Integration. Die Gastarbeiterkinder werden erwachsen. Aus den Bruchstücken fremder Lebensentwürfe machen sie etwas eigenes.

Eine Profil-Reportage aus Heft 41/1997

Irgendwie, meint Pinar, hat das Leben etwas mit Flugzeugen zu tun. Flughafenpolizistin wäre ihr Lieblingsberuf, Bodenhostess täte es auch, Hauptsache Uniform. Derweil ist sie jedoch nur Aushilfsverkäuferin bei der „Nordsee“. Mit dem Fliegen ist es nämlich so wie mit dem Geschichtenerzählen: Entweder passt der Start, dann entwickelt sich alles weitere von selbst. Oder er passt nicht, dann ist auch der Rest vermurkst.    

Pinar war zwölf, als sie ihr Flugzeug verpasste. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie mit Vater und zwei Schwestern ihr Dorf bei Izmir verlassen. In Istanbul, in der Abflughalle, lagen die Tickets. Die Mutter hatte drei Jahre gebraucht, bis sie in einer Wiener Wäscherei die 15.000 Schilling verdient hatte, um die Familie nachzuholen. Pinar wird immer schlecht, wenn sie lange im Auto sitzt. Auf der Fahrt kotzte sie ununterbrochen. Sie kamen eine Viertelstunde zu spät. Die Mutter weinte am Telefon, musste Geld für neue Tickets ausborgen, das neue Leben begann mit Schulden. Und Pinar glaubt bis heute, an allen Verwicklungen und Krisen, die noch folgen sollten, irgendwie schuld zu sein.    

Heute ist Pinar siebzehn und manchmal, ganz selten, ein bisschen stolz auf sich. Es ist keine klassische Erfolgsgeschichte: Die Schule hat sie „grade eben“ geschafft, Lehrstelle keine gefunden. Mit den Eltern ist sie über Kreuz, seit die sie erst einsperren und vor der fremden Welt draußen beschützen wollten; und sie dann aus dem Haus warfen und ihren (österreichischen) Pass verbrannten. Es war „nie jemand zum Reden da“, sagt Pinar, und sie ist keine, die so etwas leicht wegsteckt.    

Aber sie ist jeden Tag vors Haus im neunten Wiener Gemeindebezirk gegangen, hat sich erst zehn Meter nach links, dann zwanzig Meter nach rechts getraut, jeden Tag ein paar Schritte weiter, und weiß heute zumindest, dass sie jedes Stückchen, das in Wien ihr Leben ausmacht, selbst gefunden hat. Das ist wohl ziemlich viel für eine Siebzehnjährige.   

 „Zweite Generation“: Man kann den Begriff anekdotisch fassen, indem man Pinars und Cems, Sibels und Umuts Geschichten erzählt. Oder man begreift ihn als Hilfsvokabel, um eine Welt zu beschreiben, die an vielen losen Enden hängt: jene der Hunderttausenden „Gastarbeiter“-Kinder, die in Österreich aufgewachsen sind, ohne richtige Österreicher geworden zu sein – und als Ausländer gelten, ohne in irgendein spezielles Ausland zu gehören. „Echo“, eines der spannendsten Jugendprojekte der letzten Jahre, hat sich genau das zum Thema gemacht; und die 20jährige Jugendarbeiterin Sibel bringt auf den Punkt, was die Kids dort miteinander verbindet: „Wenn es mir gutgeht, bin ich in Wien und in Istanbul zu Hause. Wenn es mir schlechtgeht, gehöre ich nirgendwohin.“   

„Zwischen zwei Kulturen“ nennt man so einen Zustand, aber das Leben ist manchmal noch ein bisschen komplizierter. Für die Kids der Zweiten Generation gibt es zunächst die „Heimat“, wie sie in den Köpfen ihrer Eltern steckt: Das ist das Herkunftsland, wie es vor zwanzig Jahren war. Dann gibt es die real existierende Türkei oder das real nicht mehr existierende Jugoslawien; die sind vertraut genug, um sie über einen Urlaub zu retten, aber fremd genug, um sie oft wie ganz normale Touristen abzufertigen. Dann gibt es das eine Österreich, das milde mit dem Zeigefinger wachelt und Anpassung verlangt; und jenes zweite Österreich, das Gesetze beschließt, um die Kids im Bedarfsfall abzuschieben.    

Vielleicht kommt es nicht von ungefähr, dass Cem, 19 und Präsenzdiener, Häuser mag. Er schaut gern zu, wie sie gebaut werden, und er hat Heizungsinstallateur gelernt: „Wenn man ein Haus hat, hat man etwas.“ Cem ist ein gutmütiger Mensch, einer, der will, dass alle anderen glücklich sind. Seine Eltern, einsam und arbeitslos, sind es nicht. Er macht ihnen keine Vorwürfe, dass sie für jeden Brief und jedes Formular seine Hilfe brauchen, aber er hat nie ganz verstanden, warum sie sich zwanzig Jahre lang so bereitwillig in ihre Rolle als innerlich abwesende Gäste gefügt haben. „Man kann sich doch etwas aufbauen“, sagt er.    

Cem wollte nicht, dass sich die Mutter eine Satellitenantenne kauft, um die türkischen Programme zu empfangen, statt mit dem ORF Deutsch zu lernen. Sie hat nicht auf ihn gehört. Spätestens wenn sie zurückgeht, wird er ihr sagen müssen, dass er hierbleiben – und wohl eher keine Türkin heiraten wird.   

Als wirklichster Ort, der für die Jugendlichen „zu Hause“ bedeutet, bleibt da die Welt der Parks, Parkbänke und Fussballkäfige; jene Quadratmeter, die man besetzt und so lange gegen Eindringlinge verteidigt, bis sie eigenes Territorium geworden sind. Sibel, die heute ihre Worte mit der Bedachtsamkeit einer Sozialarbeiterin wählt, hat sich „nie so gut aufgehoben gefühlt wie als Zwölfjährige im Prater. Da war immer jemand, der mich wie eine kleine Schwester beschützt hat.“    

Dass dort draußen tatsächlich etwas Neues, Generationsbegründendes entstanden ist, lässt sich an der Sprache festmachen. Drei Worte Türkisch, drei Worte Deutsch, „da denkt man gar nicht nach, das geht ganz automatisch“. Die Wörter kommen aus zwei Welten: die Kindersprache, oft dialektgefärbt, von daheim; die Schriftsprache aus dem Unterricht. Sibel hat, wie fast alle anderen bei „Echo“, noch nie ein türkisches Buch gelesen. „Wenn ich nach Istanbul anrufe, muss ich mich höllisch konzentrieren. Da ist mir unser Baby-Türkisch oft richtig peinlich.“    

Aus zwei Unvollständigkeiten, die einander vielleicht ergänzen, eine Identität zu basteln, ist nicht einfach. So wie man überhaupt mit fünfzehn oder sechzehn umzingelt ist von Menschen, die eindeutige Zugehörigkeitsbekenntnisse verlangen: von den Lehrern etwa. Vom großen Bruder, der eine österreichische Freundin hat und sich für seine kleine türkisch sprechende Schwester geniert. Vom traditionsbewussten Onkel, der den wienerischen Umgangston als Verrat am kurdischen Befreiungskampf begreift. Von einer verunsicherten Mutter, die um die Jungfräulichkeit der Tochter bangt, sobald sie sie nicht mehr versteht.    

Ob die pubertäre Standortsuche da dazwischen in Ausgrenzung umschlägt, hängt von zufälligen Koordinaten ab; und ebenso willkürlich ist, ob man dabei auf der stärkeren oder der schwächeren Seite landet.    

Suna zum Beispiel, 19, wird bis heute die Erinnerung an „diese panische Angst“ nicht los, wenn sie an die Schule denkt. Er hieß Klaus, er konnte ihr Anderssein nicht vertragen, er paßte sie regelmäßig ab, um sie zu verprügeln. Jeden Tag um acht stand Suna zögernd vor dem Schultor, meistens machte sie im letzten Augenblick wieder kehrt. Nach über hundert Fehltagen flog sie von der Schule. „Dass ich weder faul noch dumm bin“, wusste sie erst, als sie den Hauptschulabschluss im zweiten Bildungsweg auf Anhieb schaffte. Von Klaus und ihrer Angst hatte sie nie jemandem erzählt.    

Cem hingegen hält es rückblickend für schade, dass er damals auf der starken Seite gelandet war. Sie waren fünf Türken in der Klasse, cool, gefürchtet, unzertrennlich und voll Verachtung für die österreichischen Weicheier. Dann fuhr Cem auf die Schullandwoche, die seine Freunde boykottierten, und merkte, dass er sich auf der anderen Seite genauso wohl fühlte. Vielleicht liegt es an einem kleinen nagenden schlechten Gewissen, dass er bis heute jedem, der ihn als „Tschuschen“ beschimpft, zugesteht, „wahrscheinlich schlechte Erfahrungen gemacht zu haben“; und dass er sich aufs Bundesheer freute, „um es diesmal von Anfang an anders zu machen“.    

Tatsächlich ist der Einberufungsbefehl für die Burschen der Zweiten Generation oft die erste unzweideutige Ansage, die sie vom Staat Österreich bekommen: Etwas, das man verteidigen soll, muss ja wohl irgendwie das Eigene sein. Umut, 21jähriger Automechaniker, konnte sich die Genugtuung nicht verkneifen, als er hoch auf dem Panzer an einem Spalier vorbei durch Wiener Neustadt fuhr: „Da stehen unten die alten Frauen, die sich von dir als Soldat beschützt fühlen und dir zuwinken. Dann denkst du dran, dass es vielleicht die gleichen sind, die die Nase rümpfen, wenn du dich in der U-Bahn neben sie setzt. Das hat schon was.“   

 So verlockend der Reiz der künstlichen Einheit in Uniform aber auch ist – eine Antwort auf die Identitätsfrage gibt er nicht. Nicht zuletzt deswegen, weil viele Jugendliche, je mehr sie über sich nachdenken, einfache Antworten gar nicht mehr suchen. „Ich hätte damals in Wiener Neustadt sagen können: Gut, ab heute bist du ein ganz normaler Österreicher“, sagt Umut, „aber das will ich gar nicht mehr.“    

Die Kids, die einander bei „Echo“ gefunden haben, sind nämlich längst schon dabei, den Antagonismus zwischen Anpassung und Andersseinwollen hinter sich zu lassen. Die Bands, die im Keller proben, bearbeiten die türkische Saz mit derselben Vehemenz wie die DJ-Turntables. (Die Hiphopper „MC Sultan“, die hier begonnen haben, stellen diese Woche ihre zweite CD vor.) Bei „Echo“-Parties kann es passieren, dass die Beats von einem Augenblick zum anderen in Volkslieder umschlagen, die die Kids nur von der Oma kennen können; je später die Stunde, desto rührseliger, und niemandem fällt das als origineller Widerspruch auf.   

In diesen Momenten steht die Fremdheit nicht mehr als Defizit da, sondern als gesundes Misstrauen gegen jede vordergründige Heimeligkeit. Das lässt sich selbstbewusst zelebrieren – und es kann ein Kick sein, der einen interessant macht.   

Es ist kein Zufall, dass eine Lieblingssportart der Zweiten Generation das Kickboxen ist. Kickboxen heißt: Selbstdarstellung, Körperbeherrschung, kontrollierte Kraft. Es ist ein spielerischer Umgang mit Gewalt, der Drohen und Täuschen mit einschließt. Umut bringt es auf den Punkt: „Wenn du weißt, dass du zuschlagen kannst, musst du es nicht mehr tun.“   

Der 21jährige ist einer, der sich auf der österreichischen Seite seiner Existenz gewandt zurechtfindet. Er jobbt bei General Motors, um abends seiner wahren Berufung als Musiker nachzugehen, er kann reden und verschafft sich mühelos Respekt. Die Kulturtechniken dafür hat er jedoch nicht durch Anpassung gelernt, sondern indem er sich aus dem Fundus seiner bruchstückhaften Herkunft bediente. „Das kommt aus dem Park in Favoriten“, sagt er. „Da lernst du Teamwork, wie man sich organisiert und wie man sich durchsetzt.“    

Eine der bislang auffallendsten Aktivitäten der „Echo“-Truppe, das Security-Team, hat sich in genau diesem Spannungsfeld eingenistet. Ursprünglich als Ordnerdienst für die eigenen Parties entstanden, nehmen die drei Dutzend Burschen und Mädchen inzwischen auch Aufträge kommerzieller Veranstalter an. Zuständig und wichtig sind sie da mit ihren Funkgeräten; verschworen und einheitlich mit ihren schrillen Outfits; in jedem Fall anders.    

Und plötzlich hat die Bandenmoral mit einem lässigen Schlenker die Front gewechselt. Was eben noch am Reumannplatz oder in der Lugner-City ein Störfaktor war, ist mit einem Mal übersetzt in die Sprache der öffentlichen Ordnung. Das Regelwerk, das sich das Security-Team selbst auferlegt, ist Ehrensache und könnte auch jenes der Polizei sein: Kein Trinken im Dienst, Höflichkeit ist Pflicht, keine Raufereien, sondern Stärke zeigen, indem man sich nicht provozieren lässt. Keine Mädchen anmachen; wenn’s wirklich einschlägt, dann allerhöchstens ein Kärtchen mit der Telefonnummer hergeben.   

 „Die anderen schauen auf uns“, sagt „Echo“-Chef Bülent Öztoplu, und es klingt, als wäre das der Satz, auf den immer schon alles hinausgelaufen ist.    

Im Winter wollen die „Echoten“ vor dem Wiener Gemeinderat Dienst tun und den Eislaufring auf dem Rathausplatz bewachen. Umut wünscht sich dafür ein spaciges Captain-Kirk-Outfit, von Kopf bis Fuß in Silber. Er würde sich auch das Kommunalwahlrecht für ausländische Jugendliche wünschen, aber das ist ein anderer Teil der Geschichte.   

 Pinar jedenfalls ist inzwischen zur „first security“ aufgestiegen. Wieder war es kein leichter Start, denn welcher Bursch lässt sich schon gern von einem Mädchen kommandieren. Wenn sie das Handy einsteckt und sich das Piratentuch um den Kopf bindet, wird sie aber wieder ein Stück Leben haben, das sie sich ganz allein gefunden hat.    

Es kommt ziemlich nah ran an das Gefühl als Flughafenpolizistin. Oder es ist sogar, in Anbetracht der silbernen Uniform, noch ein bisschen besser.

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.