 Tonnen im Jahr aus dem Wasser holen, war es 1990 nur noch ein Zehntel davon.

Wenigstens blühen heuer wieder die Seerosen. Über dem Matita-See fliegt mit trägen Flügelschlägen ein Schwarm von sechzig rosa schimmernden Pelikanen auf, die langen Schnäbel hochgereckt, als ob sie schwer an ihnen zu tragen hätten. Georgetta ist glücklich: „Endlich sind sie wieder da.“

Georgetta Marin ist Bodenexpertin am Donau-Delta-Institut, das mit dem WWF zusammenarbeitet. Sie ist eine eifrige, hochqualifizierte Wissenschaftlerin. Vor der Revolution machte sie ihre Bodenanalysen für den Conducator – ihr Auftrag war die „Entwicklung“ des Deltas. Heute macht sie Bodenanalysen, um wieder rückgängig zu machen, was damit angerichtet wurde. „Damals wurden wir ja nicht gefragt“, sagt die Frau, „aber jetzt kann ich tun, was ich immer schon wollte.“

Nicht, dass die Regierung das ökologische Zeitalter ausgerufen hätte. Es ist, in Bukarest wie anderswo, mühsam, mit Plänen zu kommen, die nicht mit Erntetonnen, sondern der Zahl von Brut- und Laichplätzen argumentieren. Aber wenn die Vögel fliegen, kommen vielleicht auch einmal die Touristen. Das ist zumindest ein bisschen Rückenwind, um gegen den lähmenden Stillstand, der nach dem Kommunismus kam, anzurennen.

Pardina, die größte landwirtschaftliche Produktionsgesellschaft im Delta, liegt noch da, wie sie der große Führer hinterlassen hat. 27.000 Hektar plattgewalztes Land, Wiesen, Kühe. Ein Polizist schiebt sein blaues Fahrrad über den Damm. Aus den Wohnzimmern der Betonsiedlung ragen die Blechrohre von Öfen: Schwarze Brandmale über den Fensterrahmen lassen ahnen, dass es lebensgefährlich ist, wenn die Zentralheizung nicht funktioniert. Die Aufschrift auf dem einzigen Geschäft verspricht „Tricotaje“ und „Libreria“, hinter den zerbrochenen Fensterscheiben liegen ein einzelner roter Frauenschuh, vergilbte Stapel von Formularen und Blechnäpfe.

Die meisten der hier angesiedelten Arbeiter sind seit der Revolution schon wieder weggezogen, heim in die Moldauregion. Es gibt kaum etwas zu tun. Denn viele Felder liegen brach.

„Wer essen will, muss Landwirtschaft betreiben“, sagt Victor Nedelcu, der Leiter der Gesellschaft, die in Zeiten der Privatisierung „Agrodelta“ heißt, aber noch immer dem Staat gehört. Er ist ein Mann des unbeirrbaren Fortschritts. In seinem Büro hängt ein Plakat: Ein schnauzbärtiger Gewichtheber mit nacktem Oberkörper steht in einem wogenden Kornfeld und preist ein Schädlingsbekämpfungsmittel an, das hier „Fungicidul“ heißt. Der „große Plan“, der zur Austrocknung und Versalzung des Bodens führte, sei nicht daran schuld, dass es in den letzten Jahren eine Reihe von Missernten gab, meint Nedelcu. Es muss das schlechte Wetter gewesen sein.

Nedelcu sitzt mit seinen verbliebenen 160 Arbeitern auf einer halben Sache. Als Ceausescus Kopf rollte, war es in Pardina mit einem Schlag mit den Bauarbeiten vorbei. Die Bewässerungsanlage wurde nie fertig. Die meisten Traktoren sind kaputt, es gibt kein Benzin und keine Ersatzteile, die Agrodelta fährt ein Defizit nach dem anderen ein, und aus Bukarest kommt kaum noch Geld. Von Vögeln, Fischen, Renaturierung und Öko-Touristen will Nedelcu trotz der Misere nichts hören: „Man kann die Geschichte doch nicht zurückdrehen“, sagt er mit einem Anflug von Verzweiflung.

Nebenan, auf der Insel Babina, haben die Naturschützer schon ernst gemacht. Wo einst Reis wachsen sollte, um Rumänien groß, stark und unabhängig zu machen, stapfen die Wissenschaftler heute mit ihren Gummistiefeln durch die Tümpel und lächeln verzückt. Da die Seerosen, dort die Vogelnester.

Vor zwei Jahren erst hat man den meterhohen Ringdeich an vier Stellen durchstochen: Seither wird der Polder wieder überflutet, und die Au kann wieder ihre Arbeit tun. Das Wasser, das trüb in die Kanäle fließt, kommt auf der anderen Seite der Insel klar wieder heraus. Das Schilf filtert die Schadstoffe und reduziert die Nitrat- und Phosphatwerte auf weniger als die Hälfte. „Das haben wir gemeinsam mit den Einheimischen gemacht“, sagt Marin stolz.

Die Einheimischen? Doch, auch die gibt es. Knappe 15.000 Menschen leben im Delta, in das kaum Straßen führen, wo es keine Märkte gibt, kaum Autos, kaum Geschäfte und keine Kanalisation. Die einzige Abwechslung sind die Linienboote aus Tulcea und die spärlichen Gruppen ausländischer Ornithologen mit ihren Feldstechern. Wer im Delta lebt, ist das Alleinsein gewöhnt.

Man kann Häuser und Kirchen auch aus Schilf bauen. Periprava ist die allerletzte Siedlung am Chilia-Arm, hart an der ukrainischen Grenze. Nach dem Regen steht der Schlamm knöcheltief auf der Hauptstraße, selten nur fährt ein Pferdefuhrwerk vorbei. Es ist Christi Himmelfahrt, und die alten Männer haben sich nach dem Gottesdienst vor der „Cantina“ neben der Kirche zusammengefunden. Sie haben ihre weißen langen Bärte am Feiertag sorgfältig gekämmt und trinken goldgelben Schnaps aus Wassergläsern.

 Sie sprechen russisch. Denn die unzugänglichen Sümpfe waren für die vom Zaren vertriebenen „Lindenkreuzler“, eine Abspaltung der orthodoxen Kirche, eine sichere Zuflucht.

Iwan Danilow ist 70 und der Vater des Dorfbriefträgers. Er hat viel Zeit, außerdem noch ein Pferd und ein paar Hühner. Auf dem sandigen Boden hinter dem Haus wachsen die Kartoffeln mehr schlecht als recht, die Pension von umgerechnet 300 Schilling im Monat reicht nicht zum Leben. Iwan ist Fischer, er hängt seine Reusen ins Wasser, seit er denken kann, aber er hat es noch ein bisschen schwerer als sein Vater und sein Großvater. “Über die Dämme kommt man ja mit dem Boot nicht mehr drüber“, sagt er.

Die Bewohner von Periprava haben den Kommunismus nicht geliebt. Da mussten sie ihre Fische abliefern, ohne viel dafür zu bekommen, und irgendwann, so der „große Plan“, hätten sie Arbeiter in großindustriellen Fischzucht-Teichen werden sollen. Doch auch der Postkommunismus hat seine Tücken. Danilow erklärt den Unterschied: „Früher gab es einen, der den Befehl gab. Jetzt kommen immer andere, die lauter verschiedene Befehle geben, und keiner kennt sich mehr aus.“

Die Fischer von Periprava nennen die Leute, die ihnen heute das Leben schwermachen, „die Ökologisten“, und das Wort klingt ein bisschen wie eine Bedrohung. Das Biosphärenreservat, das der Bukarester Regierung untersteht, beschäftigt 120 Kontrollore, die neuerdings darüber wachen, ob Schonzeiten eingehalten werden, ob die Maschengröße der Netze stimmt und ob das Fischereiverbot in den streng geschützten Zonen eingehalten wird. Sie können in dem riesigen Gebiet nicht überall sein. Aber wenn sie einen Fischer mit einem Fang erwischen, dann „finden sie immer einen Knoten im Schilfrohr“, wie man hier sagt. Dann kassieren sie ab.

Was hat sich denn überhaupt geändert? Früher gab es den Staat, der die Fänge der Fischer kontrollierte, heute gibt es die staatliche Firma „Ecodelta“. Die besitzt die einzigen Kühlhäuser in Tulcea, hat deswegen ein Monopol auf den Fischeinkauf und zahlt auch nur umgerechnet drei Schilling für das Kilo. Das Ergebnis für Iwan Danilow ist in beiden Fällen dasselbe: „Man arbeitet so gut man kann, aber sie nehmen einem immer alles weg.“

Wenn der alte Mann von jenen spricht, die anschaffen, dann verwendet er das Wort „Patron“, wie es sein Vater und sein Großvater wohl auch schon getan haben. Ein „Patron“ ist jemand, der Jagdhunde hat und ein großes Schloss weit weg. Der König war so einer, Ceausescu auch, und nach ihm werden andere kommen. In Periprava, im letzten Winkel Europas, wehrt man sich nicht dagegen. Man wartet, und wenn man Glück hat, dann wird man von den „Patrons“ einfach vergessen.

Vielleicht hat das mit Zeit und Entfernungen zu tun. Die Donau ist 2857 Kilometer lang, wenn sie nach Periprava kommt. Das Delta war zehntausend Jahre alt, als über Ceausescu das Todesurteil gesprochen wurde. Und Danilow redet von Russland, der Heimat seiner Urahnen, so, als wäre er erst letzte Woche von dort weggegangen.

Das Wasser arbeitet an den Dämmen, der Rost an den Schleppkähnen, und die Fischer tun ihre Arbeit. Der nächste Regenguss kündigt sich an. Iwans Frau, die aussieht wie eine Babuschka aus dem Bilderbuch, zieht ihr Kopftuch fest, winkt noch einmal über die schlammige Dorfstraße und macht das hölzerne Gartentor zu. Nach den eigenartigen fremden Besuchern werden die Zugvögel kommen.

Zum Nachtmahl gibt es wieder Fisch.

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