Sudan. Der Waffenstillstand geht zu Ende. Wem nützt der Krieg? Wem nützt der Hunger? Und wem nützt das Essen, das vom Himmel fällt?

Eine Profil-reportage aus Heft 42/1998

Marcelo kommt von den Philippinen und hat ein Messer. Es wird auf die Sekunde ankommen, in der er es zückt. Deswegen hockt er jetzt, angeseilt wie ein Steilwandkletterer, im Laderaum der Herkules, die Klinge am Seil, und lauscht dem Countdown des Piloten in den Kopfhörern. Die Heckklappe ist offen. Hütten, Büsche fliegen vorbei. Three, two, one, go. Eine präzise Bewegung aus dem Handgelenk, dann rasseln die weißen Säcke über die Rampe und fliegen, fliegen, fliegen. Linsen und Bohnen, wie Schnee, sechzehn Tonnen, zwanzigtausend Dollar, direkt auf die weiße Markierung auf einer grünen Wiese zu.    

Die Herkules, gebaut, um US-Soldaten mit Kriegsmaterial zu versorgen, macht erleichtert einen Ruck nach oben. Marcelo reckt den Daumen in die Höhe und grinst.    

Es ist ein gutbezahlter Job. Drei- bis viermal am Tag fliegt er hin und her, zwischen Lokichokio, der Basis der „Operation Lifeline Sudan“ (OLS) im Norden Kenias, und dem Südsudan. Abwerfen, zurück, einladen und wieder los: Das ist die größte Luftbrücke seit Berlin, eine Operation, die täglich 800.000 Dollar kostet.    

Gelandet ist Marcelo im Sudan noch nie. „Dort unten“, weiß er, ist Hunger und Krieg. „Wer gegen wen?“ fragt er. Das zu erklären dauert ein bißchen. SPLA, SSIA eins und SSIA zwei, Garang, Kerubino und General Paolino. Marcelo runzelt die Stirn. Dann fällt ihm die erleichternde Antwort ein: „Jedenfalls haben sie jetzt alle zu essen.“   

 „Dort unten“: der Südsudan. Eine grasgedeckte Hütte, Tukul genannt, ein Trampelpfad, wieder ein Tukul. So geht das über eine Fläche, die so groß ist wie halb Europa. Die Erde ist rot und fruchtbar, das Gras grün, die Regenzeit geht eben zu Ende. Es ist eine der am wenigsten erschlossenen Regionen der Erde. Insgesamt gibt es sechs Kilometer geteerte Straßen. Es gibt Öl. Unter anderem deswegen gibt es seit 15 Jahren Krieg.    

Wenn es regnet und die Soldaten ohnehin im Schlamm feststecken, schließen die Kriegsparteien einen Waffenstillstand. Diese Woche, am 15. Oktober, ist der diesjährige Waffenstillstand zu Ende.   

 „Die dort unten“: fünf Millionen Menschen. Man kennt sie von Bildern – besser gesagt: Man kennt ihre ausgezehrten, fast nackten Körper. Man weiß, vielleicht, daß sie 140 verschiedene Sprachen sprechen, dass vier Fünftel von ihnen Analphabeten sind, weil die Schulen seit dem Krieg zugesperrt haben. Dass sie Dinka oder Luo oder Nuer heißen. Man weiß, dass man sie füttern muss, mindestens noch ein Jahr lang, bis zur nächsten Ernte. Das heißt „humanitäre Hilfe“ und geht einher mit weltweiten Spendenkampagnen. Viel mehr weiß man nicht.    

Zum Beispiel: Wem nützt der Krieg? Wem nützt der Hunger? Und wem nützt das Essen, das vom Himmel fällt?    

Bararud ist einer jener neun Orte in der Provinz Bahr-El-Ghazal, in denen die Hilfsorganisation “Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) ihre Zelte aufgeschlagen hat. Ja, die kleinen Hüttendörfer heißen tatsächlich „feeding centres“, „Fütterungszentren“. 1500 Kinder tragen gelbe Papierarmbänder. Das bedeutet, dass sie unter 80 Prozent ihres Soll-Gewichts haben und einmal in der Woche eine zusätzliche Essensration abholen dürfen. 160 Kinder tragen blaue Armbänder. Das sind die ganz schlimmen Fälle, die stationär aufgenommen werden.    

Njoro Mudut zum Beispiel ist drei Jahre alt. Man würde ihn auf sechs Monate schätzen. Da ist nur ein Bauch, dick und aufgebläht, der an einem dürren Rippenkäfig hängt. Mit diesen Proportionen könnte nicht einmal ein gesundes Kind das Gleichgewicht halten. Die Mutter, Amaga Asiang, wischt mit Blättern den grünen Durchfall weg. Das Kind hustet. Wahrscheinlich ist es TBC, wahrscheinlich wird es nichts nützen, dass es morgens Milch mit Proteinzusatz, mittags Haferbrei und abends Kekse gibt. Ihr Mann, sagt die Frau, sei tot, ihre drei anderen Kinder auch. Die 36 Kühe und 24 Ziegen „haben die Araber geholt“.   

 Ist das persönliches Pech – oder Hunger mit System? Not im Südsudan heißt: keine Kühe haben, und keine Familie. Die Dinka, die 80 Prozent der Rebellenarmee SPLA stellen, sind ein Volk halbnomadischer Hirten, die ihr Leben nach ihren Herden richten. Das ist eine berechenbare Grundregel, die ihren Feinden, den Regierungssoldaten, das Kriegführen leichtmacht: Vertreib das Vieh, und du tötest die Menschen.   

 Für jene, die diese Regel kennen, kam es nicht überraschend, dass die chronische Knappheit im Sommer plötzlich in ein Massensterben umschlug. „Da ist ein kompliziertes System gekippt“, sagt etwa Claude Jibidar, Field Coordinator des UN-„World Food Programme“ (WFP). „Die Menschen können mit kargen Zeiten umgehen. Aber wenn sie Angst haben, reagieren sie wie wir: Wir tragen unser Familiensilber ins Bankschließfach, die Dinka bringen ihre Kühe in Sicherheit.“    

Die Offensiven im Frühjahr zerrissen so das feine Netzwerk aus familiärer Organisation und Arbeitsteilung. Jene, die die Felder bestellten, fanden jene, die in den Sümpfen die Tiere hüteten, nicht mehr wieder. Der Warenaustausch brach zusammen, ebenso das Geflecht wechselseitiger Verpflichtungen unter Clans und Nachbarn. „Es wird hier Hunger geben, solange es Unsicherheit gibt“, sagt Jibidar.  

Wie aber übersetzt man diese Erkenntnis in ein Hilfsprogramm? Tatsache ist, dass es leichter ist, Protein-kekse zu verteilen, als einen unübersichtlichen Krieg zu beenden. Und Tatsache ist, dass die Welt sich von „Knappheit“, „Unsicherheit“ und „drohenden Krisen“ kaum zu Taten bewegen lässt. Erst die völlig hilflosen Opfer bekommen Mitleid – weil man nur die völlig Hilflosen „retten“ kann.   

 An dieser Stelle beginnen zwischen Gebern und Empfängern humanitärer Hilfe schon die ersten Missverständnisse. Das WFP etwa, das heuer ein Fünftel des gesamten Lebensmittelbedarfs im Südsudan vom Himmel fallen lässt, hat diese Hilfe für die verwundbarsten, schwächsten Gruppen der Gesellschaft vorgesehen: die Flüchtlinge, die Besitzlosen, die Witwen, die kleinen Kinder. Um sie zu finden und zu versorgen, ist man auf die Hilfe der lokalen Dorf-Chiefs angewiesen. Doch die begegnen dem Ansinnen oft mit Unverständnis – stellt es doch die Grundregeln der traditionellen Knappheitsverwaltung auf den Kopf.    

Nicht die Schwächsten brauchen im einheimischen Koordinatensystem Unterstützung, sondern jene, die der Gemeinschaft am meisten nützen. Die Chiefs. Die Soldaten. Die Männer, wenn sie im April die Erde umgraben. Die Frauen, wenn sie im Juli die Felder bestellen. Die jungen Mädchen, wenn im November die Heiratssaison näherrückt. Zehn Bullen und 60 Kühe sind der durchschnittliche Brautpreis. „Heuer, in Zeiten der Not, wird es viele Hochzeiten geben“, glaubt Jibidar.   

 Erklärt diese Denkweise auch ein Phänomen, von dem mehrere Helfer aus den Ernährungszentren übereinstimmend berichten? Die deutsche Ärztin Lu Näkel, die für MSF eben einen dreimonatigen Einsatz in Ajiep beendete, hat Mütter beobachtet, die ein schwer unterernährtes Baby und mehrere gesunde Kinder haben. „Manchmal mussten wir sie richtig dazu zwingen, dass sie ihr schwächstes Kind füttern – und nicht die anderen“, erzählt sie. „Solche Debatten brechen einem das Herz.“   

 Auch in Bararud fällt auf, dass abgemagerte Babys oft gutgenährte Geschwister haben. Die Statistiken zeigen, dass die Kleinsten, trotz ihrer Sonderrationen, oft über Wochen hinweg kaum Gewicht zulegen. „Ein verhungerndes Kleinkind ist die Eintrittskarte in das Ernährungsprogramm, das Essen bekommen die anderen“, spricht eine Krankenschwester den Verdacht aus.   

 Wahrscheinlich ist das kein zynisches Kalkül, sondern lang geübte Überlebensstrategie. „Das ist uns fremd“, sagt die Krankenschwester. „Aber wer sind wir, dass wir besser zu wissen glauben, was richtig ist?“   

Die fremde Tradition bleibt nicht der einzige Irritationsfaktor, mit dem sich wohlmeinende Helfer arrangieren müssen. Der andere, wohl noch verstörendere, ist, sich selbst als Schachfigur in Kriegsspielen wiederzufinden.    

Wenn es Hunger gibt, kommen Hilfslieferungen. Das wissen auch jene, die Feldzüge führen. Was liegt also näher, als diese Hilfe als Waffe – oder zumindest als Reservemunition – zu nützen? Und, als nächsten Schritt, Hunger gezielt zu erzeugen, um neue Ressourcen ins Land zu holen?   

 In den Büschen von Bararud kann man sich diesem Dilemma kaum entziehen. Es ist ein gefährlicher Ort. Die Gegend wird von der SPLA kontrolliert. Aber der Feind, die sudanesische Regierungsarmee, ist nicht weit weg: Sie hat die Provinzstadt Wau zurückerobert und sich dort verschanzt. Versorgt wird Wau über die Eisenbahnlinie aus Khartum, und die führt wenige Kilometer entfernt am MSF-Lager vorbei. Bevor ein Zug durchfährt, kommen die berüchtigten arabischen Reitertruppen, um das Land rechts und links der Gleise zu säubern. Säubern heißt: Hütten niederbrennen, Menschen verjagen, Kühe rauben.    

Da bleibt auch den Helfern nichts anderes übrig, als „in die Büsche laufen, sich verstecken, funken und hoffen, dass einen nachher jemand wiederfindet“, wie die Krankenschwester Elizabeth erzählt.    

Jetzt, wo der Waffenstillstand zu Ende geht, wird die SPLA zusehends nervös. Sie muss Kämpfer rekrutieren. Sie muss sich neu ausrüsten und ordnen. Eben erst ist die monatliche Nahrungsmittelverteilung des WFP zu Ende gegangen. „Aber so gespannt und aufreibend wie diesmal war es noch nie“, sagt Marilyn Kelly, die die Operation überwachte.    

20.000 Menschen werden in der Region Bararud versorgt. Für jeden Haushalt gibt es einen 50-Kilo-Sack: Getreide, Öl, Linsen, Salz. Zur Verteilung dürfen nur Frauen auf den Platz, „weil wir drauf hoffen, dass die verantwortungsvoller mit den Lebensmitteln umgehen“, sagt Kelly.    

Da die Welt wissen will, ob ihre Hilfe auch bei den Bedürftigen ankommt, schickt das WFP nach der Operation „food monitors“ ins Feld. Man kann nicht bei jedem Kochtopf einen Inspektor installieren. Aber man kann, wie Kelly, die Bewacher abschütteln, „einfach ein bisschen spazierengehen und in den Hütten nachschauen“. Selbstverständlich hat die Expertin damit gerechnet, dass von den Rationen Steuern an die Soldaten abgezweigt werden müssen. Aber dass „von den 50 Kilo nur drei bis fünf Kilo in den Haushalten übrigbleiben, hat mich schockiert. Da müssen wir uns ernsthaft überlegen, ob wir so weitermachen dürfen.“   

Dieses Missverhältnis ist nicht überall so dramatisch wie in Bararud. Für großangelegte Geschäftemacherei mit Hilfs-gütern fehlt es im Südsudan, anders als einst in Somalia, an Lagern, Transportwegen und Fahrzeugen. Doch, auch wo die Nahrungsmittel die Frauen in den Hütten erreichen, gilt: Hilfe stärkt die lokalen Machthaber. Wenn die SPLA ihre Gefolgschaft ernähren kann, stehen die Leute hinter ihr. Wer etwas zu verteilen hat, hat Macht.    

Dieses Muster wiederholt sich von ganz unten bis ganz nach oben, von Bararud bis nach Khartum: Das Ausland darf helfen, wenn jeder seinen Teil davon bekommt. Um im Süden überhaupt fliegen zu dürfen, braucht die OLS die Genehmigung der Regierung. Die Gegenleistung: Die Hälfte der WFP-Lieferungen geht in den arabischen Norden des Landes. 800.000 Dollar täglich. Kann man, darf man das aufrechnen gegen die eine Million, die sich Khartum jeden Tag den Krieg kosten lässt?   

 In Lokichokio, wo ab fünf Uhr morgens die Flugzeuge dröhnen und abends die Hunderten internationalen Helfer beim Bier zusammensitzen, ist man sich bewusst, dass man, Tag und Nacht, eine große, komplizierte, oft brutale Maschine am Laufen hält. In Lokichokio ist man nah genug am Hunger, um kurz zu zögern, bevor man an der Bar ein Diet-Coke bestellt; und weit genug entfernt, um es dann doch zu tun.    

In diesem Zwischenzustand kommen schon einmal die entscheidenden Fragen hoch: Wenn es, um den Hunger zu besiegen, darauf ankommt, den Konflikt zu entscheiden – wäre es da nicht ehrlicher, gleich Waffen zu liefern? Hält man mit der Luftbrücke Menschen am Leben – oder aber einen Krieg? Andererseits: Wem wäre damit gedient, wenn man die Hilfe einstellt? „Man kann den Leuten doch nicht wegen irgendwelcher Prinzipien beim Verhungern zuschauen“, sagt die Krankenschwester Elizabeth schlicht, aber bestimmt.   

 „Mit Vernunft hat das alles nicht viel zu tun“, seufzt denn auch der WFP-Verantwortliche Jibidar. „Es geht schließlich nicht nur darum, was die Dinka brauchen, sondern auch darum, was wir brauchen.“   

Seit Monaten versucht er, seine Geldgeber davon zu überzeugen, dass der Bau einer Straße durch Uganda die kostengünstigere Alternative zur Luftbrücke wäre. Dem Westen gefällt die Idee gar nicht: Wenn schon helfen, dann wenigstens spektakulär. Die große Geste, in der man sich spiegeln kann, ist das Geld wert.    

Die Herkules dröhnen also. Marcelo fliegt wieder. Es gibt Linsen in Bararud und Diet-Coke in Lokichokio. Die Maschine wird wieder Menschenleben retten. Bis zur nächsten Offensive, zumindest.  

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