Wenn „jugoslawische“ Gastarbeiter heimfahren, kommen sie in ein fremdes Land. Wo sie jetzt hingehören, wurde ohne sie bestimmt.

Eine Profil-Reportage aus Heft 30/1996

Je parle francais. Le mortier: der Mörtel. Le ciment: der Zement. Travailler: arbeiten. Wer drei Jahre lang auf Montage in Algerien war, braucht schon einige Worte, um sich zurechtzufinden. Ein paar Jahre Split und Rijeka, dann fünf Jahre Wien-Floridsdorf. Immer wieder neue Sprachen, neue Kollegen, aber die Arbeit war immer ähnlich. Sefik Bac’vic’ hat wenigstens gewusst, wozu er sich das antut: die Familie. Die Zukunft. Und la maison, das Haus.

Es muss Menschen geben, die kein Französisch lernen wollen. Deswegen haben sie das zerfledderte Vokabelheft wohl unter der umgestürzten Schrankwand liegengelassen, dort, wo einmal das Wohnzimmer war. Auch für das Türschild hatten sie keine Verwendung: „Bac’vic’“ steht neben dem herausgebrochenen Türrahmen, über dem abmontierten Klingelknopf. Die Gebrauchsanleitung für den Hitachi-Fernseher ist noch da. Eine Bettdecke. Die Schulzeugnisse des Sohnes. Die Scherben der Waschmuschel. Durch die Fensterhöhlen weht der Wind, und von draussen, wo einmal Kartoffeln und Zwiebeln wuchsen, schauen die Brennesseln und wilden Himbeersträucher herein. Die Himbeeren sind reif.

Sefik war zum letzten Mal hier, als er noch ein Jugoslawe war und sein Haus in Jugoslawien stand. Das ist fünf Jahre her. Im Bus, der am Vorabend vor dem Wiener Südbahnhof abfuhr, hat er kaum geschlafen. Die Frau und die beiden Kinder sind in dieser langen Nacht, Kilometer um Kilometer, immer leiser geworden. Im letzten Moment, um sechs Uhr früh an der zugigen Busstation, hat sie der Mut verlassen. „Ich will nicht nach Hause“, sagte die 15jährige Tochter Alma. Sie hatte in der Morgendämmerung die Fensterscheibe neben ihrem Sitz saubergewischt und die ausgebrannten Ruinen am Straßenrand gezählt.

Der Vater ist also allein gekommen. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass er an diesem Morgen immer wieder nervös zu lachen beginnt. „Ich bin der Chef hier“, sagt er und läuft die überwachsenen Stiegen hinauf und wieder hinunter, „bauen, reparieren. Alle zusammen. Alles gut.“ Nur: Er ist als Chef mit sich allein. Am ehemaligen Wirtshaus hängt noch die Eskimo-Reklame, aber die einst 1000 Bewohner von Kruscica sind über halb Bosnien und halb Europa verstreut.

Eigentlich hat Sefik Glück gehabt. Kruscica gehört nicht zum serbischen Feindesland, sondern zur kroatisch-muslimischen Föderation. Die nahe Stadt Jajce, malerisch zwischen Hügeln gelegen, war vor dem Krieg ethnisch gemischt. Ein muslimisches Gebiet, sagen die Muslime, ein kroatisches, sagen die Kroaten.

Heute ist die Streitfrage geklärt. An der Uferpromenade von Jajce, unter den Sonnenschirmen neben dem Wasserfall, bezahlt man den Kaffee in Kuna, der kroatischen Währung. Die Autos tragen kroatische Kennzeichen, die Polizisten kroatische Uniformen. Ihr Gehalt bekommen sie aus Zagreb. Muslime, die schüchtern am Busbahnhof ankommen, werden weggeschickt. Die Föderation existiert nicht: Es waren die Kroaten, die die Stadt aus serbischer Hand zurückerobert haben. Jetzt lassen sie keinen Zweifel daran, wer Herr im Haus ist. In den Hunderten Nachkriegs-Biotopen der Hunderten bosnischen Gemeinden scheint nur jeweils für einen Sieger Platz zu sein.

 Slavko Saric’, ein kleiner Mann mit fahrigen Händen, gehört zu den kroatischen Siegern von Jajce. Er sitzt wieder auf dem Sofa jener Wohnung, in der er geboren wurde, er hat gestern erst Mutter und Schwestern aus dem Flüchtlingslager heimgeholt. An der Wand hängt, neben der heiligen Muttergottes von Medjugorje, das Foto von der Front. Der Helm und scharfe Handgranaten gehen reihum von Hand zu Hand. Es gibt Schnaps, gedünstete Paprika und viel zu feiern.

Slavko hat, seit er abgerüstet hat, kein Geld und keine Arbeit. Die Nirosta-Fabrik, die zuletzt auf Granaten umstellte, steht still. Er schenkt sich schon morgens um neun den ersten Cognac ein und erzählt immer wieder die Geschichte von seinem Kameraden, der sechzig Narben auf dem Unterarm hat: Für jeden erschossenen Gegner hat er sich da eine Zigarette ausgedrückt. Slavko ist eigentlich ein Wrack, und die Schwestern haben allen Grund, sorgenvoll die Stirn zu runzeln, wenn er wieder nach der Flasche greift. Nur eines wissen sie alle: Sie haben als Angehörige eines Veteranen, der kaputt aus dem Krieg zurückkam, ein Recht darauf, für immer hier zu bleiben.

 „Soldaten achte ich“, sagt Slavko, der schon wieder in seine Uniformjacke geschlüpft ist. „Aber Leute, die jetzt leise daherkommen, wo alles vorbei ist, brauchen nicht erwarten, dass ich Respekt zeige.“

Von den vielen Fronten, die Bosnien zerrissen haben, wird mit einer besonders verschämt umgegangen: jener zwischen Soldaten und Nicht-Soldaten. Wehrfähige Männer, die nach Ausbruch des Krieges flüchteten, sind Deserteure, soviel ist klar. Was aber ist mit den Hunderttausenden, die vorher schon im Ausland lebten? Hätten sie nicht zurückkommen müssen, als sie an der Front gebraucht wurden?

Jene Menschen, die am Vorabend vom Südbahnhof aufbrachen, verbindet vieles: Sie standen all die Jahre um fünf Uhr früh auf, um rechtzeitig am Bau zu sein, sie haben Geld beiseite gelegt, ängstlich die Fernsehnachrichten verfolgt und um ihre Verwandten gezittert. Sie wurden in der Ferne von Jugoslawen zu „bosnischen Muslimen“, ohne dass sie etwas dazu getan hätten. Sie nahmen nie eine Waffe in die Hand. Umso stärker müssen sie sich jetzt rechtfertigen.

„Sie beobachten uns“, erzählt Samir Krzalic’, ein aufgeweckter Sechzehnjähriger, der in eine Wiener HTL geht. „Sie wissen genau, wer ihnen während des Krieges geholfen hat und wer nicht.“ Samir kommt aus Bosanska Krupa. Dort verlief die Front mitten durch die Kleinstadt. Die Serben feuerten von der einen Seite des Flusses aus vollen Rohren auf die andere, aber es gelang den Verteidigern all die Jahre lang, den Ring um die Muslim-Enklave, die auch Bihac’ umschloss, zu halten.

Samir kennt den Kriegsverlauf genau. Er kann die ehemaligen Frontlinien mit dem Finger auf der Karte nachzeichnen. In Wien, in seiner Schulklasse, interessierte sich nie jemand dafür. Trotzdem ist er mit dem Krieg so vertraut, als wäre er mittendrin gewesen. Die Nachrichten und Bilder von den Fronten kursierten per Videokassetten auch unter den Bosniern in Österreich. Besuche waren jahrelang unmöglich – aber Geld und Spenden fanden regelmäßig, wenn auch mit mehrmonatiger Verspätung, ihren Weg durch die feindlichen Linien. Da waren immer Leute, die genau Buch führten.

 Samirs Familie hat ihre patriotische Pflicht getan: Der Onkel wurde im Kampf verwundet, sie haben ihn gepflegt und sein kaputtes Auge im Wiener AKH versorgen lassen. „Aber wer gar nichts gegeben hat, darf sich unten kaum mehr blicken lassen“, sagt Samir. In Krisen, scheint es, scheiden sich die Menschen, die das Gespür für den richtigen Augenblick haben, von jenen, die es immer auf dem falschen Fuß erwischt.

Nermin Vuckic’ gehört unverkennbar zu ersteren.  Wenn der füllige junge Mann mit den dunklen Locken vorfährt, weiß ganz Kljuc Bescheid – schließlich tut er das im weißen Mercedes. Er verließ seine Heimatstadt gerade rechtzeitig, im September 1991, als man in den Reihen der Polizei eben begann, den Muslimen das Leben schwerzumachen. Zwei Monate später verteilte die Volksarmee an die Serben von Kljuc Gewehre, und fünf Monate später war der Krieg losgebrochen.

 Als die Serben Kljuc besetzten, war Nermin schon Schlosser in Wels. „Viele Überstunden“, sagt er und tätschelt zärtlich sein Lenkrad. Nermin hat kein schlechtes Gewissen. Auf Leute wie ihn, meint er, kommt es an: Denn woher sollte das Geld für den Wiederaufbau sonst kommen, wenn nicht von den Löhnen der Arbeiter in Österreich? Nermin ist ein Mann, der anpackt, wenn er eine Baustelle nur aus der Ferne sieht. Er war schon hier, da war der Dayton-Vertrag noch gar nicht unterschrieben. „Zuerst der Dachstuhl“, sagt er und deutet auf die Ruinen, „dann der Rest.“ Die Zeichen, meint der junge Mann mit großer Geste am Volant, stehen auf Geschäft und auf Europa. „Man muss sich entscheiden, wohin man gehört.“

Nermin hat sich für das neue, „gesäuberte“ Bosnien, das Land der Grenzen, entschieden. Die Serben von Kljuc und die Muslime von Banja Luka, sagt er, sollten einfach ihre Häuser tauschen, statt den alten Zeiten nachzuhängen. Den Kämpfern gehört Dank, Leuten wie ihm die Zukunft.

„Hier ist mir keiner böse“, sagt Nermin auf der Terrasse des Cafes am Busbahnhof. „Danke, Freunde, dass ihr meine Stadt zurückerobert habt“, klopft er seinen Spezis auf die Schulter. Er meint es scherzend. Er sagt es ein bisschen zu oft, ein bisschen zu laut. Die Runde versichert ihn ihrer Zuneigung. Er zahlt die Rechnung. Aus den Boxen dröhnt „Love Is a Battlefield“.

 Am Montag geht die Arbeit wieder los. Sonntag früh fahren die Busse aus Sarajewo ab und klauben auf ihrem Weg nach Stuttgart, München oder Wien die erschöpften Wochenend-Heimwerker aus Zentralbosnien auf, die schon am nächsten Tag wieder auf der Baustelle stehen werden. Wenn der Bus in Bugojno vorbeifährt, wird auch Zajim Velagi’c wieder einsteigen. Es ist fast alles so wie früher, wie an den ungezählten Wochenenden vor dem Krieg: immer zuviel Arbeit  und immer zuwenig Zeit, um sich zu beschweren. Diesmal hat er einen Kühlschrank aufgestellt, das Heu zusammengerecht und die Scheune repariert.

Das Haus ist fast heil geblieben, obwohl die Tschetniks im Krieg vom gegenüberliegenden Hügel feuerten. Die Vögel zwitschern, die Großmutter hat Kaffee gekocht. Der Großvater führt die beiden Kühe spazieren, die während des Granatenbeschusses immer so lang im Stall bleiben mussten. Später dann wird die ganze Familie beim Onkel Cevapi grillen, und eigentlich wäre Zajim jetzt zu Hause.

 So ähnlich sah die Idee aus, die ihn all die Jahre in Wien wachgehalten hat. Die Idee ist noch da. Aber der Mann kann sich nicht gegen den bedrohlichen Verdacht wehren, dass Bugojno, dieser Ort, ihr nicht mehr entspricht. Nein, Zajim meint schon auch, dass der Krieg seine Gründe gehabt haben wird. Aber: Er hätte seine Nachbarn eigentlich nicht wegschicken wollen.

Was in Jajce mit den Muslimen geschieht, geschieht nämlich gleichzeitig in Bugojno, einem Zentrum der muslimischen Hardliner, mit den Kroaten. „Immer zusammen essen, reden, trinken“, sagt Zajim hilflos und deutet auf das Nachbarhaus hinüber. Es ist leer. Neulich haben sie auch das Auto gestohlen, das mit vollem Tank vor der Tür stand, immer bereit zur schnellen Flucht, wenn es drauf ankommen sollte. Zajim weiß, wer es genommen hat. Der Mann lebt auf der anderen Seite der Linie, aber er kann nichts tun, um es zurückzubekommen. Das ist eigentlich nicht fair. Das ist nicht so, wie er seinen drei Kindern immer die Welt erklärt hat. Das ist eigentlich nicht seine Idee von Recht und Gesetz und daheim.

„Mensch, Mensch, alles gleich“, sagt er mit einem leisen Anflug von Verstörung in der Stimme, aber so ein Satz passt nicht hierher. „Mensch, Mensch“, sagt Zajim auch über die Österreicher, aber auch dort hat es nicht wirklich hingepasst. Er sagt es über jene Leute, die ihn 23 Jahre lang mit jener Wolke aus Tschuschen-Deutsch einnebelten, die ihn auf ewig zum Ausländer machte. Über die Quartiergeber in der Massenunterkunft, über den Hausherrn der Zimmer-Küche-Wohnung, über die Poliere, die ihn antrieben.

Er nimmt ihnen nichts übel. Er wusste immer, dass er nur ein Gast war, und er wusste auch, dass man in Wien-Favoriten Gäste ein bisschen anders behandelt als hier in Bugojno.

Dreiundzwanzig Jahre Arbeit, fünf Quadratmeter Österreich. Nein, es war  gar nicht schlimm, sagt Zajim lächelnd. Aber es kann doch nicht alles umsonst gewesen sein.

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