Was muß geschehen, damit Ausgrenzung in Vernichtung umschlägt? Beobachtungen zu einem Konflikt auf Leben und Tod, weit weg in Burundi.

Eine Profil-reportage aus Heft 8/1997

Wenn Agnes, Agathe und Rose einkaufen fahren, dann achten sie darauf, einen gewissenhaften Chauffeur mitzunehmen. Man muß dieser Tage weit fahren, um was Ordentliches zu bekommen: schicke Schuhe, Gewürze, Kleinmöbel. Auf dem Heimweg fährt man dann vollbeladen bergauf.    

Wo der Wald anfängt, wird es ungemütlich. Die Armee sichert die Durchfahrt nur bis fünf Uhr nachmittags, danach gehört die wilde grüne Landschaft dem Feind. Der ausgebrannte Anhänger eines Bier-Transporters liegt schon seit mehreren Wochen am Straßenrand. Die drei Damen lächeln selbstbeherrscht, während ihre Augen zwischen dem rechten und dem linken Seitenfenster hin und her flattern.    

Erst nach der Bergkuppe, als der Wald plötzlich den Blick freigibt, löst sich die Verkrampfung: Dort unten, am Ufer des Tanganjikasees, liegt Bujumbura. Das Wasser glitzert in der Sonne. Abends, auf der Terrasse des Segelklubs, kann man dort am Ufer ein Bier trinken und den Nilpferden zuschauen. Es ist ein fürchterlich schönes Land. Und wenn ein Tutsi die Hauptstadt in Sichtweite hat, dann ist er sicher.    

Willi, der Berliner, kennt dieses Gefühl plötzlicher Erleichterung auch. „Es ist, wie durch den Korridor nach Westberlin zu fahren“, sagt er. Zugegeben, Willi hat in den zwanzig Jahren, seit er nach Burundi ausgewandert ist, daheim einiges verpaßt. Für sein neues Zuhause und dessen Überlebensregeln ist er allerdings fit. „Ich bin ein Tutsi“, sagt er. So wie sein Freund Roland, der Schwabe, sich zum Hutu erklärt hat. Das ist keine Frage der Körpergröße, auch wenn man die Tutsis die „Langen“ und die Hutus die „Kurzen“ nennt. Es ist eine Frage der Wahrheit. Es gibt zwei davon in dieser verrückten Weltgegend, und dem Eid auf eine der beiden kommt niemand auf Dauer aus.   

 Man kann den Sachverhalt, dem in den letzten Jahrzehnten Hunderttausende Menschenleben geopfert wurden, nüchtern in wenigen Sätzen beschreiben: In Zentralafrika ist ein kleines Volk, die Tutsis, zu einer gefürchtet-geachteten Regionalmacht aufgestiegen. In Zaire führen sie eine erfolgreiche Rebellion an und sind drauf und dran, den Diktator Mobutu zu stürzen. In Ruanda und Burundi, wo sie 15 Prozent der Bevölkerung stellen, regieren sie über die Mehrheit der Hutus.    

Man kann aber auch genauer zuhören. Dann hört man eine dumpfe, monoton wummernde Baßlinie: Das ist der archaische Krieg der Viehhirten gegen die Bauern, der Nomaden gegen die Seßhaften, der Wissenden gegen die Unwissenden, der Stadt gegen die Dörfer. Ein mittelalterliches Thema, über das sich die Jetztzeit mit schriller Stimme drängt: moderne Waffen! Wirtschaftssanktionen! Demokratie! Zusammen ergibt das ein bedrohliches Dröhnen, und mit einem Mal steht man vor Abgründen. Wie brutal kann Angst machen? Wie weit kann Ausgrenzung gehen, bevor sie in Massenmord umschlägt?   

Die einen und die anderen   

 Theophile, der Koch, ist ein warmherziger, gottgläubiger Mann. Normalerweise sitzt er stundenlang auf den Küchenstufen und hütet die dampfenden Töpfe. Heute aber will er reden. Er hat Angst. Sie wollen alle Hutus bestrafen, sagt er, einsperren, töten oder zurückscheuchen in ihre Hütten, es ist wieder einmal soweit. Er hat noch nie einer Fliege etwas zuleide getan, aber sie werden einen Vorwand finden, so wie sie immer jene Worte finden, die ihm, dem Bauern, fehlen. „Sie sind intelligenter als wir“, sagt er.    

Keine Frage, seine Hutu-Brüder haben gemordet, und es war schrecklich, ihnen in ihrem Blutrausch zuzuschauen, sagt Theophile. Sie haben es vor aller Augen getan, „wie die Tiere“, so, daß man vor der ganzen Welt versinken könnte vor Scham. Wenn Tutsis töten, dann machen sie das intelligenter. Sie tragen Anzüge und Uniformen und parlieren in Englisch und Französisch mit den Ausländern. Ihnen glaubt man, daß alle Brutalität Recht und Ordnung hat.    

Theophile zeigt auf den Wasserkrug unter dem Tisch: „Es ist, wie wenn wir Ratten wären, die da drin im Kreis herumlaufen und nicht herausschauen können. Sie können uns etwas zu essen hineinwerfen, dann leben wir, oder sie können uns einfach sterben lassen, und keiner hat was gemerkt.“    

Dieses Weltbild deckt sich ziemlich genau mit jenem der drei Damen, nur seitenverkehrt. „Die Hutus sind nicht in der Lage, ihr Schicksal und das des Landes in die Hand zu nehmen. Wenn sie das Sagen haben, gibt es Chaos, Mord und Totschlag.“   

 „La crise“, seufzen die Tutsis von Bujumbura, die Taxifahrer, Bankangestellten und Installateure, wenn sie vom Schrecken der vergangenen Jahre reden. „Die Krise“ war die Herrschaft der Mehrheit, und sie begann als Betriebsunfall. Präsident Pierre Buyoya hatte 1993 Wahlen ausgeschrieben und sie wider Erwarten verloren. Die siegreiche Hutu-Partei versuchte, die alten Eliten auszuhebeln. Es folgten Korruption, Bürgerkrieg und Anarchie. Die Hauptstädter beschwören Bilder, um den Spuk zu beschreiben: „Die Demokratie“ war, aus ihrer Sicht, „jene Zeit, in der man die Leichen tagelang vor dem Postamt herumliegen ließ“.    

Das ist jetzt vorbei. Im November hat sich Buyoya wieder an die Macht geputscht, die Armee räumt auf, und heute hat man den „Tag der nationalen Einheit“ gefeiert, mit Blumen, Tänzen und Huldigungsadressen im großen Stadion. Die Welt zwischen den tausend Hügeln ist wieder in Ordnung.    

Die Urangst    

Hermenegilde Ndikumasabo trägt einen Maßanzug und fährt einen Geländewagen. Er ist einer der mächtigsten Männer Burundis, gebildet, eloquent und gerade so schlitzohrig wie notwendig, um als Geschäftsmann erfolgreich zu sein. Wenn er mit seinen drei Freunden zusammensitzt, um die nationale Einheit zu feiern, dann bilden sie eine jener Runden, nach denen man sich von den Nachbartischen her scheu bewundernd umblickt. Zwischen Fisch und Dessert greift man kurz zum Handy, um mit dem Premierminister zu scherzen. Die Männer machen in Zement, in Tee, in Politik. Ist es ihre Macht, die sie verteidigen?   

 „Es geht um unser Leben“, sagen sie, als nach ein paar Flaschen Champagner die Krawatten schon etwas lockerer hängen. „Sie haben kein anderes Ziel, als uns zu vernichten. Wenn sie hochkommen, wenn sie sich stark genug dazu fühlen, werden sie es jederzeit noch einmal versuchen.“   

 Waren denn die Leichenberge im benachbarten Ruanda noch immer nicht genug? Ist das Wirtschaftsembargo, mit dem die Nachbarländer Burundi seit dem Buyoya-Putsch bestraft haben, nicht ein Beweis dafür, daß die Welt an der geplanten, systematischen Ausrottung der Tutsis arbeitet? Von Burundi aus betrachtet, ist die Erfindung der Demokratie nur einer von vielen perfiden Tricks, um jene, die zum Herrschen geboren sind, in die Knie zu zwingen. Hermenegilde baut das Wort sparsam, aber mit Bedacht in seine fein gedrechselten Sätze ein, im Wissen, daß es seine Wirkung nicht verfehlt: „Le genocide“, der Völkermord.   

 Er hat schon recht. Das Ausmaß der Grausamkeit, mit der in Ruanda und Burundi gemordet wird, verrät, daß es nicht darum geht, einen politischen Gegner zu besiegen – sondern darum, eine Ethnie als Ganzes auszurotten, auf daß nichts, nicht einmal seine Gene, übrigbleiben. Im Dorf Kibimba steht jene Schule, in deren Keller der Schuldirektor 35 Tutsi-Kinder einsperrte, mit Benzin übergoß und anzündete. Man erzählt die Geschichte im nüchternen Nachrichtenstil, und doch dröhnen jedem Zuhörer sofort die Trommeln in den Ohren: Du bist zu schwach für deinen Gegner. Deswegen mußt du die Bäume, die dir einmal das Licht nehmen werden, abhacken, solang sie noch klein genug sind.   

 Die Abgrenzung   

 Jeden Tag nach Sonnenaufgang bietet Bujumbura dasselbe ruhige, eindringliche Schauspiel: Die Karawane der Hutu-Bauern zieht von den Hügeln hinunter in die Stadt. Auf dem Kopf und den Gepäckträgern ihrer Fahrräder bringen sie, was die Stadt zum Leben braucht. Abends, in die umgekehrte Richtung, tragen sie, was sie brauchen: Seife, Salz, Geld für die Schuluniform. Es wird diese totale Abhängigkeit der beiden Gruppen sein, die den Konflikt so verzweifelt unlösbar macht. Getrennt leben und einander in Frieden lassen? Unmöglich. Hutus und Tutsis sind nicht zwei Völker, sondern die beiden komplementären Teile ein und derselben Gesellschaft.    

„Ich habe keinen meiner Leibwächter gefragt, ob er ein Hutu oder ein Tutsi ist“, sagt Pascal Ndimira, der Premierminister. Er sitzt im Garten und nickt den Lakaien freundlich zu, die sein Glas nachfüllen. „Ich könnte vom Aussehen her raten, und da würde ich in 80 Prozent der Fälle richtig liegen.“ Das ist so schlau wie doppeldeutig formuliert. In Burundi muß man die Frage aller Fragen nicht stellen – man weiß auch so Bescheid. Das Land ist klein.   

 Radikale Milizen auf beiden Seiten haben auch die letzten Zweifel ausgeräumt. Seit ihren „Säuberungen“ (das ist die Umschreibung für nächtliche Überfälle, Brandschatzung und Mord) ist der Wohnort ein sicheres Erkennungsmerkmal. In Bujumbura gibt es praktisch keine gemischten Stadtviertel mehr. Der berüchtigte Vorort Kamenge, wo die Hutu-Rebellion einst ihren Ausgang nahm, ist heute eine Ansammlung von Ruinen. „Second life“ steht auf dem rostigen Schild einer Straßenbar. Die Armee hat Kamenge leergeräumt. Das zweite Leben findet im Flüchtlingslager statt.    

Ruinen unterscheiden sich voneinander noch weniger als Menschen. Die Geisterdörfer in den Bergen sehen genauso aus wie Kamenge, nur waren es hier die Tutsis, die flohen. Wenn die Fronten von Rebellen und Armee ein paarmal über einen hinweggezogen sind – erstere, um Hilfe zu erpressen, zweitere, um jene zu bestrafen, die geholfen haben -, hat am Ende auch der unpolitischste Mensch begriffen, auf welche Seite er gehört.   

 Sag mir, was du arbeitest, und ich sag dir, wer du bist: Das funktioniert auch im Büro, auf dem Markt, in der Fabrik. Ein Hutu arbeitet mit den Händen, ein Tutsi mit dem Kopf. (Und die Viehzucht, die traditionelle Rolle der Tutsis? „Eine Herde zu weiden ist organisatorische Arbeit. Ganz etwas anderes, als mit den Händen im Boden zu graben“, erklärt man. Die Trommeln dröhnen wieder: Für die Hutu-Bauern sind die stolzen Kühe mit den ausladenden Hörnern ein Feind, der ihre Felder zertrampelt. Sie nennen Kühe „Tutsis“. Und sie können sie genauso hassen: Wenn sie Tutsis ermorden, rauben sie deren Kühe nicht, sondern erschlagen sie.)   

 Die Rebellion   

 Reginald ist zwanzig und ein aufgeweckter Bursche. Er würde gern Medizin studieren, aber das kommt nicht in Frage. Nicht, daß es ein Gesetz gäbe, das Hutus von höherer Bildung ausschließt. Aber es gibt ein neues Gesetz, das Studenten im zweiten Semester ein halbes Jahr Militärdienst vorschreibt, und „als Hutu mußt du in der Armee um dein Leben fürchten“, sagt Reginald.    

Wahrscheinlich ist die Angst größer als die tatsächliche Gefahr – aber auch das erfüllt den Zweck. „Sie wollen uns unten halten“, sagt Reginald. „Wir müssen sie unten halten“, sagt Hermenegilde, „denn die Intellektuellen sind die Gefährlichsten.“   

 Das Land hat das schon bis zum Letzten durchgespielt. 1972 beantwortete die Tutsi-Armee einen Bauernaufstand mit dem Mord an 200.000 Menschen. Sie hat damals, ganz gezielt, die Bildungselite der Hutus ausgerottet, das Loch klafft bis heute.   

 Die Rache der Geschichte ist, daß die Unterdrückten heute selbst dafür sorgen, daß sie unwissend bleiben. Die Hutu-Rebellen zerstören Schulen, in denen Hutu-Kinder lesen und schreiben lernen, und Krankenhäuser, in denen ihre Frauen ihre Kinder zur Welt bringen. Vor wenigen Monaten erst wurde ein Hutu, der für ein österreichisches Entwicklungsprojekt eine Wasserleitung legte, von Hutu-Rebellen ermordet. Entwicklung ist Kollaboration mit den Herrschenden – so lautet, nicht nur in Burundi, die brutale Logik des Guerillakriegs.   

 „Ein paar Jahre lang glaubst du, daß du den Graben überspringen kannst, wenn du dich nur genug anstrengst“, sagt Reginald. „Dann bist du frustriert und gehst in den Wald.“ Reginald ist ehrgeizig und hoffnungslos. Er hat eben erst einen Brief von seinem Vater bekommen, der vor einem halben Jahr spurlos verschwand. Er bittet den Sohn darin um Geld und eine Flasche Whisky. Er ist bei den Rebellen, im Wald.   

 Das Mißtrauen    

Burundi ist ein stilles Land. Auf den Hügeln sirren nur die Insekten, und das ist nicht laut genug, um das Dröhnen der Gerüchte zu übertönen. Gestern nacht hat es einen Überfall gegeben. Es waren zwei Dutzend Rebellen. Es waren zweitausend. Wie viele Opfer? In „normalen“ Kriegen rechnet man mit vier Toten auf zehn Verletzte. In Burundi fällt auf, daß es bei Zusammenstößen zwar Tote, aber kaum Verletzte gibt. Verletzte sind Zeugen, sie könnten berichten, was wirklich geschah, deswegen überleben sie nicht.    

Wer nichts weiß, füllt die Lücken mit dem, was er sich vorstellen kann. In Burundi traut man der anderen Seite eigentlich alles zu. Und weil der Gegner in diesem engen, vollen Land sehr nah ist, auf dem Nachbarhügel, im Nachbarlager, manchmal auch in der Familie, muß man besonders mißtrauisch sein, um sich rechtzeitig wehren zu können.    

Es gibt zum Beispiel gemischte Ehen. Es kommt zum Beispiel vor, daß ein Hutu-Mann sich in den Kopf setzt, eine Tutsi-Frau zu heiraten. „Das ist gefährlich“, sagt der Koch Theophile.

Zuerst kommt nämlich der Neid: Ein Hutu-Mann, der sich mit einer Tutsi-Frau schmückt, gilt als Parvenü. Dann kommt die Warnung: Eine Tutsi-Frau wird, wenn es drauf ankommt, die Solidarität mit ihrer Ethnie immer vor die Liebe zu ihrem Mann stellen. Tutsis haben gelernt, sich zu verstellen, heißt es, weil sie das lernen mußten, um zu überleben. Dann werden die Legenden erzählt: Du hast dir eine Schlange ins Haus geholt. Sie mischt dir Gift ins Essen. Und haben nicht die Tutsis ihre Kriege gewonnen, indem sie den Hutu-Führern ihre Töchter als Spioninnen ins Bett legten?    

Wenn es dann, irgendwann später, wieder soweit ist, daß die Unwissenden einen Anlauf zur Vollendung des Völkermords versuchen, wird die Rache furchtbar sein. Es ist tatsächlich geschehen, daß Männer ihre Ehefrauen auf den Dorfplatz zerrten, um ihnen vor aller Augen eigenhändig den tödlichen Machetenhieb in den Nacken zu versetzen. Das kann man nur verstehen, wenn man das Sirren auf den Hügeln gehört hat.  

  In Burundi ist es derzeit relativ ruhig. Das heißt: Der Konflikt fordert nur ein paar hundert Opfer im Monat. Theophile, der Unerschütterliche, ist einer von ganz wenigen, die sich überhaupt vorstellen können, daß es auch eine andere Art von „normalem Leben“ gibt.   

 Um das kennenzulernen, müßte allerdings erst etwas sehr, sehr Unwahrscheinliches passieren. „Daß wir eines Tages aufwachen und feststellen, daß wir alle gleichzeitig das Gedächtnis verloren haben“, sagt er.    

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